mini|Hitler redet vor dem Deutschen Reichstag, 1. September 1939 Die Rede Adolf Hitlers vor dem Deutschen Reichstag am 1. September 1939 wurde von Hitler aus Anlass des deutschen Überfalls auf Polen gehalten. In ihr rechtfertigte Hitler den Angriff auf Polen, mit dem der Zweite Weltkrieg in Europa begann. Seine Behauptungen wurden von der Forschung widerlegt, so auch das aus der Rede bekannte Zitat „Seit 5 Uhr 45 wird jetzt zurückgeschossen!“.

Verdeckte Deutsche Mobilmachung

Die militärischen Pläne für den deutschen Überfall auf Polen basierten auf der „Weisung für die einheitliche Kriegsvorbereitung der Wehrmacht für 1939/40“ des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) vom 3. April 1939.Horst Rohde: Hitlers erster „Blitzkrieg“ und seine Auswirkungen auf Nordosteuropa. In: MGFA (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1979, Band 2, S. 79. Am 1. Mai 1939 erhielten die beiden für den Überfall vorgesehenen Heeresgruppenkommandos den „Entwurf der Aufmarschanweisung ‚Fall Weiß’“.Rohde: Hitlers erster „Blitzkrieg“. S. 93. Das Marinegruppenkommando Ost erließ am 26. Juni 1939 die „Weisung Nr. 1 für den ‚Fall Weiß’“.Rohde: Hitlers erster „Blitzkrieg“. S. 98.

Auch im Generalstab der Luftwaffe gab es keinerlei Illusionen zu den Absichten Hitlers gegenüber Polen mehr. Im Juni 1939 fand unter dem Namen „Generalstabsreise 1939“ ein Planspiel des Luftwaffengeneralstabs statt, wo es offen hieß: .Karl-Heinz Völker: Die deutsche Luftwaffe. 1933–1939. Aufbau, Führung und Rüstung der Luftwaffe sowie die Entwicklung der deutschen Luftkriegstheorie. Stuttgart 1967, S. 163. Am 1. Juli 1939 wurden für den „Fall Weiß“ in den Luftgaukommandos im Osten (Luftgaukommando I – Königsberg, III – Berlin, IV – Dresden und VIII – Breslau) die Luftgaustäbe zbV aufgestellt. Sie waren für die Nachschubführung im Felde vorgesehen.Völker: Die deutsche Luftwaffe. S. 170.

Das Deutsche Reich verfügte über ein kompliziertes Mobilmachungssystem, das eine getarnte Mobilmachung ermöglichte und der deutschen Führung Entschlussfreiheit sicherte. Zur Tarnung des Aufmarsches erfolgten ab Ende Juni 1939 zahlreiche Manöver und Übungen überwiegend im Osten sowie Schanzarbeiten. Vom 19. August bis zum 24. August dauerte die „A“-Bewegung, bei der sich die Truppen in den Bereitstellungsräumen versammelten, die ein bis zwei Tagesmärsche von der polnischen Grenze entfernt lagen. Dazu wurden 5000 Züge eingesetzt. Am 26. August 1939 erfolgte die Mobilmachung ohne öffentliche Verkündung, der sogenannte „X-Fall“. Der Angriff begann am „Y“-Tag.Rohde: Hitlers erster „Blitzkrieg“. S. 99 ff.

Am 15. August 1939 waren die fernmeldetechnischen Vorbereitungen für den Aufmarsch der Wehrmacht abgeschlossen, nachdem rücksichtslos alles verfügbare Material nach dem Osten geleitet worden war. Nur dieses weitgespannte Verbindungsnetz konnte sicherstellen, dass Hitlers Befehl vom 25. August die Truppen noch einmal anzuhalten, rechtzeitig alle Stäbe und Kommandeure erreichte.Hans-Georg Kampe: Die Heeres-Nachrichtentruppe der Wehrmacht. Wölfersheim-Berstadt 1994, S. 95.

Die Wirtschaft wurde im September 1939 nicht total mobilgemacht, da das Regime aus innenpolitischen Gründen vor einer Totalisierung des Krieges zurückschreckte.Ludolf Herbst: Der Totale Krieg und die Ordnung der Wirtschaft. Die Kriegswirtschaft im Spannungsfeld von Politik, Ideologie und Propaganda 1939–1945. Stuttgart 1982, S. 103 ff. Im August 1939 erfolgte unter der Tarnung als „Herbstübung“ die Aufstellung der für das Feldheer vorgesehenen Wehrwirtschaftsorganisation. Am 25. August 1939 erging vom OKW an die Wehrwirtschaftsinspektionen die Weisung einzelne Rüstungsbetriebe schnell auf erhöhte Leistung zu bringen. Der für den Kriegsfall vorgesehene Fertigungsplan wurde jedoch nicht in Kraft gesetzt, lediglich für die Kriegsmarine traten erhebliche Teile des Planes in Kraft. Am 28. August 1939 erfolgte der Befehl zur Mobilmachung der Wirtschaft ohne öffentliche Verkündung, ebenfalls als „X-Fall“ bezeichnet. Erst am 3. September 1939 erfolgte der offene Befehl zur Mobilmachung der Wirtschaft, jedoch wiederum mit Einschränkungen.Burkhart Müller-Hillebrand: Das Heer 1933–1945. Frankfurt am Main 1956, Band 2, S. 27 f.

Seit April 1939 wurden als Fünfte Kolonne von der deutschen Abwehr aus Reichs- und Volksdeutschen Kampf- und Sabotage-Organisationen (sogenannte K.- und S.-Organisationen) auf polnischem Gebiet aufgestellt, die aus dem Reich mit Waffen, Munition und Sprengstoff versorgt wurden. Die K.-Organisationen hatten die Aufgabe, im Krieg eine mögliche Zerstörung des Oberschlesischen Industriegebietes zu verhindern, Industrie- und Kommunalobjekte zu übernehmen und einzelne Posten oder kleine Abteilungen der polnischen Armee zu überfallen. Die S.-Organisationen führten fingierte Attentate auf die deutsche Minderheit durch und sollten bei Kriegsbeginn Sabotageakte auf wichtige Bahnlinien, Telefonleitungen und wichtige Objekte wie Elektrizitäts- und Wasserwerke verüben. Im Juli 1939 umfassten diese Organisationen bereits 4.474 Mitglieder in Oberschlesien und 2.324 in Posen. Ende Juli 1939 gab es 42 Sabotagegruppen.Albert Stefan Kotowski: Die deutsche „Fünfte Kolonne“ in Polen im September 1939. In: Susanne Kuß, Heinrich Schwendemann (Hrsg.): Der Zweite Weltkrieg in Europa und Asien. Freiburg 2006, S. 77 ff.

Während die deutsche Seite unter dem Vorwand von Manövern, einer Tannenbergfeier und dem Parteitag des Friedens Truppen an der polnischen Grenze zusammenzog und die faktische deutsche Mobilmachung verheimlichte, brandmarkte die deutsche Propaganda die ergriffenen Verteidigungsmaßnahmen der polnischen Seite als , besonders scharf die polnische Generalmobilmachung vom 31. August 1939.Jutta Sywottek: Mobilmachung für den totalen Krieg. Die propagandistische Vorbereitung der deutschen Bevölkerung auf den Zweiten Weltkrieg. Opladen 1976, S. 227 f.

Die Rede Die Sitzung des Reichstags, der seit Mitte 1933 nur noch ein Scheinparlament war und ausschließlich aus Abgeordneten der NSDAP bestand,Deutscher Bundestag: Historische Ausstellung des Deutschen Bundestages. „Scheinparlamentarismus“ in der NS-Zeit. wurde um drei Uhr morgens für 10 Uhr in der Krolloper einberufen. 100 Abgeordnete konnten an der Sitzung nicht teilnehmen.Richard Overy: Die letzten zehn Tage. Europa am Vorabend des Zweiten Weltkriegs. München 2009, S. 74 ff. Sie begann um 10:10 Uhr und dauerte eine halbe Stunde.Jochen Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de. Die Rede wurde im Großdeutschen Rundfunk übertragen. Sie wurde auch über Lautsprecher auf den Platz vor der Krolloper übertragen, wo sich einige hundert Menschen versammelten.Ralf Georg Reuth: Hitler. Eine politische Biographie. München 2005, S. 457 f. Sie wurde anschließend bereinigt auch in Englisch, Niederländisch und Spanisch gedruckt und ist als Tonaufzeichnung überliefert.Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de.

Hitler war nach hektischen Verhandlungen der letzten Tage erkennbar übermüdet, verhaspelte sich mehrfach und wirkte insgesamt ungewohnt zögerlich.Richard J. Evans: Das Dritte Reich. Band 2: Diktatur. DVA, München 2006, Teilband 2, S. 848. Seine Nervosität führt Christoph Raichle darauf zurück, dass die Haltung der Westmächte noch unklar war, Italien nicht an der Seite Deutschlands kämpfen wollte und es keine Kriegsbegeisterung in Deutschland gab.Christoph Raichle: Hitler als Symbolpolitiker. Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2014, ISBN 978-3-17-025191-5, S. 116.

Inhalt Hitler verfolgte mit seiner Rede zwei Ziele: Zum einen wollte er die Deutschen auf den Krieg einstimmen und ihre Moral stärken. Daher betonte er, es werde „keine Entbehrungen für Deutsche“ geben, „die ich nicht selbst sofort übernehme“. In diesem Zusammenhang nannte er sich „erster Soldat des Deutschen Reiches“, eine Aussage, die auch das einfache feldgraue Jackett unterstreichen sollte, das er an diesem Tag trug.Brendan Simms: Hitler. Eine globale Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2019, ISBN 978-3-421-04664-2, S. 539. Zum anderen zielte die Rede darauf ab, ein Eingreifen Großbritanniens und Frankreichs zu verhindern. Um in ihren Augen nicht als Kriegstreiber dazustehen, stellte er das deutsche Vorgehen gegen Polen als Verteidigung, nicht als Angriff dar. Dazu argumentierte er in drei Schritten:Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de.

1. Polen sei nicht verhandlungsbereit gewesen Angeblich hätte man laut Hitler in den letzten Tagen vor dem Krieg ungeduldig auf einen polnischen Unterhändler gewartet, um zu verhandeln. In Wirklichkeit hätte laut Jochen Böhler dies eine Wiederholung der Einberufung Háchas vor der Zerschlagung der Tschechoslowakei bedeutet.Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de. Auch nach Hermann Graml wäre der polnische Außenminister oder ein bevollmächtigter Vertreter worden.Hermann Graml: Europas Weg in den Krieg. München 1990, S. 302 f.

Durch den Deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt vom 23. August 1939 war ohnehin das Schicksal Polens besiegelt und der Befehl zum Angriff auf Polen war von Hitler schon für den 25. August 1939 gegeben worden, und in letzter Minute zurückgenommen worden.Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de. Dass die deutsche Verhandlungsbereitschaft nur vorgespielt war, belegt auch der Tagebucheintrag von Generalstabschef Franz Halder, der am 29. August 1939 notierte: „30.8. Polen in Berlin. 31. 8. Zerplatzen. 1.9. Gewaltanwendung“.Hier Zit. n.: Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de.

Damit seine Kriegspläne nicht noch irgendwelche Verhandlungen in letzter Minute vereitelt würden, hatte Hitler die Botschafter aus London und Warschau in den letzten kritischen Wochen zurückgezogen und ihnen verboten, auf ihren Posten zurückzukehren.Gerhard L. Weinberg: Deutschlands Wille zum Krieg. Die internationalen Beziehungen 1937-1939. In: Wolfgang Benz, Hermann Graml: Sommer 1939. Die Großmächte und der Europäische Krieg. Stuttgart 1979, S. 30.

2. Die Übergriffe auf die deutsche Minderheit und Grenzzwischenfälle hätten den Einmarsch provoziert Hitler sprach von drei „sehr schweren Grenzzwischenfällen“, damit waren nach Lothar Gruchmann offensichtlich der in Wirklichkeit von der SS vorgetäuschte Überfall auf den Sender Gleiwitz und die ebenso fingierten Anschläge auf das Zollhaus Hochlinden (Kreis Ratibor) und das Forsthaus Pitschen (Kreis Kreuzburg in Oberschlesien) gemeint.Lothar Gruchmann: Der Zweite Weltkrieg. Kriegführung und Politik. München 2005, S. 22.

Seit August 1939 lief eine antipolnische Verteufelungskampagne, mit frei erfundenen Schilderungen bestialischer polnischer Terrorakte gegen die deutsche Minderheit in Polen, mit der man das gewaltsame Vorgehen als notwendig und unabwendbar erscheinen lassen sollten.Wolfram Wette: Zur psychologischen Mobilmachung der deutschen Bevölkerung 1933–1939. In: Wolfgang Michalka: Der Zweite Weltkrieg. Analysen-Grundzüge-Forschungsbilanz. München 1989, S. 219. Zudem sind die Übergriffe auf die deutsche Minderheit durch Agententätigkeit von Volksdeutschen durch Sabotageakte provoziert worden.Böhler: Einleitung zur Rede auf 1000dokumente.de.

3. Deutschland ginge es nur um die Sicherung seiner Grenze und die Wiederherstellung friedlicher Beziehungen zu Polen Hitler sprach von seiner vorgeblichen und seinem , die nun zu Ende seien. In Wirklichkeit stand nach der Zerschlagung der Tschechoslowakei und der Okkupation des Memellandes für Hitler Ende Mai 1939 der Einmarsch in Polen fest, um nach bewährtem Muster die vorhandene rüstungswirtschaftliche Potenz zur Verbreiterung der territorialen und damit ökonomischen Basis zum Einsatz zu bringen.Hans-Erich Volkmann: Polen im politisch-wirtschaftlichen Kalkül des Dritten Reiches 1933–1939. In: Wolfgang Michalka: Der Zweite Weltkrieg. Analysen-Grundzüge-Forschungsbilanz. München 1989, S. 88 f. In seiner Ansprache vor den Oberbefehlshabern am 23. November 1939 hat Hitler selbst diese Interpretation bestätigt: