Die Änderung der geographischen Namen in der Türkei ist das Ergebnis der demographischen und politischen Umwälzungen im späten Osmanischen Reich sowie in der darauffolgenden Republik Türkei. Dabei wurde die Politik verfolgt, nicht-türkische geographische und topographische Namen durch türkische Namen zu ersetzen. Dies beruht im Wesentlichen auf dem türkischen Nationalismus, der ab Ende des 19. Jahrhunderts darauf abzielte, eine vorwiegend durch religiöse Loyalitäten bestimmte Gemeinschaft in eine Nation nach den Prinzipien des Laizismus und Nationalismus umzuwandeln, die im Kemalismus bestimmend wurden. Oftmals sollten auch ethnische und religiöse Bezüge getilgt werden. Dies war ein Teil der Türkisierungspolitik, die auf mehreren Bereichen ausgeweitet wurde. Die ersetzten Namen waren oft diejenigen armenischer, griechischer, kurdischer, aramäischer und arabischer Ortsnamen.

Zahlreiche türkische Namen stammen aus der Zeit vor dem Beginn des Nationalismus. Seit dem Beginn der türkischen Besiedelung Anatoliens und des Balkan wurden die überkommenen Namen der türkischen Sprache angepasst bzw. auch eigene Namen kreiert. Beispiele dafür sind İstanbul, İzmir, Bursa, Konya oder Edirne. Sodann ist es nicht selten so, dass Orte verlassen oder nach einer Zerstörung nicht wieder aufgebaut wurden, bis dann später eine Neubesiedelung unter neuem Namen erfolgte. Auch Umbenennungen in älterer Zeit, wie die zu Ala'iyye (das heutige Alanya, nach dem Eroberer, dem Seldschukensultan Alaeddin Keykubad) sind nicht Ausdruck einer Türkisierungspolitik. Ferner hatten in der heutigen Ost- und Südosttürkei viele und gerade die größeren Orte überkommene Namen, die in der muslimischen Welt gebräuchlich waren und von den Namen abwichen, die von den lokalen christlichen Minderheiten gebraucht wurden.

450px|mini|Karte der heutigen Türkei

Geschichte Osmanisches Reich Nachdem im Jahre 1913 das Komitee für Einheit und Fortschritt die Herrschaft der osmanischen Regierung durch einen Staatsstreich übernommen hatte, kam mit ihr eine nationalistische politische Strömung an die Macht.

In derselben Zeitspanne wurde die ethnische Säuberungspolitik gegen die eigene nicht-muslimische Bevölkerung gestartet. Dies führte zum Völkermord an den Armeniern, dem Völkermord an den syrischen Christen und zu den Verfolgungen von Griechen. Auf dem Höhepunkt des Ersten Weltkriegs verkündete Kriegsminister Enver Pascha am 6. Januar 1916 ein Ferman:

Kurdische und arabische Ortsnamen sollten nicht verändert werden. Mit dem Zusammenbruch des Osmanischen Reichs scheiterte diese Politik.

Türkei In den ersten Jahren der Republik gab es nur regional begrenzte Türkisierungen von Ortsnamen. 1925 wurden Orte mit georgischen Namen der Region Artvin und 1938 die Ortsnamen in Hatay umbenannt.Sevan Nişanyan: (PDF) ISBN 978-605-5832-76-6, 2011, S. 13. Diese Umbenennungen sind im Zusammenhang mit Gebietsgewinnen der Türkei im Vertrag von Kars 1921 und dem Übergang des Sandschak Alexandrette aus dem französischen Mandatsgebiet Syrien über die Zwischenstufe der Republik Hatay vom 7. September 1938 bis 29. Juni 1939 an die Türkei zu sehen, innerhalb derer das Gebiet die Provinz Hatay bildet.

Die Journalistin und Schriftstellerin Ayşe Hür bemerkte, dass nach Atatürks Tod und während der demokratischen Periode der türkischen Republik in den späten 1940er und 1950er Jahren all jene Namen verändert wurden, die „hässlich, erniedrigend, beleidigend oder spöttisch“ wirkten,… selbst wenn sie türkisch waren. Ortsnamen, die lexikalische Komponenten aufwiesen, wie rot (Kızıl), Glocke (Çan), Kirche (Kilise), wurden alle geändert. Alles, was mit „separatistischen Vorstellungen“ zu bringen war und in Arabisch, Persisch, Armenisch, Kurdisch, Georgisch, Tatarisch, Tscherkessisch und Lasisch war, wurde geändert.

Die Regierung gründete schließlich im Jahre 1956 die Ad Degistirme Ihtisas Komisyonu (Sonderkommission für Namensänderungen), die Fachleute (Politiker, Generäle, Linguisten und Professoren) für die Namensänderung geographischer Orte in der Türkei berief. Die Initiative erreichte die Umänderung 28.000 topographischer Namen, von denen 12.211 Dorf- und Städtenamen und weitere 4.000 neu benannte Gebirgs-, Fluss- und andere topographische Bezeichnungen waren.Türker S., “28 bin yerin ismi değişti...,”, Vatan, 16 Agustos, 2009.Tunçel H., “Türkiye’de İsmi Değiştirilen Köyler,” Sosyal Bilimler Dergisi, Firat Universitesi, 2000, volume 10, number 2.T. C. Icisleri Bakanligi (1968): Köylerimiz. 1 Mart 1968 gününe kadar. T.C. Icisleri Bakanligi, Iller Idaresi Genel Müdürlügü. AnkaraT. C. Icisleri Bakanligi (1977): Yeni Tabii Yer Adlari 1977. Yeni, Eski ve Illere Göre Dizileri. Icisleri Bakanligi, Iller Idaresi Genel Müdürlügü, Besinci Sube Müdürlügü. Ankara

Diese Zahl enthält außerdem die Namen von Straßen, Denkmälern, Vierteln, Nachbarschaften und anderen Siedlungseinheiten.Okutan, M. Çağatay (2004): Tek Parti Döneminde Azınlık Politikaları [Minority Policies during the One Party Period]. İstanbul, İstanbul Bilgi Üniversitesi Yayınları. Die Kampagne dauerte bis 1978, wurde aber 1983 wieder eingeführt. Während der Spannungen zwischen kurdischen Rebellen und der türkischen Regierung wurden in den 1980er Jahren die Namen der kleineren Siedlungen geändert, die nicht einmal Dorfstatus hatten.

Aktuelle Situation Obwohl die veränderten geographischen Namen offiziell anerkannt sind, sind in der gesamten Türkei oftmals ihre ursprünglichen Namen unter den Bewohnern der betroffenen Gebiete weiterhin geläufig.

2012 wurden ernsthafte Bemühungen gestartet, um die früheren Namen geographischer Begriffe wieder offiziell werden zu lassen. Im September 2012 wurden die entsprechenden Rechtsvorschriften erlassen, um die ursprünglichen Namen der (vorwiegend kurdischen) Dörfer wiederherzustellen. Laut der Gesetzesvorlage könnte also die Provinz Tunceli wieder Dersim umbenannt werden, Güroymak wäre dann Norşin und Aydınlar würde wieder ihren ursprünglichen Namen Tilo zurückerhalten. Im November 2013 wurde Aydınlar wieder in Tillo rückbenannt.

Provinzen im Vergleich Die meisten geographischen Namensänderungen erfolgten in den östlichen Provinzen des Landes und an der östlichen Schwarzmeerküste, wo die meisten Minderheiten des Landes ihre historischen Siedlungsgebiete haben. Nach unabhängigen Studien schätzt Sevan Nisanyan, dass von allen geographischen Namensänderungen 4.200 griechische, 4.000 kurdische, 3.600 armenische, 750 arabische, 400 aramäische, 300 georgische und 200 lasische Herkunft haben (neben 50 weiteren). Allerdings wird nach den offiziellen Statistiken der Sonderkommission für Namensänderung (Ad Degistirme Ihtisas Komisyonu) die Gesamtzahl der umbenannten Dörfer, Städte und Siedlungen auf 12.211 geschätzt.

Die folgende Tabelle soll die Provinzen und deren Anzahl der umbenannten Dörfer oder Städte auflisten.

mini|links|430px|Prozentsatz der geographischen Namensveränderungen in der Türkei seit 1916 Provinz Anzahl Provinz Anzahl Provinz Anzahl Provinz Anzahl Provinz Anzahl Erzurum 653 Kastamonu 295 Giresun 167 Amasya 99 Denizli 53 Mardin 647 Gaziantep 279 Zonguldak 156 Kütahya 93 Burdur 49 Diyarbakır 555 Tunceli 273 Bursa 136 Yozgat 90 Niğde 48 Van 415 Bingöl 247 Ordu 134 Afyon 88 Uşak 47 Sivas 406 Tokat 245 Hakkâri 128 Kayseri 86 Isparta 46 Kars 398 Bitlis 236 Hatay 117 Manisa 83 Kırşehir 39 Siirt 392 Konya 236 Sakarya 117 Çankırı 76 Kırklareli 35 Trabzon 390 Adıyaman 224 Mersin 112 Eskişehir 70 Bilecik 32 Şanlıurfa 389 Malatya 217 Balıkesir 110 Muğla 70 Kocaeli 26 Elazığ 383 Ankara 193 Kahramanmaraş 105 Aydın 69 Nevşehir 24 Ağrı 374 Samsun 185 Rize 105 İzmir 68 Istanbul 21 Erzincan 366 Bolu 182 Çorum 103 Sinop 59 Edirne 20 Gümüşhane 343 Adana 169 Artvin 101 Çanakkale 53 Tekirdağ 19 Muş 297 Antalya 168

Beispiele geographischer Namensänderungen Armenische Namen Historisch wurden die Bezeichnungen armenischer geographischer Standorte zunächst unter der Herrschaft von Sultan Abdulhamit II abgeschafft. Im Jahr 1880 wurde das Wort Armenien aus der Presse, den Schulbüchern und allen staatlichen Einrichtungen verbannt und mit Worten wie Anatolien oder Kurdistan ersetzt.Modern History of Armenia in the Works of Foreign Authors [Novaya istoriya Armenii v trudax sovremennix zarubezhnix avtorov], R. Sahakyan (Hrsg.), Yerevan, 1993, S. 15 (in Russian) Die Änderung armenischer Namen wurde vom Beginn der republikanischen Ära bis zum 21. Jahrhundert fortgesetzt. Sie umfasste die Türkisierung von Nachnamen, die Änderung der Tiernamen und die Änderung der Namen der armenisch-historischen Figuren (als Beispiel wurde der Name der prominenten Balyan unter der Identität des oberflächlich italienisch erscheinenden Familiennamens Baliani versteckt). Dazu gehörte auch die Veränderung und Verfälschung der armenisch-historischen Ereignisse.

Die meisten geographischen Objekte mit armenischem Namen befanden sich in den östlichen Provinzen des Osmanischen Reiches. Dörfer, Siedlungen oder Städte mit dem Suffix „-kert“ („erbaut“ oder „errichtet“, z. B. Manavazkert – heute Malazgirt, Norakert, Noyakert), dem Suffix „-shen“ („Dorf“, z. B. Aratashen, Pemzashen, Norashen) und „-van“ („Stadt“, z. B. Charentsavan, Nakhichevan, Tatvan) deuten auf einen armenischen Ursprung. Während der osmanischen Geschichte siedelten sich türkische und kurdische Stämme in armenischen Gebieten an und veränderten so die ursprünglich armenischen Namen. So wurde z. B. das armenische Norashen zu Norşin. Dies fand insbesondere nach dem Völkermord an den Armeniern statt, da die armenische Bevölkerung aus der Osttürkei deportiert wurde.

Der Etymologe und Autor Sevan Nisanyan schätzt, dass 3.600 armenische Namen geographischer Objekte verändert wurden.

Nennenswerte Beispiele abgeänderter ursprünglich armenischer Ortsnamen:TC Dahiliye Vekaleti, Son Taksimati Mulkiyede Koylerimizin Adlari, Ankara 1928. Armenischer Name Abgeändert zu: Hinweise Govdun Goydun Aus armenisch: „Haus/Stall der Kühe“ Aghtamar Akdamar Aus armenisch: abgeleitet von der armenischen Volkslegende „Aghtamar“.Multicultural Pasts as a Problem in the Construction of National Programs of Cultural Heritage in Modern Southeast Europe. (PDF) 10th Annual Kokkalis Program Workshop at Harvard University, Februar 7–8, 2007, S. 2. (abstract) Akn Kemaliye Aus armenisch: „Brunnen“Ajaryan, H. Armenian Etymological Dictionary (Hayeren atmatakan bararan), Yerevan, 1971, State Univ.y Publ. House, Vol. 1, S. 106–108. Manavazkert Malazgirt Aus armenisch: „Stadt des Menua“ (benannt nach dem Urartu-König Menua) Vostan Gevaş Aus armenisch: „Dem König gehörend“ Norashen Güroymak Aus armenisch: „Neue Stadt“. Es gibt Bemühungen, den ursprünglichen Namen wieder zum offiziellen Namen zu machen.Die kurdische Gemeinde von Güroymak ist der Überzeugung, dass der Name „Norşin“ kurdisch ist. Sassoun Sason Abgeleitet von der armenischen Volkslegende „Sanasar“ Çermuk Çermik Aus armenisch: „Heiße Frühlinge“ Khachkar Kaçkar Dağı Aus armenisch: Chatschkar (Steinerne Kreuze für Grabsteine gebräuchlich).Robert H. Hewsen: Armenia: A Historical Atlas. University of Chicago Press, 2001, ISBN 0-226-33228-4, S. 212: „River between the port of Atina (now Pazar) on the coast and the great inland peak called Kajkar (Arm. Khach'k'ar) Dagh 'Cross-stone Mountain'“. Everek Develi Abgeleitet vom armenischen Wort Averag (Ruinen). Karpert Harput Aus armenisch: „Steinerne Festung“ Ani Anı Historische Hauptstadt der armenischen Bagratiden. Türkisch: „Erinnerung“Sevaverag Siverek Aus armenisch: „Schwarze Ruinen“ Chabakchur (Çapakçur) Bingöl Aus armenisch: „Raue Gewässer“. Türkisch: „Tausend Seen“.Çabakçur blieb bis 1950 offizieller Name. Metskert Mazgirt Aus armenisch: „Große Stadt“ Pertak Pertek Aus armenisch: „Kleine Burg“

Griechische Namen Ein Großteil der griechischen Namen haben ihren Ursprung im Byzantinischen Reich und dem Reich von Trapezunt.