Josef Preußler (* 27. Mai 1891 als Josef Syrowatka in Reichenberg, Österreich-Ungarn; † 9. Januar 1967 in Rosenheim) war ein deutschsprachiger Lehrer, Heimatforscher, Volkskundler und Autor, der zunächst in Böhmen unter österreichischer, tschechoslowakischer und deutscher Herrschaft und dann in der Bundesrepublik Deutschland tätig war. Er war der Vater des Kinderbuchautors Otfried Preußler.

Leben

Herkunft

Josef Syrowatka war der Sohn des Schneiders Josef Syrowatka (1856–1913) aus dem Weiler Škodějov nordöstlich von Semily und seiner Frau Dorothea, geborene Jireš (1869–1949), aus dem Dorf Chudoplesy bei Mnichovo Hradiště (Münchengrätz).Raimund Paleczek: Vom Isergebirge bis in den Böhmerwald: Anmerkungen zur böhmischen Herkunft von Otfried Preußler. In: Ernst Seibert, Kateřina Kovačková (Hrsg.): Otfried Preußler – Werk und Wirkung. Peter Lang, Frankfurt u. a. 2013, S. 87–106, hier: S. 92f. Siehe auch: Taufregister von Liberec 1888–1891, Staatliches Gebietsarchiv Litomerice – Archivabteilung, fol. 382–383. Er kam in Reichenberg, also in einem deutschsprachigen Siedlungsgebiet zur Welt. Der Geburtsort der Mutter lag jenseits der Sprachgrenze, bei ihren noch dort in der Gegend (im Dorf Jivina) lebenden Verwandten wurde meist Tschechisch gesprochen, wie sich Otfried Preußler erinnerte.Günter Lange: Fragen zu Otfried Preußlers Biographie und Werk. In: Volkacher Bote 99 (2013), S. 30–35, hier: S. 31 (online auf archive.org zu finden). Siehe Otfried Preußler: Die Káča, der Kelch und Wallensteins Epitaph. In: Otfried Preußler: Gustav Leutelt habe ich noch gekannt. Heimatliche Texte von Otfried Preußler. Verlag der Leutelt-Gesellschaft, Schwäbisch Gmünd 2003, S. 34–42. Die Eltern „stammten aus einem rein tschechischsprachigen Umfeld“ und hatten sich erst Ende des 19. Jahrhunderts in Reichenberg niedergelassen, sie waren vornehmlich Bauern und Handwerker.Raimund Paleczek: Vom Isergebirge bis in den Böhmerwald: Anmerkungen zur böhmischen Herkunft von Otfried Preußler, S. 88; Günter Lange: Otfried Preußlers Leben und Werk. In: Kurt Franz, Günter Lange (Hrsg.): Der Stoff, aus dem Geschichten sind. Schneider, Hohengehren 2015, S. 1–33, hier: S. 1. In Nachrufen wird gelegentlichEtwa in Sudetenland 10 (1968), S. 56. ein deutschböhmischer Stammbaum Syrowatkas kolportiert, der bis zur Glasmacherfamilie Preußler ins 16. oder 17. Jahrhundert zurückreichen soll. Eine solche genealogische Verbindung konnte Raimund Paleczek bei seinen Nachforschungen „nicht nachweisen“. Der 1941 im Rahmen der Germanisierungspolitik Heydrichs angenommene Name „Preußler“ kam von einer Großmutter Syrowatkas, die als Agnes Praizler verzeichnet ist.Raimund Paleczek: Vom Isergebirge bis in den Böhmerwald: Anmerkungen zur böhmischen Herkunft von Otfried Preußler, S. 88f. und 94; Günter Lange: Otfried Preußlers Leben und Werk, S. 1; Tilman Spreckelsen: Otfried Preußler. Ein Leben in Geschichten. Thienemann, Stuttgart 2023, S. 18.

Lehrer und Heimatkundler in der Tschechoslowakei mini|Gebäude der Sparkasse in Reichenberg, in deren Untergeschoss der „Heimathort“ bis 1935 untergebracht war (heute Sitz der Stadtverwaltung Liberec) Josef Syrowatka studierte noch in der Zeit der österreichischen Herrschaft an der Lehrerbildungsanstalt in Reichenberg (Liberec) und arbeitete dort seit 1913 an der Volksschule. Im Ersten Weltkrieg erlitt er 1915 als Soldat eine schwere Schussverletzung, die zur Verkürzung eines Beins führte. Er wurde frontuntauglich geschrieben und leistete seinen Dienst seitdem am Kriegsarchiv in Wien. Ab 1920 war er Lehrer an der Reichenberger Hilfsschule.Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, Band 3, S. 311; Lebens- und Arbeitsbilder sudetendeutscher Lehrer, Bd. 2, S. 497; Carsten Gansel: Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre, Galiani, Berlin 2022, S. 33. Er engagierte sich im Vorstand des Verbandes „Deutsche Hilfsschule“, wo er zeitweise Schriftführer war.Herwig Baier, Peter Reckziegel: Deutsche Hilfsschule – Mitteilungen des Verbandes Deutsche Hilfsschule in der Tschechoslowakischen Republik. Analyse einer Lehrerzeitschrift. In: Stifter-Jahrbuch, Neue Folge Band 16 (2002), S. 95–109, hier: S. 103. In der Zeit der jungen Tschechoslowakei war Syrowatka 1919 bis 1922 Herausgeber in den Reihen „Bücher für die deutsche Jugend“ und „Bücher für das Klassenlesen“, Auswahlreihen von Werken anerkannter Schriftsteller für die Jugend.Lebens- und Arbeitsbilder sudetendeutscher Lehrer, S. 497. Ab 1923 war er ehrenamtlich für die ortsgeschichtlichen Sammlungen verantwortlich, die er zum Museum „Heimathort“ ausbaute.Bis 1935 waren diese Sammlungen im Untergeschoss der Reichenberger Sparkasse untergebracht. Nach einer vorübergehenden Auslagerung in das ehemalige Finanzdirektionsgebäude konnten sie 1937 in ein Haus in der Kranichgasse umziehen. Siehe Josef Syrowatka: Fünfundzwanzig Jahre Heimathort, ortsgeschichtliche Sammlung der Stadt Reichenberg, S. 4. Dort legte er unter anderem eine große Sammlung von böhmischen Weihnachtskrippen an. Er begründete eine heimatkundliche Fachbibliothek und verfolgte vielfältige weitere heimatkundliche Aktivitäten. Insbesondere sammelte er deutschsprachige Sagen und Märchen im nahegelegenen Isergebirge. Er publizierte zahlreiche Beiträge in diversen heimatkundlichen und volkskundlichen Zeitschriften und verfasste auch selbstständige Werke, vor allem lokalgeschichtlichen Charakters.Siehe die Bibliografie: Schriften über Reichenberg und den Reichenberger Bezirk. Zusammengestellt von Dr. Viktor Lug. Beilage zu den „Mitteilungen des Vereines für Heimatkunde des Jeschken-Iser-Gaues“. Zweite, ergänzte Auflage. Reichenberg 1937. Online. Die in Fortsetzungen erschienene Bibliografie enthält Nachträge bis 1943. Es finden sich dort über 50 Beiträge Syrowatkas. In seinem Bändchen Reichenberg (1922) sind lokalhistorische und volkskundliche Dokumente sowie eigene Überblicksdarstellungen versammelt, antitschechische oder antisemitische Bemerkungen fehlen völlig. Gelegentlich schrieb Syrowatka zudem Gedichte.Siehe den Eintrag im Katalog der Bibliothek Liberec: https://ipac.kvkli.cz/arl-li/cs/detail-li_us_cat-c160252-Gedichte/. Er wird auch als Stadtarchivar und Chronist von Reichenberg/Liberec bezeichnet.Sudetenland 10 (1968), S. 56; Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, Band 3, S. 311; Otfried Preußler: Mein Vater, ein Geschichtensammler. Von 1925 bis 1938 war er Schriftleiter der vom Deutschen Landeslehrerverein in Böhmen herausgegebenen Zeitschrift Deutsche Jugend, die der deutschsprachigen Jugend zur Belehrung und Erbauung dienen sollte.Lebens- und Arbeitsbilder sudetendeutscher Lehrer. Band 2, S. 497; vgl. Hubert Göbel: Zeitschriften für die deutsche Jugend: Eine Chronographie 1772–1960. Harenberg, Dortmund 1986, S. 152. Ausführlich behandelt werden diese Zeitschrift und Syrowatkas Herausgebertätigkeit in: Heinrich Pleticha: Literarische Einflüsse und Vorbilder: Österreichs Deutsche Jugend und Deutsche Jugend 1884–1938. In: Ernst Seibert, Kateřina Kovačková (Hrsg.): Otfried Preußler – Werk und Wirkung. Peter Lang, Frankfurt a. M. u. a. 2013, S. 75–86. Zudem stellte Syrowatka gemeinsam mit Reinhold Erben und Hugo Wagner ein Liederbuch für Volks- und Bürgerschulen Der Jugend Liederborn zusammen, das mehrere Auflagen erreichte. in der Reichenberger Zeitung veröffentlichte er regelmäßig Theaterkritiken.Tilman Spreckelsen: Otfried Preußler. Ein Leben in Geschichten. Thienemann, Stuttgart 2023, S. 37.

Im nationalsozialistischen Sudetengau: Von Syrowatka zu Preußler

Isa Engelmann, die Verfasserin einer Geschichte der jüdischen Bürger Reichenbergs, beschrieb Syrowatka als „eine der maßgeblichen Leitfiguren für Heimatkunde und Reichenberger Deutschtum“. Nach der nationalsozialistischen Annexion des Sudetenlandes erschien am Heiligabend 1938 im Hauptorgan der NSDAP im Reichsgau Sudetenland und Amtsblatt des Reichsstatthalters und aller seiner Behörden, Die Zeit, unter dem von ihm benutzten Kürzel JS ein antisemitisch getönter Propagandabeitrag mit dem Untertitel Gesunder Volkssinn durchbricht fremde Sitten, der sich für eine Eindeutschung der „fremdartigen, morgenländischen“ Weihnachtsgeschichte einsetzte.Isa Engelmann: Reichenberg und seine jüdischen Bürger. Lit Verlag, Münster 2012, S. 206. 1939 publizierte er eine Laudatio auf Franz Kraus, den Gründer und Leiter des Sudetendeutschen Verlags, in der er in starken Worten die „tschechische Gewaltherrschaft“ der letzten 20 Jahre anprangerte und die Werke des „nationalsozialistischen Gedankengutes“ als „beglückendes Feuer“ rühmte.Josef Syrowatka: Zwanzig Jahre Sudetendeutscher Verlag. In: Erbe und Aufgabe. Kraus, Reichenberg 1939, S. 131–140 (online nachlesbar unter boehmischeverlagsgeschichte.at). Ab dem 25. Mai 1940 vertrat Syrowatka für ein Jahr den Nationalsozialistischen Lehrerbund als Gesellschafter des Reichenberger Buchverlags Paul Sollors’ Nachfolger, in dem fast 20 Jahre zuvor seine „Bücher für die deutsche Jugend“ erschienen waren.Murray G. Hall: Paul Sollors‘ Nachf. Komm-Ges., Reichenberg/Liberec (Online auf boehmischeverlagsgeschichte.at). 1941 verfasste er eine 80-seitige Chronik der Gauhauptstadt ReichenbergJosef Syrowatka: Chronik der Gauhauptstadt Reichenberg. C. H. Weise, Berlin 1941 (Digitalisat der SLUB Dresden), die die deutsche Geschichte der Stadt und die nationalsozialistische Machtübernahme feierte und die Tätigkeit der Juden (die danach „trachte[te]n, sich immer tiefer in den Volkskörper einzufressen“), Tschechen („Vernichtungspolitik“) und Kommunisten („Kommunismus und Marxismus arbeiten durch jüdische Agenten fieberhaft“) geißelte. Carl Kostka wurde hier als freimaurerischer Bürgermeister geschmäht, der „dem Prager Willen Vorschub leistet[e]“.Josef Syrowatka: Chronik der Gauhauptstadt Reichenberg. Zitate S. 53, 62, 65, 69. Beim Vergleich mit seiner Publikation Reichenberg von 1922 kann man „bei Syrowatka […] die sich ändernden Perspektiven auf die Heimatgeschichte beobachten“, wie Wojciech Kunicki anmerkte; er sah eine „institutionelle Nazifizierung“ des Autors vor allem in dessen Teilnahme an offiziellen Projekten des Reichsgaus Sudetenland.Wojciech Kunicki: Otfried Preußlers Vater Josef Syrowatka/Preußler, S. 31. Günter Lange resümierte 2015, dass Syrowatka damals „vermutlich Parteigänger der Nazis“ gewesen sei.Günter Lange: Otfried Preußler und die Volksliteratur. In: Kurt Franz, Günter Lange (Hrsg.): Der Stoff, aus dem Geschichten sind. Schneider, Hohengehren 2015, S. 53–69, hier: S. 65.

Am 16. Dezember 1941 wurde mit Verfügung des Regierungspräsidenten von Aussig sein tschechischer Familienname Syrowatka in Preußler geändert.Raimund Paleczek: Vom Isergebirge bis in den Böhmerwald: Anmerkungen zur böhmischen Herkunft von Otfried Preußler, S. 92; siehe Eintrag im Taufregister von Liberec 1888–1891 im Staatlichen Gebietsarchiv Litomerice - Archivabteilung, fol. 382–383. Ebenfalls 1941 ließ er die Religionszugehörigkeit seiner Familie von katholisch auf gottgläubig ändern.Polizeimeldekarte, ohne Signatur, Státní okresní archiv Liberec 1943 wurde Preußler Dozent und Ausbildungsleiter an der Lehrerbildungsanstalt Reichenberg.Biographisches Lexikon zur Geschichte der böhmischen Länder, Band 3, S. 311. In Nachrufen wird er auch als Ratsherr der Stadt bezeichnet.Sudetenland 10 (1968), S. 56. Es dürfte sich um das Ehrenamt eines Gemeinderats, in Städten: Ratsherrn, nach der Deutschen Gemeindeordnung von 1935 gehandelt haben. Die Gemeinderäte wurden nicht gewählt, sondern vom Beauftragten der NSDAP im Benehmen mit dem Bürgermeister berufen (§ 51 Gemeindeordnung).

In der Bundesrepublik Deutschland

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Preußler in der Tschechoslowakei verhaftet und 1946 vom Kreisgericht Reichenberg zu siebenjähriger Lagerhaft verurteilt. Das Urteil vom 6. Februar 1946 führt drei Tatbestände auf: I. Schulungsleiter Funktionär der NSDAP"byl jako Schulungsleiter tody činovníkem NSDAP"