Erich Schmid (* 14. Oktober 1908 in Wien; † 30. Dezember 1984 in Paris) war ein österreichischer Maler und Grafiker. Er begann mit 22 Jahren zu malen und studierte 1930–1934 in Wien an der Hochschule für angewandte Kunst und an der Kunstgewerbeschule. 1938 musste Schmid wegen seiner jüdischen Herkunft vor den Nationalsozialisten fliehen; seine bis dahin entstandenen Arbeiten sind fast ausnahmslos verschollen. Es folgten acht Jahre Flucht und Verfolgung in Belgien und Frankreich. Vichy-Frankreich steckte ihn nacheinander in drei Internierungslager für „feindliche Ausländer“. Von 1946 bis zu seinem Tod lebte Schmid in einer ärmlichen Mansardenwohnung im 5. Pariser Arrondissement. Dort entstand sein heute bekanntes Œuvre vielfältiger Stadtansichten, Stillleben und Porträts. Die kunsthistorische Einordnung des Schmid’schen Werkes ist nicht einfach: Nähe zum österreichischen Expressionismus der Zwischenkriegszeit, zum Abstrakten Expressionismus, zur Versöhnung von Abstraktion und Figuration, der Einfluss Kokoschkas und Kubins werden genannt, aber auch seine Eigenständigkeit betont. Sein Freund seit Jugendtagen, der Schriftsteller und Essayist Jean Améry, hat ihm mit seinem Roman-Essay Lefeu oder der Abbruch (1974) ein Denkmal gesetzt.
Leben
Österreich
Schmid entstammte einer wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Wien. Über seine Kindheit und Jugend ist nichts bekannt. Von 1925 bis 1930 absolvierte er ein Studium der Psychologie an der Universität Wien. Zur gleichen Zeit machte er eine Psychoanalyse bei Wilhelm Reich. Der Künstler interessierte sich für die psychologischen Methoden Sigmund Freuds, Carl Gustav Jungs und Alfred Adlers. 1929 begann Schmid zu malen. Von 1930 bis 1934 studierte er in Wien an der Hochschule für Angewandte Kunst und an der Kunstgewerbeschule. Der Künstler lebte außerdem zwei Jahre in Antwerpen und studierte an der dortigen Akademie. Er besuchte auch für kurze Zeit die Schule Reimann in Berlin. Zu seiner Ausbildung schrieb er: „Wir sind alle Freunde. Van Gogh, ‚der niemals ein Bild verkaufte‘, war unser Heiliger“.Erich Schmid: La joie dans l’adversité, in: Association Les Amis d’Erich Schmid (Hrsg.): Erich Schmid. Un peintre de l’Europe d’aujoud’hui, Paris 1991, S. 121–123, hier: S. 121; zitiert nach der Übersetzung bei Matthias Boeckl: Erich Schmid – Eine Rekonstruktion, in: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 19–31, hier: S. 22.
Schmid verkehrte in den intellektuellen Kreisen seiner Heimatstadt, wo man „gegenüber den neuen Strömungen der Moderne des Wiens der Zwischenkriegszeit, der Malerei, der Kunst, der Philosophie und der Psychoanalyse“Claudia Widder: Biografische Bruchstücke aus dem Leben des Malers Erich Schmid, in: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 11–17, hier: S. 13. aufgeschlossen war. Er hatte eine bemerkenswerte humanistische und wissenschaftliche Bildung und beherrschte drei Sprachen. In Wien begegnete der Künstler in den 30er Jahren Alfred Kubin und Hans Böhler. Zwischen 1931 und 1934, als Oskar Kokoschka sich in Wien aufhielt, waren Schmid auch Begegnungen mit ihm und seinem Werk möglich. Kokoschka musste wegen der politischen Ereignisse in Deutschland und Österreich emigrieren. Die Nationalsozialisten diffamierten ihn als „entartet“. Der Künstler war Mitglied einer Exilorganisation. Auch Kubins Werke wurden während des Nationalsozialismus als „entartet“ bezeichnet und beschlagnahmt. Schmids fruchtbare Begegnungen und lehrreiche Auseinandersetzungen mit diesen Künstlern und sein Leben als „junger, aufstrebender Maler“ fand mit dem „Anschluss Österreichs“ am 13. März 1938 ein jähes Ende.
Wie sein Freund seit Jugendtagen, Hans Maier, der spätere Essayist und Schriftsteller Jean Améry, emigrierte Schmid, diesem nachfolgend, 1938 aus Wien nach Belgien. Seine Eltern und ein jüngerer Bruder wurden nach Auschwitz deportiert, die Schwester konnte 1938 nach England fliehen. Vom Schicksal seiner Familie erfuhr er erst 1945. Nach seiner Flucht aus Österreich besuchte er das Land nie wieder. Schmids Leben und Wesen wurde durch das „Trauma der Vertreibung und Ermordung der Familie“ belastet.Matthias Boeckl: Erich Schmid – Eine Rekonstruktion, in: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 19–31, hier: S. 30.
Exil mini|Das Haus Rue Rollin no. 5 in Paris, in dem Erich Schmid wohnte (April 2014)
In Belgien traf er Hans Maier wieder. Der Künstler ließ sich erst in Antwerpen und dann in Brüssel nieder. Auf seiner Flucht von dort nach Frankreich wurde er 1940 in Paris inhaftiert, weil er als „Feindlicher Ausländer“ galt. Ihm drohte die Deportation in ein deutsches Konzentrationslager. Man internierte ihn in drei französischen Internierungslagern in Südfrankreich (Gurs, St. Cyprien, Rivesaltes). Im Ausländerlager Gurs traf er Maier erneut. 1943 konnte Schmid aus dem Lager Rivesaltes flüchten. In den folgenden Jahren änderte er notgedrungen oft seinen Aufenthaltsort und versteckte sich zumeist in Südostfrankreich im Untergrund. Zwei Jahre führte er das Leben eines Clochards, lebte im Freien und verdiente seinen Unterhalt durch Gelegenheitsarbeiten, und wenn sich die Möglichkeit ergab, arbeitete er auf Bauernhöfen. Wenige Monate vor dem Ende des Krieges schloss sich Schmid 1944–1945 der französischen Résistance an. Er nahm an der Befreiung Lyons teil. Nach der Befreiung Frankreichs wurde Schmid von der regulären Armee und 1945 von der französischen Fremdenlegion übernommen. In dieser Zeit kämpfte er auch in Italien. Da er deutsch sprach, zog man ihn zu Befragungen von deutschen Kriegsgefangenen heran. Später sagte er darüber: „Keine schöne Arbeit [...] Es ist besser, nicht davon zu sprechen ...“Jean Améry: Die Neuen Mönche. Bildnisse (un)berühmter Zeitgenossen. Unbekannter Maler E.S. In: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 32–37, hier: S. 35. Schmid kehrte 1946 mittellos nach Paris zurück.
Endstation seiner Flucht war ein Wohnheim für jüdische Flüchtlinge im 5. Pariser Arrondissement, Rue Rollin no. 5. Wegen seiner Mittellosigkeit erhielt er dort Kost und Quartier und musste sich dafür im Gegenzug um die Hausgemeinschaft kümmern. Durch diese Tätigkeit als „Concierge“ verdiente er sich in den ersten Jahren sein Wohnrecht. Nach einigen Jahren bekam der Künstler einen Mietvertrag und auch weiter das Wohnrecht. In den ersten Nachkriegsjahren traf er sich mit anderen Exilanten in Künstlercafés. Dort lernte er auch die Malerin Erika Friedmann kennen, Überlebende eines Konzentrationslagers, die 1947 zu ihm in die kleine Mansardenwohnung in der Rue Rollin zog. Sie starb 1954 nach schwerer Krankheit. Generell zog er jedoch die Einsamkeit des Ateliers den Cafés und Künstlerfeiern vor. Trotzdem wurde er 1951 Freimaurer in der Pariser Loge Goethe der Grande Loge de France.Alexander Emanuely: Der Neinsager – Einige Notizen zu Erich Schmid. In: Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstandes 4/2012, S. 40. Nur mit seinem Freund aus den Wiener Jahren, Hans Maier, verband ihn mehr. Gegenseitige Besuche zwischen Paris und Brüssel, wo sich Hans Maier nach 1945 eine neue schriftstellerische Existenz – ab 1955 als Jean Améry – aufgebaut hatte, ein umfangreicher Briefwechsel sowie Amérys Roman-Essay Lefeu oder der Abbruch (1974), in dem der „unbekannte Maler E.S.“ der Protagonist ist, lassen sogar auf eine „sehr enge Verbindung“ schließen.Claudia Widder: Biographische Bruchstücke aus dem Leben des Malers Erich Schmid, in: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 11–19, hier: S. 15. Teile des Briefwechsels sind abgedruckt in: Jean Améry: Werke, herausgegeben von Irene Heidelberger-Leonhard, Band 8: Ausgewählte Briefe 1945–1978, hrsg. von Gerhart Scheit, Klett-Cotta, Stuttgart 2007. Der Roman-Essay selbst – wieder abgedruckt – sowie eine umfangreiche Dokumentation zu den Beziehungen seiner Hauptfigur zum Maler Erich Schmid finden sich in: Jean Améry: Werke, hrsg. von Irene Heidelberger-Leonhard, Band 1: Die Schiffbrüchigen. Lefeu oder Der Abbruch, hrsg. von Irene Heidelberger-Leonhard, Klett-Cotta, Stuttgart 2007.
mini|Grab auf dem Friedhof Père-Lachaise
Über die Lebensumstände Schmids, seine Einstellungen zur Kunst und zum Kunstbetrieb gibt Améry in der Wiedergabe eines Gesprächs mit ihm Auskunft: „Wir sprechen von seiner Arbeit. Ob er ausstelle? Gewiß, dann und wann […] Ob er sonst verkaufe? Ach ja, gelegentlich. […] Ob denn er, E.S., seinerseits nichts unternehme, um zu verkaufen? […] Er sei kein junger Maler mehr, er könne doch nicht, wie er sagt, ‚mit der Mappe in der Hand, bescheidentlich von Händler zu Händler …‘ nein, das komme wohl nicht in Frage. Er könne nichts tun, als arbeiten und warten. […] was er denn verdiene? Eine Ziffer wird genannt, die wir nicht wiedergeben wollen. […] davon kann ein Mensch nicht leben! Aber gewiss, er lebe, wie wir sehen können! Es sei freilich kein fröhliches Leben. Und geheimnisvoll: Es sei ein Mönchsleben. Die Künstler dieser Zeit, die keine soziale Funktion hätten (und wirtschaftliche nur dann, wenn man sie marktmäßig ‚gemacht‘ habe), seien die Mönche unserer Zeit. Sie erfüllten als einzige das dreifache Gelübde: Armut, das versteht sich von selbst, Keuschheit gegenüber den Lockungen der Welt, Gehorsam vor dem künstlerischen Gesetz!“Jean Améry: Die neuen Mönche. Bildnisse (un)berühmter Zeitgenossen: Unbekannter Maler E.S. In: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 32–37, hier: S. 34. Dieser Artikel erschien nach einem Hinweis von Friedrich Pfäfflin im Marbacher Magazin 24/1982, S. 44, zuerst in der Sonntagsausgabe des St. Galler Tageblatts am 5. April 1959.
Am 30. Dezember 1984 starb der Künstler einsam in Paris, nachdem auch seine zweite Lebensgefährtin, Gail Singer, ein Jahr zuvor verstorben war. Er ist dort auf dem Friedhof Père-Lachaise begraben.
Werk
Gegenständlichkeit und Abstraktion
Erich Schmid hat vor seiner Emigration 1938 eine Anzahl von Werken geschaffen, die jedoch fast alle verschollen sind. Nur einige Bilder sandte er an seine Schwester, die in England in der Emigration lebte. Es ist auch wahrscheinlich, dass viele Bilder bei der Besetzung der elterlichen Wohnung durch die Nationalsozialisten zerstört wurden. Vor seinem Exil beteiligte er sich bis zum „Anschluss“ Österreichs noch an Ausstellungen in der Wiener Secession. Nach dem Zweiten Weltkrieg fand ein Kulturkampf um den richtigen Weg der Moderne statt, bei dem Gegenständlichkeit und Abstraktion einander gegenübergestellt wurden.Vgl. Walter Koschatzky: Ein Geleitwort, in: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 7–9, sowie besonders Matthias Boeckl: Erich Schmid – Eine Rekonstruktion, in: ebd., S. 19–31, hier: S. 19, 27. Jean Améry schrieb zu dieser Problematik: „Die Gunst der Stunde, die Gunst der Mode gehörte den Abstrakten“.Jean Améry: Die neuen Mönche, in: Claudia Widder, Roland Widder (Hrsg.): Erich Schmid, Wien 1908 – Paris 1984, Bibliothek der Provinz, Weitra 2002, S. 32–37, hier: S. 36. Von den Nationalsozialisten war die Moderne als „entartet“ bezeichnet und verboten worden. In der Zeit nach seiner Emigration 1938 und seiner endlichen Zuflucht in Paris nach dem Krieg war es Schmid vermutlich nicht möglich, künstlerisch zu arbeiten. Deshalb war er auch nach dem Krieg von seiner gegenständlichen Malerei geprägt. So musste Schmid, wie andere Künstler auch, die internationale Kunstentwicklung der Zeit vor 1945 nachholen. „War er zum ‚Gestrigen‘ geworden, nachdem er kaum ein ‚Heutiger‘ gewesen war?“, fragte Jean Améry.