mini|Allegorie der Acedia mit störrischem Esel (Comburg, 1715) Acedia (latinisiert aus , später , „Sorglosigkeit, Nachlässigkeit, Nichtsmachenwollen“ von „Sorge“ mit Alpha privativum) ist ein Ausdruck der christlichen Spiritualität und bezeichnet eine Haltung, die sich „gegen Sorge, Mühe oder Anstrengung wendet“ und darauf „mit Abneigung, Überdruss oder Ekel“ reagiert.Johannes Baptist Lotz: Acedia. In: Christian Schütz (Hrsg.): Praktisches Lexikon der Spiritualität. Herder, Freiburg 1992, ISBN 3-451-22614-6, S. 9. Der Katechismus der Katholischen Kirche setzt die Acedia mit geistiger Trägheit gleich und vergleicht sie mit dem, was heute als Depression bezeichnet wird.Katechismus der katholischen Kirche Nr. 2094 und Nr. 2733 (Kopien im Internet Archive).
Definitionen Mögliche deutsche Synonyme dafür wären Ekel, Langeweile, Trägheit, Mutlosigkeit, Mattigkeit, Widerwillen, Schwermut – doch erscheint die Übersetzung mit „Überdruss“ als die treffendste, da darin alle anderen Bedeutungen mitschwingen (vgl. CassianCassian nennt die acedia „Überdruss“ oder „Angst des Herzens“, in: Johannes Cassian, Spannkraft der Seele. Einweisung in das christliche Leben I, hrsg. von Gertrude und Thomas Sartory, Freiburg 1981, S. 82 f und BungeGabriel Bunge, Akedia, S. 47.).
Der Wüstenvater Evagrios Pontikos setzte die Acedia mit der antiken Vorstellung des Mittagsdämons gleich (vgl. : „Seuche, die wütet am Mittag“). Die Einsiedler in der Wüste waren Hitze, Hunger, Durst, Einsamkeit und Eintönigkeit ausgesetzt und schrieben ihre Bedrängnis diesem Dämon zu. In seinem Werk Praktikos schreibt Evagrios darüber:
Mit anderen Worten ist sie das Laster der geistigen Trägheit, eine Erschlaffung der Seele, die Stagnation, eine Sackgasse in physischer und psychischer Hinsicht, und insbesondere beim Mönch eine widerwillige „Verschlossenheit gegenüber Gott, der einen sonst mit Leben erfüllt“Rüdiger Safranski: Zeit. Was sie mit uns macht und was wir aus ihr machen. Hanser, München 2015, ISBN 978-3-446-23653-0, S. 28.. Für Evagrios ist die Acedia von allen Lastern und Hindernissen das größte.
Nach christlich-theologischer Lehre gilt sie als eine der sieben (nach anderer Tradition: acht) Wurzelsünden oder Hauptlaster.Anton Rotzetter: Acedia. In: Ders.: Lexikon christlicher Spiritualität. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-16689-3, S. 13. Sie kann zur schweren Sünde werden, wenn sie wichtige Verpflichtungen vernachlässigen lässt.
Das Wesen der Acedia Dieses Konglomerat an drückenden negativen Stimmungen wird dem Wüstenvater Evagrios zufolge durch eine Verflechtung von Begehren und Zornmut verursacht. In seiner Reaktionsmöglichkeit hat der Mensch zwei Bewegungsrichtungen, Anhaften und Abneigung bzw. Begehren und Zorn. Tritt der Fall ein, dass diese beiden in sich verflochten sind (d. h. kommt es zu einer Begehren-Zorn-Verknotung), so führt dies bei der betreffenden Person zu einer ganzheitlichen Lähmung, die ihre emotionale Entsprechung in den bereits erwähnten Formen von Schwermut, Trägheit, Überdruss etc. hat. Evagrios schreibt dazu:
Charakteristisch ist demnach neben der Lähmung der Person durch den „komplexen Gedanken“ auch der Zeitfaktor, also eine lang andauernde Bedrängnis, sowie die Verdunkelung des Intellekts (vgl. griech. nous), der so für eine tiefergehende Erkenntnis seiner selbst unbrauchbar wird. Die Acedia wird daher als ein in höchstem Maße irrationales Phänomen bezeichnet.Gabriel Bunge, Akedia, S. 60.
Typische Anzeichen mini|„Melancholy“ von Domenico Fetti Die sechs „Töchter der Acedia“ sind nach Gregorius beim Kirchenlehrer Thomas von Aquin:Summa theologica IIa-IIæ q. 35 art. 4 ad 2. Bosheit, Auflehnung/Groll, Kleinmütigkeit, Verzweiflung, stumpfe Gleichgültigkeit gegenüber den Geboten bzw. Vorschriften, Schweifung des Geistes in Richtung des Unerlaubten.So das Zitat; die von St. Thomas selbst weiter unten in seiner Diskussion der Gregorius-Stelle (ib. ad 3) benutzte Form ist evagatio mentis ‚Ausschweifung des Geistes‘.
Bunge führt unter Bezugnahme auf Evagrios verschiedenartige acedische Ausformungen an. Das erste und sicherste Anzeichen ist demnach eine „innere Unrast“, die sich z. B. darin äußert, dass der Lebenspartner, die Gesellschaft unserer Freunde, der erlernte Beruf oder der angestammte Wohnort als die scheinbare Ursache großer Unzufriedenheit angesehen werden. Daraus ergibt sich auch der Drang zu Reisen als altes Antimelancholikum.
Weiter finden sich nach Bunge folgende Anzeichen:
Ablenkung und Zerstreuung (der für die Acedia so charakteristische Drang nicht nur allgemein nach Abwechslung, sondern speziell nach menschlicher Gesellschaft) Die Furcht vor körperlichen Erkrankungen Die Mitmenschen werden für das eigene Unglück verantwortlich gemacht (Täuschung und Selbsttäuschung führen Menschen in die Irre, weil ihnen der wahre Charakter ihrer Depression verborgen geblieben ist. Als Wurzel aller Übel wird bei Evagrios die „Selbstverliebtheit“ genannt) Vorgetäuschte Tugendwerke (ein oftmals karitativer Aktivismus, um den inneren Stillstand und die eigene Leere zu verbergen) Verdrossenheit und Minimalismus bei der spirituellen Praxis Zweifel an der Echtheit der eigenen Berufung oder LebensformGabriel Bunge, Akedia, S. 71 ff.
Theologisch wird die Haltung der Acedia vielfach dahingehend verstanden, dass einem insbesondere das zu viel ist, was Gott von einem verlangt. In anthropologischer Sicht wird sie von Josef Pieper dahingehend erfasst, dass „der Mensch sich dem Anspruch versage, der mit seiner eigenen Würde gegeben ist […], daß der Mensch seinem eigenen Sein letztlich nicht zustimmt“.Josef Pieper: Muße und Kult. Kösel, München 1948, S. 48.
Durch die persönlich empfundene Gnadenlosigkeit und Schwere, aber insbesondere auch durch die Eigenschaft lange anzudauern, kann die Acedia einen Menschen zur Verzweiflung bringen. Auch die Möglichkeit eines Selbstmordes als scheinbare Befreiung aus der inneren Leere und Ausweglosigkeit wird bei Evagrios Pontikos angedeutet und natürlich verworfen.Gabriel Bunge, Akedia, S. 91.
Ausweg Um diese innerliche Verflechtung zu lösen, bildet nach Evagrios in Bezug auf die Leidenschaften ein tugendhaftes Verhalten im Denken und Tun die Grundlage, ebenso wie ein anhaltendes Selbst-Gewahrsein. Mit den Worten des Wüstenvaters:
Demnach ist eine sorgfältige Selbstbeobachtung nötig, was heute als Achtsamkeit bezeichnet wird, um sich der innerlichen emotionalen Mechanismen gewahr zu werden. Des Weiteren wird auf die Bedeutung eines „beständigen Ausharrens“ in diesem Gewahrsein hingewiesen. Josef Pieper schreibt darüber: „Die Versuchung zur acedia und zur Verzweiflung wird überwunden einzig durch den wachen Widerstand des aufmerksam eindringenden Blickes.“Josef Pieper, Werke, Bd. IV, 282. Die beharrliche und mönchisch ganz auf sich selbst gestellte innere Haltung zur Auflösung des acedischen Knotens beschreibt der Wüstenvater wie folgt:
Zuletzt weist Evagrios auf die positiven Auswirkungen hin, die einen erwarten, nachdem man siegreich aus dem inneren Kampf hervorgegangen ist:
Literatur Gabriel Bunge: Akedia – Die geistliche Lehre des Evagrios Pontikos vom Überdruss, Beuroner Kunstverlag, Beuron 2017, ISBN 978-3-87071-347-8. Rüdiger Augst: Lebensverwirklichung und christlicher Glaube – Acedia – religiöse Gleichgültigkeit als Problem der Spiritualität bei Evagrios Ponticos. Dissertation. Universität des Saarlandes 1988. Lang, Frankfurt am Main 1990, ISBN 3-631-42694-1. Johannes Baptist Lotz: Acedia. In: Christian Schütz (Hrsg.): Praktisches Lexikon der Spiritualität. Herder, Freiburg 1992, ISBN 3-451-22614-6, S. 9. Josef Pieper: Über die Hoffnung. Hegner, Leipzig 1935. Johannes, Freiburg im Breisgau 2006, ISBN 3-89411-394-4, S. 55 ff. Werner Post: Acedia – Das Laster der Trägheit. Zur Geschichte der siebten Todsünde. Herder, Freiburg im Breisgau 2011, ISBN 978-3-451-34116-8. Anton Rotzetter: Acedia. In: Ders.: Lexikon christlicher Spiritualität. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2008, ISBN 978-3-534-16689-3, S. 13–14. Michael Theunissen: Vorentwürfe der Moderne. Antike Melancholie und die Acedia des Mittelalters. De Gruyter, Berlin 1996, ISBN 3-11-015216-9. Jürgen Werner: Die sieben Todsünden. Einblicke in die Abgründe menschlicher Leidenschaft. DVA, Stuttgart 1999, ISBN 3-421-05278-6. Augustinus Karl Wucherer-Huldenfeld: Maskierte Depression und „Trägheit“ in der klassischen Achtlasterlehre. Zur Aktualität der Frühgeschichte christlicher Spiritualität und Psychotherapie. In: Evangelische Theologie, Jg. 57 (1997), S. 338–363.
Weblinks
Thomas von Aquin: Summa Theologiae, II, II, Quaestiones XXXIV–XLIII (lateinisch). Eine Traurigkeit, die das Verlangen nach Gott zersetzt (PDF, 78 kB), Rundbrief von Generalabt Dom Bernardo Olivera OCSO, abgerufen am 19. April 2011. Hilfsgerüst zum Thema: „Überdruß“ (Acedia). William J. Hoye, 2007. Anselm Grün über die Todsünde der Trägheit, www.erzdioezese-wien.at.
Einzelnachweise
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