Als altskandinavische Feste werden die Veranstaltungen (Märkte usw.) und die heidnischen religiösen Feiern im frühen Skandinavien und in Island behandelt.

Quellen Über den Vollzug der Feiern gibt es kaum Quellen. Die Edda- und Skaldengedichte liefern zwar einen umfangreichen mythologischen Stoff, sagen aber wenig darüber aus, wie ein Ritual vollzogen wurde. Die Sagaliteratur bietet auf diesem Gebiet zwar etwas mehr, ist hier aber von eher zweifelhaftem Quellenwert. Dass die Quellen über die Riten so knapp sind, kann daran liegen, dass die schriftliche Überlieferung von der Kirche behindert wurde und daher bei Abfassung der Sagas die Riten vergessen waren, während der mythologische Stoff dichterisch weiterhin verarbeitet werden konnte. Aber die Archäologie und die Namensforschung gibt einige weitere Einblicke. Darüber hinaus kann die vergleichende Religionsphänomenologie Erkenntnisse liefern, da ähnliche Gesellschaftstypen ähnliche Religionstypen besitzen. Für die Volksreligion ist ein dezentralisiertes Kultwesen, das Fehlen eines spezialisierten Kultleiters und die Gleichberechtigung von Männern und Frauen bei der Durchführung der Kulthandlungen charakteristisch. Daneben geben Ortsnamen und neuere Gesetzestexte mit ihren Verboten bestimmter Kulthandlungen Kunde von den Ritualen. Gleichwohl gibt es keine genauen Beschreibungen. So ist nicht auszumachen, wie ein Begräbnis im Einzelnen ablief.

Öffentliche Festorte An den zentralen Thing- und Kultstätten wurden zu Zeiten der Zusammenkünfte Märkte abgehalten, religiöse Zeremonien und auch Rechtsakte vollzogen. Solche zentralen Orte waren in vorchristlicher Zeit in Dänemark Viborg, Odense, Ringsted, Lund, und Gudme auf Fünen, in Schweden Uppsala, Strängnäs, Skara, Linköping, Västerås und Enköping. Für Norwegen ist eine solche Verbindung zwischen Kult und Markt für Borg belegt, und Island gar nicht, wohl aber zwischen Tingversammlung und Markt. Dies kann auch an der äußerst dürftigen Quellenlage liegen. Die termingebundenen Märkte – es gab auch dauernde oder wöchentliche, insbesondere für Lebensmittel – wurden zu Zeiten der Götterkulte abgehalten und fanden in Dänemark z. B. am 7. Januar, dem späteren St.-Knuds-Tag, statt und beinhalteten auch große Gelage, weshalb sie auch „Drikting“ (Trink-Versammlung) hießen. Im Laufe des 15. Jahrhunderts wurde dieses Fest, das auch „Snapsting“ genannt wurde, auf den „20. Tag nach Jul“ = 13. Januar verlegt. Ein anderer fester Termin war der Johannistag, der in enger Verbindung zur Sommersonnenwende stand. In Norwegen ist Borg auf den Lofoten ein bekannter zentraler Kultplatz.

Archäologische Untersuchungen haben eine lange Entwicklung der Opferfeste im skandinavischen Raum erwiesen, von großen kollektiven Opferzeremonien hin zum Kult am Sitz des Herrschers oder Häuptlings. In der Zeit vom 3. bis 6. Jahrhundert fanden traditionelle Opferzeremonien durch Niederlegung von großen Mengen an Waffen und Kriegsgefangenen in Gebieten mit Seen statt. Ab dem 6. Jahrhundert wurden Brakteaten und Goldstücke an den Wohnstätten der Machthaber niedergelegt, und diese Opfer waren ihm gewidmet. Manche Forscher sehen darin einen radikalen Glaubenswechsel, der gesellschaftlich von größerer Bedeutung gewesen sei, als der spätere Wechsel zum Christentum. Im Übrigen fanden private Blóts am Hof der Großbauern statt.

Das Blót

Die großen öffentlichen Feste fanden zu den Grenzen der Quartale des gebundenen Mondjahres statt. Es handelte sich im Gegensatz zu den christlichen Feiern um heilige Gelage. Die Gäste brachten in der Regel die Esswaren mit. Verzehrt wurde geweihtes Fleisch von Opfertieren und gesegnetes Met oder Bier. Die Quellen bezeugen, dass berauschenden Getränken besondere Kräfte innewohnten. In der Hávamál heißt es: hvars þú öl drekkir, kjós þér jarðar megin, því at jörð tekr við ölðri …Wenn Du Bier trinkst, wünsch dir der Erde Kraft, die Erde nimmt den Trank entgegen … Bier und Met waren Festgetränke. Im täglichen Leben trank man Wasser oder Milch oder ein Gemisch von beidem. Bier konnte nicht gelagert werden. Deshalb wurde es nur für Festlichkeiten gebraut.

Met wurde aus Honig gemacht. Das konnte man zwar lagern, aber es war sehr teuer, denn Honig stand nur in geringen Mengen zur Verfügung. Die besondere Kraft des Mets wird auch in der Sigrdrífumál erläutert: Allar vóro af skafnar þær er vóro á ristnar, ok hverfðar við inn helga miǫð ok sendar á v´ða vega; þær ro með ásom, þær ro með álfom, sumar með vísom vǫnom, sumar hafa menzkir menn.Alle [Runen] wurden abgeschabt, die eingeritzt wurden, und mit dem heiligen Met zusammengerührt und gesandt auf weite Wege; sie sind bei den Asen sie sind bei den Alben, einige bei weisen Wanen, einige haben die menschlichen Männer. Der volle Becher ging von Hand zu Hand rund um den Tisch, nachdem er durch eine Segenshandlung Odin für den Sieg und dann Njörðr und Freyr geweiht worden war. Mit dem einsetzenden Rausch erhielten die Männer göttliche Inspiration. Es wurden auch „Erinnerungsbecher“ für die Verstorbenen getrunken. Diese wurden nicht herumgereicht, sondern jeder trank sein eigenes Horn. Außerdem gab es das „Bragafull“, bei dessen Trank man ein Gelübde für eine noch zu vollbringende Heldentat ablegte. Dafür wurde ein großer Eber in den Raum gebracht, und das Gelübde durch das Auflegen der Hand auf den Eber besiegelt.

Durch dieses gemeinsame Gastmahl wurde die Tischgemeinschaft untereinander und mit den Göttern verbunden. Es gab eine Kultformel für den gemeinsamen Trank: „Til árs ok friðar“ (Für (ein gutes) Jahr und den Frieden). Der Friede, der hier beschworen wurde, war die Harmonie innerhalb der Sippe und mit den Göttern. Das Wort hatte auch Verwandtschaft mit der Fruchtbarkeit. Die Tiere sollten sich vermehren, das Korn wachsen und Mensch und Tier waren bei guter Gesundheit. Früher hat man diese Formel als spät unter christlichem Einfluss entstanden betrachtet. Aber Anders Hultgård hat nachgewiesen, dass sich diese Formel schon in vorkirchlichen Quellen findet, so dass es sich um eine sehr alte Kultformel handele. Eine schweigende fromme Andacht, während das Trinkhorn kreiste, wie man es vom christlichen Abendmahl her kennt, stellte sich aber nicht ein, wie die Schilderung eines Disablóts in der Egils saga zeigt (siehe unten).

Familienfeste Für innerfamiliäre Feste wurde statt „Blót“ häufig das Wort „Øl“ verwendet. Das Wort „Øl“ bedeutete im Norwegischen nicht nur Bier, sondern auch „Gelage“. Der Beginn des Lebens bildete das Barnsøl (Kindsbier), dann kamen Brudeøl (Brautbier) und am Ende Gravøl oder ArveølAuf dem Skadeberg-Stein (Stavanger-Museum) der Wikingerzeit aus Sola in Rogaland steht: Die Teilnehmer der Trinkgemeinschaft (Ølhúsmenn) errichteten diesen Stein nach Skarðe, als sie sein arveøl tranken. (Begräbnisbier, Erbenbier), dazwischen oft auch Festensøl (Festbier). Besondere rechtliche Bedeutung hatte das „frælsis øl“ (Freilassungsbier), das der freigelassene Sklave abhielt und das künftige Verhältnis zu seinem bisherigen Herrn bestimmte. Der Freigelassene hatte eine bestimmte Menge Bier zu brauen und seinen Freilasser mit einer festgelegte Anzahl Gästen förmlich einzuladen.

Festtermine

Die Zeit hatte eine mythische Dimension. Sie wurde nach der Völuspá von den Göttern durch die Regelung des Sonnen- und Mondlaufs geschaffen. Damit hatte die Zeit und die Zeitrechnung auch kultische Bedeutung. Die Feiern waren an den lunisolaren Kalender der damaligen Zeit gekoppelt. Grundlagen der Festberechnungen waren: Das gebundene Mondjahr, die Verankerung in einem Achtjahreszyklus, die Wintersonnenwende als entscheidendes Kriterium, ob ein Schaltmonat einzufügen war, und dass der erste Julmond immer zur Zeit der Wintersonnenwende leuchten musste. Diese vorkirchliche Zeitrechnung lag den rituellen Festzyklen sowie der ökonomischen und juristischen Organisation zu Grunde.

Die Hauptfeste fanden offenbar zu Beginn der verschobenen Jahresquartale statt, und diese waren: Die „Winternächte“ (vetrnætr, zwischen dem 11.Jul. und dem 17. OktoberJul.), der „Mittwinter“ (zwischen dem 9.Jul. und 16. JanuarJul.), der „Sommeranfang“ (zwischen 9.Jul. und 15. AprilJul.) und der „Mittsommer“ (zwischen dem 13.Jul. und 20. JuliJul.). Drei davon waren Festtermine. Der früheste Bericht dazu findet sich in der Ynglinga saga des Snorri Sturluson:

Aber auch in der Ólafs saga helga werden die drei Feste mehrfach erwähnt. Am häufigsten wird in der frühen Literatur das Fest zu den Mittwinternächten (zwischen 9.Jul. und 16. JanuarJul.) genannt, wahrscheinlich, weil dies das vorkirchliche lunisolare Neujahr war im Gegensatz zum vorkirchlichen astronomischen Neujahr, das durch die Wintersonnenwende bestimmt war. Dieses Mittwinterfest wurde auch „Disablot“ (Fest der Disen) genannt und war wahrscheinlich Fruchtbarkeitsgöttinnen geweiht. In diesem Zusammenhang wird oft auch der Gott Freyr erwähnt.

Das Fest zum Mittsommer wird wesentlich seltener erwähnt, und in Ágrip heißt es, dass das Fest in christlicher Zeit zum Johannisfest umgewandelt worden sei.

Während diese Angaben in der Forschung als wenig zuverlässig eingeschätzt werden, so scheint doch festzustehen, dass an diesem Termin wichtige Thingversammlungen stattfanden, Gulathing, Frostathing und das Althing in Island.

Im gebundenen Mondjahr entfernte und näherte sich der Mondmonat gegenüber einem festen Datum im Sonnenkalender periodisch. Im altskandinavischen Kalender begann der Julmond mit dem ersten Sichtbarwerden der Mondsichel nach der Wintersonnenwende. Der Abstand zwischen der Wintersonnenwende und dem ersten Sichtbarwerden der Mondsichel danach ändert sich von Jahr zu Jahr. Nach 19 Jahren ist der Abstand wieder der gleiche (Goldene Zahl). Dieser 19-jährliche Zyklus war möglicherweise auch für die altskandinavischen Feste von Bedeutung. Schon Diodor schreibt zu den Hyperboreern:

Die Erwähnung der Anwesenheit eines Gottes nach Ablauf des Zyklus weist auf die religiöse Bedeutung hin. Allerdings gibt es außer dem eher legendenhaften Bericht des Diodor keine Quellen, die für Skandinavien auf einen 19-jährigen Zyklus hinweisen. Dafür gibt es aber Anzeichen dafür, dass man zumindest gegen Ende der Germanischen Eisenzeit (375–650 n. Chr.) einen achtjährigen Sonnenjahreszyklus für die Feste verwendete. Dieser Mondzyklus über acht Sonnenjahre beinhaltete bis auf anderthalb Tage genau 99 Mondmonate.

In den Quellen ist aber vor allem von einem neunjährigen Zyklus die Rede. In Kap. 25 der Ynglinga saga wird gesagt, dass König Aun alle zehn Jahre einen seiner Söhne dem Odin opferte, um sein Leben um weitere zehn Jahre zu verlängern. Nachdem er neun Söhne geopfert hatte, wurde er von seinen Untertanen daran gehindert, seinen zehnten und letzten Sohn zu opfern. Und so starb er. In der Historia Norwegiæ und einer weiteren Quelle wird diese Episode ebenfalls erwähnt, allerdings mit der Abweichung, dass das Opfer alle neun Jahre ausgeführt wurde. Vieles spricht dafür, dass diese Periode die ältere ist. Thietmar von Merseburg befasst sich mit dem Hauptopferfest in Lejre auf Seeland und dem von Adam von Bremen geschilderten Opferfest von Uppsala. Er schrieb zu Beginn des 11. Jahrhunderts, doch das letzte Opferfest von Lejre wurde unter König Heinrich dem Frommen 934 abgehalten. Thietmar berichtet:

Das Intervall von neun Jahren wird auch von Adam von Bremen bei der Schilderung des Opferfestes von Uppsala erwähnt:

Die Forschung interpretiert den Text so, dass in Uppsala jährlich ein Opferfest stattfand, aber jedes neunte Jahr ein besonders üppiges. Aber außer Thietmar berichtet niemand von 99 Opfertieren in Lejre, und manche nehmen an, dass diese Angabe aus den nachfolgenden Gründen wohl falsch sei.