mini|Ahmed bin Hamad al-Chalili, vor 2018 Ahmad ibn Hamad al-Chalīlī (; * 27. Juli 1942 auf der Insel Sansibar) ist als Großmufti höchste religiöse Instanz des Sultanats Oman. Er gehört den Ibaditen an, einer insbesondere im Oman verbreiteten islamischen Sekte, und gilt somit auch als höchste religiöse Instanz ihres Madhhabs. Al-Chalīlī ist Mitglied im Kuratorium der Universität Nizwa und in seinem Amt als Großmufti Ehrenpräsident der Scharia-Studien-Hochschule in Maskat.Homepage des Colleges of Shari’a Sciences, Muscat: . (Zugriff am 19. Dezember 2019) Zudem ist er Vizepräsident der Internationalen Union Muslimischer Gelehrter. Ahmad al-Chalīlī ist regelmäßig Gast in einer TV-Sendung, in dem die omanische Bevölkerung Fragen an die „Menschen mit Wissen“ stellen kann. Außerdem ist er in verschiedenen Religionsfragen betreffenden Komitees Mitglied.Al-Azri: Social and Gender Inequality in Oman. 2012, S. 120.

Eine Liste der von al-Chalīlīs Fatwas ist auf der Homepage des omanischen Fatwa-Amtes veröffentlicht. In ihnen werden neben traditionellen sozialen, kulturellen und medizinischen Fragestellungen auch Wirtschafts- und Technologiethemen behandelt. Insbesondere seit dem Tod von Sultan Qabus bin Said ist al-Chalīlī auch mit einem eigenen Account auf Twitter aktiv.Ahmed al-ChalīlĪs Twitter-Account

Herkunft und Familie Al-Chalīlīs arabischer Name ist Ahmad ibn Hamad ibn Sulaimān ibn Nāsir ibn Sālimīn ibn Humaid. Seine Familie stammt aus der inneromanischen Stadt Bahla, in der die Vorfahren des heutigen Großmuftis wichtige religiöse Ämter innehatten und erfolgreichen Handel betrieben haben. Sein Großvater Sulaimān wirkte dort als Qādī. Dessen Sohn Hamad galt als erfolgreicher Geschäftsmann. Da sich nach Aufteilung der ehemaligen Thalassokratie der Bū-Saʿīd-Dynastie in das Sultanat von Oman und das Sultanat Sansibar, die 1860 erfolgt war, die wirtschaftliche Situation in Oman erheblich verschlechtert hatte, wanderten größere Teile der omanischen Bevölkerung nach Sansibar ab. Sansibar blieb in dieser Zeit weiter unter Herrschaft der Bū-Saʿīd-Dynastie. Im Herbst 1922 wanderte auch Hamad ibn Sulaimān al-Chalīlī nach Sansibar aus, wo dieser dann heiratete. Er galt als einflussreicher Mann innerhalb der dortigen omanischen Gemeinschaft.al-Ǧahḍamī: Min maʿālim al-fikr at-tarbawī ʿinda aš-šaiḫ Aḥmad ibn Ḥamad al-Ḫalīlī. 2003, S. 19.

Leben In seiner Kindheit, die er in ländlichen Gebieten Sansibars verbrachte, studierte Ahmad ibn Hamad al-Chalīlī den Koran und wurde bereits im Alter von neun Jahren als Hāfiz angesehen. Er lernte in dieser Zeit ebenfalls islamische Wissenschaften wie den Fiqh, die Glaubenslehre und die arabische Grammatik. Seinem Vater Hamad half er in dessen Geschäft aus. Eine reguläre Schulausbildung durchlief al-Chalīlī nicht.Nubḏa ʿan samāḥat aš-šaiḫ al-ʿallāma Aḥmad ibn Ḥamad al-Ḫalīlī muftī ʿāmm as-salṭana ("Abriss über Seine Exzellenz, den hochgelehrten Scheich Ahmad ibn Hamad al-Chalīlī, Großmufti des Sultanats") Almadares.net, 23. August 2003. Al-Chalīlī soll sich anders als viele Kinder verhalten und niemals außerhalb des Hauses und mit Kindern außerhalb der Familie gespielt haben. Stattdessen, so heißt es in einer omanischen Veröffentlichung über ihn, las er schon mit sechs Jahren regelmäßig religiöse Bücher. Er beherrschte sowohl die arabische als auch die swahilische Sprache.al-Ǧahḍamī: Min maʿālim al-fikr at-tarbawī ʿinda aš-šayḫ Aḥmad bin Ḥamad al-Ḫalīlī. 2003, S. 29ff. Als sein Lehrer gilt ʿĪsā ibn Saʿīd al-Ismāʿīli, der ihn jeweils nach dem Morgengebet in einer Moschee unterrichtete.al-Ǧahḍamī: Min maʿālim al-fikr at-tarbawī ʿinda aš-šayḫ Aḥmad bin Ḥamad al-Ḫalīlī. 2003, S. 41

Aufgrund der sozialistischen Revolution auf Sansibar anlässlich der Ausrufung der Volksrepublik Sansibar und Pemba 1964 und dem folgenden Massaker an der arabischen BevölkerungMinistry of Information (Sultanate of Oman) 2016: Political Developments and the Omani Presence in Zanzibar. In: Oman in History, S. 437–439, London: Immel Publishing, S. 439. zog al-Chalīlī mit seiner Familie zurück nach Bahla in den Oman. Gegenüber der neuen sansibarischen Regierung zeigte er wenig Sympathie. So bezeichnete er die marxistische Ideologie, die die meisten Araber zur Flucht von Sansibar zwang, als unmenschlich.Ray Petersen: The Grand Mufti: Teacher, scholar, and religious icon. In: Oman Observer, 14. Juni 2017 (Abruf am 19. Dezember 2019). Sansibar habe sich in dieser Zeit von einem „grünen Himmel“ in eine „rote Hölle“ verwandelt. Al-Chalīlī war zum damaligen Zeitpunkt allerdings überrascht, dass die omanische Bevölkerung ein nur sehr geringes religiöses Wissen hatte und teils „gar nichts“ von dem, was er erzählte, „verstand“. In Bahla unterrichtete al-Chalīlī für zehn Monate in einer Moschee. Bis 1971 war er über fünf Jahre an der al-Khor-Moschee in der omanischen Hauptstadt Maskat beschäftigt und arbeitete dann in einem dortigen Berufungsgericht. Anschließend wurde er zum Direktor für islamische Angelegenheiten im Justizministerium ernannt, welchem damals auch die frommen Stiftungen und islamischen Angelegenheiten unterstellt waren. Das Ministerium wurde später in ein Ministerium für Justiz und ein Ministerium für religiöse Stiftungen und Religionsangelegenheiten aufgeteilt. Nach dem Tod von Ibrāhīm ibn Saʿīd al-ʿIbrī 1975 wurde al-Chalīlī dessen Nachfolger im Amt des Großmuftis von Oman. 1987 wurde ihm die Leitung der islamischen Institutionen in Oman anvertraut. Damit hat er den Rang eines Ministers inne.

In den 1980er-Jahren hielt al-Chalīlī wöchentliche Vorlesungen in der Sultan-Qabus-Universität und in der damaligen Sultan-Qabus-Moschee im Hauptstadtbezirk Ruwi. Er war in dieser Zeit deutlich häufiger in der Öffentlichkeit zu sehen als der Sultan und seine Regierung. Auch im Radio und mit Kolumnen in Zeitungen tritt er in Erscheinung. Zudem bietet er persönliche Treffen und Beratung bei komplizierteren Fragestellungen an. Seit 2010 wird er durch den sogenannten Assistant Grand Mufti Scheich Kahlān al-Churūsī unterstützt. Am 11. Januar 2020 hielt al-Chalīlī in der Großen Sultan-Qabus-Moschee von Maskat das Totengebet für ihren am Vorabend verstorbenen Namensgeber und Gründer des modernen Omans, Sultan Qabus ibn Said.

Seine Auseinandersetzungen mit saudischen Gelehrten Al-Chalīlī war mehrfach in polemische Auseinandersetzungen mit Gelehrten aus Saudi-Arabien verwickelt. Dies liegt auch daran, dass er sich gegenüber der in Saudi-Arabien verbreiteten Lehre der Wahhabiten sehr kritisch zeigte, sich zum Teil auch polemisch äußerte, indem er die Wahhabiten als Ḥašwīya („Schwätzer“) bezeichnete.Berger: Mit den Waffen des Islams gegen Zionisten und Anthropomorphisten. 2008, S. 232. Dieser Begriff, der in frühislamischer Geschichte gegenüber Anthropomorphisten genutzt wurde, gilt als äußerst abwertend.Ḥashwiyya The Encyclopaedia of Islam. New Edition Bd. III, S. 269b.

Al-Chalīlī veröffentlichte auch verschiedene Abhandlungen über die Wahhābīya. Bekannt ist eine Fernsehansprache vom 2. Februar 1987,Eickelman: The Modern Face Of Ibadism In Oman. 2014, S. 157. in der er den saudischen Großmufti ʿAbd al-ʿAzīz Ibn Bāz scharf kritisierte. Diese Rede galt schon der Rahmenbedingungen wegen als außergewöhnlich: Sie wurde live aus der Sultan-Qabus-Universität ausgestrahlt und erreichte zur besten Sendezeit die gesamte omanische Bevölkerung. In seiner frei gesprochenen Rede wirkte al-Chalīlī wütend.Eickelman: The Modern Face Of Ibadism In Oman. 2014, S. 158. Er reagierte damit auf eine Fatwa, die besagt, dass nur diejenigen Muslime das Amt des Imam übernehmen dürften, die glauben, Gott am Tag des Jüngsten Gerichtes zu sehen. Die Fatwa war insofern bedeutsam, weil die Vorstellung der Gottesschau (ruʾyat Allāh) nach dem Tod aus ibaditischer Sicht abgelehnt wird. Ibn Bāz hatte in seiner Fatwa Mālik ibn Anas mit der Aussage zitiert, dass Muslime, die nicht an die Gottesschau glaubten, das Schwert verdienten. Al-Chalīlī kritisierte, dass Ibn Bāz mit dieser Fatwa die Spaltung der Muslime vorantreibe. Er ignoriere den Koran und beziehe sich lediglich auf Gelehrte, die seine Meinung vertreten. Um die Spannungen zwischen beiden Gruppen zu beruhigen, reiste al-Chalīlī im Auftrag von Sultan Qabus nach Saudi-Arabien und traf mit seinem saudischen Gegenpart zusammen. Al-Chalīlīs Vorschlag einer öffentlichen Debatte in Mekka über den „wahren Glauben“ lehnte der saudische Großmufti ab und rief die Ibaditen dazu auf, der Sunna, dem richtigen Weg, zu folgen. Ansonsten würden sie den Tod verdienen.Al-Azri: Social and Gender Inequality in Oman. 2012, S. 107.

Auch mit dem syrisch-stämmigen saudischen Gelehrten ʿAbd ar-Rahīm at-Tahhān setzte sich al-Chalīlī im Fernsehen auseinander. Die in diesem Zusammenhang gehaltene Rede veröffentlichte er als Buch Wa-saqaṭa al-qināʿ (dt.: „Und die Maske ist gefallen“). Al-Chalīlī kritisierte hier insbesondere die Interpretation at-Tahhāns, dass ohne Kenntnis der Sunna und ihrer Deutung durch die frühen Muslime der Koran unnütz sei. Hieraus schloss er, dass die Wahhabiten den Koran ablehnten, ja sogar verleumdeten.Lutz Berger: Mit den Waffen des Islams gegen Zionisten und Anthropomorphisten. 2008, S. 234f. Al-Chalīlī interpretiert die Wahhābīya als Gruppe, die den Islam vernichten möchte, indem sie Unruhe in die islamische Gemeinschaft streut. Er sieht eine gewisse Nähe der Anhänger der Wahhābīya gegenüber Israel und führt dies darauf zurück, dass diese Gruppe in Wahrheit eine „kryptojüdische“ sei, die im Auftrag des Judentums den Islam von innen zerstören solle.Berger: Mit den Waffen des Islams gegen Zionisten und Anthropomorphisten. 2008, S. 233f. Interessant hierbei ist, dass zum Zeitpunkt der Veröffentlichung von Wa-saqaṭa al-qināʿ das Sultanat Oman Handelsbeziehungen mit Israel pflegte und 1994 Sultan Qabus den damaligen israelischen Ministerpräsidenten Jitzchak Rabin empfing.Ministerium für auswärtige Angelegenheiten (Israel): ISRAEL, OMAN SIGN AGREEMENT FOR OPENING TRADE OFFICES, 28. Januar 1996. (Zugriff am 19. Dezember 2019)

Der zunächst irritierend wirkende Versuch, Wahhabiten als Krypto-Juden zu interpretieren, ergibt sich daraus, dass al-Chalīlī die Juden als eine Gemeinschaft betrachtet, die sündhafterweise an die Sichtbarkeit Gottes glaubt. Diese Sichtweise stützt er auf verschiedene Koranverse, so und . Al-Chalīlī interpretiert Ibn Taimīya als Anhänger von Aristoteles und den Wahhabismus als Teil griechischer Philosophie. Er erklärt dies dahingehend, dass Ibn Taimīya diejenigen nicht verurteilen wollte, die davon ausgehen, dass die Menschenhandlungen nicht von Gott geschaffen wurden. Weiter interpretiert, führt das aus al-Chalīlīs Sicht zur Behauptung der Ewigkeit der Welt, die auch von den Philosophen postuliert wurde.Berger: Mit den Waffen des Islams gegen Zionisten und Anthropomorphisten. 2008, S. 235.

Im Mai 2017 wurde al-Chalīlī durch den saudischen Religionsgelehrten und Muhammad al-Barrāk, einen scharf kritisiert und der Lüge bezichtigt. Al-Chalīlī, der von ihm als Nachfolger der „Leute von Nahrawān“, also der Charidschiten, beschrieben wird, verleumde in seinem Buch al-Istibdād: Maẓāhiruhū wa-muwāǧahatuhū den ersten umayyadischen Kalifen Muʿāwiya I. Al-Barrāk fragte rhetorisch, ob Lügen nicht zu den großen Sünden gehörten, für die ihm nach dem ibaditischen Glauben ewiges Höllenfeuer drohe. Dabei nahm er Bezug auf ein im Internet kursierendes Video, demzufolge al-Chalīlī in seinem Buch Muʿāwiya vorgeworfen hatte, den rechtmäßigen Kalifen angegriffen, die Menschen in die Irre geführt und die Verfluchung von ʿAlī ibn Abī Tālib auf den Kanzeln erlaubt zu haben.

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