Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation (englisch World in Transition – A Social Contract for Sustainability) ist der Titel des Hauptgutachtens des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU) aus dem Jahr 2011. Es wurde im Vorfeld der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung 2012 (Rio+20) erstellt. Hauptanliegen der Autoren ist es, eine weltweite Transformation zu einer klimaverträglichen Gesellschaft ohne Nutzung fossiler Brennstoffe in Gang zu setzen bzw. zu beschleunigen.Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. WBGU, 2011. S. 29 Der WBGU spricht sich dabei unter anderem für den Ausbau erneuerbarer Energien und gegen die Nutzung der Kernenergie aus.

Das Gutachten wurde am 7. April 2011 Umweltminister Norbert Röttgen und Forschungsministerin Annette Schavan überreicht.BMBF: – Zusammenfassung und Links. Abgerufen am 16. Februar 2013.BMBF: vom 7. April 2011. Abgerufen am 17. Februar 2013.Regierungsberater fordern radikale Energiewende. auf: Spiegel Online. 7. April 2011. Abgerufen am 16. Februar 2013. Inzwischen liegt es auch in englischer Sprache vor.WBGU: Hauptgutachten auf Englisch Ein Videoseminar mit Vorträgen und Interviews der Autoren wurde 2012 erstellt.WBGU: Abgerufen am 18. Februar 2013. Ende Februar 2013 ist ein Comic erschienen, der das Gutachten allgemeinverständlich erklären soll.WBGU: Die große Transformation. Homepage der Herausgeber des Comics. Abgerufen am 1. März 2013.Christopher Schrader: Forscher als Comic-Helden. Süddeutsche.de, 1. März 2013. Abgerufen am 1. März 2013.Susanne Harmsen: Eine Aufgabe für die ganze Welt. Kritik des Comics auf Deutschlandradio Kultur vom 20. Mai 2013. Abgerufen am 20. Mai 2013. Ob dieses Ziel tatsächlich erreicht wird, wurde in einer von Reinhold Leinfelder geleiteten und vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und der Freien Universität Berlin geförderten Studie untersucht. Zudem wurden Unterrichtsmaterialien zu den Inhalten des Gutachtens veröffentlicht.Claudia Zea-Schmidt, Alexandra Hamann: (PDF). Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin, 2013. Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. 9. Januar 2014. Abgerufen am 1. März 2014.

Autoren des Hauptgutachtens Hans Joachim Schellnhuber (Vorsitzender), Direktor des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Dirk Messner (stellv. Vorsitzender), Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik Claus Leggewie, bis 2017 Direktor des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen Reinhold Leinfelder, Professor am Institut für Biologie der Humboldt-Universität zu Berlin Nebojsa Nakicenovic, Professor für Energiewirtschaft, Technische Universität Wien (TU Wien) und Deputy Director, International Institute for Applied Systems Analysis (IIASA) Stefan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane, Universität Potsdam, und Leiter der Abteilung Klimasystem am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung Sabine Schlacke, Professorin für Öffentliches Recht, Universität Bremen Jürgen Schmid, bis 2012 Leiter des Fraunhofer-Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik, IWES Renate Schubert, Professorin für Nationalökonomie und Direktorin des Instituts für Umweltentscheidungen, Eidgenössische Technische Hochschule Zürich

Hintergrund Wesentlicher Hintergrund des Hauptgutachtens sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum anthropogenen Klimawandel (globale Erwärmung) und seiner Folgen. Die Autoren beziehen sich dabei auf die Ergebnisse des IPCC und früherer Gutachten des WBGU. Zentrales Konzept ist die Abschätzung von Schadensgrenzen oder Planetarischer Leitplanken (Planetary Boundaries), „deren Überschreitung heute oder in Zukunft intolerable Folgen mit sich brächte“. Es gibt „einen globalen politischen Konsens darüber, dass eine rasch erfolgende Erderwärmung von mehr als 2 Grad Celsius die Anpassungsfähigkeit unserer Gesellschaft überfordern würde“: So haben die deutsche Bundesregierung, die Europäische Union (2005), und die 194 Mitgliedstaaten der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (auf der UN-Klimakonferenz in Cancún 2010) das Zwei-Grad-Ziel anerkannt. Nach Aussage des WBGU muss innerhalb der nächsten 10 Jahre die Trendwende der Treibhausgas­emissionen erreicht werden, damit die 2-°C-Leitplanke (siehe Zwei-Grad-Ziel) noch eingehalten werden kann. Daher steht die „Transformation zur klimaverträglichen Gesellschaft“ im Zentrum des Gutachtens.

In ihrer Bedeutung sei diese Wende von der fossilen zur postfossilen Gesellschaft vergleichbar mit den beiden bisher fundamentalsten Transformationen der Menschheitsgeschichte: der Neolithischen Revolution (Erfindung und Verbreitung von Ackerbau und Viehzucht), sowie der Industriellen Revolution (Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft). Letztere hat der ungarische Ökonom Karl Polanyi (1944) als „Great Transformation“ beschrieben. Hierauf bezieht sich auch die Namensgebung des Berichts. Zudem beziehen sich die Autoren auf die Idee des Gesellschaftsvertrags (Contrat social) von Jean Jacques Rousseau als Grundlage moderner Demokratie.Interview mit Prof. Schellnhuber im Rahmen des Videoseminars zum Hauptgutachten

Vorläufer und vergleichbare Studien war für Deutschland die Studie Zukunftsfähiges Deutschland (1996), sowie global die Great Transition Studie, 2002.

Potsdam-Memorandum und weitere Entwicklung miniatur|V. l. n. r.: Tobias Dürr, Ralf Fücks, Jürgen Trittin, Ottmar Edenhofer und Frank-Walter Steinmeier bei der Podiumsdiskussion der Heinrich-Böll-Stiftung 2011 zur Großen Transformation Im Jahr 2007 wurde auf dem von Hans Joachim Schellnhuber initiierten Nobelpreisträgersymposium Global Sustainability: A Nobel Cause in PotsdamJürgen Kaube: Es kommen härtere Tage. In: FAZ, 9. Oktober 2007. Abgerufen am 31. März 2013. das sog. Potsdam-Memorandum verabschiedet.Potsdam-Memorandum. (PDF; 67 kB) Deutsche Textfassung. Abgerufen am 3. März 2013.Nobelpreisträger einigen sich auf globale Zielvorstellung – ein Vorschlag zur Großen Transformation. Presseerklärung, 10. Oktober 2007. Abgerufen am 3. März 2013. Es hatte die Notwendigkeit einer Großen Transformation zum Inhalt, sowie wesentliche Aspekte, die später im Hauptgutachten beschrieben wurden. Das Memorandum wurde von 15 Nobelpreisträgern unterzeichnet, die Ergebnisse wurden in einem Buch veröffentlicht.H. J. Schellnhuber u. a.: Global Sustainability – A Nobel Cause. Cambridge University Press, Cambridge / New York 2010, ISBN 978-0-521-76934-1. Auch das Sondergutachten des WBGU 2009 Kassensturz für den Weltklimavertrag – Der Budgetansatz nahm hierauf Bezug.WBGU: Sondergutachten 2009. Beim zweiten Nobelpreisträgersymposium im Mai 2009 in London unterzeichneten 60 Nobelpreisträger das Memorandum, das auf die Notwendigkeit zum schnellen Handeln aufmerksam machte: „Der Fluchtpunkt aller Überlegungen und Anstrengungen muss eine moderne Weltgesellschaft ohne Nutzung fossiler Brennstoffe sein („Zero-Carbon Economy“). Die Tür zu dieser Entwicklung muss umgehend aufgestoßen werden!“.St. James’s Palace Memorandum. „Handeln für eine klimaverträgliche und gerechte Zukunft“. London, Großbritannien, 26. bis 28. Mai 2009.

Im Juni 2009 fand in Essen die internationale Konferenz The Great Transformation. Climate Change as Cultural Change statt.Internationale Konferenz: Climate Change as Cultural Change. 8.–10. Juni 2009, Essen, Deutschland (Kongresshomepage mit Informationen und Downloads). Abgerufen am 17. Februar 2013.

Beim 3. Nobelpreisträgersymposium 2011 in Stockholm wurde die Forderung nach einer Großen Transformation wiederholt.The Stockholm Memorandum. Tipping the Scales towards Sustainability. 3rd Nobel Laureate Symposium on Global Sustainability, Stockholm, Schweden, 16.–19. Mai 2011. Die Schlussfolgerungen dieses Symposiums wurden unter anderem auf der Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung im Juni 2012 präsentiert.The Future We Choose. Declaration from the High-level Dialogue on Global Sustainability, Konferenz der Vereinten Nationen über nachhaltige Entwicklung, Rio de Janeiro, 17. Juni 2012 (PDF; 614 kB). Abgerufen am 16. Februar 2013.

Auch beim internationalen WBGU-Symposium „Towards Low-Carbon Prosperity: National Strategies and International Partnerships“ im Mai 2012, bei dem Bundeskanzlerin Angela Merkel die Eröffnungsrede hielt, wurde auf das WBGU-Gutachten zur „Großen Transformation“ eingegangen.WBGU: (Wege zum klimaverträglichen Wohlstand: Nationale Strategien und internationale Partnerschaften). Internationales Symposium, 9. Mai 2012, Berlin.

Ende 2011 initiierte das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) den Förderschwerpunkt Umwelt- und gesellschaftsverträgliche Transformation des Energiesystems im Rahmen der sozial-ökologischen Forschung (BMBF-Rahmenprogramm Forschung für nachhaltige Entwicklungen, FONA)https://www.fona.de/. Forschungsschwerpunkte sind (1) die Darstellung und Bewertung von Entwicklungsoptionen des Energiesystems, (2) die Analyse von gesellschaftlichen Voraussetzungen für die Akzeptanz der Transformation und die aktive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, sowie (3) Governance des Transformationsprozesses (einschließlich ökonomischer Instrumente).BMBF: Bekanntmachung, 7. Dezember 2012. Abgerufen am 21. März 2013. Im März 2012 fand in diesem Kontext die Konferenz Sozial-ökologische Forschung für eine zukunftsfähige Gesellschaft statt, bei der Hans Joachim Schellnhuber den Einführungsvortrag hielt.BMBF-Agenda-Konferenz am 19./20. März 2012: Programm. PDF, abgerufen am 21. März 2013. Die Projektförderung begann 2013.FONA: BMBF-Förderinitiative zur "Umwelt- und gesellschaftsverträglichen Transformation des Energiesystems". Abgerufen am 21. März 2013.

Ziele Als wichtigstes Ziel nennt der WBGU die Reduktion der CO2-Emissionen aus der Nutzung fossiler Energieträger. Das zweite große Ziel sei die Überwindung der weltweiten Energiearmut. Dabei rät der WBGU explizit von der Kernenergienutzung ab. Eine globale DekarbonisierungSiehe Decarbonisation in englischsprachiger Wikipedia der Energiesysteme sei technisch und volkswirtschaftlich möglich; die langfristigen volkswirtschaftlichen Kosten würden bei wenigen Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts liegen.

Transformationsstrategie des WBGU Der historische Normalfall sei bisher gewesen, eine Richtungsänderung erst als Reaktion auf Krisen und Katastrophen vorzunehmen. Dies gelte es zu vermeiden, und stattdessen „einen umfassenden Umbau aus Einsicht, Umsicht und Voraussicht“ anzutreiben. Der Gesellschaftsvertrag kombiniere eine Kultur der Achtsamkeit (aus ökologischer Verantwortung) mit einer Kultur der Teilhabe (als demokratische Verantwortung) sowie einer Kultur der Verpflichtung gegenüber zukünftigen Generationen (Zukunftsverantwortung). Die Transformation müsse wissensbasiert sein, auf einer gemeinsamen Vision beruhen und vom Vorsorgeprinzip geleitet sein. Sie stütze sich auf „Pioniere des Wandels“, die neue Entwicklungsmöglichkeiten testen und vorantreiben. Zudem erfordere diese Transformation einen „gestaltenden Staat“, der Entfaltungsmöglichkeiten eröffne, Weichen für den Strukturwandel stelle und die Implementierung klimaverträglicher Innovationen absichere. Unerlässlich sei eine Kooperation der Internationalen Staatengemeinschaft sowie der Aufbau von Strukturen für globale Politikgestaltung (Global Governance).Welt im Wandel – Gesellschaftsvertrag für eine Große Transformation. Zusammenfassung für Entscheidungsträger, WBGU, 2011.

Vorgeschlagene Maßnahmen

Handlungsempfehlungen Das Expertengremium empfiehlt transformative Maßnahmen in folgenden Bereichen: Energiesektor Urbanisierung Landnutzung

Bezüglich konkreter Handlungsoptionen werden zehn transformative Maßnahmenbündel beschrieben: Den gestaltenden Staat mit erweiterten Partizipationsmöglichkeiten ausbauen CO2-Bepreisung global voranbringen Europäisierung der Energiepolitik ausweiten und vertiefen