Tādsch ad-Dīn Abū l-Fath Muhammad ibn ʿAbd al-Karīm asch-Schahrastānī (; geb. zwischen 1074 und 1077 in Schahristān(a), Turkmenistan; gest. November 1153 ebenda) war ein islamischer Kalām-Gelehrter und Doxograph. Eines seiner bekanntesten Werke ist das Kitāb al-Milal wa al-Niḥal, in dem er einen Überblick über die Gesamtheit der religiösen und philosophischen Lehren des Orients lieferte. Aufgrund dieses Werks gilt er als „einer der Pioniere bei der Entwicklung eines wissenschaftlichen Ansatzes zur Erforschung der Religionen“.Diana Steigerwald: Al-Shahrastānī (d. 1153 C.E.) in Internet Encyclopedia of Philosophy.

Über asch-Schahrastānīs eigene Lehrrichtung gab es viele Diskussionen. Während einige Autoren ihn als Aschʿariten einordneten, sieht die neuere Forschung in ihm den Vertreter eines ismailitisch-philosophischen Lehrsystems. Asch-Schahrastānī war auch ein scharfer Kritiker Avicennas und widmete mehrere Schriften der Widerlegung seiner Lehren.

Leben Asch-Schahrastānī wurde in der kleinen Stadt Schahristān oder SchahristānaEss: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2011, S. 861. an der Nordgrenze von Chorasan, nicht weit von Nasā am Rande der Karakum-Wüste im heutigen Turkmenistan geboren. Die frühere Angabe seines Geburtsjahrs mit 1086 stützte sich auf den biographischen Eintrag bei Ibn Challikān, der asch-Schahrastānīs Zeitgenossen as-Samʿānī zitiert. Verlässlicher sind aber frühe Quellenangaben, nach denen er schon im Jahre 469 (= 1076/77 n. Chr.) oder 467 (= 1074/75) geboren wurde.Josef van Ess: „Das Geburtsjahr des Šahrastānī.“ in Der Islam 89 (2012), 111–117. Hier S. 112–113.

Ausbildung in Nischapur Asch-Schahrastānī erhielt seine Ausbildung in den islamischen Wissenschaften in Nischapur. Seine wichtigsten Meister waren zum größten Teil Schüler des Aschʿariten al-Dschuwainī (gest. 1085). In Koranexegese und in aschʿaritischem Kalām wurde er von Abū l-Qāsim Salmān ibn Nāsir al-Ansārī (gest. 1118) unterrichtet, der großen Einfluss auf ihn ausübte. Die Hadith-Gelehrsamkeit wurde ihm von Abū l-Hasan ʿAlī ibn Ahmad al-Madīnī (gest. 1100) vermittelt, und eine Ausbildung im schafiitischem Fiqh erhielt er bei Abū l-Muzaffar Ahmad ibn Muhammad al-Chawāfī (gest. 1106), einem Freund al-Ghazālīs und Qādī in Tūs, sowie bei Abū Nasr ʿAbd ar-Rahīm ibn ʿAbd al-Karīm al-Quschairī (gest. 1120), dem Sohn des bekannten Sufi-Autors al-Quschairī. Das Todesdatum von al-Madīnī kann hierbei als Terminus ad quem für asch-Schahrastānīs Ankunft in Nischapur gewertet werden.Monnot: “Al-Shahrastānī”. 1996, S. 214b.

Wahrscheinlich knüpfte asch-Schahrastānī schon während seiner Studienzeit in Nischapur Kontakte zu den nizāritischen Ismailiten. In seinem Korankommentar Mafātīḥ al-asrār wa-maṣābīḥ al-abrār erwähnt er, dass er die Koranexegese bei einem gewissen Salmān ibn Nāsir studiert habe, der ihm „noble Worte von der Prophetenfamilie und ihren Anhängern“ enthüllt habe, die ihn „auf verborgene Geheimnisse und solide Grundlagen der Koranwissenschaft hinwiesen.“ Sodann habe er einen „frommen Gottesknecht“ gefunden, der ihn die wahren Methoden und Prinzipien der Koranexegese gelehrt habe. Wilferd Madelung vermutet, dass dieser fromme Gottesknecht, den asch-Schahrastānī nicht identifiziert, ein Schiit war, der ihn in die ismailitisch-philosophische Koranexegese einführte.Zitiert in Madelung: “Muḥammad aš-Šahrastānī”. 2021, S. 375.

Choresm, Mekka, Bagdad ِِAsch-Schahrastānī ließ sich für einige Zeit in Choresm nieder und hielt dort Predigtsitzungen ab, in denen er die Lehren der Philosophen propagierte. Der schafiitische Traditionarier und Sufi Muhammad ibn Mahmūd al-Chwārazmī (gest. 1173) berichtet in seiner „Geschichte von Choresm“ (Tārīḫ al-Ḫawārazm), dass er mehrere dieser Predigtsitzungen besucht habe und dort nie Koranverse oder Hadithe zitiert worden seien und auch keine Beantwortung von religionsgesetzlichen Fragen stattgefunden habe. Der Text einer der Predigten, die asch-Schahrastānī in Choresm hielt, ist unter dem Titel Maǧlis-i maktūb (siehe dazu unten) erhalten.

Im Jahre 1117 verließ ِِasch-Schahrastānī die Region und reiste zum Haddsch nach Mekka. Auf dem Rückweg besuchte er Bagdad, wo Abū l-Fath Asʿad ibn Muhammad al-Maihanī (gest. um 1129), den er aus Choresm kannte, an der Nizāmīya lehrte. Mit seiner Hilfe erhielt asch-Schahrastānī ebenfalls eine Stelle an dieser Schule und vertrat hier vermutlich aschʿaritische Theologie. Drei Jahre lang hielt er hier auch regelmäßig Predigten, die von der Volksmenge gut aufgenommen wurden.Yāqūt ar-Rūmī: Kitāb Muʿǧam al-buldān. 1868, Bd. III, S. 343f.

Am Hofe Sandschars in Merw Als al-Maihanī 1120 seiner Professur enthoben wurde, verlor auch asch-Schahrastānī seine Stellung. Er kehrte daraufhin nach Chorasan zurück. Dort hatte zwei Jahre zuvor der seldschukische Sultan Sandschar die Macht übernommen und Marw zu einem kulturellen Magneten gemacht. Durch Vermittlung von Nasīr ad-Dīn Abū l-Qāsim Mahmūd ibn al-Muzaffar al-Marwazī, der von 1127 bis 1131 Sandschars Wesir war, erlangte asch-Schahrastānī die Position des Nā'ib der Kanzlei (dīwān al-rasāʾil). Ihm widmete asch-Schahrastānī sein Hauptwerk al-Milal wa-n-Niḥal. Im Laufe der Zeit entwickelte sich auch eine enge Freundschaft zu Sandschar selbst, die so weit ging, dass er „sein Vertrauter“ (ṣāhib sirrihi) wurde.

In dieser Zeit befasste sich asch-Schahrastānī eingehend mit Philosophie und setzte sich kritisch mit den Lehren Avicennas auseinander. So korrespondierte er in dieser Zeit mit dem Arzt und Philosophen Scharaf az-Zamān al-Īlāqī (gest. 1141) über philosophische Fragen. Und der persische Gelehrte Zahīr ad-Dīn al-Baihaqī (gest. 1169/70) berichtet, dass er asch-Schahrastānī in dieser Zeit Kapitel aus seinem Kitāb al-Manāhiǧ wa-l-āyāt („Buch der Methoden und Zeichen“) vortragen hörte, in dem er sich herabsetzend über Avicenna äußerte. Als Nasīr ad-Dīn al-Marwazī 1132 abgesetzt und inhaftiert wurde, gewann er in Madschd al-Dīn Abū l-Qāsim ʿAlī ibn Dschaʿfar al-Mūsawī gewidmet, dem Oberhaupt (naqīb) der imamitischen Gemeinde von Tirmidh, einen neuen Gönner. Für ihn verfasste er sein Buch Muṣāraʿat al-falāsifa („Das Ringen der Philosophen“).Madelung: “Muḥammad aš-Šahrastānī”. 2021, S. 377.

Rückkehr in seine Heimatstadt und Tod Im Jahre 1141 erlitt Sandschar bei Qatwān in Transoxanien eine schwere Niederlage gegen die Kara Kitai. Während er nach Balch floh, wurde seine Hauptstadt Merw von dem Choresm-Schah Ala ad-Din Atsiz geplündert. Die höfische Atmosphäre, in dem asch-Schahrastānī seinen philosophischen Interessen nachgegangen war, wurde dabei zerstört. Er verließ daraufhin Merw und zog sich in seine Heimatstadt Schahristāna zurück. Im Jahre 538 (= 1143/44 n. Chr.) begann er mit der Abfassung seines groß angelegten Korankommentars Mafātīḥ al-asrār wa-maṣābīḥ al-abrār. Gemäß der von Ibn Challikān überlieferten Aussage von al-Samʿānī starb asch-Schahrastānī in seinem Heimatdorf gegen Ende des Schaʿbān 548 (= November 1153).Monnot: “Al-Shahrastānī”. 1996, S. 215a.

Werke Asch-Schahrastānī hat nach Angabe seines Zeitgenossen al-Baihaqī (gest. 1169/70) mehr als zwanzig Werke verfasst.al-Baihaqī: Tatimmat Ṣiwān al-ḥikma. 1946, S. 142. Hierzu gehören:

Maǧlis-i maktūb Text eines „Kollegs“ (maǧlis) über das ismailitische Begriffspaar ḫalq („Erschaffung“) und amr („Befehl“), das asch-Schahrastānī auf Persisch vor zwölfer-schiitischem Publikum in Choresm gehalten hat. Asch-Schahrastānī entwickelt darin eine Theorie der Schöpfung, des Prophetentums und der Konzepte Ta'wīl und Tanzīl, die von der ismailitischen Gnosis inspiriert ist. Am Ende der Abhandlung präsentiert er einen mystischen und esoterischen Dialog zwischen Mose und al-Chidr.Steigerwald: La pensée philosophique et théologique de Shahrastani (m. 548/1153). 1997, S. 68. Die beiden Imame al-Hasan und al-Husain werden hierbei mit den beiden Waisenjungen aus Sure 18:82 verglichen, denen ihr Vater einen Schatz zugedacht hatte: Der Vater ist ʿAlī, und der Schatz der von ihm zusammengefügte Koran.Gimaret: “L'Islam aux «soixante-treizes sectes»”. 1986, S. 55. Al-Baihaqī gibt an, dass das Werk in symbolischen Ausdrücken die Grundlagen der Philosophie (uṣūl al-ḥikma) thematisiert und ihm dies wunderlich erschien.al-Baihaqī: Tatimmat Ṣiwān al-ḥikma. 1946, S. 142.

Das Werk wurde erstmals 1964 von dem iranischen Wissenschaftler M. R. Dschalālī Nā'īnī ediert.Im Anhang zu seiner Studie Šarḥ-i ḥāl wa āṯār-i Ḥuǧǧat al-Ḥaqq Abu-'l-Fatḥ ʿAbd-al-Karīm Ibn-Aḥmad Šahrastānī. Diana Steigerwald brachte 1998 Nā'īnīs Text zusammen mit einer französischen Übersetzung neu heraus.Diane (sic!) Steigerwald: Majlis. Discours sur l’Ordre et la création Les Presses de l’Université Laval, Kanada 1998. Eine weitere Edition mit englischer Übersetzung erstellte Daryoush Mohammad Poor. Sie erschien unter dem Titel Command and creation: a Shiʿi cosmological treatise 2021 bei I.B. Tauris in London.

al-Milal wa-n-Niḥal Das monumentale Werk al-Milal wa-n-Niḥal („Gruppierungen und Glaubensrichtungen“) wird vom Autor selbst auf das Jahr 521 der Hidschra, also 1127–28 n. Chr., datiertEss: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2011, S. 860. und ist Sandschars Wesir Nasīr ad-Dīn Abū l-Qāsim Mahmūd ibn al-Muzaffar al-Marwazī gewidmet. Als dieser jedoch 1132 in Ungnade fiel, schloss sich asch-Schahrastānī dem schiitischen Vorsteher der Scherifen von Tirmidh Madschd ad-Dīn Abū l-Qāsim ʿAlī ibn Dschaʿfar al-Mūsawī an und erstellte eine Neuauflage des Werks, die er ihm widmete.

Das Werk, das als „Anfang einer objektiven vergleichenden Religionswissenschaft“ betrachtet wird,Ess: Der Eine und das Andere: Beobachtungen an islamischen häresiographischen Texten. 2011, S. 865. hatte den Anspruch, „die Lehrmeinungen aller Völker der Welt“, d. h. die Gesamtheit aller Religionen und Philosophien, darzulegen. Bis heute verdankt dieses Buch seinen hohen Ruf vor allem seiner eingehenden und sachlichen Behandlung von nicht-islamischen Religionen: Christen und Juden, Mazdakiten und Manichäer, hermetische Sabier, Anhänger alter arabischer Kulte und hinduistischer Sekten usw. Es stellt einen Höhepunkt islamischer Religionsgeschichte dar und blieb als sorgfältig ausgearbeitetes Ganzes bis in das 18. Jahrhundert weltweit völlig einzigartig.Monnot: “Al-Shahrastānī”. 1996, S. 216a. Tādsch ad-Dīn as-Subkī lobte das Werk wegen seiner systematischen Anordnung als das beste Buch zum Thema und stellte es in dieser Hinsicht positiv Ibn Hazms doxographischem Werk gegenüber, das ihm „zerstreut“ (mubaddad) und „ohne Ordnung“ (laisa lahū niẓām) erschien.as-Subkī: Ṭabaqāt aš-Šāfiʿīya. 1967, Bd. VI, S. 129. Shlomo Dov Goitein rühmte das Buch für seine „eingehende[n], kenntnisreiche[n] und beachtlich unparteiische[n] Darlegungen“.

Das Buch besteht aus fünf Vorreden und zwei Teilen. Die erste Vorrede behandelt die verschiedenen Einteilungen der Menschen, die zweite die Fundamentalartikel (qawāʿid), auf die sich die Zählung der islamischen Sekten stützt, die dritte das erste Scheinargument (šubha), das gegen die Erschaffenheit der Welt erhoben wurde, die vierte das erste Scheinargument, das gegen die islamische Religion erhoben wurde, und die fünfte die Anordnung des Buchs nach den Regeln der Rechenkunst. Der erste Teil behandelt dann die Religionsbekenner (aṣḥāb ad-diyānāt), eingeteilt in Muslime, Ahl al-kitāb und solche Gruppen, die etwas Ähnliches wie ein Buch (šubhat kitāb) haben, der zweite „die Anhänger von Willkürmeinungen und philosophischen Schulen“ (ahl al-ahwāʾ wa-n-niḥal), eingeteilt in Sabier, Philosophen, Meinungen der Araber in der Dschāhilīya und Meinungen Indiens.