mini|Gil Evans (1978) Gil Evans (* 13. Mai 1912 als Ian Ernest Gilmore Green in Toronto, Ontario; † 20. März 1988 in Cuernavaca, Mexiko) war ein kanadischer Jazzmusiker (Arrangeur, Komponist, Bandleader und Pianist); in den 1940er bis 1970er Jahren war er ein bedeutender Neuerer der konzertanten Big-Band-Musik in den Stilrichtungen Cool Jazz, Modaler Jazz, Free Jazz und Jazzrock. Evans hat die Orchestrierung als neue Qualität in den Jazz eingeführt; beispielsweise hat er mit wechselnden Kombinationen unüblicher oder unüblich eingesetzter Holz- und Blechblasinstrumente wie Oboe, Waldhorn und Tuba das Klangfarbenspektrum dieser Musik erweitert.Martin Kunzler: Jazz-Lexikon. Band 1: A–L (= rororo-Sachbuch, Band 16512). 2. Auflage. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2004, ISBN 3-499-16512-0, S. 351. Bekannt wurde er in den 1940er Jahren für seine Arrangements im Claude-Thornhill-Orchester. Seine Arbeit mit Miles Davis, die mit den Birth-of-the-Cool-Sessions 1949 begann, erreichte ihren Höhepunkt mit orchestralen Produktionen wie Miles Ahead (1957) und Sketches of Spain (1960), die „den Miles Davis-Ton am vollkommensten in orchestralen Klang verwandelte[n] – in sound“. Erneute Aufmerksamkeit verschafften ihm seine Bandprojekte ab den 1970er Jahren, wie das Monday Night Orchestra mit seinen Sessions im New Yorker Club Sweet Basil und zahlreichen Europatourneen.

Leben Er war der Sohn von Margaret Julia McConnachy, die irisch-schottische Wurzeln hatte, und wurde geboren als Ian Ernest Gilmore Green. Sie war fünf Mal verheiratet; ihr vierter Mann, ein kanadischer Arzt, war Gils Vater, der starb, bevor Gil geboren war. Dieser übernahm den Familiennamen Evans von seinem Stiefvater John A. Evans, einem Bergmann. Während seiner Kindheit zog die Familie mehrmals um, zunächst nach Spokane im Bundesstaat Washington, dann nach Saskatchewan, Idaho, Montana, Oregon und schließlich nach Kalifornien, wo sie sich zuletzt in Stockton niederließ, wo Gil High School und College besuchte. Dort hörte er zum ersten Mal Jazzmusik im Radio.Stein, S. 2

Gil Evans war ein hoch talentierter Autodidakt; er nutzte die Möglichkeit, bei einem Schulfreund Klavier zu spielen und die Schallplattensammlung der Familie zu hören. Dabei entdeckte er sein Faible für den Jazz, insbesondere für die Musik Louis Armstrongs. Weitere Einflüsse kamen vom Casa Loma Orchestra, den Bands von Claude Hopkins und Don Redman sowie den frühen Schallplatten von Duke Ellington. Mit Schulfreunden gründete er 1929 eine erste Band, die aktuelle Tanzmusik und Nummern wie China Boy oder Limehouse Blues spielte. Gils erstes Arrangement basierte auf dem damals populären Hit Ida, Sweet as Apple Cider in der Version von Red Nichols and His Five Pennies.Stein, S. 4 ff. 170px|mini|Stockton, University of the Pacific, Burns Tower Nach seinem High-School-Abschluss ging Evans im September 1931 an das College of the Pacific, um im folgenden Jahr an das Modesto Junior College zu wechseln, das neue Möglichkeiten für die erste Bandgründung eröffnete; so entstand 1932 die Brigg-Evans-Band mit dem Bassisten Ned Briggs.Stein, S. 8 f.

Nach ersten Erfahrungen mit eigenen Bands, der Mitgliedschaft im Thornhill-Orchester und den Jahren des Zweiten Weltkriegs, die Evans in Armeebands verbrachte, lebte und arbeitete er ab Frühjahr 1946 in New York, wo er 1950 Lillian Grace heiratete.Stein, S. 171 f. In den frühen 1950er Jahren lebte Evans mit seiner Frau Lillian in der 345 West 45th Street in Midtown Manhattan, wo viele Musiker lebten. Anfang der 1960er Jahre begann Evans eine körperzentrierte Therapie bei dem Reichianischen Therapeuten Carl Tropp (die nach Tropps Tod unabgeschlossen endete).Stein, S. 244 ff. 1961 trennte sich das Paar; darauf bezog Evans ein Apartment in der Upper West Side in der 86th Street, nahe beim Central Park. Über den Bud-Powell-Freund Francis Paudras lernte er im Oktober 1962 die junge Afroamerikanerin Anita Powell kennen, die er im Frühjahr 1963 heiratete und mit der er die gemeinsamen Söhne Noah (* 1964) und Miles (* 1965) hatte.

Als einer der ersten Mieter zog Evans mit seiner Familie 1970 in die Westbeth Artists Community, eine für einkommensschwache Künstler zu Lofts umgebaute Fabrikanlage von Bell Laboratories am Hudson River im West Village. Während der letzten Reisen war Evans 1987 erkrankt; sein Arzt hatte erfolglos versucht, ihm die Paris-Reise auszureden. Nach seiner Rückkehr in die USA trat er erneut mit Band im Sweet Basil auf; Evans wirkte müde. Schließlich wurden für den Januar 1988 die weiteren Auftritte abgesagt. Als er sich endlich im Januar untersuchen ließ, wurde Prostatakrebs festgestellt und im New York University Hospital eine Routine-Operation durchgeführt. Nach dieser Behandlung fühlte sich Evans sehr schlecht; die Familie entschied, dass er zur Erholung New York verlassen sollte. Maxine und Dexter Gordon besaßen ein Ferienhaus im mexikanischen Cuernavaca mit einem Extra-Bungalow, wohin Evans mit seinem Sohn Noah Ende Februar flog. Er brachte auch einen Synthesizer und eine Reihe von Arrangements mit, an denen er hoffte arbeiten zu können; im Mai war eine weitere Europa-Tournee vorgesehen. Doch Gil Evans erkrankte an Bauchfellentzündung; er starb am 20. März in Anwesenheit seiner beiden Söhne Noah und Miles.Stein, S. 323 f.

Wirken Beginn der Karriere Mit 21 Jahren hatte Gil Evans 1933 eine neunköpfige Band in Stockton, für die er nach dem Vorbild des Casa Loma Orchestra die Arrangements schrieb und die schließlich – für Tanzbands ungewöhnliche – Instrumente wie Oboe, Flöte und Englischhorn umfasste.Stein, S. 12.

Der Trompeter Jimmy Maxwell erinnert sich:

Im Winter 1933 entstanden erste Mitschnitte für eine lokale Radiostation; 1934/35 verschaffte eine zunehmende Popularität ihnen Auftrittsmöglichkeiten in der San Francisco Bay Area; im Sommer 1934 hatten sie ein Engagement in einem Resort am Lake Tahoe. In seine Arrangements bezog er nun auch Einflüsse impressionistischer Musik von Ravel und Debussy sowie des Spaniers Manuel de Falla ein.Stein, S. 16 f.

1936/37 spielte er mit seiner Band Gil Evans and His Youngsters in Balboa Beach, wo sie im Rendevouz Ballroom auftrat und ihre Konzerte im Radio übertragen wurden; dennoch war die Band finanziell in einer prekären Situation.Stein, S. 34 f. Evans nahm im Sommer 1937 eine Bandsängerin auf, Elizabeth Tilton, die jüngere Schwester von Martha Tilton; hinzu kam auch Vido Musso. Als ein Blizzard die Anreise des Duke Ellington Orchestra nach Seattle unmöglich machte, sprang das Evans-Orchester ein; ihr Auftritt im Trianon förderte ihre Popularität an der Westküste. Dennoch gab es Konflikte in der Band, da Evans mehr Probenzeit für seine Arrangements einforderte.Stein, S. 49 f. Die Bandleitung überließ er schließlich mangels kaufmännischer Ambitionen im April 1938 dem Bandsänger Skinnay Ennis, während er weiter musikalischer Leiter blieb. Die Band trat dann in Bob Hopes The Pepsodent Show auf (es existieren keine Mitschnitte der Show). Im Herbst 1938 hatte er Gelegenheit für erste Schallplatten-Aufnahmen; für Victor Records nahm er die Johnny-Mercer-Songs Garden of the Moon und The Girlfriend of the Whirling Dervish auf.Stein, S. 59 f. Zu dieser Zeit kam der Pianist Claude Thornhill als weiterer Arrangeur in die Band; als Thornhill im Herbst 1939 die Gruppe verließ, um eine eigene Formation zu gründen, folgte ihm Evans, arbeitete aber noch weiter für Ennis. Im Februar 1940 hatte die neue Thornhill-Band ihre ersten Auftritte.Stein, S. 65–71 mini|180px|Claude Thornill, ca. 1947.Foto von William P. Gottlieb.

Arrangeur bei Claude Thornhill (1941–1948) Nach anfangs loser Zusammenarbeit 1940 stellte Thornhill Gil Evans fest ein, als er ein erfolgreiches Engagement im Glen Island Casino an der Ostküste hatte;Stein, S. 84. so arbeitete Evans in den Jahren 1941/42 und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder von 1946 bis 1948 als Arrangeur aktueller Tanz- und Unterhaltungsstücke für das Orchester, zu denen Buster’s Last Stand, There’s a Small Hotel und I Don’t Know Why gehörten. Evans nutzte die von Thornhill um Waldhorn und Tuba erweiterte Instrumentierung zu neuen, volleren und wärmeren Klangfarben. Schon dort finden sich auch experimentelle Ansätze zu seinen späteren chromatisch gebrochenen Harmonien (z. B. Intro „La Paloma“ auf Adios) oder Anlehnungen an die klassische Musik wie Arab Dance (1942), das er Tschaikowskis Nussknacker entnahm.Stein, S. 91.

Evans erzählte darüber: „Auf den ersten Blick war der Klang der Band fast wie die Zurückführung der Musik zur Inaktivität, zum Schweigen. Alles bewegte sich in Minimal-Geschwindigkeit, um Sound zu schaffen … Der Klang hing wie eine Wolke.“Joachim-Ernst Berendt, Günther Huesmann: Das Jazzbuch. Fischer TB, Frankfurt am Main 1994, S. 136

Mit dem Eintritt der Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg endete die Phase bei Thornhill, als die meisten seiner Musiker zum Militärdienst eingezogen wurden. Evans wurde Pianist der HQ-Band des Southern California Sector Headquarters und spielte wöchentlich in drei Radioshows, um dann im Frühjahr 1943 die Armeeband im Camp Santa Anita zu organisieren, zu der auch der junge Pianist Jimmy Rowles gehörte.Stein, S. 98 f. Im Camp Lee arrangierte Evans einige Battles of bands zwischen afro-amerikanischen Musikern aus den ehemaligen Bands von Cab Calloway und Coleman Hawkins sowie den weißen Musikern vom Camp Santa Anita.Stein, S. 108 f. Weitere Stationen waren Camps in Miami, Atlanta und Fort Gordon in Georgia, wo er Lester Young begegnete. Youngs entwürdigende Behandlung durch das Militär hinterließ einen tiefen Eindruck bei Evans, der für den Saxophonisten Whiskey, Marihuana und Barbiturate einschmuggelte.Stein, S. 121 f. Ende Dezember 1945 wurde Evans aus der Armee entlassen und entschied sich, nach New York zu ziehen.

Die Nachkriegszeit (1946–1948) Ab 1946 arbeitete Gil Evans weiter mit Thornhill, der sein Orchester reorganisieren wollte.Aufnahmen des Thornhill-Orchesters von 1946/47 finden sich auf: Gil Evans Adios (compil. 2000 A&R). Dabei trafen Thornhill und Evans auf ein Krisenszenario (Wirtschaftsrezession): Innerhalb kurzer Zeit mussten viele namhafte und teure weiße Big Bands der Swing-Ära aufgeben, so die Orchester von Benny Goodman, Woody Herman, Harry James, Les Brown, Jack Teagarden und Tommy Dorsey. Die schwarzen Bands konnten sich besser halten, da sie ihre Musiker nur pro Auftritt bezahlten.

Evans pflegte in seinem schlichten Einzimmer-Souterrain-Apartment in der 14 West 55th Street, das er im Sommer 1946 bezogen hatte, einen Stil der offenen Tür. Es war Diskussions-Treffpunkt für Musiker aus der Thornhill-Band und Musikern der Bebop-Szene, darunter: George Russell, Johnny Carisi, Louis Mucci, Jake Koven, Lee Konitz, Miles Davis, Charlie Parker, Gerry Mulligan, Jay Jay Johnson, Bill Barber, Al Haig, Max Roach, Kenny Clarke, John Lewis u. a. m. Evans, gut ein Jahrzehnt älter als die meisten von ihnen, war in gewisser Weise musikalischer Mentor dieser Szene, seine damalige Wohnung eine Art „Kreativ-Küche“ für die sich dort treffenden Musiker. Mangels geeigneter Räumlichkeiten wurde gelegentlich im Freien geprobt.Stein, S. 129 ff.

Evans griff die Anregungen aus der 52nd Street in Arrangements für Thornhill mit Charlie Parkers Anthropology, Yardbird Suite oder Charles Thompsons Robbin’s Nest auf und verschmolz den feurigen Bebop mit dem zurückhaltenden Klangbild des Thornhill-Orchesters, was zwar kommerziell nicht erfolgreich war, jedoch bei Musiker-Kollegen Beachtung fand, besonders bei Miles Davis:

1948 gab Evans die Arrangeursarbeit für Thornhill auf, als ihm dessen Klangvorstellungen zu düster (‚somber‘) wurden; sein Nachfolger wurde George Russell.

Birth of the Cool (1948–1950) mini|200px|Miles Davis, Mitte der 1950er Jahre