Abū ʿAbdallāh Muhammad ibn Muhammad al-Hārithī (), bekannt unter dem Ehrentitel asch-Schaich al-Mufīd (), geb. 948 oder 950 bei ʿUkbarā nördlich von Bagdad; gest. 29. November 1022 in Bagdad, war einer der wichtigsten imamitisch-schiitischen Theologen und Rechtsgelehrten der Buyidenzeit. Er gilt auch als „Kirchenvater“ des imamitischen Rationalismus von Bagdad.Amir-Moezzi: “Al-Shaykh al-Mufīd (m. 413/1022) et la question de la falsification du Coran.” 2014, S. 162. Historisch bedeutsam ist er vor allem durch seine Übernahme von Methoden des Kalām und ihre Weiterentwicklung im Rahmen der schiitischen Glaubenslehre.

Name Nach dem Beruf seines Vaters war al-Mufīd auch als Ibn al-Muʿallim („Sohn des Lehrers“) bekannt. Den Ehrentitel al-Mufīd („der Belehrende“) soll ihm der muʿtazilitische Exeget ʿAlī ibn ʿĪsā ar-Rummānī (gest. 994) oder ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad verliehen haben.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 10. Ibn an-Nadīm, der ihn persönlich kannte, erwähnt diesen Ehrentitel in seinem 978/88 abgeschlossenenMcDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 8. Fihrist noch nicht. Nach Ibn Schahrāschūb (gest. 1192) war es der „Herr der Zeit“ (ṣāḥib az-zamān), also der zwölfte Imam, der ihm den Titel asch-Schaich al-Mufīd verlieh.Ibn Šahrāšūb: Maʿālim al-ʿulamāʾ. 1961, S. 113. Die schiitische Tradition überliefert einen Brief des zwölften Imams an asch-Schaich al-Mufīd, in dem er ihn so angesprochen haben soll.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 11.

Abstammung Al-Mufīds Familie gehörte zu dem südarabischen Stamm der Banū l-Hārith ibn Kaʿb. Sein Vater war Lehrer in Wāsit gewesen, bevor er nach ʿUkbarā zog, einer am Ostufer des Tigris auf halbem Weg zwischen Bagdad und Mosul.

Leben Kindheit und Ausbildung Al-Mufīd wurde am 11. Dhū l-Qaʿda 336 (= 23. Mai 948) oder 338 (= 2. Mai 950)McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 9. in Suwayqat al-Basrī in der Nähe von ʿUkbarā geboren. Er kam als Junge nach Bagdad und hörte bereits im Muharram 347 (= April 958) Hadithe in der Moschee von al-Mansūr. Sein Lehrer im Fiqh war Dschaʿfar ibn Muhammad Ibn Qūlūya (gest. 978/79) aus Qum. Im Kalām scheint sein Hauptlehrer Abū l-Dschaisch al-Muzaffar ibn Muhammad al-Balchī al-Warrāq (gest. 977/78) gewesen zu sein, der in den imamitischen Quellen als Schüler des imamitischen Kalām-Gelehrten Abū Sahl ibn Naubacht beschrieben wird und wahrscheinlich auch bei Abū l-Qāsim al-Balchī studiert hatte. Es war wahrscheinlich er, bei dem al-Mufīd eine Grundausbildung in der Bagdader Schule der Muʿtazila erhielt und mit den Lehren der Banū Naubacht bekannt gemacht wurde. Die islamische Tradition hörte er bei einer großen Zahl von schiitischen und schiitenfreundlichen Traditionariern, darunter Abū ʿUbaidallāh al-Marzubānī (gest. 994) und Abū Bakr Muhammad ibn ʿUmar Ibn al-Dschiʿābī (gest. 966). Die Tradition der imamitischen Schule von Qum erhielt er hauptsächlich von Ibn Qūlūya, Muhammad ibn Ahmad al-Qummī (gest. 978/79) und Ibn Bābawaih, den er wahrscheinlich während dessen Besuchen in Bagdad in den Jahren 963 und 966 hörte.Madelung: "al-Mufīd". 1991, S. 312a.

Aktivität als Kalām-Gelehrter Al-Mufīd richtete regelmäßig eine Diskussionsrunde in seinem Haus in der Darb-Riyāh-Straße aus, an der die Allgemeinheit der Gelehrten teilnahm.Ibn al-Ǧauzī: al-Muntaẓam fī taʾrīḫ al-mulūk wa-l-umam. Ed. Muḥammad u. Muṣṭafā ʿAbd al-Qādir ʿAṭā. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1995. Bd. Bd. XV, S. 157. Digitalisat In dieser Straße hatte er auch eine Moschee.Ibn al-Ǧauzī: al-Muntaẓam fī taʾrīḫ al-mulūk wa-l-umam. Ed. Muḥammad u. Muṣṭafā ʿAbd al-Qādir ʿAṭā. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1995. Bd. Bd. XV, S. 58. Digitalisat Auch anderswo debattierte er mit zahlreichen Gelehrten gegnerischer Fraktionen, darunter mit dem Aschʿariten al-Bāqillānī. Die Schiiten überliefern die Mitschrift von einer Disputation, die al-Mufīd mit ihm über die Designation von ʿAlī als Nachfolger des Propheten geführt haben soll.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 37, Nr. 135. Ein weiteres Thema, über das die beiden disputierten, war die Verwendung des Qiyās bei rechtlichen Fragen.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 15. Zu den Gelehrten, die mit ihm disputierten, gehörte auch ein „muʿtazilitischer Scheich aus Raiy, der wegen der Stellung seiner Vorfahren und der Verbundenheit mit dem Staat (taʿalluquhu bi-d-daula) hoch geehrt wurde“.aš-Šaiḫ al-Mufīd: al-Fuṣūl al-muḫtāra min al-ʿUyūn wa-l-maḥāsin. Maktabat ad-Dāwarī, Ghom 1396h (= 1975 n. Chr.). S. 97. Hierbei handelte es sich wahrscheinlich um ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 16.

Als führender Theologe der Imamiten gewann al-Mufīd schnell an Ansehen und Einfluss. Ibn an-Nadīm, der ihn persönlich kannte, beschreibt ihn in seinem Fihrist als einen „Meister in der Kunst des Kalām“ (muqaddam fī ṣināʿat al-kalām) und als scharfsinnigen und geistesgegenwärtigen Gelehrten.Ibn an-Nadīm: al-Fihrist. Ed. Riḍā Taǧaddud. 3. Aufl. Dār al-Masīra, Beirut, 1988. S. 226. Digitalisat – Engl. Übersetzung unter dem Titel The Fihrist of al-Nadīm. A Tenth-Century Survey of Muslim Culture. Columbia University Press, New York 1970, S. 443. Abū Haiyān at-Tauhīdī lobt ihn als eloquenten, einfallsreichen und beharrlichen Debattierer.Abū Ḥaiyān at-Tauḥīdī: al-Imtāʿ wa-l-muʾānasa. Ed. Aḥmad Amīn, Aḥmad az-Zain. 3 Bände. Kairo 1953. Reprint Dār Maktabat al-ḥayāh, Beirut o.D. Bd. I, S. 141. Digitalisat

Ein Indiz für al-Mufīds Ansehen als Lehrer war auch die Tatsache, dass der Scherifen-Obmann Abū Ahmad al-Husain ibn Mūsā al-Mūsawī ihn zum Mentor seiner beiden Söhne ar-Radī (gest. 1016) und al-Murtadā (gest. 1044) machte, die später selbst dieses Amt ausübten.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 14. Ibn al-Dschauzī (gest. 1200) schreibt, dass er auch bei den Herrschern der Randprovinzen (umarāʾ al-aṭrāf) eine hohe Stellung hatte, weil sie seiner Lehrrichtung zuneigten. Damit waren wahrscheinlich die Buyiden gemeint. Von dem buyidischen Herrscher ʿAdud al-Dawla (gest. 983) ist bekannt, dass er ihn oft besuchte.Šams ad-Dīn aḏ-Ḏahabī: al-ʿIbar fī ḫabar man ġabar. Ed. Fuʾād Saiyid. Maṭbaʿat ḥukūmat al-Kuwait, Kuwait 1984. Bd. III, S. 116f. Digitalisat

Verbannungen Im Jahre 1002 wurde al-Mufīd nach Unruhen aus Bagdad verbannt, ohne dass erkennbar ist, dass er an ihrer Initiierung beteiligt war.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 18. 1008 stand er erneut im Zentrum von Unruhen.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 18–20. Nach dem Bericht Ibn al-Dschauzīs war dieses Mal der Auslöser, dass einige Haschimiden vom Basra-Tor zu seiner Moschee in der Darb-Riyāh-Straße kamen und ihn beleidigten. Die Anhänger al-Mufīds waren darüber ärgerlich und riefen die Bewohner von al-Karch zum Kampf auf. Wenige Wohen später wurde al-Mufīd erneut aus der Stadt verbannt, allerdings wurde ihm aufgrund der Fürsprache des schiitischen Stammeschefs ʿAlī ibn Mazyad schon bald die Rückkehr erlaubt.Ibn al-Ǧauzī: al-Muntaẓam fī taʾrīḫ al-mulūk wa-l-umam. Ed. Muḥammad u. Muṣṭafā ʿAbd al-Qādir ʿAṭā. Dār al-kutub al-ʿilmīya, Beirut 1995. Bd. Bd. XV, S. 58f. Digitalisat

Gemeinsam mit anderen prominenten Imamiten unterzeichnete al-Mufīd das Dokument, das im Jahr 1011/12 auf Befehl des abbasidischen Kalifen al-Qādir erstellt wurde und die Genealogie der fatimidischen Kalifen in Frage stellte. 1018 wurde er nach neuen Unruhen erneut aus Bagdad verbannt. In der übrigen Zeit war al-Mufīd mit Unterricht und der Abfassung von Werken beschäftigt.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 20f.

Tod Al-Mufīd starb am 2. Ramadan 413 (= 29. November 1022).al-Ḫaṭīb al-Baġdādī: Taʾrīḫ Baġdād. 2004, Bd. III, S. 450. Der Totengebet wurde von seinem Schüler asch-Scharīf al-Murtadā (gest. 1044) gehalten und von einer gewaltigen Menschenmenge besucht. Al-Mufīd wurde zunächst in seinem Haus und später auf dem Friedhof der Quraisch neben seinem Lehrer Ibn Qūlūya in der Nähe des neunten Imam Muhammad al-Dschawād begraben.

Schüler Nahezu alle führenden imamitischen Gelehrten der folgenden Generation waren al-Mufīds Schüler: asch-Scharīf ar-Radī (gest. 1015) und asch-Scharīf al-Murtadā (gest. 1044), at-Tūsī, an-Nadschāschī, al-Karādschakī, Sālār al-Dailamī, Abū s-Salāh al-Halabī und andere. Viele der Überlieferungen, die er at-Tūsī überlieferte, wurden von diesem in sein Kitāb Tahḏīb al-aḥkām aufgenommen, eine der kanonischen Sammlungen imamitischer Überlieferungen. Al-Mufīds Einfluss auf die spätere imamitische Theologie blieb jedoch begrenzt, da asch-Scharīf al-Murtadā und at-Tūsī die Lehre der Basrischen Muʿtazila der seinen vorzogen.Madelung: "al-Mufīd". 1991, S. 313a.

Werke Al-Mufīd war ein sehr produktiver Gelehrter. Nach Fuat Sezgin beläuft sich die Zahl seiner Schriften auf etwa 200.Sezgin: Geschichte des arabischen Schrifttums. 1967, Bd. I, S. 550. M. J. McDermott liefert eine Liste mit 172 Titeln.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufid. 1978, S. 27–40. Von diesen Schriften sind allerdings nur wenige erhalten, teilweise vollständig, teils in Form umfangreicher Zitate in Werken anderer Autoren. Einige sind nur dem Titel nach bekannt. Al-Mufīd schrieb Widerlegungen zu Abhandlungen und Ansichten von Muʿtaziliten wie Dschaʿfar ibn Harb, al-Dschāhiz, Abū ʿAlī al-Dschubbā'ī, Abū l-Qāsim al-Balchī, al-Wāsitī, Ibn al-Ichschīd, Abū ʿAbdallāh al-Basrī, al-Rummānī, al-Chālidī, as-Sāhib ibn ʿAbbād und ʿAbd al-Dschabbār ibn Ahmad, von sunnitischen Theologen wie Ibn Kullāb und al-Karābīsī, von Korangelehrten wie Qutrub und Thaʿlab, von den sufischen Anhängern al-Hallādschs und von imamitischen Gelehrten, mit denen er nicht übereinstimmte, wie Ibn Bābawaih, Ibn ʿAun al-Asadī und Ibn Dschunaid al-Iskāfī.Madelung: "al-Mufīd". 1991, S. 312. Die breite Anerkennung seiner Autorität unter den Imamiten außerhalb Baghdads spiegelt sich in seinen schriftlichen Antworten auf Fragen wider, die ihm von Gemeinden in Choresmien, Nischapur, Tabaristan, Dinawar, Chuzistan, Fars und Raqqa zugesandt wurden.Madelung: "al-Mufīd". 1991, S. 312b. Abgesehen von einigen wenigen datierten Schriften ist die Chronologie des Gesamtwerks von al-Mufīd unbekannt.

Awāʾil al-maqālāt fī l-maḏāhib wa-l-muḫtārāt Bei Awāʾil al-maqālāt fī l-maḏāhib wa-l-muḫtārāt („Die fundamentalen Abhandlungen über die Lehrrichtungen und bevorzugten Positionen“) handelt es sich nach Martin J. McDermott um das wichtigste von al-Mufīds theologischen Werken. Der Autor grenzt darin die Schia von der Muʿtazila ab. Während die Essenz der Schia das loyale Festhalten am Befehlshaber der Gläubigen ʿAlī und der Glaube an sein Imamat seien, sei die essentielle Lehre der Muʿtazila das Konzept der Mittelposition des großen Sünders. Da keiner von den Schiiten die Lehre von der Mittelposition vertrete, seien sie auch keine Muʿtaziliten.McDermott: The Theology of al-Shaikh al-Mufīd. 1978, S. 21f. Josef van Ess beschreibt das Buch als eine Art ʿAqīda, in der al-Mufīd seiner eigenen Lehrmeinung vor dem Hintergrund abweichender, vor allem muʿtazilitischer Lehren Ausdruck verlieh.Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2011, S. 618.