Hal(l) ist ein Bestandteil vieler Ortsnamen, der besonders in Zusammenhang mit Salzgewinnung aus natürlicher Sole und dem Salzbergbau untersucht ist.
Zum etymologischen Diskurs In der Geschichtswissenschaft wird das Wort meist auf einen keltischen Ursprung zurückgeführt. Begründet wird dies mit linguistischen Argumenten (vergleiche Walisisch halen und Bretonisch holen für Salz), dem Bergbau, der für einige der Hall-Orte der älteren Eisenzeit (Hallstattzeit) nachgewiesen ist, sowie mit einer ebenfalls nachgewiesenen (aber bei weitem nicht so umfassenden wie zeitweise angenommen) Siedlungskontinuität von Alpenkelten über die römische bis zur Bajuwarischen Landnahme zumindest im Alpenraum.Sicher um Hallein/Bad Reichenhall, wohl aber nicht (unterbrochen) in Hallstatt; in Hall in Tirol und Hall bei Admont ist insgesamt kein vormittelalterlicher Abbau gesichert. Lit. Neben etymologischen Problemen stört daran insbesondere, dass der Name nur im südgermanisch-deutschen Raum heimisch ist, in anderen alten festlandkeltischen Sprachgebieten wie Frankreich aber fehlt.Lit. Außerdem sollte sich im Großteil des Ostalpenraums nach den Kelten neben einer romanischen auch eine slawische Sprachschicht finden (Leittoponyme: Welsche/Walchen-Orte und Wenden/Windisch-Orte),Diese sind von Südosten her bis zum Alpenrand bei Salzburg nachweislich. sodass die Sprachwurzel dort allenfalls tradiert in das Germanische gekommen sein kann.
Eine andere Interpretation geht dahin, dass hier ein althochdeutsches Wort des frühen Mittelalters vorliegt. Diese Hypothese wurde schon in den 1920ern lebhaft diskutiert und findet jüngst wieder Eingang in die wissenschaftliche Diskussion. Diskutiert wird derzeit eine etymologische Nähe zu Schutt-/Abraum-Halde, also ursprünglich den Hang und später den Bergbau am Hang bezeichnend (geht wohl auf Jürgen Udolph 1999 zurück).Vergl. Lit. Udolph: Die Ortsnamen Hall, Halle, Hallein, Hallstatt und das Salz. 2014. Es findet sich auch in einer Bibelglosse halhûs als lat. salina erklärt, in anderen Handschriften zur selben Bibelstelle salina mit salasutî, -sutil, sulza glossiert, was eine Gleichwertigkeit von halhûs und salasutî ‚Salzsiedeanlage‘ erlaubt; Sulz ‚mineralisches gesättigtes Wasser‘ kann ebenfalls ein Salzname sein, etwa für natürliche Salzquellen. Deshalb erscheint auch eine Ableitung zu Halle ‚(überdachter) Bau‘ als bergmännisch für Sudhaus möglich. Gestützt wird dies durch die relative Seltenheit des Wortes – nicht jeder Ort mit Salzbergwerk aus dieser Zeit ist auf „Hall“ benannt – und die Tatsache, dass meist nicht das Abbaugebiet selbst, sondern der Talort mit der Saline so benannt ist. Eine althochdeutsche Erwähnung der Sorten halasalz (‚aus Sole gewonnenes Salz‘), merisalz (‚Meersalz‘), erdsalz (‚Salz aus der Erde, Steinsalz‘) und lûtarsalz (natürliches Laugensalz, Steinsalz) ist belegt und lässt vermuten, dass es weniger um das Gebäude selbst als um das Produkt (als Stoffname oder Verfahren) geht.
Früheste Erwähnungen finden sich bei Halle an der Saale (Chronicon Moissiacense 806 als Halla), und älteres romanisches salina überlagert im Süden wie bei Bad Reichenhall (Notitia ArnonisNotitia Arnonis 6, 26; zitiert nach I. Reiffenstein: Hallein – salina nostra. Zur Semantik des Diminutivs. In: Albrecht Greule, Eckhard Meineke, Christiane Thim-Mabrey (Hrsg.): Entstehung des Deutschen. Festschrift für Heinrich Tiefenbach. Winter, Heidelberg 2004, S. 368 (Artikel 367–381) 8. Jh., ad salinas quae dicitur Hall ‚bei den Salinen, die Hall genannt werden‘, als civitas ‚Stadt‘ 1156 genannt). Spätere Belege sind Schwäbisch Hall in der Chronik des Gislebert von Mons (1190 Hallam in Suevia), Halle in Westfalen (1246 erstmals genannt), Hall in Tirol (1232 salina in intal, 1256/63 ze Halle, Abbau: Halltal), Bad Hall, Oberösterreich (Herzogenhall um 1287, zuerst erwähnt 777 als salinam, que ad Sulzibach est ‚die Saline, die am Sulzbach liegt‘),; zitiert in Isolde Hausner (Bearb.): Altdeutsches Namenbuch. Die Überlieferung der Ortsnamen in Österreich und Südtirol von den Anfängen bis 1200. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Kommission für Mundartforschung, Wien 1989 ff., S. 486. Hallstatt, Oberösterreich (genannt 1311, Abbau am heutigen Hallstätter Salzberg), Hallein, Salzburg (1. Hälfte 13. Jh., Abbau: Dürrnberg), Hall bei Admont, Steiermark (14. Jh., 931 als ad Adamunton locum patellarem ‚Pfannstatt bei Admont‘).UB Salzbg 1, 80; zitiert nach Hausner, Altdeutsches Namenbuch. S. 487.
Ein weiterer Bedeutungskomplex findet sich in Küstenregionen mit der Siedlungsinselform Hallig, wo eine Nähe zu (indg. *kel ‚ragen‘)Wolfgang Pfeiffer: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. dtv, München 1985, S. 552. möglich erscheint, oder dem Ort Halle, Belgien (1152 Hallensis, vielleicht zu halha ‚Bucht‘), bei beiden aber auch zur obigen Bedeutung im Sinne ‚Versalzung‘ etwa in der übertragenen Bedeutung ‚Salzniederung, maritimes Marschland‘.
Insgesamt scheint es sich also um einen terminus technicus der frühmittelalterlichen Montanistik zu handeln und eine mögliche Wurzel *hallan ‚Salzkruste‘ – Evaporite des Salzes, seien sie natürlicher oder technischer Herkunft.
Daneben gibt es einige Hall-Namen, die nachweislich in keinem Zusammenhang mit Salzgewinnung stehen. Hier kommen beispielsweise die folgenden Etymologien in Frage: Hallwang, Land Salzburg (im 10. Jh. urkundlich als locus haldinwanc Hangwiese mit -wang ‚Flur‘) Hallwil, Aargau (nach erratischen Felsbrocken, vgl. got. hallus ‚Felsen‘, anord. hallr ‚Stein‘) Halle (Zoersel), Niederlande (wohl direkt zu halle ‚Bau‘) Halligdorf, Niedersachsen (zu heilig)
Als Gewässername ist das Wort selten, es findet sich etwa bei der nordrhein-westfälischen Halle, dem Halbach bei Kleinzell-Salzerbad in Niederösterreich oder auch Haller Bach bei Bad Hall in Oberösterreich, Hallbach bei Hall bei Admont in der Steiermark, letztere beide gesichert sekundär aus Salznamen abgeleitet.
Beispiele Sortierung Siedlungsname – Hausname – Flurname – Gewässername Auswahl nach Stifter (2005),Lit. sonst einzeln belegt
Im Kontext Salzgewinnung Deutschland Bad Friedrichshall (neuzeitliche Wortschöpfung) Bad Reichenhall Halle (Saale) Halle (Westf.) Niedernhall Schwäbisch Hall
Österreich
Niederösterreich Außerhallbach am Halbach bei Kleinzell Hinterhallbach bzw. Innerhalbach am Halbach bei Kleinzell
Hallerhof bei Behamberg
Halbach, Bach bei St. Veit an der Gölsen, zu Salzerbad Oberösterreich Bad Hall, früher Herzogenhall, Salzstadt, heute Solebad Hallstatt, Salzstadt Hallschlag bei Oberkappel (mit Rodungsname -schlag) Hinterhalleswies bei St. Wolfgang im Salzkammergut Ohrhalling bei Schardenberg Vorderhalleswies bei St. Wolfgang im Salzkammergut
Hall, Hof bei Ternberg Hallach, Hof bei Grünburg Haller(mühle) bei Bad Schönau Hallerschacher, Hof bei Waldneukirchen Michelhall bei Altaussee (hist.)
Hallberg, der Hallstätter Salzberg bei Hallstatt (Salzbergbau) Halleiten, Flurname bei Weyer Hallereck, Flurname bei Weyer Hallerleiten, Flurname bei Weyer Hallmoos bei Hallstatt
Michelhallbach bei Altaussee (hist.) Salzburg Hallein, Salzstadt Hallergut bei Schleedorf Hallmoos, Ort und Flur bei St. Johann im Pongau Hallseiten, Ort und Flur bei Abtenau
Halleiten bei Hallein Steiermark Hall bei Admont, Ortsteile Oberhall, Unterhall Hallersdorf bei St. Johann-Köppling Halltal, auch Flur bei Mariazell
Hallerhaus am Wechsel, Berghütte (Gem. Pinggau) Hallinger, Hof bei Ranten
Hallegg, Flur bei Alpl (Neuberg an der Mürz)
Hallbach, Bach bei Hall bei Admont Tirol Hall in Tirol, Salzstadt Halltal, Halltaler Siedlung, auch Flur bei Absam/Hall in Tirol
Hallerangeralm bei Absam Hallingerhöhe bei Vals
Schweiz Schweizerhalle bei Basel (erst im 19. Jh., nach dem ehem. Firmennamen der Rheinsalinen)
Aus Flurnamen zu Abhang (kein Salz) Deutschland Hallwangen bei Dornstetten, Württemberg (mit -wangen ‚Flur‘: Silber-, Kupfer, Schwerspatbergwerk)Bergwerk Hallwangen
Österreich Hallbach, am Fuschlsee bei Hof bei Salzburg, Land Salzburg Hallegg bei Klagenfurt am Wörthersee, Kärnten Hallwang bei Eberstalzell, Oberösterreich (mit -wang ‚Flur‘) Hallwang bei Salzburg (mit -wang ‚Flur‘) Hallenstein bei Gries am Brenner, Tirol Hallerndorf bei Reith bei Kitzbühel, Tirol
Hallwang, Bauernhaus bei Großendorf, Gem. Ried im Traunkreis, Oberösterreich (mit -wang ‚Flur‘)
Ungesichert
Hahlen (diverse, Niederhalen), Halbach (div.), Halen (div.), Halingen, Hall (div.),
Halla, Hallabruck,
Hallaich, Hallalit, Hallau (Unterhallau, Oberhallau), Hallbach (div.), Hallberg (div.),
Hallbruch,
Halle (div.), Hallenberg, Hallendorf (div.), Hallenhausen, Hallensen, Hallenstein (div.), Haller (div.), Hallerbach (div.),
Hallerburg, Hallerndorf, Hallersberg (div.), Hallermühle, Hallerschneid, Hallershof, Hallerstein, Hallerstraße, Hallgarten (div.),
Hallnberg, Halloh, Hallschlag (div.), Hallstadt, Hallstedt , Hallungen,
Hallweg (div.),
Halverde, Hehlen, Helle (div.), Holledau
Siehe auch Hallinger (Berchtesgadener Land)
Literatur (Sortierung chronologisch) Ernst Schwarz: Der Salzbergbau in der Ortsnamengebung. In: Zeitschrift für Ortsnamenforschung, 1, 1925, S. 187–191. Kurt Thomsen: Ueber die Etymologie der Ortsnamen auf –hall. In: Zeitschrift für Ortsnamenforschung, 3, 1927/8, S. 38–40; ebd. J. Schnetz: Zusatz der Schriftleitung. zu Thomsen, S. 40; ders.: Nochmals zu den Ortsnamen auf –hall (vgl. ZONF III, 38 ff.). S. 175. Remigius Vollmann: Zur Hall-Frage. In: Zeitschrift für Ortsnamenforschung, 4, 1928, S. 135–141; ebd. J. Schnetz: Zusatz der Schriftleitung. zu Vollmann, S. 141–142. J. F. Lohmann: Lat. salinus (salinae, salinum) und der keltische Name des Salzes. In: Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung, 59, 1932, S. 143–144. Walter Steinhauser: Was war das »Hall«? In: Mitteilungen der Gesellschaft für Salzburger Landeskunde, 92, 1952, S. 147–151 (). Jürgen Udolph: Eurasische Frühzeit: Ortsnamen als Geschichtsquelle. eurasischesmagazin.de, Eurasisches Magazin, EM 03-04, 26. März 2004.
Johannes Lang: Geschichte von Bad Reichenhall. Neustadt a. d. Aisch 2009, S. 88 f. Jürgen Udolph: Die Ortsnamen Hall, Halle, Hallein, Hallstatt und das Salz. Verlag für Regionalgeschichte, Bielefeld 2014, ISBN 978-3-89534-866-2.
Einzelnachweise J. Udolph: Hallstatt. I. Philologisches. § 2. Hall- in ON. In: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Dreizehnter Band: Greifvögel – Hardeknut. Berlin / New York 1999, S. 433–442; und Lit. Udolf 2004 vgl. Lit.
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