MERS-CoV ( ; Spezies Betacoronavirus cameli) ist eine im Jahr 2012 erstmals identifiziertes Virus aus der Familie Coronaviridae, das beim Menschen eine schwere Infektion der Atemwege, Lungenentzündung und Nierenversagen verursachen kann. Bislang hatten alle Infektionen ihren Ursprung auf der Arabischen Halbinsel mit Schwerpunkt in Saudi-Arabien. Die den Gesundheitsbehörden bekannt gewordenen Erkrankungen verliefen meist schwer und oft tödlich; jedoch ist nicht bekannt, welcher Anteil der infizierten Personen eine Erkrankung entwickelt.WHO Press Statement Related to the Novel Coronavirus Situation. Auf: who.int vom 12. Mai 2013. Aufgrund des bisherigen epidemiologischen Musters der Ausbreitung ist davon auszugehen, dass das MERS-CoV nur schwer von Mensch zu Mensch übertragen wirdWHO concludes a MERS-CoV risk assessment mission in the United Arab Emirates. Erklärung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) vom 6. Juni 2014. und dass die primären Wirtsorganismen wahrscheinlich Fledertiere sind,Ziad A. Memish et al.: Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus in Bats, Saudi Arabia. In: Emerging Infectious Diseases. Band 19, Nr. 11, 2013; doi:10.3201/eid1911.131172 ()Ndapewa Laudika Ithete et al.: Close Relative of Human Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus in Bat, South Africa. In: Emerging Infectious Diseases. Band 19, Nr. 10, 2013; doi:10.3201/eid1910.130946 (). von denen es – über Dromedare als ZwischenwirtJamal S. M. Sabir et al.: Co-circulation of three camel coronavirus species and recombination of MERS-CoVs in Saudi Arabia. In: Science, Band 351, Nr. 6268, 2016, S. 81–84; doi:10.1126/science.aac8608 ().Chantal BEM Reusken et al.: Middle East respiratory syndrome coronavirus neutralising serum antibodies in dromedary camels: a comparative serological study. In: The Lancet Infectious Diseases. Band 13, Nr. 10, 2013, S. 859–866; doi:10.1016/S1473-3099(13)70164-6 (). Dazu:vergl. aber auch: Kai Kupferschmidt: Researchers Scramble to Understand Camel Connection to MERS. In: Science. Band 341, Nr. 6147, 2013, S 702, doi:10.1126/science.341.6147.702 ().Kai Kupferschmidt: The Camel Connection. In: Science, Band 343, Nr. 6178, 2014, S. 1422–1425; doi:10.1126/science.343.6178.1422 (). – sporadisch auf Menschen übertragen wird.
Bislang existiert keine erprobte und sichere antivirale Therapie. Die Behandlung der Erkrankten beschränkt sich daher auf die Linderung der Symptome. Reisewarnungen oder Handelsbeschränkungen werden von der WHO nicht befürwortet (Stand: Mai 2022).Middle East respiratory syndrome coronavirus (MERS-CoV). Auf: who.int vom 11. März 2019, zuletzt abgerufen am 31. Mai 2022.
Eine offizielle eingedeutschte Bezeichnung existiert bislang weder für das Virus noch für das Krankheitsbild; wörtlich übersetzt steht die Abkürzung MERS-CoV für „Nahost-Atemwegssyndrom-Coronavirus“. Das Akronym MERS-CoV wurde der Benennung des verwandten Virus SARS-CoV – Erreger des schweren akuten Atemwegssyndroms (SARS) – nachempfunden.
Entdeckung Im Juni 2012 starb ein Patient in London an einer akuten, schweren Atemwegserkrankung, der mit diesen respiratorischen Symptomen aus seiner Heimatstadt Dschidda in Saudi-Arabien zur intensivmedizinischen Behandlung nach Großbritannien verlegt worden war. Zusätzlich trat bei ihm in einem sehr frühen Erkrankungsstadium ein akutes Nierenversagen auf. Eine uncharakteristische Form einer Lungenentzündung (atypische Pneumonie) ließ unter anderem eine Virusinfektion vermuten. Nachdem alle üblichen virologischen Nachweisverfahren für bekannte respiratorische Viren ohne Ergebnis geblieben waren, konnte bei der Suche mit nicht spezies-spezifischen Methoden (Pan-Corona-PCRChristian Drosten et al.: Identification of a novel coronavirus in patients with severe acute respiratory syndrome. In: The New England Journal of Medicine, Band 348, 2013, S. 1967–1976; doi:10.1056/NEJMoa030747, PMID 12690091 ().), die schon bei der Identifizierung des SARS-Coronavirus 2002 entwickelt wurden, ein Genabschnitt eines bis dahin unbekannten Coronavirus nachgewiesen werden.
Anfang September 2012 erkrankte in Katar ein weiterer Patient an einer schweren, respiratorischen Infektion und einem zusätzlichen akuten Nierenversagen. Auch dieser Patient wurde zur Weiterbehandlung nach London verlegt. Er hatte sich kurz vor Auftreten der ersten Symptome in Saudi-Arabien aufgehalten. Bei diesem Patienten konnte das im Juni 2012 erstmals gefundene Virus ebenfalls identifiziert werden. Die sequenzierten Genfragmente der von diesen beiden Patienten im Abstand von drei Monaten isolierten Viren stimmten fast überein, so dass von einem in der menschlichen Population neu aufgetretenen Coronavirus ausgegangen wurde. Aufgrund der Sequenzähnlichkeit wurde das neu aufgetretene Virus vorläufig der Gattung Betacoronavirus (jetzt HCoV-EMC, EMC: Erasmus Medical Center) zugeordnet.
Bis Ende November 2012 waren neun Erkrankungsfälle mit dem neuen Virus bekannt, die alle ihren Ursprung auf der Arabischen Halbinsel (Saudi-Arabien fünf Fälle, Katar zwei) oder im Nahen Osten (Jordanien ebenfalls zwei) hatten; von den neun Erkrankten waren bis dahin fünf verstorben.. Im Original publiziert auf who.int vom 30. November 2013. Die beiden erkannten Fälle aus Jordanien entstammen einer Gruppe von Lungenentzündungen aus dem April 2012, die anhand aufbewahrter Proben nachträglich im Konsiliarlabor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Kairo identifiziert wurden. Beide Patienten waren im Frühjahr 2012 erkrankt und kurz darauf an der Lungenentzündung verstorben.
Anfang Juli 2013 berief die Weltgesundheitsorganisation (WHO) „als Folge der wachsenden internationalen Besorgnis über MERS-CoV“ den Notfallausschuss (Emergency Committee) aus Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen ein, welcher der WHO-Generaldirektion beratend zur Seite steht.WHO to convene emergency committee on MERS-CoV. Auf: euro.who.int vom 8. Juli 2013.WHO statement on the Sixth Meeting of the IHR Emergency Committee concerning MERS-CoV. Sachstandsbericht des WHO Emergency Committee vom 17. Juni 2014. Eine gesundheitliche Notlage internationaler Tragweite wurde aber von der WHO nicht festgestellt;Wie gefährlich ist das Virus aus Saudi-Arabien? Auf: stern.de vom 9. März 2015.MERS-CoV – Qatar. Auf: who.int vom 12. März 2020. MERS-CoV wird vielmehr (Stand: Juni 2022) nur als „Priority Disease“ eingestuft,Prioritizing diseases for research and development in emergency contexts. Auf: who.int, zuletzt abgerufen am 31. Mai 2022. als eine Krankheit, deren Erforschung und Entwicklung von Medikamenten höchste Priorität eingeräumt werden muss.
Systematik MERS-CoV wurde auf der Basis von Sequenzvergleichen der viralen Genome vorläufig als unklassifizierte Spezies der Gattung Betacoronavirus zugeordnet. Innerhalb der Gattung zeigt es eine enge Verwandtschaft zu zwei anderen Coronaviren bei Fledermäusen, dem BatCoV-HKU5 und BatCoV-HKU4. Diese gehören zum sogenannten Cluster 2c innerhalb der Gattung. Von den humanpathogenen Betacoronaviren SARS-CoV, HCoV-OC43 und HCoV-HKU1 ist es auf der Ebene der Genomsequenz deutlich verschieden.Ali M. Zaki et al.: Isolation of a novel coronavirus from a man with pneumonia in Saudi Arabia. In: New England Journal of Medicine, Band 367, Nr. 19, 2012, S. 1814–1820; doi:10.1056/NEJMoa1211721 (Volltext, PDF; 556 kB), PMID 23075143 (). Bislang wird innerhalb der Spezies MERS-CoV das Isolat „Betacoronavirus England 1“ beschrieben.
Zunächst wurde das Virus als Humanes Betacoronavirus 2c EMC/2012 (HCoV-EMC), als Humanes Coronavirus EMC und auch als „Neues Coronavirus“ (NCoV) bezeichnet. Die des (ICTV) gab schließlich am 15. Mai 2013 bekannt, dass die offizielle Bezeichnung des Virus (MERS-CoV) lautet.Raoul J. de Groot et al.: Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus (MERS-CoV); Announcement of the Coronavirus Study Group. In: Journal of Virology. Band 87, Nr. 14, 2013, S. 7790–7792; doi:10.1128/JVI.01244-13 (). vgl. dazu die Fußnote in: . Im Original publiziert auf who.int vom 23. Mai 2013.
Die Speziesbezeichnung wurde inzwischen vom ICTV als Betacoronavirus cameli vorgegeben.ICTV: Virus Metadata Resource (VMR). Das Virus ist eng verwandt mit dem Zwergfledermaus-Coronavirus HKU5 (auch Pipistrelli-Fledermauscoronavirus HKU5, Spezies Betacoronavirus pipistrelli), ein Überspringen dieses Virus auf dem Menschen (Zoonose, ) ist eine potentielle Gefahr.
Krankheitsentstehung Das Betacoronavirus besitzt auf seiner Oberfläche ein Protein mit der englischen Bezeichnung spike (Stachel), womit es an das auf menschlichen Lungenzellen befindliche Protein Dipeptidylpeptidase 4 (DPP4) andockt. Wie fest sich das Virus an diesen Rezeptor bindet, entscheidet darüber, ob das Virus anschließend in die betreffende Zelle eindringen und sie damit infizieren kann.V. Stalin Raj et al.: Dipeptidyl peptidase 4 is a functional receptor for the emerging human coronavirus-EMC. In: Nature, Band 495, Nr. 7440, 2013, S. 251–254; doi:10.1038/nature12005, PMID 23486063 ().
Forscher des National Institute of Health in Hamilton (Montana) fanden durch Studien an Rhesusaffen heraus, dass das Virus sich offenbar nur in bestimmten Zellen tief in der Lunge vermehrt. Dies könnte sowohl eine Erklärung für die Schwere der Erkrankungen als auch für die geringe Übertragbarkeit der Viren von Mensch zu Mensch sein.Emmie de Wit et al.: Middle East respiratory syndrome coronavirus (MERS-CoV) causes transient lower respiratory tract infection in rhesus macaques. In: PNAS, Band 110, Nr. 41, 2013, S. 16598–16603; doi:10.1073/pnas.1310744110 ().
In Analogie zu anderen Coronaviren und respiratorischen Viren galt es nach Entdeckung der ersten Erkrankungen als sehr wahrscheinlich, dass MERS-CoV ebenfalls durch Tröpfcheninfektion und durch Schmierinfektion übertragen wird. Dabei sind respiratorische Sekrete aus der Nase und dem oberen Atemtrakt von Infizierten bedeutsam, die durch Sprechen,Santiago Barreda et al.: Aerosol emission and superemission during human speech increase with voice loudness. In: Scientific Reports. Band 9, Artikel Nr. 2348, 2019; doi:10.1038/s41598-019-38808-z (). Niesen, Husten und davon verunreinigte Hände weitergegeben werden. Bei einem in Deutschland behandelten Erkrankten aus Abu Dhabi wurden diese Vermutungen schließlich bestätigt:Christian Drosten et al.: Clinical features and virological analysis of a case of Middle East respiratory syndrome coronavirus infection. In: The Lancet Infectious Diseases, Band 13, Nr. 9, 2013, S. 745–751; doi:10.1016/S1473-3099(13)70154-3 (). Die größte Virenlast wurde in den unteren Atemwegen des Patienten nachgewiesen, geringere Erregermengen fanden die Ärzte im Urin und im Stuhl; der Patient war in München im März 2013 nach Lungenentzündung und Nierenversagen an einer Blutvergiftung und an Multiorganversagen gestorben.
Fragmente von Viruserbgut wurden auch in der Luft eines Stalles nachgewiesen, in dem sich infizierte Dromedare aufgehalten hatten. Die Fragmente waren sowohl identisch mit Virusproben aus den infizierten Dromedaren als auch mit Virusproben des mit MERS-CoV infizierten Stallbesitzers.Esam I. Azhar et al.: Detection of the Middle East Respiratory Syndrome Coronavirus Genome in an Air Sample Originating from a Camel Barn Owned by an Infected Patient. In: mBio, Band 5, Nr. 4, 2014, e01450-14; doi:10.1128/mBio.01450-14 ().
Die Inkubationszeit beträgt meist weniger als eine Woche, beobachtet wurden jedoch auch Einzelfälle von neun bis zwölf Tagen. Robert-Koch-Institut (Hrsg.): Epidemiologisches Bulletin. Nr. 31/2013, S. 285, Volltext (PDF; 120 kB).
Menschen mit erheblichen Vorerkrankungen wie Diabetes mellitus oder chronisch obstruktiver Lungenerkrankung, mit Immundefekten oder zurückliegendem Nierenversagen wird von der Weltgesundheitsorganisation empfohlen, sich von Kamelen fernzuhalten, keine Kamel-Rohmilch zu trinken und auch andere möglicherweise durch Kamele kontaminierte Nahrung zu meiden.. Im Original publiziert auf who.int vom 13. Juni 2014.