Walter Boll (* 9. Februar 1900 in Darmstadt; † 24. November 1985 in Regensburg) war ein promovierter deutscher Kunsthistoriker. Er war von 1928 bis in die 1970er Jahre in Regensburg als Kulturdezernent und Museumsdirektor tätig.
Herkunft und Werdegang bis 1933 Walter Boll war der Sohn des Rechnungsrats Wilhelm Boll (1866–1929) und dessen Ehefrau Bertha Katharina, geb. Bany (1868–1946). Er studierte Neuere Kunstgeschichte an der Technischen Hochschule in Darmstadt, Archäologie und Literaturgeschichte in Frankfurt am Main, Würzburg und München. 1922 legte Boll mit 21 Jahren in Würzburg seine Promotionsschrift über Die Schönbornkapelle am Würzburger Dom vor und wurde mit summa cum laude vermutlich bei Fritz Knapp promoviert. Nach kurzer Anstellung als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter in München wurde er Assistent an den Staatlichen Kunstsammlungen in Stuttgart.
Im Jahre 1928 ging er mit seiner damaligen Ehefrau Anna (geb. Feile) nach Regensburg. Nach der Scheidung von der ersten und dem Tod der zweiten Ehefrau erfolgte 1955 eine Eheschließung mit Doris Hellmuth. Aus dieser Ehe ging eine Tochter hervor.
1928 wurde Walter Boll vom damaligen Oberbürgermeister der Bayerischen Volkspartei Otto Hipp als Konservator der städtischen Kunstsammlungen nach Regensburg berufen und trat daraufhin in die Bayerische Volkspartei (BVP) ein. Zusätzlich wurde er 1931 beauftragt, die Leitung des städtischen Archivs zu übernehmen und ein Stadtmuseum zu gründen. Im selben Jahr wurde für das neue Museum, heute Historisches Museum Regensburg, der Gebäudekomplex des profanierten ehemaligen Minoritenklosters St. Salvator am damaligen Moltkeplatz von der Stadt erworben. Nachdem Oberbürgermeister Hipp 1933 von den Nationalsozialisten gewaltsam aus seinem Amt entfernt worden war, wurden die Planungen für das neue städtische Museum 1935 verändert. Das Museum sollte nach dem neuen Gau Bayerische Ostmark nun „Ostmarkmuseum“ heißen. Zur Eröffnung des Museums unter diesem Namen kam es aber zunächst noch nicht. Erst 1949 wurde das Museum als städtisches Museum eröffnet.Mittelbayerische Zeitung. Regensburger Museum und die Geschichte seines Werdens. Von Museumsdirektor Dr. Walter Boll, S. 4 Nr. 18 vom 15. Februar 1949.
Bolls Wirken im Nationalsozialismus Nach seinem Dienstantritt als Konservator engagierte sich Walter Boll auch im Kunst- und Gewerbeverein Regensburg und wurde bald dessen Zweiter Vorsitzender (1932–1945). Boll trat am 1. Oktober 1933 in die SA ein, einen Monat später, im November 1933, wurde er zum „Führer“ des gleichgeschalteten Historischen Vereins für Oberpfalz und Regensburg gewählt. Unter seiner Führung wurde das Führerprinzip und der sogenannte Arierparagraph eingeführt; jüdische Mitglieder wurden ausgeschlossen.
Boll trat zum 1. Mai 1935 der NSDAP bei (Mitgliedsnummer 3.613.244)Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/3761307 und übernahm die Funktion eines Kreiskulturwarts der NSDAP. In der NS-Zeit bekleidete Boll das Referat für Museums-, Archiv- und Bibliothekswesen und wurde von Oberbürgermeister Otto Schottenheim und auch vom Zweiten Bürgermeister Hans Herrmann in jeder Hinsicht unterstützt.Helmut Halter: Stadt unterm Hakenkreuz. Kommunalpolitik in Regensburg während der NS-Zeit (hrsg. von den Museen und dem Archiv der Stadt Regensburg), 1994, S. 384. Anlässlich der Erweiterung der Postdirektion am Domplatz wurde unter dem Denkmalpfleger Boll in Abstimmung mit der nationalsozialistischen Stadtführung z. B. zwischen 1937 und 1940 der Herzogshof auf dem Domplatz um- und zurückgebaut. Der Herzogssaal blieb damals erhalten, jedoch wurden die Ostfassade des Ostflügels nach Vorstellungen von Boll durch Rückbau von unpassenden Fenstern „bereinigt“ und zwei romanische Rundbogenfenster aus dem Fundus des Museums eingebaut. Dieses Vorgehen gilt laut einer Denkmalschutz-Studie als ein Paradebeispiel für Bolls Art einer „schöpferischen Denkmalpflege“, die auch zum Ziel hatte, Regensburg nach dem Vorbild von Nürnberg und Rothenburg zu einem touristischen Anziehungspunkt umzugestalten. Für den Herzogsaal ließ Boll 1940 einen eigens angefertigten Wandteppich mit kämpfenden Rittern anbringen, der Bezüge zwischen dem Überfall auf Polen von 1939 mit der Regensburger Dollingersage herstellt. Der Wandteppich zeigt ausweislich eines Textbanners den Ritter Dollinger, wie er den Ritter Kracko beim Lanzenstechen vom Pferd wirft. Dollinger führt im Schild und auf dem Rossharnisch stilisierte Hakenkreuze als Zeichen.Bericht auf regensburg-digital vom 22. August 2024: Heiraten unterm Hakenkreuz - in Regensburgs Herzogssaal ist's möglich (abgerufen am 22. September 2024). Unterhalb der Turnierszene werden im Polenfeldzug „zurückeroberte deutsche Städte“, wie Krakau, Posen und Danzig genannt. Im Zuge des Teilabbruchs des Herzogshofs ließ Boll auch eine Arkade zwischen Domplatz und Kornmarkt errichten, die er als Teil seiner „Vision von einer autogerechten mittelalterlichen Altstadt“ verstand. Auch anlässlich eines damals aus Gründen besserer innerstädtischer Verkehrsverbindungen in Erwägung gezogenen Abrisses des Heuporthauses agierte Boll ähnlich. Er ließ die Fassade des Heuporthauses mit einer gotischen Maßwerkfensterreihe umgestalten, um das Haus dadurch zu einem in Deutschland touristisch einmaligen Kaffeehaus aufzuwerten und damit einen Abriss unmöglich zu machen.
In seiner Funktion als NS-Kreiskulturwart gestaltete Boll eine Reihe von Kunstausstellungen, so etwa die Schau, die im Mai 1935 als Bestandteil der „Braunen Ostmarkmesse“ vom Reichspropagandaministerium organisiert und in den Räumen des Kunst- und Gewerbevereins gezeigt wurde. Zu sehen waren damals unter anderem Werke des Regensburger Malers Max Wissner wie etwa das Werk Hitlerjunge. Anfang Januar 1936 wurde in den Räumen des Regensburger Kunst- und Gewerbevereins unter den Vorständen Walter Boll und Gustav Bosse die Vorgängerversion der Ausstellung „Entartete Kunst“ gezeigt.Christoph Zuschlag: Ausstellungsstrategien im Nazi-Deutschland. Worms 1995, ISBN 3-88462-096-7, S. 144f. Anlässlich dieser Ausstellung lobte der damalige Bürgermeister Hans Herrmann, SS-Fördermitglied und NSDAP-Mitglied seit 1935, den NS-Obmann Boll für seine Verdienste für die „Wiederaufrichtung einer reinen und echten“ deutschen Volkskultur. Als Gegensatz dazu sprach er von einer angeblichen „jüdisch-bolschewistische(n) Kulturverhöhnung“ und forderte die „Ausmerzung und Überwindung aller artfremden Elemente und undeutschen Erscheinungen in Wissenschaft und Kunst, in Funk und Film“.Hans Herrmann: Kulturpflege der Gemeinden (Rede des Bürgermeisters bei der Eröffnung der Kulturwoche), in: Bayerische Ostwacht, vom 17. April 1936. Im Rahmen der Gauwoche vom Mai 1936 präsentierte der Kunstring der NS-Kulturgemeinde die Verkaufs-Ausstellung Kunstschaffen in der Bayerischen Ostmark. Diese Schau fand unter dem Protektorat von Gauleiter Fritz Wächtler statt. Die künstlerische Leitung hatte Boll inne.
Die Organisation des städtischen Festaktes anlässlich des Besuchs von Adolf Hitler in Regensburg im Juni 1937 lag in den Händen von Walter Boll. Der Besuch erfolgte im Zuge der Aufstellung der Büste des Komponisten Anton Bruckner in der Walhalla im Juni 1937. Unter Leitung von Boll wurde damals auch die Minoritenkirche restauriert, für die Adolf Hitler eine Orgel spendiert hatte. Die pompösen Feierlichkeiten in der Minoritenkirche wurden mit Geldern des Propagandaministeriums finanziert, von den Regensburger Domspatzen unter der Leitung des Domkapellmeisters Theobald Schrems musikalisch begleitet und deutschlandweit im Rundfunk übertragen. Für seine „ausgezeichnete Ausgestaltung der Minoritenkirche“ wurde Boll in der Nazipresse überschwänglich gelobt. Boll organisierte ebenfalls den damaligen Umbau des Regensburger Rathauses, in dem Adolf Hitler bei seinem Besuch im Juni 1937 für die Öffentlichkeit residieren sollte. Für die Vorbereitung dieser Veranstaltung wurde Boll vom Denkmalpfleger und Oberregierungsrat Rudolf Esterer vorgeschlagen. Boll besorgte Dekorationsgegenstände wie Teppiche, Sessel, Bücher und weitere Gegenstände aus dem Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und der Münchner Residenz, damit sich der „Führer“ im Regensburger Rathaus den Bürgern in einem simulierten kaiserlichen Ambiente präsentieren konnte.
Als Direktor des Ostmarkmuseums erwarb oder raubte Boll mehrere Kunst- und Wertgegenstände der Regensburger Freimaurerloge, die NS-verfolgungsbedingt gezwungen war, ihre Besitztümer abzugeben, so z. B. Ritualgegenstände und Bilder von 1934.
Boll erwarb oder raubte auch „einige gute Bilder aus Judengut“, die aus der sogenannten Aktion 3 stammten. Mit dieser Aktion nahm das Regensburger Finanzamt auch Wertgegenstände von deportierten Juden und Jüdinnen an sich, die dann versteigert und verkauft wurden. Darunter waren auch jüdische Kultgegenstände, Thorarollen und -schilde, Becher und Messer aus Silber, die in der Reichspogromnacht 1938 aus den Synagogen in Regensburg, Weiden und Bayreuth geraubt worden waren. Einige Teile nahm Boll 1938 ins Ostmarkmuseum auf. Nur ein Bruchteil der geraubten Kultgegenstände wurde in den Nachkriegsjahren an die jüdischen Gemeinden zurückgegeben.
Als Denkmalpfleger begutachte Boll auch die Immobilien von Regensburger Juden und Jüdinnen, die Nazideutschland verlassen wollten und ihre Flucht durch den Verkauf ihrer Immobilien finanzieren mussten. In diesem Zusammenhang plädierte Boll für die „Arisierung“ der Gebäude durch Verkauf, erteilte aber keine sofortige denkmalpflegerische Zustimmung für den Notverkauf und verzögerte oder verhinderte dadurch die Emigration von verfolgten Juden, die in der Folge deportiert und umgebracht wurden.
Zur Umsetzung der im Jahre 1940 erlassenen Verordnung Metallspende des deutschen Volkes wurde Walter Boll von Oberbürgermeister Otto Schottenheim zum „sachkundigen Beauftragten“ der Stadtverwaltung ernannt. Unter seiner Ägide sollten in sämtlichen Gebäuden der Regensburg Stadtverwaltung, in „Krankenhäusern, Altersheimen und Museen die in Betracht kommenden Gegenstände“ festgestellt und abgeliefert werden. Falls sich unter den abgelieferten Gegenständen welche befanden, die von historischen und künstlerischen Wert waren, bat Boll um Rückgabe.Bericht auf regensburg-digital vom 7. Juni 2019: Walter Boll und die nationale Revolution (abgerufen am 22. März 2023).
Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg Entnazifizierung Nach dem Ende des NS-Regimes blieb Boll zunächst im Amt, bis er am 20. Oktober 1945 von der amerikanischen Militärregierung vom Dienst suspendiert wurde. Im Meldebogen des Spruchkammerverfahrens stufte Boll sich im Mai 1946 als „Mitläufer“ ein, der Ankläger der Spruchkammer klagte ihn Ende November als „Belastet“ an. Ende 1946 beantragte Boll ein nicht-öffentliches Spruchkammer-Verfahren unter dem Ausschluss der Öffentlichkeit und seine Anwälte plädierten nun, gestützt auf viele Persilscheine, auf „Entlastet“. Anfang Januar 1947 wurde die Klageschrift gegen Boll geändert und er als „Entlastet“ eingestuft. Als solcher wurde Boll durch das Spruchkammerurteil vom 4. Februar 1947 entnazifiziert. Wegen Bolls falscher Angaben im Meldebogen legte die amerikanische Militärregierung Widerspruch ein und ließen ihn verhaften. Von Ende Oktober 1947 bis Ende Mai 1948 saß Boll deshalb in der Strafanstalt Amberg ein. Im August 1948 konnte Boll gemäß dem Beschluss des Regensburger Stadtrats in sein Amt als Museumsdirektor zurückkehren.
Kulturdezernent und Museumsdirektor