Als Engiltschek-Gletscher (; ) werden zwei große Talgletscher im zentralasiatischen Tienschan bezeichnet.

Die Engiltschek-Gletscher liegen im Grenzdreieck zwischen Kirgisistan, Kasachstan und dem Uigurischen Autonomen Gebiet Xinjiang der Volksrepublik China. Deren Grenzen treffen sich auf dem Gipfel des hohen Khan Tengri, der den höchsten Punkt im Tengritoo (früher Stalin-Kette) genannten Grat zwischen den beiden Gletschern bildet. Die beiden Engiltschek-Gletscher fließen am Nord- beziehungsweise Südfuß des Tengritoos parallel zu diesem von Osten nach Westen. Ihre Nährgebiete werden im Osten von der Meridionalkette, dem hier von Norden nach Süden streichenden Hauptkamm des Tienschan, abgeriegelt.

Die Schmelzwasser der Engiltschek-Gletscher erreichen das Meer nicht. Sie fließen über den gleichnamigen Fluss Engiltschek in den Sarydschas, der die Tienschan-Hauptkette südwärts nach China durchbricht. Das Wasser fließt über Kumarik und Aksu in das Tarimbecken ab. Schließlich vereinigt sich der Aksu mit dem Yarkant zum Tarim, der sich in dem nach ihm benannten, abflusslosen Tarimbecken in den Weiten der Wüsten Taklamakan und Lop Nor verliert.

Nördlicher Engiltschek Der Nördliche Engiltschek liegt im Gletschertal zwischen den Gebirgskämmen des Tengritoos auf der Süd- und der Sarydschaskette auf der Nordseite. Früher wurde angenommen, er sei ein Tributär seines südlichen Pendants. Tatsächlich haben sich die beiden Äste bereits vor langer Zeit – vermutlich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, also am Ausgang der Kleinen Eiszeit – getrennt. Im Zuge der allgemeinen Gletscherschmelze hat sich der Nördliche Engiltschek inzwischen weit in sein oberes Tal zurückgezogen. Mit einer Länge von 25 Kilometern und einer Breite von bis zu 2 km ist er bedeutend kleiner als der Südliche Engiltschek.

Das oberste Becken des Nördlichen Engiltschek befindet sich komplett auf kasachischem Gebiet. Die Staatsgrenze zu Kirgisistan zieht vom Khan Tengri kommend in gerader Linie nordwestlich über den Gletscher zum Pik Semjonow, einem hohen Berg in der Sarydschaskette.

Südlicher Engiltschek mini|Übersichtskarte des Engiltschek-Gebietes

Der auf der Nordseite von Kokschaaltoo und Engiltschekkette liegende Südliche Engiltschek ist der größte Gletscher des Tienschan. Seine Länge wird (in verschiedenen Quellen durchaus leicht unterschiedlich) mit rund 60 Kilometern angegeben. Auch die Angaben zu seiner Fläche schwanken deutlich, so werden unter anderem 488 km² und 567 km² publiziert. Werte über 800 km² dürften sich auf die Gesamtfläche beider Gletscher beziehen. Der Südliche Engiltschek zählt zu den weltweit größten Gletschern außerhalb der Polarregionen.

mini|180px|Der schuttbedeckte Eisstrom am Zusammentreffen der beiden Engiltschek-Täler.

Der Haupteisstrom nimmt seinen Ursprung an den Gipfeln von Pik Rapassow und Pik Wojennych Topografow, zwei über hohen Bergen am Schnittpunkt vom Kokschaaltoo und Meridionalkette auf chinesischem Territorium. Der Engiltschek fließt von hier zunächst ein Stück nordnordwestlich, bevor er sich in einem scharfen Knick nach Westen wendet. Ab hier ist er nur noch schwach geneigt. In der Folge behält er seine Fließrichtung bis zum Gletschertor am Ende der noch weit entfernten Zunge bei. Das Zungenende befindet sich auf einer Höhe von etwa nördlich unterhalb des hohen Pik Nansen. Im unteren Bereich ist die Oberfläche des Gletschers dabei zunehmend mit einer Obermoräne aus Schutt und Geröll bedeckt, die ihm einen vergleichsweise guten Schutz gegen die Folgen direkter Sonneneinstrahlung verschafft.

Auf seiner orographisch linken Seite fließen dem Engiltschek vom südlich liegenden Kokschaal-Tau, der höchsten Kette des Tienschan, seine bedeutendsten Seitengletscher zu. Der größte von ihnen ist der Swjosdotschka-Gletscher („Sternchen-Gletscher“), der auf am Dschengisch Tschokusu seinen Ausgang nimmt. Engiltschek und Swjosdotschka werden von der Ak-Too-Kette getrennt. Zwischen Ak-Too und Kokschaaltoo befindet sich weit im Süden der hohe Vysokij-Pass, über den eine zweite, hoch gelegene Verbindung zwischen Engiltschek und Swjosdotschka besteht. Weitere bedeutende Tributäre des Haupteisstroms sind der Dikij-, der Proletarski-Turist-, der Komsomolez- und der Schokalski-Gletscher. In dem weit verzweigten Firnbecken, das sich zwischen Dschengisch Tschokusu und Khan Tengri, den beiden höchsten Bergen des Tienschan, erstreckt, vereinigt sich der Südliche Engiltschek darüber hinaus mit etlichen weiteren benannten und unbenannten Gletschern.

Die Gleichgewichtslinie zwischen Nähr- und Zehrgebiet des Gletschers liegt im langjährigen Mittel bei . Damit befindet sich der komplette, von Ost nach West fließende, nur noch schwach geneigte Eisstrom unterhalb der Vereinigung mit dem Swjosdotschka-Haupttributär zur Gänze im Ablationsbereich.

Als einer der größten Gebirgsgletscher unseres Planeten ist der Südliche Engiltschek regelmäßig Forschungsgegenstand für Wissenschaftler aus der ganzen Welt. Unweit des früheren Zusammenflusses der beiden Engiltscheks wurde in internationaler Zusammenarbeit die Forschungsstation Gottfried Merzbacher errichtet.

Merzbacher-See mini|Die charakteristische Biegung des Gletschers mit dem Merzbacher-See nach dessen Ausbruch. mini|Der nach dem Ausbruch trockengefallene See.

Die verschiedenen Teile des Südlichen Engiltschek bewegen sich nicht gleichförmig. Unterhalb des Zusammentreffens der beiden Engiltschektäler hindert eine große, relativ unbewegliche, alte Eismasse den südlichen Eisstrom in seinem Vorwärtsdrang. Da nach dem Rückzug des Nördlichen Engiltschek dessen Gegendruck fehlt, wird heute ein Großteil des südlichen Gletschers unter dem Einfluss seiner nachströmenden Eismassen in das nördliche Tal geschoben (dies zeigt sich insbesondere an den Bögen, die die beiden hellen Longitudinalstreifen zwischen den dunklen Obermoränen an der Gletscheroberfläche beschreiben). Dort staut er dessen Abfluss, darunter die Schmelzwasser des Nördlichen Engiltschek, mit breiter Front zum (unteren) Merzbacher-See () auf, in den er beim Kalben immer wieder große Eisberge entlässt.

Der auf einer Höhe von rund gelegene Merzbacher-See ist für seine jährlichen Ausbrüche bekannt, bei denen er den Engiltschek-Fluss stark anschwellen lässt. Der Eisstausee entleert sich mit großer Regelmäßigkeit im Juli oder August eines jeden Jahres innerhalb kurzer Zeit. Etwa 40 Ausbrüche sind belegt, allerdings konnten nur wenige direkt beobachtet werden. In einigen Jahren entleerte sich der See gleich zweimal, so 1966 und 1980. Die Ursachen für die Ausbrüche, bei denen der Abfluss von Wasser und Schlamm 2000 Kubikmeter pro Sekunde erreichen kann, sind noch nicht abschließend erforscht. Möglicherweise lässt das Wasser den Gletscher aufschwemmen, bis ein Abfluss möglich ist. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts lag der Zeitpunkt des Ausbruchs im September oder Oktober, also deutlich später als heute. Man nimmt an, dass das Schmelzwasseraufkommen infolge der globalen Erwärmung insgesamt größer ist. Gleichzeitig nimmt die Mächtigkeit des Südlichen Engiltschek ab, was ein früheres Aufschwemmen begünstigt. Der mit der Entleerung des Sees nachlassende Wasserdruck gegen den Gletscher führt in der Folge zu einer Erhöhung seiner Fließgeschwindigkeit.

Der entleerte See füllt sich in der Hauptsache nach der Schneeschmelze im Frühjahr und Sommer mit zum Teil erstaunlicher Geschwindigkeit. In Zeiten mit großem Schmelzwasseraufkommen wurde ein Ansteigen des Wasserspiegels um zwei Meter täglich beobachtet. Voll gefüllt erreicht er eine Tiefe bis zu 100 Meter. Die durch die Ausbrüche des Merzbacher-Sees entstandenen Schäden hielten sich bislang in Grenzen, da der Abfluss nach Süden ins kaum besiedelte chinesische Tarim-Becken erfolgt.

Neben dem unteren gibt es etwas höher im Tal des Nördlichen Engiltschek noch einen oberen Merzbacher-See, der erst im Laufe des letzten Jahrhunderts entstanden ist, als der Nördliche Engiltschek sich zunehmend in sein oberes Becken zurückzog. Dieses proglaziale Gewässer hat seit Anfang der 1990er Jahre stark an Fläche verloren. Heute ist es um einiges kleiner als der untere Merzbacher-See.

Fließgeschwindigkeiten TerraSAR-X-gestützte Messungen der Fließgeschwindigkeit an der Gletscheroberfläche ergaben jahreszeitlich unterschiedliche Werte. Im Ablationsbereich oberhalb des Zusammentreffens der beiden Engiltschek-Täler wurden im Juni mit bis zu 45 cm pro Tag die höchsten Werte verzeichnet. Die niedrigsten Geschwindigkeiten wurden hier mit knapp 30 cm pro Tag zwischen Herbst und Spätwinter gemessen. Im Bereich der Biegung, an der sich ein Teil des Gletschers in das Tal des Nördlichen Engiltschek zum Merzbacher-See hinaufschiebt, und unmittelbar unterhalb der Kalbungsfront in den Merzbacher-See wurden die höchsten Geschwindigkeiten dagegen kurz vor dem Ausbruch des Sees nachgewiesen. Zu diesem Zeitpunkt im Juli oder August lässt der steigende Wasserspiegel den Gletscher aufschwimmen. Die untere Zunge bewegt sich in den Tagen des Seeausbruchs mit täglich bis zu 25 cm am schnellsten vorwärts, wenn das abfließende Wasser die Reibung zwischen Eis und Untergrund vermindert. In der übrigen Zeit des Jahres werden hier lediglich Werte um 10 cm pro Tag verzeichnet.

Geschichte Erste Erkundungen mini|120px|links|Gottfried Merzbacher mini|Kartenskizze des Tian-Schan von Merzbacher

Die Bezeichnung Merzbacher-See erinnert an den deutschen Geografen, Asienforscher und Alpinisten Gottfried Merzbacher und geht auf den Erstbesteiger des Khan Tengri, den ukrainischen Bergsteiger Michail Timofejewitsch Pogrebetzki, zurück. Merzbacher bereiste den Tienschan in den Jahren 1902 und 1903 und drang auf der Suche nach dem Khan Tengri bis zum Engiltschek vor. Seine Mannschaft war die erste, die über den (südlichen) Gletscher ein Stück weit aufstieg und bis an den Merzbacher-See gelangte. Dessen aufgestaute Wassermassen waren für Merzbacher und auch einige spätere Expeditionen ein unüberwindbares Hindernis auf dem Weg in das Becken des nördlichen Gletschers. Merzbacher stieg 14 weitere Kilometer den Südlichen Engiltschek hinauf. Dabei kam er bis an den Fuß des Khan Tengri, der damals als höchster Tienschan-Gipfel galt, heran und bestimmte dessen Höhe zu . Merzbacher brachte die ersten fotografischen Aufnahmen aus diesem entlegenen Winkel mit nach Hause. Er vermutete (irrtümlich), dass zwischen dem Südlichen Engiltschek- und dem Koikaf-Gletscher jenseits des Khan Tengri eine Verbindung besteht. Merzbacher erstellte auch eine erste detaillierte Karte des zentralen Tienschan.

Der Khan Tengri war zu Merzbachers Zeiten schon länger bekannt, da er von Norden aus großer Entfernung als der beherrschende Gipfel des Gebirges erscheint. Er wurde von Pjotr Petrowitsch Semjonow, der den ehrenden Beinamen „Tjan-Schanski“ erhielt, beschrieben, nachdem er 1856/57 die Gegend um den Yssyk-Köl-See besuchte. Semjonow-Tjan-Schanski konnte beweisen, dass es selbst in den Trockenwüsten Asiens große Gebirgsgletscher gibt, was er und andere Wissenschaftler bis dahin für nicht möglich gehalten hatten.