mini|Alexander Solschenizyn nach seiner Ausweisung aus der Sowjetunion bei Heinrich Böll (1974) Krebsstation (, Rakowy Korpus) ist der Titel eines 1967 fertiggestellten zweibändigen Romans mit autobiographischen ZügenDonald M. Thomas: Alexander Solzhenitsyn. A Century in his Life. St. Martin's Press New York, 1998. Donald M. Thomas: Solschenizyn. Die Biographie. Propyläen Berlin, 1998. des russischen Schriftstellers Alexander Solschenizyn. Er beschreibt das Zusammentreffen verschiedener Krebspatienten, Verbannten und Funktionären, der Stalin-Ära in einem usbekischen Krankenhaus zur Zeit der 1955 langsam anlaufenden stillen Entstalinisierung in der Sowjetunion. Das Buch durfte in der UdSSR nicht publiziert werden und wurde 1968 in westlichen Ländern veröffentlicht.

Inhalt

Überblick Die Haupthandlung spielt in der onkologischen Abteilung eines usbekischen Krankenhauses und beginnt mit der Einweisung des Fabrikdirektors und Funktionärs Pawel Nikolajewitsch RusanowDie Personennamen werden in der weitgehend phonetischen Transkription wiedergegeben. im Februar 1955, zur Zeit der langsam anlaufenden stillen Entstalinisierung in der Sowjetunion. In einer Episodenfolge verflicht der Autor die Bereiche Medizin, Politik, Freundschaft und Familie und thematisiert v. a. die politischen Zustände in der Sowjetunion der Stalin- und Nach-Stalinzeit. In der Krebsstation treffen Günstlinge des Stalinismus, Mitläufer und Verfolgte aufeinander und diskutieren teils heimlich, teils laut über ihre Ansichten. Am Beispiel dieser Patienten, die im Laufe der Romanhandlung wechseln, einige Unheilbare werden entlassen, andere zu Operationen verlegt, neue kommen hinzu, der Schilderung ihrer Charaktere und einer „minuziösen Beschreibung des Krankenhausalltags“Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München. Bd. 18, S. 7996. entwickelt der Erzähler ein breites ethnisch-soziales Bild der Kranken, ihrer Schicksale und der Art und Weise, wie sie mit ihren Krankheiten und ihrer existentiellen Bedrohung umgehen. Während einige apathisch, schicksalsergeben auf ihren Betten liegen, lesen andere Fachliteratur oder Romane und tauschen sich über ihre Behandlungsmethoden, Bestrahlung, Operation oder Hormonspritzen, die Heilungschancen und über Wunderdrogen wie Eisenkrautwurzelessenz und Birkenschwamm-Tee (Buch I, S. 130) aus. Eine zentrale Rolle in dieser Krankengesellschaft spielen die beiden Kontrahenten: Der Fabrikdirektor Rusanow ist Denunziant und Profiteur des stalinistischen Systems. Der „ewig“ nach Kasachstan verbannte Kostoglotow hofft auf seine Rehabilitation in einer neuen Gesellschaft.

Die Krankenhausgesellschaft Am Beispiel der Charaktere des im allgemeinen streng kontrollierten Systems und des Klinikpersonals entwickelt der Autor einen Mikrikosmos der russischen Gesellschaft:Andreas Guski und Karoline Thaidigsmann: Solženicyn, Aleksandr: Rakovyj korpus. In: H.L. Arnold (Hrsg.): Kindlers Literatur Lexikon (KLL). J.B. Metzler, Stuttgart, Online 2020. https://doi.org/10.1007/978-3-476-05728-0_19888-1 Beispielsweise liest der Bauarbeiter Jefrem Poddujew nach einem unbeständigen privaten und beruflichen Wanderleben durch UdSSR (Buch I, Kap. 8) moralische Erzählungen Tolstois und denkt über den Sinn des Lebens nach. Wadim Zadyrko, ein 26-jähriger Geologie-Student, arbeitet an einer neuen Methode der Rohstoffentdeckung durch radioaktives Wasser. Er liest ein Fachbuch nach dem anderen, um seine verbleibende Lebenszeit für die Forschung einzusetzen (I, 19). Auch Djomka, ein schüchterner 16-jähriger Drehergeselle mit unglücklicher Kindheit (I, 10), versucht ein Geometriebuch oder Romane zu lesen, kann sich jedoch wegen seiner starken Schmerzen eines durch einen Sportunfall entstandenen Sarkoms am Bein oft nicht konzentrieren. In dieser Situation befreundet er sich mit Asja, einer Schülerin aus Leningrad.

Hinter der „Fassade“ einer durch „die ständige Bedrohung durch den unausweichlichen Krebstod […] scheinbar in sich geschlossene Gesellschaft […] bleibt der einzelne Patient mit seiner individuellen Geschichte, seiner Willenskraft und seinen spezifischen Erwartungen als unaustauschbare Größe bestehen.“Andreas Guski: Rakovyj korpus. In: Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München. Bd. 18, S. 7996.

Eine aus diesem heterogenen Verband herausragende Rolle spielen die beiden Protagonisten: Der Fabrikdirektor und Funktionär Pawel Nikolajewitsch Rusanow versucht seine privilegierte Stellung zu nutzen und den Krankensaal zu dominieren. Sein Kontrahent, der „ewig“ verbannte Oleg Filimonowitsch Kostoglotow, sucht über persönliche Beziehungen mit der Krankenschwester Soja und der Radiologin Wera Korniljewna Hangart an Informationen über seine Erkrankung und die Heilungschancen zu kommen und denkt darüber nach, ob eine der beiden ihm an seinen Verbannungsort folgen würden.

Eine zweite personale Ebene ist die der Ärztinnen und des Krankenhauspersonals sowie das Arzt-Patienten-Verhältnis. Am Beispiel des Direktors, der Radiologinnen und des Personals veranschaulicht der Autor die Hierarchien des Systems und die Behandlungsperspektive: die mangelnde Information der Patienten über ihre Erkrankung einmal, um sie zu schonen, und zweitens, weil man sie für unmündig hält, eigene Entscheidungen über ihr Leben zu treffen, während sich die Ärztinnen gleichzeitig aufopfernd um ihre Patienten kümmern und ihnen Zuversicht zu vermitteln suchen. So vermeiden sie das Wort „Krebs“ und sprechen stattdessen beispielsweise von „Polypen“ bei einem Magenkarzinom. Die ratlosen Patienten suchen ihr Heil in alternativen Therapieformen wie einem Birkenschwamm-Tee, der als Wundermittel gegen Krebs gilt und den sie sich für viel Geld zu verschaffen versuchen. Die Rollentrennung wird auch am Beispiel der Leiterin der Röntgenabteilung Donzowa veranschaulicht. Als sie selbst an einem Tumor erkrankt, wechselt sie von der Arzt- in die Patientenrolle, möchte in die Entscheidungen ihres Falles nicht einbezogen werden und wünscht sich, selbst medizinischer Laie zu sein, um nicht wissen zu müssen, was ihre Krankheit zu bedeuten hat.

Pawel Rusanow Die Haupthandlung beginnt mit der Einweisung des Fabrikdirektors und Funktionärs Pawel Nikolajewitsch Rusanow im Februar 1955 wegen eines Hodgkin-Lymphoms in die onkologische Abteilung eines usbekischen Krankenhauses.

Befragungswesen Rusanows Parteikarriere wird v. a. im 13. und 14. Kapitel erzählt: Wie seine Frau Kapitalina Matwejewna ist er zuerst Arbeiter in einer Makkaroni-Fabrik in der Stadt K., steigt zum Betriebsrat, dann zum Direktor auf und erhält eine Funktion in der Produktionsverwaltung. Seit zwanzig Jahren ist sein Arbeitsbereich in der Personalabteilung das Befragungswesen, das er für seine Karriere in der Zeit der stalinistische Säuberungen nutzt: Äußerlich freundlich und entschieden, ist er Funktionär eines ausgeklügelten Überwachungs- und Drucksystem:

„Der poetische Reiz seiner Arbeit lag in dem Empfinden, einen Menschen völlig in der Hand zu haben, obwohl rein sachlich auf diesen noch nicht einmal Druck ausgeübt worden war. Der geheimnisvollen, halb exklusiven Stellung innerhalb des Betriebs verdankte Rusanow eine profunde Kenntnis der eigentlichen wahren Lebensumstände […] Das der Allgemeinheit sichtbare Leben (im Betrieb, auf den Konferenzen, auf Seiten der Betriebszeitung, am schwarzen Brett, bei der Lohnabrechnung, in der Kantine, im Klub) – war nicht das wirkliche Leben, es sah nur für Uneingeweihte so aus. Der wahre Verlauf des Lebens wurde nicht mit laut erhobener Stimme entschieden, sondern absolut ruhig, in stillen Arbeitsräumen, unter zwei, drei einander verstehenden Menschen oder durch freundliche Telefonanrufe. Das wirkliche Leben strömte außerdem in geheimen Papieren, die tief in den Aktenmappen Rusanows und seiner Mitarbeiter verborgen lagen, und lange konnte es stumm hinter einem Menschen hergehen, um sich dann jäh für einen Augenblick zu zeigen, mit feurigem Schlund aus der Unterwelt aufzutauchen, das Opfer mit Glut zu bespeien oder ihm den Kopf abzureißen – um dann wieder zu verschwinden, wer weiß wohin. An der Oberfläche aber blieb alles beim alten“.Alexander Solschenizyn: Krebsstation, Buch I. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1971, S. 173.

Um die Angestellten unter Druck zu setzen, lädt er sie zu Dienstgesprächen vor, ohne ihnen den Grund dafür zu nennen. Oft will er dann nur eine kleine Auskunft haben, aber die Untergebenen stehen tagelang unter Angst, vielleicht Opfer einer Denunziation geworden zu sein. Gefährlicher sind die von ihm eingesetzten raffinierten Fragebögen (I, S. 172 ff.), um die Mitarbeiter in Widersprüche zu verwickeln und evtl. als politisch unzuverlässig erscheinen zu lassen. Z. B. verschweigt eine junge Frau in ihrem Fragebogen, dass ihre Mutter Gruscha wegen regimekritischer Äußerungen inhaftiert worden ist. Er droht ihr mit einem Gerichtsverfahren und sie vergiftet sich (I, 16).

Rusanow und seine Frau nutzen die politische Atmosphäre der 1930er Jahre, als „alle Lügner, Verleumder, Anhänger der eilfertigen Selbstkritik oder superklugen Intellektuellen“ aus dem „von allem Schmutz gereinigten“ gesellschaftlichen Leben verschwunden sind, für ihre eigenen Vorteile: Um ihre kleine Wohnung für die beiden Kinder zu erweiterten, verleumden sie ihren Nachbarn und ehemaligen Freund Roditschew. Dieser wird verurteilt und verbannt und sie erhalten sein Zimmer. Als sie aus Angst vor dem Krieg sich aus K. nach Zentralasien evakuieren lassen, geben sie ihre Wohnung an Kapitalinas Bruder Minai weiter. In der neuen Heimat steigen sie in die neue Funktionärsklasse auf und nutzen ihre Verbindungen für die Karriere ihrer Kinder: Jura ist als Staatsanwalt und unternimmt seine erste Inspektionsreise, die vielseitig interessierte und begabte Avieta ist Journalistin und schreibt Gedichte, Laurik, ein guter Sportler, hat einen Antrag auf Dosaaf-Förderung gestellt und holt den Vater mit dem Auto von der Klinik ab, Majka, die Jüngste, besucht die 5. Klasse.

Krankheit Im Februar 1955 erlebt Rusanow einen Einbruch seines bisher glänzend verlaufenen Lebens. Innerhalb von zwei Wochen wächst eine Geschwulst am Hals und er muss zur Behandlung in die onkologische Klinik der Stadt. Zwar wird er, während viele auf der Warteliste stehen, sofort aufgenommen. Trotzdem ist er unzufrieden. Er fühlt sich, abgelöst von seiner Familie, der tadellosen Wohnung, dem privilegierten geordneten Leben, in einer Welt der Kranken, „nun gleichsam jenseits der Geschwulst“.Alexander Solschenizyn: Krebsstation, Buch I. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1971, S. 20. Statt in einem Einzelzimmer, wie es seinem privilegierten Satus entspräche, wird er in der überfüllten Klinik in einem Krankensaal mit neun Betten untergebracht, wo ihn die meist einfachen Leute mit ihrer Sprechweise und ihren Gewohnheiten stören. Sofort beschwert er sich über seine Vernachlässigung und möchte in eine Moskauer Klinik verlegt werden. Die Röntgenologin Donzowa diagnostiziert ein nicht operables Hodgkin-Lymphom und Pawel entschließt sich nach langer Diskussion probeweise zu der von der Ärztin vorgeschlagenen Spritzentherapie und findet sich mit der Situation in der Klinik ab. Die Behandlung zeigt langsam, im März (II, 2), nach 12 Spritzen Erfolge und Rusanow kann als vorläufig geheilt entlassen werden.

Neuausrichtung In die zweite existentielle Verunsicherung gerät Rusanow durch Zeitungsberichte über eine neue politische Ausrichtung zwei Jahre nach Stalins Tod: die Ablösung der Richter des Obersten Gerichts und des Ministerpräsidenten, die Ignorierung von Stalins Todestag in der Presse. Er hört von der Rehabilitation Roditschews und anderer Verbannter und deren Rückkehr nach K. und fürchtet deren Rache. Seine Position könnte dadurch gefährdet sein.