Isabella Boschetti (* c. 1502, † nach 1542), genannt la bella Boschetta (die schöne Boschetta) war eine italienische Adlige aus gräflichem Haus und eine Nichte des bedeutenden Diplomaten und Schriftstellers Baldassare Castiglione (* 6. Dezember 1478 in Casatico bei Mantua; † 7. Februar 1529 in Toledo, Spanien), dem Autor des berühmten Leitfadens für den idealen Hofmann „Il Libro del Cortegiano“ (Das Buch vom Hofmann). Sie war die Muse und Geliebte von Federico II. Gonzaga (* 1500, † 1540) des Markgrafen und späteren Herzogs von Mantua, die ihn zum Bau des Palazzo del Te in Mantua inspirierte und ihn – unbeirrt von den wiederholten Versuchen seiner Familie ihn zu verheiraten und unbeirrt von seiner und ihrer eigenen Ehe – ihm bis zu seinem Ende in Liebe verbunden blieb. Durch die gemeinsame (außereheliche) Tochter, Emilia Cauzzi Gonzaga (* 1524, † 1573), hinterließ sie eine in weiblicher Linie bis heute blühende Nachkommenschaft.
Herkunft mini|rechts|260px|Die romanische Kirche von San Cesario Isabella Boschetti entstammte dem alten italienischen Adelsgeschlecht der Boschetti,sancesario.net: (italienisch) aus dem Alberto II. Boschetti († n. 1428) am 26. März 1404 vom Papst Innozenz VII. (1404–1406) mit der Stadt und Herrschaft San Cesario belehnt wurde, die etwa 12 Kilometer südöstlich von Modena in der Emilia-Romagna am Fluss Panaro liegt. Die Boschetti versuchten jedoch sich gegen allfällige Gewaltakte ihrer übermächtigen Nachbarn, der Markgrafen von Este, die Herren von Modena und Ferrara waren, abzusichern und ließen sich auch von diesen mit San Cesario belehnen. Im Jahre 1446 erhob Leonello d’Este Markgraf von Ferrara (1441–1450) die Herrschaft San Cesario zur Grafschaft, die er seinem verdienten Feldhauptmann, Alberto III. Boschetti und dessen Nachkommen verlieh. Die Familie blieb im Besitz dieser Grafschaft, bis unter Napoleon Bonaparte im Jahre 1796 die feudalen Rechte aufgehoben wurden. Auch heute noch kann man Reste der rechteckigen, ursprünglich von Mauern und Wassergräben umgebenen „Rocca“ (Festung) sehen, in der sich der Palazzo der Boschetti befand in dem Isabella aufwuchs, von dem jedoch nur noch der Torre dell’orologio (Uhrturm) steht.
Isabellas Vater war Giacomo Boschetti (* 1471, † v. 1520 ?), Conte (Graf) und Mitherr von San Cesario sul Panaro in der Provinz Modena, Patrizier von Mantua – ein Urenkel des Grafen Alberto III. Boschetti – der als Hofmann und Feldherr im Dienst der Markgrafen von Mantua stand. Er wurde 1494 zum Ritter geschlagen zeichnete sich am 6. Juli 1495 als Condottiere in der Schlacht bei Fornovo (30 km südöstlich von Parma) aus, in der die Truppen der Heiligen Liga von Venedig unter dem Kommando von Francesco II. Gonzaga gegen die aus Neapel zurückkehrenden Armee des Königs von Frankreich Karl VIII. einen entscheidenden Sieg errangen.
hochkant=1.2|mini|links|Baldassare Castiglione, Porträt von Raffael Isabellas Mutter war Polissena Castiglione, eine Tochter des Conte Palatino (Pfalzgrafen) Cristoforo Castiglione (* 1459, † 1499), der Signore (Herr) di Casatico sowie Patrizier von Mantua war und dessen Gemahlin Luigia (Aloisia) Gonzaga (* 1458 in Mantua, † 1542), die aus einer Nebenlinie der Gonzaga, der Linie der Gonzaga di Palazzolo, entstammte und Isabellas Vater am 26. Februar 1498 geheiratet hatte.
Isabella war daher eine Nichte des großen Staatsmannes, Diplomaten und Literaten Baldassare Castiglione, der durch sein Werk “Il Libro del Cortegiano” (Das Buch vom Hofmann) nach dem Vorbild der Diskussionen am Hof der Herzogin von Urbino, Elisabetta Gonzaga, das Idealbild eines vollkommenen Hofmannes entworfen hatte. Dieses Rollenbild des universell gebildeten, vielseitigen, tapferen und eleganten „uomo universale“ (Universalmenschen) wirkte – trotz der Kritik mangelnder Realitätsnähe – jahrhundertelang als Modell einer idealisierten Adelswelt nach.
Isabellas Bruder Francesco Boschetti (* 1501, † ?) wurde 1520 von Papst Leo X. (Giovanni de’ Medici; * 11. Dezember 1475 in Florenz; † 1. Dezember 1521 in Rom) mit der Grafschaft San Cesario belehnt, war Patrizier von Modena, 1517 Generalgouverneur von Urbino, Pesaro, Fano und Senigallia, 1526 Generalgouverneur von Benevent und wurde im selben Jahr von Alfonso I. d’Este (* 1476, † 1534, Herzog von Ferrara, Modena und Reggio nell’Emilia) zum Botschafter bei Papst Clemens VII. (Giulio de’ Medici; * 26. Mai 1478 in Florenz; † 25. September 1534 in Rom) ernannt. Er war mit Susanna Pico, einer außerehelichen Tochter des Galeotto Pico, Reichsgraf von Concordia und kaiserlicher Vikar zu Mirandola verheiratet und hinterließ Nachkommen.
Leben Jugend mini|rechts|Die Basilika Sant’Andrea in Mantua Isabella Boschetti war die jüngere Tochter ihrer Eltern, erhielt eine umfassende Erziehung im Sinne des Humanismus und wuchs in der kulturellen Atmosphäre des Hofes der Markgrafen von Mantua auf, in deren Dienst ihr Vater stand. Gerade damals verlor Mantua sein mittelalterliches Aussehen, da dort die Kultur der Renaissance zum Durchbruch kam. Wenige Jahrzehnte vor ihrer Geburt war in Mantua Leon Battista Alberti (* 14. Februar 1404 in Genua; † 25. April 1472 in Rom), tätig, den der bedeutende Schweizer Kulturhistoriker Jacob Burckhardt (* 25. Mai 1818 in Basel; † 8. August 1897 ebenda) in seinem Werk „Die Kultur der Renaissance in Italien“ (1860) als Verkörperung des „uomo universale“ beschreibt. Alberti hatte dort 1460 die Kirche San Sebastiano erbaut und 1470 die erstaunliche Basilika Sant’Andrea nach den Proportionen des Salomonischen Tempelbaues entworfen. Wenig später (1474) hatte Andrea Mantegna (* 1431, † 1506), der bedeutendste Maler der oberitalienischen Frührenaissance in Mantua, im Castello di San Giorgio im Palazzo Ducale, die prachtvollen Fresken in der Camera degli Sposi (Hochzeitszimmer) vollendet. Es waren dies Entwicklungen, die dazu beitrugen, Isabellas Geist zu formen.
Einen wichtigen Einfluss auf die heranwachsende Isabella übte zweifellos auch ihr Onkel Baldassare Castiglione aus, der als Diplomat im Dienst der Markgrafen von Mantua am Hof von Urbino lebte und später in dem der Herzöge von Urbino in Rom als Gesandter tätig war. Sein Buch über den idealen Hofmann: Il Libro del Cortegiano war schon damals berühmt und zählt heute neben Ariosts (* 1474, † 1533) „Orlando Furioso“ und Machiavellis Il Principe (1513) zu den bedeutendsten Leistungen der italienischen Literatur der Renaissance. Von besonderem Interesse für Isabella war dabei, dass ihr Onkel Castiglione nicht nur den „Hofmann“, sondern erstmals auch ausführlich die hohen Ansprüche an die Eleganz, die vielseitige Bildung, an Anmut, Schlagfertigkeit und Kunstsinnigkeit einer vollendeten Hofdame, einer „donna di palazzo“ beschrieb, die Isabella als Vorbild dienen konnte. mini|links|Turm des Kastells von Calvisano Isabella wurde von ihren Eltern in jungen Jahren mit Francesco Cauzzi Conte (Graf) di Calvisano, einem Hofmann und Feldhauptmann der Markgrafen von Mantua vermählt. Sie lebte daher wohl abwechselnd in Mantua und in Calvisano, das in der Provinz Brescia liegt. Dort kann man noch heute Teile des früheren Kastells sehen, das sie bewohnt hat.
Beginn der Beziehung zu Federico II. Gonzaga mini|Porträt des Federico II. Gonzaga von Tizian, um 1525 Ihr Schicksal sollte jedoch nicht von ihrem Ehemann, sondern von einem anderen Mann geprägt werden, nämlich von Federico II. Gonzaga, (* 17. Mai 1500 in Mantua; † 28. Juni 1540 in MarmiroloMarchesi di Monferrato – Federico II). Dieser stammte aus der italienischen Dynastie der Gonzaga, die seit dem 14. Jahrhundert in Mantua herrschte, war ein Sohn des Francesco II. Gonzaga, Markgraf von Mantua (1484–1519) und dessen Gemahlin Isabella d’Este (* 18. Mai 1474; † 13. Februar 1539), der geistreichen Salondame, Politikerin, Kunstsammlerin und Mäzenin, die als eine der bedeutendsten Frauen der italienischen Renaissance gilt.
Zwischen Isabellas Familie und den Gonzaga bestanden enge Beziehungen. Ihre Großmutter, Luigia (Aloisia) Gonzaga, stammte selbst aus einer Seitenlinie des Hauses Gonzaga. Isabella gehörte aber damit zur „erweiterten Familie“. Hinzu kam, dass nicht nur ihr Vater, sondern auch ihr Onkel Baldassare Castiglione im Dienst der Markgrafen von Mantua stand. Trotz dieser Zusammenhänge konnte niemand ahnen, dass es zwischen ihr und dem Erben der Markgrafschaft Mantua zu einer engeren Beziehung kommen könnte.
Der Vater von Federico II. hatte große Pläne für seinen Sohn und Erben, denn es galt, die begrenzte Machtbasis der Markgrafschaft durch die Ehe seines Sohnes mit einer bedeutenden Erbin zu vergrößern. Seine Wahl fiel auf die noch kindliche Maria Palaiologos aus dem Haus der Markgrafen von Montferrat (* 1509, † 1530). Diese war die älteste Tochter des Markgrafen Wilhelm IX. von Montferrat (* 1486, † 1518) und der Anne d’Alençon (* 30. Oktober 1492, † 18. Oktober 1562)Detlev Schwennicke (Hrsg.): Europäische Stammtafeln. Verlag J. A. Stargardt, Marburg, 1984 Neue Folge, Band II, Tafel 174., die eine Tochter des René, Herzog von Alençon aus dem Haus Valois war. Maria Palaiologos galt als eine „glänzende Partie“, da ihre Familie in männlicher Linie von den Kaisern von Byzanz aus dem Haus der PalaiologenDetlev Schwennicke: Europäische Stammtafeln, o. cit. Tafel 183. abstammte, die Markgrafschaft von den älteren Markgrafen von Montferrat geerbt hatten, die nicht nur zu den ältesten Geschlechtern Italiens zählten, sondern auch eine der führenden Familien der Kreuzzüge waren und mit Konrad von Montferra († 1192) und Balduin von Montferrat († 1186) zwei Könige von Jerusalem gestellt hatten. Noch höher war ihr Stellenwert als Braut jedoch dadurch, dass Maria eine mögliche Erbin der bedeutenden Markgrafschaft Montferrat im Piemont war, da die ihre Familie nur noch wenige männliche Vertreter aufwies.
Der damals siebzehnjährige Federico II. Gonzaga wurde daher mit der achtjährigen Maria Palaiologos verlobt und 1517 wurde ein Ehevertrag abgeschlossen. Der Vollzug der Ehe wurde jedoch – im Hinblick auf das jugendliche Alter der Braut – auf einen späteren Zeitpunkt verschoben.
Federico hatte inzwischen Gelegenheit, seine Erziehung am Hof der jungen ritterlichen Königs von Frankreich, Franz I. (1515–1547) zu verfeinern, der in Federico einen künftigen Verbündeten für seine Expansionspläne in Italien sah. Der unbeschwerte Aufenthalt in Frankreich wurde jedoch plötzlich durch das Ableben seines Vaters, des Markgrafen Francesco II. Gonzaga im Jahre 1519, beendet. Er musste nach Mantua zurückkehren, um dort die Thronfolge als 5. Markgraf von Mantua anzutreten. Angesichts seiner Jugend – gerade erst 19 Jahre alt – regierte er unter der Vormundschaft seiner Mutter Isabella d’Este Gonzaga und seiner Onkel, des Kardinals Sigismondo Gonzaga (* 1469; † 4. Oktober 1525 in Mantua), und des Giovanni Gonzaga (* 1474, † 1525), des Herren von Vescovardo.
Bald nach der Rückkehr Federicos nach Mantua erweckte die siebzehnjährige – für ihre Schönheit und Bildung berühmte – Isabella Boschetti die Aufmerksamkeit des jungen Markgrafen. Es entwickelte sich daraus eine leidenschaftliche Beziehung, Diese war jedoch nicht ganz unproblematisch, da Isabella mit Francesco Cauzzi Conte (Graf) di Calvisano, einem Hofmann und Vasallen der Markgrafen von Mantua verheiratet war. Angesichts der Größe der Leidenschaft – und der ungleichen Machtverhältnisse – ließ sich der Ehemann Isabellas „überzeugen“, auf seine ehelichen Rechte zu verzichten und wurde dafür mit Gütern und mit der Gnade „entschädigt“, dass er dem eigenen Familiennamen den der Herrscher von Mantua hinzufügen durfte und sich daher Cauzzi Gonzaga nennen konnte.
Diese vorerst geheim gehaltene Beziehung blieb jedoch nicht ohne Folgen: Die beiden aus der Beziehung zwischen Isabella und Federico Gonzaga stammenden Kinder wurden daher offiziell als legitime Kinder ihres Ehemannes angesehen und erhielten daher den Familiennamen Cauzzi Gonzaga.
Die „Ehe“ Federicos mit Maria von Montferrat