Murder, My Sweet (Alternativtitel: Mord, mein Liebling und Leb wohl, Liebling) ist ein in Schwarzweiß gedrehter US-amerikanischer Film noir von Edward Dmytryk aus dem Jahr 1944. Der Film basiert auf dem Kriminalroman Farewell, My Lovely (deutsch Lebwohl, mein Liebling, früher Betrogen und gesühnt) von Raymond Chandler und ist der erste Filmauftritt von Chandlers Figur Philip Marlowe. Murder, My Sweet zählt neben Die Spur des Falken, Laura und Frau ohne Gewissen zu den frühen und wegbereitenden Vertretern des Film noir.

Privatdetektiv Philip Marlowe erhält den Auftrag, die verschwundene Freundin eines Ex-Sträflings zu suchen. Zudem ermittelt er wegen eines geraubten wertvollen Jade-Halsbandes, an dessen Wiederbeschaffung gleich mehrere Personen Interesse zeigen, die dabei wenig zimperlich vorgehen. Marlowes Recherchen führen ihn in billige Spelunken und Absteigen, in eine dubiose Privatklinik und in die vornehmen Behausungen von Los Angeles’ Oberschicht, bis der Zusammenhang zwischen beiden Fällen erkennbar wird.

Handlung Privatdetektiv Philip Marlowe wird auf der Wache von Polizeileutnant Randall und seinen Männern verhört. Seine Augen, die bei einem Schusswechsel Verletzungen davontrugen, sind verbunden. In einer Rückblende erzählt Marlowe, wie es zu der Schießerei kam, die drei Menschen das Leben kostete:

Marlowe erhält von dem frisch aus dem Gefängnis entlassenen Hünen Moose Malloy den Auftrag, seine verschwundene Freundin Velma Valento zu suchen. Der Nachtclub, in dem Velma auftrat, hat zwischenzeitlich den Inhaber und das Personal gewechselt. Marlowe befragt Mrs. Florian, die Witwe des früheren Besitzers, diese behauptet, Velma sei gestorben. Beim Fortgehen bemerkt Marlowe, wie Mrs. Florian eilig einen Anruf tätigt, als wolle sie jemanden warnen.

Marlowe kehrt in sein Büro zurück, wo ihn der Dandy Lindsay Marriott erwartet. Marriott beauftragt Marlowe, ihn bei der Geldübergabe für den Rückkauf von gestohlenem Schmuck zu begleiten. Am Ort der Übergabe wird Marlowe niedergeschlagen und Marriott ermordet. Als Marlowe erwacht, sieht er, wie eine junge Frau vom Tatort flüchtet. Polizeileutnant Randall warnt den Privatdetektiv, sich aus dem Fall herauszuhalten und vor allem einen Bogen um den womöglich involvierten „Heiler“ Jules Amthor zu machen.

Ann Grayle erscheint in Marlowes Büro und fragt ihn zum Verbleib eines wertvollen Jade-Halsbandes aus. Er begleitet Ann zum Anwesen ihres Vaters Llewellyn Grayle, der mit der um viele Jahre jüngeren Helen, Anns Stiefmutter, verheiratet ist. Das Halsband wurde Helen bei einem Überfall gestohlen, und Marriott hatte sich bereiterklärt, dieses zurückzukaufen. Helen bittet Marlowe, das Halsband und Marriotts Mörder zu suchen. Überraschend taucht Jules Amthor im Haus der Grayles auf; Marlowe warnt ihn, dass die Polizei ihm auf den Fersen ist.

Später treffen der Privatdetektiv und Moose Malloy in einem Nachtclub aufeinander. Moose zwingt ihn, ihn in Amthors Apartment zu begleiten. Dort beschuldigt Marlowe Amthor, gemeinsame Sache mit Marriott gemacht und einen Erpresserring betrieben zu haben; Amthor wiederum ist überzeugt, dass Marlowe vom Verbleib des Halsbandes weiß. Als Marlowe dies abstreitet, wird er niedergeschlagen, in Amthors Privatklinik geschafft und unter Drogen gesetzt. Nach drei Tagen Gefangenschaft kann Marlowe sich befreien und bei Ann untertauchen. Er erkennt in Ann die junge Frau wieder, die er am Ort von Marriotts gescheiterter Übergabe und Ermordung sah, aber Ann bestreitet jede Beteiligung an dem Verbrechen.

Marlowe fährt mit Ann zum Strandhaus der Grayles, wo Marriott zuletzt wohnte. Nach einer kurzen Annäherung zwischen den beiden kommt es zum Streit, sie wirft ihm vor, sie nur als Informantin zu benutzen. Als Helen auftritt, verlässt Ann das Haus. Helen gesteht Marlowe, dass sie Amthor ihr Halsband im Tausch gegen sein Schweigen zu ihrer ehelichen Untreue zu geben beabsichtigt habe, es aber vorher gestohlen worden sei. Sie verdächtigt Amthor, Marriott getötet zu haben, und versucht Marlowe zu überreden, ihr bei der Beseitigung Amthors zu helfen, indem er ihn ins Strandhaus lockt. Marlowe sucht Amthor in seinem Apartment auf und stößt auf dessen Leiche, offenbar wurde ihm von einem Mann mit großen Kräften das Genick gebrochen. Später erscheint Moose in Marlowes Büro. Marlowe verspricht ihm, ihn zu Velma zu bringen.

Am nächsten Abend fahren Marlowe und Moose zum Strandhaus. Marlowe schärft Moose ein, ihm erst auf sein Zeichen hin zu folgen, und geht voraus. Im Haus präsentiert Helen ihm das Halsband und erklärt, dass sie den Diebstahl nur vorgetäuscht habe, um Marriott, der sie erpresste, bei der Übergabe beseitigen zu können. Marlowe kombiniert, dass Helen auch ihn getötet hätte, wenn nicht Ann überraschend am Tatort aufgetaucht wäre. Kurz darauf erscheinen Ann und ihr Vater. Als Helen Marlowe töten will, erschießt Grayle sie. Moose, der den Schuss gehört hat, dringt in die Wohnung ein und erkennt in der toten Helen seine gesuchte Velma wieder. Moose und Grayle schießen aufeinander, Marlowe, der dazwischengehen will, wird von dem Mündungsfeuer geblendet.

Marlowe beendet seine Erzählung. Da sich diese mit der Aussage Anns, die die Schießerei unverletzt überstanden hat, deckt, wird er aus dem Polizeigewahrsam entlassen. Seine Augenverletzung, so teilt man ihm mit, werde Monate brauchen, bis sie ausgeheilt ist. Auf der Taxifahrt vom Polizeirevier nach 1800 South Kingsley küssen sich Marlowe und Ann.

Hintergrund Literarisches Vorspiel: Der „Hard-boiled“-Detektivroman In den 1920er Jahren entwickelte sich mit den im Magazin „Black Mask“ veröffentlichten Geschichten ein neuer Typus Kriminalerzählung, die so genannte Hard-boiled-Detektivgeschichte. Stilbildend war in erster Linie Dashiell Hammett, der ein urbanes Milieu schilderte, das „mit Gangstern, Femme fatales, brutalen Polizisten und korrupten Reichen“ bevölkert war. Anfang der 1930er Jahre folgte ihm Raymond Chandler, dessen Protagonist, Privatdetektiv Philip Marlowe, das Pendant zu Hammetts Ermittler Sam Spade darstellte. 1939 erschien Chandlers erster Marlowe-Roman, The Big Sleep, 1940 Farewell, My Lovely.David Levinson (Hrsg.): Encyclopedia of Crime and Punishment, Volume 1. Sage Publications, Thousand Oaks, Kalifornien, 2002, ISBN 0-7619-2258-X, S. 1016.Gene D. Phillips: Out of the Shadows: Expanding the Canon of Classic Film Noir. Scarecrow Press/Rowman & Littlefield, Lanham, Maryland 2012, ISBN 978-0-8108-8189-1, Seite x. Hammetts und Chandlers Bücher bildeten, zusammen mit den Romanen von James M. Cain und Cornell Woolrich, den literarischen Fundus, aus dem sich viele Film noirs bedienten.Bruce Crowther: Film Noir. Reflections in a dark mirror. Virgin, London 1988, ISBN 0-86287-402-5, S. 14.

Buch und Film mini|280px|Regisseur des Films: Edward Dmytryk Chandlers Roman Farewell, My Lovely war bereits 1942 von dem Filmstudio RKO Pictures als The Falcon Takes Over verfilmt worden, jedoch, wie RKO-Produzent Adrian Scott und Regisseur Edward Dmytryk übereinstimmend befanden, ohne dessen Potenzial zu nutzen. The Falcon Takes Over hatte Grundzüge der Handlung des Romans übernommen, aber die Hauptfigur Marlowe durch RKOs Serienhelden „The Falcon“ ersetzt. Da RKO noch über die Filmrechte verfügte und die Nachricht von Chandlers Mitarbeit bei dem noch nicht gestarteten Frau ohne Gewissen in Hollywood die Runde machte, entschied man sich für eine Neuverfilmung. Chandler war eine Mitwirkung bei Scotts Projekt nicht möglich, da er bei Paramount Pictures unter Vertrag stand.Gene D. Phillips: Creatures of Darkness: Raymond Chandler, Detective Fiction, and Film Noir. University Press of Kentucky, Lexington 2000, ISBN 0-8131-9042-8, S. 32–41.

Die Verfilmung nahm einige wenige Änderungen an der Romanvorlage vor. So wurde die Eingangsszene des Romans, in der Moose Malloy einen Mann in einer ausschließlich von Schwarzen besuchten Bar tötet, abgeschwächt, sowie eine Rahmenhandlung auf der Polizeiwache und ein Happy End zwischen Marlowe und Ann Grayle hinzugefügt. Getilgt wurde die Thematisierung von Korruption in den Reihen der Polizei und, im Falle von Amthor und Marriott, Anspielungen auf Homosexualität.James Naremore: More than Night: Film Noir in Its Contexts. University of California Press, Berkeley/Los Angeles/London 1998, ISBN 0-520-21294-0, S. 234. Trotz dieser Eingriffe gratulierte Chandler Drehbuchautor John Paxton nach Erscheinen des Films in einem Schreiben für die Adaption seines Romans, den er für unverfilmbar gehalten hatte.

Produktion und Filmstart Murder, My Sweet entstand mit dem für einen A-Film„A-Film“ bezeichnet, in Abgrenzung zu einem billigen B-Movie, einen Film, der mit einem größeren Budget und Aufwand produziert wird. bescheidenen Budget von 450.000 US-Dollar und angesetzten 44 Drehtagen. Da viele Szenen nachts spielten, konnte Dmytryk mit oft in Dunkel getauchten, unaufwändigen Kulissen kostengünstig arbeiten. Gedreht wurde überwiegend im Studio. Für die Außenaufnahmen fand unter anderem der Sunset Tower (heute Argyle Hotel) auf dem Sunset Boulevard Verwendung, der im Film das Apartment Amthors beherbergt.Alain Silver, James Ursini: L.A. Noir: The City as Character. Santa Monica Press, Santa Monica 2005, ISBN 1-59580-006-9, S. 82.Landmark hotel towers over Sunset Strip--and Hollywood lore. Owners hope new name will revive its glory, Artikel in der Los Angeles Times vom 2. Oktober 1994, abgerufen am 14. Februar 2013. Die Dreharbeiten endeten am 1. Juli 1944.Murder, My Sweet auf Turner Classic Movies, abgerufen am 12. Februar 2013.

Nach Anne Shirleys Angabe hatten sie und Claire Trevor vergebens versucht, Scott und Dmytryk von einer Besetzung der beiden Frauenrollen gegen das Image der Darstellerinnen – Trevor „böse und faszinierend“, Shirley „gut und doof“ – zu überzeugen. Anfang 1945 heiratete Shirley Scott und zog sich aus dem Filmgeschäft zurück (die Ehe wurde 1948 geschieden).James Robert Parish: The RKO Gals. Arlington House, New Rochelle 1974, S. 367. Auch gegen die Besetzung des Moose Malloy mit Mike Mazurki hatte Dmytryk sich zunächst gesträubt, bis RKO-Produktionschef Charles Koerner sich für Mazurki einsetzte.William Hare: Early Film Noir: Greed, Lust and Murder Hollywood Style. McFarland & Co., Jefferson 2003, ISBN 0-7864-1629-7, S. 51.

Der Film startete in den USA zunächst am 18. Dezember 1944 unter dem Romantitel Farewell, My Lovely und am 8. März 1945 unter dem neuen Titel Murder, My Sweet.Alain Silver, Elizabeth Ward (Hrsg.): Film Noir. An Encyclopedic Reference to the American Style, Third Edition. Overlook/Duckworth, New York/Woodstock/London 1992, ISBN 978-0-87951-479-2, S. 192–193. Die Titeländerung war nach negativen Publikumsreaktionen vorgenommen worden, da Farewell, My Lovely ein Musical mit Hauptdarsteller Dick Powell suggerierte. Powell war mit Gesangsrollen bekannt geworden und vollzog gerade einen Imagewechsel hin zu dramatischeren Rollen, der in der Werbung für Murder, My Sweet mit dem Slogan „der neue Dick Powell“ herausgehoben wurde. Chandler bekannte später, dass Powell seiner Vorstellung von Marlowe am nächsten gekommen sei. Powells Marlowe „ist der raue aber verletzliche Held, der mit Chandlers bissigen Witzeleien um sich wirft, um seine berührbare Seite zu verdecken“. (Gene D. Phillips)„Beneath Marlowe’s tough exterior, Powell neatly implies in his superbly underplayed performance, is a humanity that can be reached. He is the tough-but-vulnerable hero, tossing off the biting Chandler wisecracks to cover up his tender spots.“ – Gene D. Phillips: Creatures of Darkness: Raymond Chandler, Detective Fiction, and Film Noir. University Press of Kentucky, Lexington 2000, ISBN 0-8131-9042-8, S. 41. Nach der Titeländerung entwickelte sich Murder, My Sweet zu einem Kassenerfolg.Richard B. Jewell: The Golden Age of Cinema: Hollywood 1929–1945. Blackwell, Malden/Oxford/Carlton 2007, ISBN 978-1-4051-6372-9, S. 263. In Großbritannien startete der Film analog zum Buch als Farewell, My Lovely.