Izala (abgeleitet von ) ist eine islamische Reformbewegung mit anti-sufischer und egalitaristischer Ausrichtung in Westafrika, die Daʿwa betreibt und von ihr als unislamisch betrachtete religiöse Neuerungen bekämpft. Die Anhänger dieser Bewegung, deren Schwerpunkte in Nigeria und Niger liegen, werden auf Hausa als Yan Izala („Izala-Leute“) bezeichnet. Ausgangspunkt für die Entstehung der Bewegung war die Gründung der Organisation Jama'atu Izalatil Bid'ah Wa Ikamatis Sunnah (arabisch Ǧamāʿat Izālat al-bidʿa wa-iqāmat as-sunna; „Gesellschaft zur Beseitigung der Bidʿa und Aufrichtung der Sunna“, abgekürzt auch JIBWIS) in der nigerianischen Stadt Jos durch Ismaila Idris im Februar 1978. Die Bewegung hat heute auch Anhänger in Kamerun, TschadBen Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 35. und Benin.Masquelier: Women and Islamic Revival in a West African Town. 2009, S. 13.
Bis in die frühen 1990er Jahren waren die Yan Izala häufig in gewaltsame Konflikte mit den sufischen Bruderschaften der Qādirīya und Tidschānīya verwickelt. Danach sind die Spannungen zwischen Yan Izala und den sufischen Bruderschaften zurückgegangen, was auch darauf zurückzuführen war, dass sich die Izala-Bewegung in verschiedene miteinander rivalisierende Untergruppen aufspaltete. In Nigeria war die Bewegung zwanzig Jahre lang in die Jos- und in die Kaduna-Fraktion gespalten, 2011 hat jedoch eine Wiedervereinigung stattgefunden. Die Yan Izala betonen seit den 1990er Jahren ihre Nähe zur SalafīyaBen Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 232, 238. und sehen sich als die treibende Kraft hinter der 1999 bis 2001 erfolgten Einführung der Scharia in Nigeria.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 17, 332f. Sowohl in Nigeria als auch in Niger unterhalten die Yan Izala ein umfangreiches Netz von Moscheen und islamischen Schulen. Die Schulen, in denen auch westliche Bildung vermittelt wird, stehen auch Frauen und Mädchen offen.
Ideologische und religiöse Ausrichtung Grundthesen Nach Roman Loimeier lassen sich die Grundthesen der Yan Izala in folgenden Punkten zusammenfassen: Es gibt keine Heiligen im Islam, alle Gläubigen sind gleich heilig. Der Glaube an die besondere Rolle des Propheten und seiner Familie ist unislamisch, alle Muslime sind gleich. Die Praxis der Fürbitte (tawassul) ist unislamisch, an den Gräbern der Verstorbenen darf nur für die Toten selbst gebetet werden. Die Pilgerfahrt nach Mekka ist wichtiger als die Ziyāra, also der Besuch von Heiligengräbern. Niemand außer dem Propheten kann Wunder vollbringen. Niemand außer Gott kennt das Verborgene, auch nicht die Sufis. Die Dschinn existieren, können aber nicht gesehen werden. Gott kann weder im Traum, noch im Trancezustand, noch im Wachzustand gesehen werden. Die Rezitation von Lobliedern auf den Propheten ist unislamisch. Der Sufismus ist unislamisch, weil die Verehrung der Sufi-Scheiche zu Schirk führen kann. Die Imame der Freitagsmoscheen sollen die Gläubigen nach dem regulären Gebet nicht zu zusätzlichen Gebeten auffordern, weil diese eine Bidʿa sind.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 176f.
Der Anti-Sufismus der Yan Izala Kennzeichnend für die Yan Izala ist ihr Anti-Sufismus. So brandmarken sie die Unterwerfung von Gläubigen unter die Autorität von Sufi-Scheichen und die Verpflichtung der Zahlung von Sadaqa an eben diesen Personenkreis als unzulässige Neuerungen.Loimeier: Islamic reform and political change. 1997, S. 296. Auch kritisieren sie die Praxis der sufischen Scheiche, von ihren Anhängern das sogenannte Kudin Laraba („Mitwochsgeld“) einzufordern.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 194. Ein weiterer Kritikpunkt ist der von Sufis ausgeübte kollektive Dhikr.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 218.
Die Yan Izala bekämpfen insbesondere die Riten der beiden Bruderschaften Qādirīya und Tidschānīya. So lehnen sie die sogenannte ṣalāt al-fātiḥ („Gebet des Öffnenden“), die die Hauptgebetsformel der Tidschānīya bildet, scharf ab. In der Anfangszeit erklärten sie auch jeden, der diese Formel rezitiert, zum Ungläubigen. Hierbei argumentierten sie damit, dass diese Gebetsformel nicht auf Mohammed, sondern auf den ägyptischen Sufi Abū l-Hasan al-Bakrī (gest. 1545) zurückgehe, mithin eine spätere Hinzufügung sei. Solche spätere Hinzufügungen sehen sie aufgrund der koranischen Aussage in Sure 5:3, die besagt, dass Gott die Religion der Muslime „heute“ vollendet hat, als unzulässig an.Quadri: A Study of the Izalah, a Contemporary anti-Sufi Organization in Nigeria. 1985, S. 97 f.
Die Yan Izala lehnen außerdem Gebetsketten abMasquelier: Women and Islamic Revival in a West African Town. 2009, S. 295. und betrachten das Tragen von Schutzamuletten (layu) als Sünde.Masquelier: Women and Islamic Revival in a West African Town. 2009, S. 80, 293, 302.
Ablehnung der Prophetenverehrung Daneben wenden sich die Yan Izala auch gegen eine übermäßige Verehrung des Propheten Mohammed. So lehnen sie die Rezitation von speziellen Gebeten oder Gedichten für ihn (z. B. Dalāʾil al-ḫairāt, al-Burda) genauso ab wie die Feierlichkeiten zum Prophetengeburtstag.Quadri: A Study of the Izalah, a Contemporary anti-Sufi Organization in Nigeria. 1985, S. 99 f. Ihre Ablehnung des Prophetengeburtstags begründen die Yan Izala damit, dass weder der Prophet selbst noch seine Anhänger ihn gefeiert haben.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 217. In der Anfangszeit vertraten die Yan Izala auch einen ausgeprägten Koranismus: Nach der Satzung von JIBWIS ist der Koran das einzige Fundament, auf das sich die Organisation stützt und beruft.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 253.
Bekämpfung von Zeremonialausgaben Darüber hinaus bekämpfen die Yan Izala hohe Aufwendungen für den Brautpreis, Namengebungszeremonien, die Feier islamischer Feste und Beerdigungsfeierlichkeiten.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 194 f. Auch wandten sich die Prediger der Organisation gegen die verbreitete Praxis des Talla, bei der junge Frauen hausieren gehen, um einen Teil der Kosten für die Hochzeit aufzubringen. Sie argumentierten, dass diese Praxis nur wenig Geld einbringe, die Frauen aber dem Risiko der Verführung aussetze. Im Gegenzug empfahlen die Yan Izala, bei der Hochzeit auf eine Mitgift zu verzichten.Kane: Muslim modernity in postcolonial Nigeria. 2003, S. 141. Die Izala-Bewegung propagiert eine ideale Gesellschaft ohne Alkohol, Glücksspiel und Prostitution.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 336.
Die Bewegung in Nigeria Die Gründung von JIBWIS Die Jama'atu Izalatil Bid'ah Wa Ikamatis Sunnah wurde am 8. Februar 1978 mit Unterstützung der Islamischen Weltliga in Jos, Plateau-State, gegründet.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 166. Sie gab sich eine Satzung und feste Organisationsstrukturen mit eingetragener Mitgliedschaft, Ämtern und einer Verwaltung.Eine deutsche Übersetzung der Satzung, die ursprünglich auf Hausa verfasst ist, liefert Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 252–262. Damit grenzte sie sich von dem bestehenden Netzwerksystem der sufischen Tarīqas ab.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 163. Zu den Zielen von JIBWIS gehört nach ihrer Satzung, „allen guten Muslimen“ zu bestätigen, dass jeder, „der behauptet, dass er im Kontakt mit dem Propheten stünde, oder der sagt, daß der Prophet ihn, im Traum oder in einer anderen Art und Weise, nach seinem Tod besucht habe, ein Lügner ist.“Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 253 f.
mini|Abubakar Gumi Zum offiziellen Führer der Organisation wurde Malam Ismaila Idris (1937–2000),Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 164. der Sohn eines Religionsgelehrten aus Goskorom in Bauchi und Imam in der Nigerianischen Armee. Wegen seiner führenden Rolle bei der Gründung von Yan Izala wurde er wenige Monate später aus der Armee entlassen und zwei Mal verhaftet. Im Hintergrund spielte Ismaila Idris’ früherer Mentor Abubakar Gumi (gest. 1992) eine führende Rolle. Gumi, der vorher Ober-Qādī von Nordnigeria gewesen war, entsandte anlässlich der Gründung ein Glückwunschtelegramm, in dem er vorschlug, den Namen der Organisation durch Iqāmat as-sunna zu ergänzen, was von der Delegiertenversammlung auch akzeptiert wurde. Außerdem sorgte er durch Intervention bei den Behörden dafür, dass Idris wieder freigelassen wurde. Für Gumi war die Gründung der Organisation Teil einer strategischen Neuausrichtung, nachdem er erkannt hatte, dass ihm eine Karriere im staatlichen Justizsystem verschlossen bleiben würde. Die neue Organisation diente ihm als Mittel, um Muslime mobilisieren zu können.Loimeier: Islamic reform and political change. 1997, S. 291 f. Außerdem reagierte er mit der Gründung der Organisation auf die Bemühungen der Predigergruppe Fityān al-islām, die von Ahmadu Bello gegründete Jamaat Nasril Islam („Gesellschaft zur Unterstützung des Islams“; JNI), unter ihre Kontrolle zu bringen. Dies hatte seit den 1960er Jahren als übergreifendes Forum der Muslime in Nigeria fungiert. Bevor JIBWIS Organisation 1985 ihre staatliche Zulassung erhielt, operierte sie ebenfalls unter dem Dach von JNI.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 160.
Öffentlich trat die Organisation erstmals am 25. Mai 1978 bei einer Massenkundgebung im Jos Township Stadium auf. Die Organisation hatte in der ersten Zeit sehr großen Zulauf, was auch damit erklärt werden kann, dass politische Parteien verboten waren. Durch ein Netzwerk von Anhängern, das Abubakar Gumi in früheren Jahren aufgebaut hatte, verbreitete sie sich 1978 über ganz Nordnigeria. Bei organisierten Predigttouren wurden neue Ortsgruppen gegründet, wobei ihre Anführer meist frühere Schüler von Gumi waren. In einigen Regionen wie Kaduna und Plateau konnte Yan Izala auch auf die Unterstützung lokaler Gruppen der JNI zurückgreifen.Loimeier: Islamic reform and political change. 1997, S. 295. Für die Entwicklung der Yan Izala zu einer Massenbewegung spielten Gumi und Idris als charismatische Figuren eine entscheidende Rolle.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 45 f.
Die Yan Izala wurden im Bereich der Daʿwa tätig und führten Predigtkampagnen durch, vor allem dann, wenn eine neue Lokal- oder Regionalgruppe der Organisation gegründet wurde. Zu solchen Anlässen wurden die bekanntesten und besten Prediger der Yan Izala engagiert. Ihre Predigten wurden dann auf Kassette aufgenommen und von der Organisation selbst vertrieben.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 173. Für die Verbreitung der Lehren der Izala-Bewegung wurden Kassetten allgemein zum wichtigsten Medium.Umar: Changing Islamic Identity in Nigeria. 1993, S. 167 f.
Entwicklung der Organisationsstruktur Die dreigliedrige Führungsstruktur JIBWIS hat seit ihren Anfängen auf nationaler Ebene eine dreigliedrige Führungsstruktur. Die drei Organe sind der ʿUlamā'-Rat, der Exekutivrat und die Erste-Hilfe-Gruppe.Ben Amara: The Izala Movement in Nigeria. 2011, S. 178. Der ʿUlamā'-Rat setzte sich in seinen Anfängen aus dem Präsidenten Ismaila Idris, den beiden Vizepräsidenten, dem Generalsekretär und seinem Stellvertreter zusammen. Der Exekutivrat bestand aus den Vorsitzenden der einzelnen Arbeitsgruppen und den Ausschüssen der Organisation. Die Besetzung der Posten der Mitglieder des Exekutivrats hing nach Loimeier in der Anfangszeit allerdings von der Zustimmung Abubakar Gumis ab. Obwohl er offiziell kein Führungsamt bekleidete, war ohne oder gegen seinen Willen keine Politik innerhalb der Organisation möglich.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 172. Die Erste-Hilfe-Gruppen, von Loimeier Yan Agaji („die Leute der Hilfe“) genannt, sind Hilfsgruppen mit der Aufgabe, erste Hilfe zu leisten und bei Großveranstaltungen und beim Freitagsgebet für Ordnung zu sorgen.Loimeier: Islamische Erneuerung. 1993, S. 172 f.
Hauptquartier und Regionalverbände