mini|Wang Guangyi, 2011 Wang Guangyi (chinesisch 王广义, *1957, Harbin, Heilongjiang, China) ist ein zeitgenössischer, chinesischer Künstler. Er zählt zu den bekanntesten Vertretern der Bewegung zeitgenössischer chinesischer Kunst, die Ende der 1980er Jahre entstand. Er lebt und arbeitet in Peking.Profil von Wang Guangyi auf 88-mocca.org, abgerufen am 26. Februar 2012Profil von Wang Guangyi auf saatchi-gallery.co.uk, abgerufen am 26. Februar 2012
Leben und Werk Der 1957 in Heilongjiang geborene Wang Guangyi gilt als einer der bedeutendsten chinesischen Künstler der Gegenwart. Sohn eines Bahnarbeiters aus Nordchina, arbeitete er für drei Jahre in einem Dorf auf dem Land. Nach der Pensionierung des Vaters wurde auch Wang Guangyi Bahnarbeiter. Er hat dabei jedoch nie seinen Traum vom Besuch einer Hochschule aufgegeben. Nach mehreren erfolglosen Versuchen wurde er dann an der Kunstakademie Zhejiang aufgenommen, wo er Ölmalerei studierte. Dort machte er 1984 seinen Abschluss. Wang Guangyi hat mit der Serie Great Criticism die Aufmerksamkeit der Kritik und des internationalen Marktes auf sich gezogen. Die Serie hat ihn zu einer Ikone der zeitgenössischen chinesischen Kunst gemacht.
Wie viele chinesische Künstler seiner Generation ist sein Werk stark von seiner Jugend während der Kulturellen Revolution beeinflusst. Gemeinsam mit – etwa gleichaltrigen – Künstlern wie Yue Minjun, Zeng Fanzhi, Fang Lijun wird Zeng zu einer Kunstrichtung gezählt, die als politischer Pop bezeichnet wird.zeit.de: "Zynischer Realismus" vom 31. Januar 2007, abgerufen am 26. Februar 2012. Das Werk Wang Guangyis wird fälschlicherweise zum „Political Pop“ („Politischer Pop“) zugerechnet. Ein wichtiges Thema seines Werks ist hingegen sein Verhältnis zur Transzendenz. Typisch für sein Werk ist die Verbindung von Propaganda-Kunst der Kulturrevolution mit Pop-Art-Ästhetik. Am bekanntesten ist dabei seine Serie Great Criticism, bei der er Logos westlicher Markenprodukte wie Coca-Cola, Gucci, Rolex oder Chanel mit Szenen aus Propagandaplakaten kombiniert.Profil von Wang Guangyi auf chinesische-gegenwartskunst.de, abgerufen am 26. Februar 2012
Hauptwerke und Hauptserien The Back of Humanity (1985) und Frozen North Pole (1984–85) Die Arbeiten zur Serie Frozen North Pole verwenden ziemlich kalte und trostlose Zeichen. Sie sind durch einfache Formen und weiche Pinselstriche gekennzeichnet, um eine winterliche Welt darzustellen, die dem Künstler, der als junger Mann in Nordchina lebte, ziemlich vertraut ist. Der Nordpol wird in diesen Gemälden nicht im Hinblick auf seine geografischen Merkmale betrachtet, sondern als symbolischer Ort, wo ein neuer Glauben entsteht, in dem der Einzelne sich vor allem auf sich selbst bezieht, ohne sich aber deshalb von der Gesellschaft loszulösen. In den Jahren, in denen diese Gemälde entstanden, wurden in China Glaube und Zukunft vom Kommunismus verkörpert. Aber anstatt die Thesen des dialektischen Materialismus zu übernehmen, entschied die Gruppe junger Künstler aus dem Norden, zu der auch Wang Guangyi gehörte, sich mit den Texten der westlichen Philosophie auseinanderzusetzen.Lu Peng, A History Of Art in 20th-Century China, Edizioni Charta, Milan, Italy, 2010, S. 1153–1174.Demetrio Paparoni, Wang Guangyi, Words and Thoughts 1985–2012, Skira, Milan, Italy, 2013.
Post Classical (1986–1988) Der von Wang Guangyi und ihm nahestehenden Künstlern entwickelte Begriff des Glaubens hat eine gewisse Affinität zu der klassischen westlichen Kunst gefunden. Die Serie Post Classical ist aus der synthetischen Revision der Meisterwerke der westlichen Kunst, die mit den Themen von Religion, Moral, Glaube und Ideologie verbunden sind, entstanden. Diese Gemälde verwenden verschiedene Grautöne und vereinigen die menschliche Figur und ihre Umwelt ohne viele Details. Das Ziel von Wang Guangyi war es, einen Stil zu entwickeln, der sich von der klassischen Kunst unterscheidet; mit dieser Strategie drückt er die Konzepte und persönliche Sichtweisen aus, die er aus der Lektüre von Gombrich entwickelt hat.
Great Criticism (1990–2007) Diese Werke verwenden Propagandabilder der Kulturrevolution und Logos zeitgenössischer Marken, die aus der westlichen Werbung stammen. Wang Guangyi hat diese Serie seit 1990 hergestellt aber im Jahr 2007 beendet. Er war überzeugt, dass der internationale Markterfolg der Serie ihren ursprünglichen Sinn, der darin besteht, dass politische Propaganda und Werbung zwei Formen der Gehirnwäsche sind, gefährden könnte.Huang Zhuan, Politics and Theology in Chinese Contemporary Art / Reflections on the work of Wang Guangyi, Skira, Milan, Italy 2013.
VISA (1994) Die Installation bezieht sich auf die Kontrollmechanismen, die Regierungen verschiedener Länder verwenden, um die Bewegungen der Individuen durch Personalausweise und Reisepässe zu kontrollieren. In dieser Installation hat Wang Guangyi Holzkisten benutzt, die er sehr ordentlich aufeinander stapelte; die dem Zuschauer zugewandten Seite zeigt das Bild vom Gesicht eines Kindes, das in einem Krankenhaus fotografiert wurde. Die Bilder sind rot und grün abgetönt. Auf den Bildern hat Wang Guangyi mit Siebdruck seinen Vor- und Nachname, Geschlecht und Datum, an dem diese Arbeiten konzipiert wurden, den 2. Januar 1994 festgehalten (irrtümlicherweise wurde mehrfach geschrieben, dass es sich dabei um das Geburtsdatum der Künstler handelte). Auf einigen Kisten erscheint auch die Telefonnummer, die der Künstler damals benutzte; auf andere Kisten ist das Wort „VISA“ gedruckt.
Passport (1994–1995), VISA (1995–1998) und Virus Carriers (1996–1998) In diesen Serien von Gemälden sind die Begriffe „VISA“, „Passport“ und „Virus Carriers“ auf Bilder von Neugeborenen, Erwachsenen und Hunden auf gestempelt; die Aufschriften werden durch Informationen zu Name, Geburtsort, -datum und Geschlecht der Subjekte begleitet. Indem die Werke auf die bürokratischen Verfahren verweisen, die mit dem Reisen von einem Land in ein anderes verbunden sind, verraten sie wie sich der Staat schützt, indem er die potenzielle Gefahr von Individuen auslotet. In der Serie Virus Carriers zeigt ein Gemälde das Bild eines Hundes, das von Angaben, die eine Art Tierausweis darstellen, begleitet wird; das Tier ist hier als ein gefährlicher Virusträger gekennzeichnet. VISA, Passport und Virus Carriers reflektiert den gesellschaftlichen Gebrauch von Angst als System zu Kontrolle, die Gefahren und Bedrohungen überschattet. Wang Guangyi fühlt noch ein ausgeprägtes, tief verwurzeltes Klima des gegenseitigen Verdachts und der drohenden Gefahr. Dieses Klima, das während des Kalten Kriegs entstand, ist heute immer noch präsent, obwohl sie den Aspekt der Zwangsindoktrinierung verloren hat. Die Wang Guangyis reflektiert damit über das Verhältnis der Macht zum Einzelnen. Die Macht behält die Kontrolle über das Individuum, indem sie die kollektiven Ängste schürt, um sich dann als Bollwerk gegen die unbekannten Gefahren, die wehrlose Personen plötzlich bedrohen, anzubieten. Nach Vorstellung des Künstlers entsteht durch diese Formen von psychischen Druck eine stillschweigende Übereinkunft zwischen der Macht und dem Individuum, die eine Art Schutz vor einer Ansteckung mit neuen Viren verspricht und als Gegenleistung einen Verzicht eines Teils der persönlichen Freiheit einfordert.
Quarantine – All Food is Potentially Poisonous (1996) und 24-hour Food Degeneration Process (1997) Um Quarantine-All Foods are Potentially Poisonous anzufertigen, hat Guangyi den kleinen Supermarkt seines Viertels in einem Ausstellungsraum rekonstruiert. Hier standen auf den Regalen, neben den üblichen Produkten des Supermarkts, zwanzig aus einer Quarantänestation entnommene Propagandaplakate über die Gefahren von mangelnder Hygiene. Im Angesicht dieser Gegenüberstellung ist der Zuschauer gezwungen, über Unsicherheiten und Ängste nachzudenken, von der er dachte, dass sie mit dem Ende des Kalten Kriegs verschwunden seien. Interessant zu bemerken ist, dass im feuchten Klima Südchinas, dass Gemüse einfach verfault. Aus Kartoffeln, Zwiebeln und anderen Knollen spießen hingegen neue Wurzeln und Triebe, die den Objekten eine neue Art der Erscheinung geben. Man könnte sagen, dass dieser Prozess eine neue Form von Schönheit schafft, die so die Angst vor der Fäulnis von Nahrungsmitteln verdrängt. Mit 24-hour Food Degeneration Process zeigt der Künstler, dass alle Nahrungsmittel eine sogenannte „shelf life“ oder „Haltbarkeit“ von nur etwa 24 Stunden haben. Wenn ein Nahrungsmittel länger aufbewahrt wird, fängt man an es „frisch“ zu nennen. Mit fortschreitender Zeit verändert sich sein Zustand und damit auch die Art wie man es nennt. Die Installation besteht aus zehn kleinen Plakaten und vier kleinen unversiegelten Behältern voll mit Plastiktüten, Flaschen, Einmachgefäßen, Obst und Gemüse. Mit der Zeit beginnen die Nahrungsmittel allmählich zu verfaulen und unangenehm faulig zu riechen. Da sich die Besucher darüber bescherten wurde im Lauf der Ausstellung Obst und Gemüse mehrmals ausgewechselt, wodurch jedoch der langsame Zersetzungsprozess, der eines der Merkmale der Arbeit war, unterbrochen wurde.
Basic Education (2001) Basic Education ist eine Installation, die eine Baustelle während der Jahre des Kalten Kriegs wieder erschafft. Die Rekonstruktion verwendet Schaufeln, Baugerüste, Arbeitskleidung und Propagandaplakate. Die Wahrhaftigkeit der Szene erregt die Befürchtung, dass man ein psychologisches Klima wieder erlebt, das man glaubte, endgültig überwunden zu haben.
Materialist series (2001–2005) Materialist ist eine Serie von Skulpturen, die zwölf aus Propagandaplakaten entnommene Bilder von Arbeitern, Bauern und Soldaten aufgreift. Nach Wang Guangyi heben diese propagandistischen Bilder hervor, dass die hauptsächliche Kraft des Volkes und die Wut, die es mit seinen Bewegungen zum Ausdruck bringt, ihren Ursprung in seinen Glaube an die Ideologie hat. Mit diesen Skulpturen will der Künstler den Ausdruck des allgemeinen Gefühls der Leute visualisieren. Mit Referenz zum dialektischen Materialismus, hat das Wort „Materialist“ eine besondere Bedeutung in der Geschichte Chinas, weil es in einem Wort die sozialistische Ideologie zusammenfasst. Die chinesische Geschichte betont, dass die Chinesen „vollkommene Materialisten“ sind und dass „die vollkommenen Materialisten vor nichts Angst haben; sie können die Welt erobern und das Schicksal der Leute unserer Nation verändern“. Der Künstler sieht jedoch zugleich auch eine andere Bedeutungsebene in seinem Werk. In der Kunst werden die Dinge, die eine bestimmte konzeptuelle Eigenschaft haben, als „das Objekt“ bezeichnet. Dieser Begriff hat im Chinesischen denselben Wortstamm wie „Materialist“. Wang Guangyi erklärt: „Es gibt in diesem Fall einen linguistischen Zusammenhang mit den Materialisten. Ich will den Begriff Materialist verwenden, um so eine Doppeldeutigkeit zu erreichen, die das Publikum dazu bringt, eine doppelte kulturelle Verbindung herzustellen“.
Monument to Laborers (2001) Das ursprüngliche Projekt von Monument to Laborers wollte an Ort und Stelle zwanzig Betonplatten herstellen. In die sollten die Namen der Musterarbeiter und der Arbeiter, die in den letzten zwanzig Jahren in der chinesischen Stadt Shenzhen verletzten oder ums Leben gekommenen waren, eingraviert werden. Der Künstler wollte dann die Betonplatten mit Plexiglas abdecken, um jeder Platte die Bedeutung eines alternativen Monuments zu geben. Die endgültige Präsentation der Installation reproduzierte jedoch die monumentalen Skulpturen – The Materialist. Er hat diese in Glasvitrinen untergebracht und damit das Gefühl einer visuellen Distanz und Entfremdung von diesen an sich äußerst vertrauten Formen geschaffen. Das Publikum ist aufgefordert, die Bedeutung der Worte „Arbeit“ und „Arbeiter“ in einem konsumorientierten Kontext zu überdenken.
Cold War Aesthetic (2007–2008)