Die Sprache von Zuwara ist eine Berbersprache, die in der Umgebung der Stadt Zuwara im Nordwesten Libyens gesprochen wird. Eine präzise Eigenbezeichnung für die Sprache existiert nicht; man nennt sie maziɣGaland 2005: 188, Anm. 1., was einfach "berberisch" heißt.
Das Berberische von Zuwara teilt einige Züge mit anderen östlichen Berbersprachen, beispielsweise das Vorhandensein eines distinktiven Wortakzents. Der Anteil an arabischen Fremdwörtern ist sehr hoch.
Lautsystem
Konsonanten Im Berberischen von Zuwara werden folgende Konsonanten unterschieden:
Labiale Dentale emphatischeDentale Palatale Velare Postvelare stimmlose Plosive t ṭ k q stimmhafte Plosive b d ḍ g stimmlose Frikative f s ṣ š x stimmhafte Frikative z ẓ ž ɣ Nasale m n
Dazu kommen ṃ, l, r, ṛ, w, y, sowie (nur in Wörtern arabischen Ursprungs) die Glottale ʔ, h und die Pharyngale ḥ, ʕ.
Die emphatischen Konsonanten (ḍ, ṭ, ẓ, ṛ, ṃ etc.) gleichen den entsprechenden Lauten des Arabischen.
Vokale Die Sprache von Zuwara unterscheidet vier Vokale: a, i, u, ə. Diese können betont oder unbetont sein. Der Murmelvokal ə ist in seiner betonten Variante ein vollwertiges Phonem und kann dann in allen Positionen (auch in offenen Silben) stehen. Das unbetonte ə dient dagegen im Wesentlichen zur Aufspaltung sonst unzulässiger Konsonantengruppen und ist daher in seiner Position weitgehend vorhersagbar.
Wortakzent Das Berberische von Zuwara besitzt einen ausgeprägten Wortakzent, der meist auf der vorletzten Silbe, manchmal aber auf der letzten Silbe des Wortes liegt. Substantive, inklusive arabischer Fremdwörter, werden immer auf der vorletzten Silbe betont.
Auf der letzten Silbe betont man: gewisse Verbformen (siehe unten). Im Verbalsystem hat der Akzent bedeutungsunterscheidende Kraft, da sich Präteritum und Aorist vielfach nur durch den Akzent unterscheiden. arabische Fremdwörter (soweit es sich nicht um Substantive handelt), die ihren originalsprachlichen Akzent auf der letzten Silbe behalten können (z. B. ʕəšrín "zwanzig").
Personalpronomen Das Personalpronomen trifft anders als im Deutschen eine Genusunterscheidung in der 2. und 3. Person des Singulars und des Plurals. Allerdings geraten die femininen Formen des Plurals tendenziell außer Gebrauch und werden nicht mehr konsequent benutzt.
selbständig Suffixe Possessivsuffixe Objektssuffixe 1. sg. "ich" nətš -i -iw -(iyy)id 2. sg. mask. "du" šəkk -k -ik -ak 2. sg. fem. "du" šəmm -m -im -am 3. sg. mask. "er" nə́tta -s -is -ti, -i (Dativ: -as) 3. sg. fem. "sie" nə́ttat -s -is -tət, -it (Dativ: -as) 1. pl. "wir" nə́šnin -nəɣ -ə́nnəɣ -anəɣ 2. pl. mask. "ihr" nə́knim -wən -ə́nwən -awən 2. pl. fem. "ihr" nəknímat -kmət -ənnə́kmət -akmət 3. pl. mask. "sie" nə́tnin -sən -ə́nsən -tən, -in (Dativ: -asən) 3. pl. fem. "sie" nətnínat -snət -ənnə́snət -tənt, -inət (Dativ: -asnət)
Die kurzen Suffixe stehen vor allem nach Präpositionen, z. B. ɣə́ṛ-i "bei mir", ɣə́ṛ-k "bei dir", ɣə́ṛ-s "bei ihm/ihr", ɣə́ṛ-nəɣ "bei uns", ɣə́ṛ-wən "bei euch", ɣə́ṛ-sən "bei ihnen".
Substantiv Genus Das Berberische von Zuwara besitzt zwei grammatische Geschlechter: Maskulinum und Femininum. Maskuline Substantive beginnen meist mit einem Vokal. Feminine Substantive stellen diesem Vokal noch ein t- voran und enden meist auch auf -t.
Der initiale Vokal lautet oft (t)a-, etwas seltener (t)i- oder ganz sporadisch u-; soweit verhält es sich wie in den meisten anderen Berbersprachen: aməddúkəl "Freund" (maskulin) adə́ffu "Apfel" (maskulin) íɣəff "Kopf" (maskulin) údəmm "Gesicht" (maskulin) taməddúkəlt "Freundin" (feminin) tafúnast "Kuh" (feminin) tissə́gnit "Nadel" (feminin) tíli "Schaf" (feminin, ohne t-Suffix)
Nicht selten kommt in der Sprache von Zuwara als Präfix aber auch (t)ə́- vor, was aus den meisten anderen Berbersprachen nicht bekannt ist: ə́fus "Hand" (maskulin) ə́laẓ "Hunger" (maskulin) ə́sinn "Zahn" (maskulin) tə́nast "Schlüssel" (feminin) tə́mart "Bart" (feminin) tə́gna "Fisch" (feminin, ohne t-Suffix)
Bei längeren Substantiven kann der Präfixvokal ganz fehlen. Es handelt sich hier im Prinzip wohl ebenfalls um Substantive auf ə-, wobei aber das ə, da es in einer Vortonsilbe stünde, entfällt: fíɣər "Schlange" (maskulin, statt *əfíɣər) rúku "Gerät" (maskulin) tɣúsa "Sache" (feminin, statt *təɣúsa) tyáẓiḍt "Huhn" (feminin)
Noch anders verhalten sich die sehr zahlreichen arabischen Fremdwörter. Diese beginnen, unabhängig vom Geschlecht, meist mit l- oder mit einem Doppelkonsonanten. Dies geht auf den arabischen bestimmten Artikel zurück, der aber im Berberischen von Zuwara fest zum Nomen gehört und nicht als Artikel betrachtet wird: lə́ktab "Buch" (maskulin) əlmuʕə́lləm "Lehrer" (maskulin) ə́lfərq "Unterschied" (maskulin) əlʕílət "Familie" (feminin)
Plural Die Pluralbildung ist ähnlich wie in den anderen Berbersprachen. Hauptregeln: Der initiale Vokal (auch ə-) wird durch i- (bei Feminina ti-) ersetzt. Es tritt eine Endung -(ə)n (maskulin) ~ -in (feminin) an. Anstelle der Endung kann ein interner Vokalwechsel auftreten.
Beispiele: axə́mmas "(der) Diener" – ixəmmásən "(die) Diener" taxə́mmast "Dienerin" – tixəmmásin "Dienerinnen" árgaz "Mann" – irgázən "Männer" txábəyt "Wasserkrug" – tixúbay "Wasserkrüge"
État d'annexion Wie viele andere Berbersprachen unterscheidet auch das Berberische von Zuwara beim Substantiv einen "état libre" (die Normalform) und einen "état d'annexion". Letzterer wird in Zuwara nur in Abhängigkeit von Präpositionen verwendet; in allen anderen Fällen steht das Substantiv im état libre.Andere Berbersprachen verwenden den état d'annexion typischerweise auch für ein direkt dem Verb folgendes Subjekt. In Zuwara steht das Subjekt unabhängig von seiner Position immer im état libre.
Ähnlich wie in anderen Berbersprachen bildet man den état d'annexion der Maskulina im Wesentlichen durch einen Wechsel des Präfixes a- (aber auch ə-) > wə-: árgaz > wə́rgaz "Mann" (z. B. mit der Dativpräposition i: i-wə́rgaz "dem Mann") áfṛux > wə́fṛux "Junge" ə́fus > wə́fus "Hand"
Anstelle von unbetontem wə- wird u- gesprochen: aməddúkəl > uməddúkəl "Freund"
Wie in anderen Berbersprachen auch ist das a- einiger Substantive stabil und bleibt nach w- erhalten: áman "Wasser" > wáman
Konsonantisch anlautende Substantive können im état d'annexion manchmal ein w- annehmen, meist bleibt die Form aber unverändert: fíɣər > fíɣər "Schlange" rúku > wrúku oder rúku "Gerät"
Die Präfixe i- und ti-, die auch in den meisten Pluralformen vorkommen, bleiben unverändert: tíddart > tíddart "Haus"
Feminina können das Präfix ta- durch tə- ersetzen, doch bei vielen Substantiven bleibt das Präfix unverändert. támuṛt > tə́muṛt "Stadt"
Possession Nominal Hinter dem Possessum folgt, eingeleitet durch die Präposition n, der Possessor, der in der Form des état d'annexion stehen muss: əlmə́drəst n tə́muṛt "die Schule der Stadt(támuṛt)"
Pronominal Als Entsprechung deutscher Possessivpronomina stehen Possessivsuffixe zur Verfügung, die oben im Abschnitt "Personalpronomen" aufgelistet sind. Wenn sie dem Substantiv angehängt werden, wird der Akzent so verschoben, dass er auf der vorletzten Silbe bleibt: lə́ktab "Buch" – ləktábiw "mein Buch" – ləktabə́nsən "ihr(pl.) Buch" áḍus "Geruch" – aḍúsis "sein Geruch" árgaz "Mann" – argázis "sein Mann"
Ein ə geht oft verloren, sobald es den Akzent verliert: ə́fus "Hand" – fúsis "seine Hand" ə́ḍaṛ "Fuß" – ḍáṛis "sein Fuß" tə́miṭṭ "Nabel" – tmíṭṭis "sein Nabel"
Es gibt aber auch Substantive, für die eine Erhaltung des unbetonten -ə- bezeugt ist: tə́nast "Schlüssel" – tənástis "sein Schlüssel"
Wenn eine Pluralendung -ən und ein Possessivsuffix mit -ən- aufeinanderfolgen, so findet eine Kontraktion statt: míddən "Leute" + -ə́nnəɣ "unsere" → middə́nnəɣ "unsere Leute". Dies betrifft nicht Fälle mit anderen Pluralendungen wie ilə́ɣman "Kamele": iləɣman-ə́nsən "ihre Kamele".
Demonstrativum Das Demonstrativum besteht aus einer unflektierbaren Partikel, die dem Substantiv vorangeht und mit ihm in einer Genitivkonstruktion verbunden wird: áyu n-wə́fṛux "dieser Junge", wörtlich: "dies von Junge" áyu n-tíddart "dieses Haus"
Verb Personalflexion Wie andere Berbersprachen auch hat die Sprache von Zuwara am Verb Prä- und Suffixe, die das Subjekt bezeichnen. Die Affixe sind im Prinzip für alle Verben und Tempora die gleichen. Hier als Beispiel die Personalformen von zwei Verben:
Affixe von "schlug" (Präteritum) von "steht auf" (Präsens) 1.sg. -ɣ wə́ttəɣ "ich schlug" ttbə́ddiɣ "ich stehe auf" 2.sg. t-d twə́ttəd "du schlugst" ttbə́ddid "du stehst auf" 3.sg.mask. y- ywə́tt (iwə́tt) yttbə́dda 3.sg.fem. t- twə́tt ttbə́dda 1.pl. n- (ə)nwə́tt nəttbə́dda 2.pl.mask. t-m twə́ttəm ttbə́ddim 2.pl.fem. t-mət twə́ttmət ttbəddímət 3.pl.mask. -n wə́ttən ttbə́ddan 3.pl.fem. -nət wə́ttnət ttbəddánət
Zu beachten: Auslautendes -a (gleichgültig in welchem Tempus) wird vor den Suffixen der 1. und 2. Person immer zu -i- (wie im Beispiel "steht auf" in der Tabelle). Während jedes -a mit -i wechselt, gibt es aber auch Verben, deren Stamm durchgängig auf -i endet.Dieses stabile -i wird von Mitchell als -əy analysiert. Ein Teil der genannten Verben mit variablem Auslautvokal bildet die 3.pl. unregelmäßig auf -ənn, z. B. yəflá "er ging" – fliɣ "ich ging" – təflíd "du gingst" – flənn "sie gingen".
Stammformen Die wichtigsten Stammformen des Verbs sind der Aorist, das Präteritum und das Präsens. Alle Formen werden hier in der 3.sg.mask., also mit dem Personalpräfix y-, angegeben.
Der Aorist und das Präteritum unterscheiden sich bei den meisten Verben allein durch den Akzent. Während der Aorist und das Präsens die in der Sprache vorherrschende Normalbetonung auf der vorletzten Silbe zeigen, wird im Präteritum die Betonung auf die letzte Silbe verlagert. Das Präsens wird oft durch die Verdopplung des mittleren Konsonanten charakterisiert, wobei sich dabei in Einzelfällen die Natur des Konsonanten ändern kann:
Aorist Präteritum Präsens "bauen" yə́bna yəbná ybə́nna "braten" yə́knəf yəknə́f ykə́nnəf "erblicken" yə́bḥər yəbḥə́r ybə́ḥḥər "zurückkommen" yə́dwəl yədwə́l ydə́ggəl
Eine zweite häufige Bildungsweise des Präsens besteht darin, dem Aoriststamm ein Präfix tt- voranzustellen: Aorist Präteritum Präsens "schreien" yə́ẓẓəf yəẓẓə́f yttə́ẓẓəf "singen" yínig yiníg yttínig "sprechen" yútlay yutláy yttútlay "vergessen" yə́ttu yəttú yttə́ttu
Beide Bildungen kombiniert finden sich in dem Verb für "fallen" (in dem, wie auch sonst üblich, verdoppeltes ḍ als ṭṭ realisiert wird): Aorist Präteritum Präsens "fallen" yúḍa yuḍá yttúṭṭa
Viele Verben haben im Präteritum einen auslautenden betonten Vokal -á, wohingegen im Aorist der Vokal (der unbetont sein müsste) ganz abfällt. Das Präsens solcher Verben wird teils durch Konsonantenverdopplung, teils durch ein Präfix tt- gebildet:
Aorist Präteritum Präsens "hören" yə́səl yəslá ysə́ll "lachen" yə́ḍṣ yəḍṣá yḍə́ṣṣ "sehen" yə́ẓəṛ yəẓṛá yẓə́ṛṛ "töten" yə́nɣ yənɣá ynə́qq "tun" yig yigá yttíg "übernachten" yəns yənsá ynə́ss
Manche Verben zeigen im Präsens zusätzlich zu einem der üblichen Bildungsmittel noch die Einfügung eines Vokals -a-: Aorist Präteritum Präsens "gehen" yə́fəl yəflá yəffál "sich kleiden" yíṛəḍ yiṛə́ḍ yttíṛaḍ "lesen" yə́ɣər yəɣrá yəqqár
Dann gibt es Verben, die im Präsens entweder ein -a oder eine Kopie des Stammvokals anhängen: Aorist Präteritum Präsens "füllen" yə́tšuṛ yətšúṛ yttətšáṛa "(auf)stehen" yə́bədd ybə́dd yttbə́dda "sterben" yə́mmut yəmmút yttmáta "teilen" yə́ẓun yẓún yttẓúnuAndere Notation iḍḍẓúnu. "zittern" yə́ržiž yəržíž yttəržíži
Der Stamm mancher Verben beginnt mit einem variablen Vokal. Dieser lautet a- im Aorist und u- im Präteritum. Das Präsens solcher Verben wird auf tta- gebildet:
Aorist Präteritum Präsens "finden" yaf yufá yttáf "öffnen" yar yurá yttár "schreiben" yárəy yurə́y yttárəy