Europäische Geschichte und Mythologie in Tolkiens Welt beleuchtet jene Hintergründe, die in das mythologische Konzept des Werkes John Ronald Reuel Tolkiens und in dessen erdachte Welt eingeflossen sind.

Tolkien war Sprachwissenschaftler und bekennender Katholik, verstand aber seine Dichtung keineswegs als Allegorie, sondern als eigenständige Schöpfung im Wortsinn. Darin finden sich sowohl zahlreiche Anklänge und Entlehnungen aus den mittelalterlichen Heldensagen als auch aus den germanischen, finnischen und walisisch-keltischen Mythologien, mit denen er aufgrund seiner sprachwissenschaftlichen Studien vertraut war. Als weitere Bezugspunkte dienten Tolkien Erzählstoffe aus der klassischen griechischen Mythologie und Heldenepik, beispielsweise aus der homerischen Ilias oder Platons Darstellung des Untergangs von Atlantis, sowie diverse Märchenmotive, wie sie von den Gebrüdern Grimm aufgeschrieben wurden. Über seinen literarischen Zirkel in Oxford, den Inklings, dem unter anderem Charles Williams, C. S. Lewis und Owen Barfield angehörten, wurde Tolkien auch mit der zeitgenössischen Esoterik in deren christlich/romantisch geprägter Form vertraut.C. S. Lewis, J. R. R. Tolkien: Romantic Religion. A Study in the Work of Owen Barfield. University of Georgia Press, Athens, GA. 1971, S. 13–97.Gareth Knight: The Magical World of the Inklings. Skylight Press, Cheltenham 2010, ISBN 978-1-908011-01-5, S. 24 ff.

John Ronald Reuel Tolkien

Tolkien (* 1892; † 1973) war ein britischer Professor der Philologie (Sprach- und Literaturwissenschaft) am Pembroke College (1925 bis 1945) und Merton College (1945 bis 1959) der Universität in Oxford. Er befasste sich in seinen Studien eingehend mit mittelalterlichen – vor allem angelsächsischen – Texten, unter anderem dem altnordischen Götterlied Skírnismál oder einer englischen Bibelversion aus dem 12. Jahrhundert, die unter der Bezeichnung Ormulum bekannt ist. Robert Meadows White befasste sich ebenfalls mit den Fragmenten des Ormulums und erstellte ein Glossar mit weiteren Anmerkungen.Robert Holt (Hrsg.): The Ormulum, with the notes and glossary, of R. M. White. Clarendon Press, Oxford 1878, Band 1 (). Des Weiteren hatte Tolkien ein großes Interesse an den mittelalterlichen Vorstellungen über die Magie angelsächsischer Begräbnisplätze und an den Darstellungen von monsterhaften Erscheinungen auf den Fundstücken aus dem Schiffsgrab in Sutton Hoo.Arnulf Krause: Die wirkliche Mittelerde. S. 10. Aber auch prägende Ereignisse wie der frühe Tod seiner Eltern oder seine Liebe zu seiner späteren Ehefrau Edith Bratt fanden Einzug in Tolkiens Geschichten über Mittelerde.

Beeinflussung durch Zeitgenossen Die Suche nach anderen Welten gilt mit als typisch zeitgenössischer Aspekt des Viktorianismus. Verlin Flieger sieht in George du Maurier einen Autor mit großen Parallelen zu Tolkiens Leben und Schreiben, dessen Romane Peter Ibbetson (1891) und Trilby (1894) eine ähnliche Wirkung wie Tolkiens Fantasy gehabt hätten.Verlyn Flieger: Question of Time. J.R.R. Tolkien’s Road to Faërie. Kent State University Press, 2001, S. 35–36.

Tolkiens Werk gegenüber wurden gelegentlich auch Bezüge zum zeitgenössischen Rassismus wie zu Vorstellungen der Geopolitik vorgeworfen,Lori M. Campbel: Tolkien, Race and Cultural History: From Fairies to Hobbits. In: MFS Modern Fiction Studies. Band 57, Nr. 2, 2011, S. 355–357, doi:10.1353/mfs.2011.0058, . in Deutschland unter anderem von Niels Werber,Niels Werber: Geo- and Biopolitics of Middle-earth: A German Reading of Tolkien’s The Lord of the Rings. In: Literary History. Band 36, Nr. 2, 2005, S. 227–246, doi:10.1353/nlh.2005.0039. die den Erfolg der entsprechenden Bücher wie des gesamten Literaturgenres aber keineswegs in Frage stellen.

Es finden sich in Tolkiens Erzählungen über Mittelerde Anklänge aus den Werken von William Morris (Arts and Crafts Movement, hier insbesondere die Poesie und Erzählweise in den Romanzen), aus denen er auch inhaltliche Elemente entlehnte wie etwa die TotensümpfeHumphrey Carpenter: The Letters of J. R. R. Tolkien. Houghton Mifflin, Boston 1981, ISBN 0-395-31555-7, S. 226. oder den Düsterwald (Mirkwood). Weitere Einflüsse finden sich in Owen Barfields Kinderbuch The Silver Trumpet, der History in English Words und der Poetic Diction, aber auch in der Erzählung Marvellous Land of Snergs von Edward Wyke-Smith, die sich teilweise in der Darstellung der Ereignisse um Bilbo Beutlin im Buch Der kleine Hobbit wiederfinden.J. R. R. Tolkien, Douglas A. Anderson: Das große Hobbit-Buch.

Tolkien selbst beschrieb in seinem Essay On Fairy-Stories 1939 das Schreiben von Fantasy – er selbst benutzt den Begriff Fairy-stories, was eher als „Märchen“ zu übersetzen wäre – als Schöpfungsakt im christlichen Sinne, bei dem Worte das wesentliche Werkzeug darstellen.Verlyn Flieger: Splintered Light. Logos and Language in Tolkien’s World. Kent State University Press, Ohio 2002, S. 40 ff. Er bezieht sich dabei unter anderem auf das griechische Pneuma, welches ursprünglich „Geist“, „Windhauch“ sowie „Wort“ bedeuten konnte. Worte und Begriffe beschreiben Tolkien zufolge nicht nur eine Vorstellungswelt des Autors oder ein Wiederfinden vergessenen Wissens im Sinne des Platonschen Timaios-Dialogs (der neben der Atlantissage auch grundlegende Betrachtungen zur menschlichen Wahrnehmung enthielt) oder der Imagination im Sinne Samuel Taylor Coleridges, sondern schaffen eine eigene Welt. Grundlegend wichtig war für Tolkien dabei Owen Barfields anthroposophisch geprägte Vorstellung einer urtümlichen semantischen Einheit, der zufolge die Menschheit in ihren Anfängen bereits ein Gefühl des Kosmos und einer Anteilnahme an demselben hatte, welches seitdem verloren ging. Die ursprünglichen Begriffe hätten wie das Pneuma anfänglich größere semantische Einheiten gebildet, die sich seitdem in verschiedene Bedeutungen aufsplitterten. Für Tolkien lag, wie er später Lewis erläuterte, diese Überlegung seinem Schreiben von Fantasy zentral zugrunde, die eine Rückkehr in einen Zustand sozusagen vor dem Sündenfall ermögliche, welche er für ein menschliches Grundbedürfnis hielt. Des Weiteren führte er den Begriff der Eukatastrophe ein, einer Wendung zum Guten aus geringsten Anfängen, die er ebenso als christlich basiert beschreibt.

Übernahme von Motiven aus Mythologie und Heldensagen + Mittelalterliche Literatur, die für Tolkiens Werk von Bedeutung ist Altisländische Sagas: Isländer- und Vorzeitsagas Lieder-, Prosa-Edda und weitere Heldenepen in verschiedenen Sprachen Bárðar saga Snæfellsáss Egils saga Gísla saga Gunnlaugs saga ormstungu Grettis Saga Hervarar saga ok Heiðreks konungs Hrafnkels saga Freysgoða Hrólfs saga kraka Laxdæla saga Örvar-Odds saga Víga-Glúms saga Völsunga saga Ynglinga saga Codex Regius Fáfnismál – Reginsmál – Sigrdrífomál Gylfaginning Hávamál Skírnismál Vafþrúðnismál Völuspá

Eiríks saga viðförla Fagrskinna Gesta Danorum von Saxo Grammaticus Heimskringla Ancrene Wisse und Artusromane Beowulf und Canterbury Tales Christ von Cynewulf Getica von Jordanes Kalevala (Finnlandepos) Mabinogion Nibelungenlied Red Book of Hergest Sir Gawain and the Green Knight und Pearl Sir Orfeo Spielmannsdichtung – Orendel The Battle of Maldon The Ruin und The Wanderer

Germanische Einflüsse

mini|hochkant|Snorra-Edda von 1666 mini|hochkant|Sir Gawain und der Grüne Ritter

Mit den Einflüssen der (nord-)germanischen Mythologie auf die Werke Tolkiens befasst sich Rudolf Simek eingehend in seinem Sachbuch Mittelerde – Tolkien und die germanische Mythologie. Es beleuchtet neben den Namen und Eigenschaften wichtiger Personen und Fabelwesen das geografische Gesamtkonzept und die Verwendung der Schriftzeichen (Runenschrift) bis hin zu literarischen Werken und Motiven, die auf Tolkiens Mittelerdekonzeption Einfluss genommen haben könnten.

Rudolf Simek vermutet, dass Tolkien besonders von der Liederedda und den isländischen Vorzeitsagas fasziniert war, da er diese mehrfach in seinen Briefen erwähnt hat. Diese Texte befassen sich mit der skandinavischen Geschichte vor und während der Wikingerzeit bis etwa zum Jahr 870. Insbesondere Einzelheiten aus der Völsunga saga, aber auch dem altenglischen Beowulf, über den Tolkien eine wissenschaftliche Abhandlung (The Monsters and the Critics) verfasste, sind in seine Mythologie eingeflossen.Rudolf Simek: Mittelerde. Tolkien und die germanische Mythologie. S. 26.

Der Eine Ring

mini|hochkant|Der Eine Ring In der nordischen Mythologie spielen zwei besondere Ringe eine wichtige Rolle: Der eine ist Draupnir, der Armring Odins, von dem in jeder neunten Nacht acht gleichwertige Ringe abtropfen; daher kommt auch sein Name, welcher „der Tropfer“ bedeutet. Diesen Ring wirft Odin in das Feuer, in dem sein Sohn Balder bestattet wird. Elemente, die sich bei dem Ring Tolkiens wiederfinden, sind der Zusammenhang zwischen dem „Meisterring“ und den abhängigen, untergeordneten Ringen sowie das Feuer, in das dieser geworfen wird. Sauron versuchte nach dem Verlust seines Rings, diesen wieder an sich zu bringen, denn ohne ihn hatte er kaum noch Macht über andere Wesen. Im Gegensatz zu Sauron erlangt Odin seinen Ring von Hel zurück, denn Odins Sohn Hermodr bittet die Göttin der Unterwelt zwar erfolglos um die Rückkehr seines Bruders, erhält stattdessen aber den Ring Odins zurück. Die Gesamtzahl der von dem „Einen Ring“ Saurons beherrschten Ringe (neun für die Menschen, sieben für die Zwerge), ist ebenfalls eine durch acht teilbare Zahl. Auf die drei Ringe der Elben hatte Saurons Ring keinen Einfluss, da diese von den Elben ohne sein Zutun geschmiedet wurden, so dass Sauron sie nicht vereinnahmen konnte.J. R. R. Tolkien: Nachrichten aus Mittelerde. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2006, ISBN 3-423-20845-7, S. 318–320.

Der zweite ist der Ring des Andvari, der „Andvaranaut“, der durch Richard Wagners Opern-Adaption der Nibelungensage als „Ring des Nibelungen“ bekannt wurde. Auf diesem Ring lastet ein Fluch, der jedem, der ihn besitzt, den Tod bringt – so steht es in der Völsunga saga (Kapitel 15) beschrieben. Dieser Ring bestimmt quasi das Schicksal seiner Träger – ebenso wie in Tolkiens Erzählung, wo der Ring im Feuer des Schicksalsberges vernichtet wird.

Der Drachentöter Schon im Beowulf findet sich das Motiv des Drachentöters. Der Held Beowulf muss einen feuerspeienden Drachen bekämpfen, der seine Lande verwüstet. Er zieht mit einer Schar von Gefolgsleuten aus, um diesen zu vernichten, wird jedoch selbst getötet. Von seinen Gefährten steht ihm im entscheidenden Moment nur einer zur Seite. Dieses Element findet sich in der Geschichte der Kinder Húrins wieder, als Túrin Turambar den Feuerdrachen Glaurung durch einen Stich mit dem Schwert in dessen ungeschützte Unterseite tödlich verletzt. Auch Túrin stirbt kurz darauf, wenngleich nicht direkt durch eine Verletzung, sondern durch den Betrug und die Arglist des Drachen, als er die Wahrheit über sein vom Bösen vorherbestimmtes Schicksal erkennen muss und sich selbst das Leben nimmt.

Im Neuen Testament ist es der Erzengel Michael, der mit dem Teufel in Drachengestalt kämpft. Zwar tötet er diesen nicht, schleudert ihn jedoch auf die Erde hinab. Auch bei Tolkien steht hinter den Drachen das Böse in Gestalt des verbannten Valar Melkor, der die Erde mit Schrecken überzieht.

mini|hochkant|Siegfried und der Drache Fáfnir