Transphobie (wie englisch transphobia von lateinisch trans „jenseitig, darüber hinaus“, und von „Phobie“ von „Furcht, Schrecken“) bezeichnet eine soziale Abneigung (Aversion) oder Feindseligkeit (Aggressivität) gegen transgeschlechtliche Personen. Eine transphobe Einstellung kann mit Vorurteilen und Ekeln gegenüber trans Personen verbunden sein und zu Aggressionen und gesellschaftlichen Diskriminierungen gegen sie führen. Um auf diesen Umstand zusätzlich hinzuweisen wird auch der Begriff Transfeindlichkeit verwendet. Er soll betonen, dass es sich bei der Ablehnung von trans Personen nicht um eine Phobie im Sinne einer Angststörung handelt. Transphobie kann sich ausdrücken durch Infragestellen oder Aberkennen der Geschlechtsidentität der betroffenen Personen sowie durch psychische und körperliche Gewalt bis hin zur Ermordung von trans Menschen.TransInterQueer e. V. (TrIQ): TransInterQueer: ABC. Berlin 18. Mai 2017, S. 10: Transphobie (PDF: 383 kB, 12 Seiten auf transinterqueer.org).Tilman Steffen: Trans-Menschen: Unter Kollegen im falschen Körper. In: Die Zeit. 22. Dezember 2010, abgerufen am 12. Juni 2020.

Ein starker Zusammenhang besteht zwischen Transphobie und Homophobie (Aversion gegen homosexuelle Personen): In beiden Fällen von Queerfeindlichkeit handelt es sich um die Ablehnung der Abweichung von den geschlechterordnenden Normen des biologischen und des sozialen Geschlechts (Gender) von Mann oder Frau. Viele Transgender-Formen stellen auch heteronormative Sexualvorstellungen in Frage, worauf traditionell eingestellte Personen mit Abwehr bis Ablehnung reagieren können.Jannik Franzen: Transphobie in LSBTI-Kontexten. In: LesMigraS – Antigewalt- und Antidiskriminierungsbereich der Lesbenberatung Berlin e. V. (Hrsg.): Empowerment in Bezug auf Rassismus und Transphobie in LSBTI-Kontexten: Verbindungen sprechen. Berlin 2011, S. 11–14, hier: S. 13 (PDF: 2,4 MB, 48 Seiten auf lesmigras.de).

Begriffsgeschichte Das Wort Transphobie entstand in den 1990er Jahren als Abwandlung des Wortes für Homophobie (Abneigung gegen Homosexualität). Es besteht aus zwei Teilen: Die Vorsilbe trans- (lateinisch für ,jenseits) bezieht sich auf Transgeschlechtlichkeit. Als transgeschlechtlich verstehen sich viele Menschen, deren Geschlechterrollen-Verhalten oder Geschlechtsidentitäts-Erleben nicht mit ihrer bei Geburt zugewiesenen Geschlechtsrolle und Geschlechtsidentität zusammenfällt. Zugewiesen ist, was gesellschaftlich aufgrund körperlicher Geschlechtsmerkmale von einem Menschen erwartet wird. Beispielsweise wird bei der Geburt eines Menschen ausgerufen: „Es ist ein Mädchen“, denn das Kind hat eine Vulva; die Person empfindet und lebt jedoch später als Mann. Die Endung -phobie ( für „Angst, Furcht“) stammt aus der Psychiatrie und bezeichnet dort eine ausgeprägte Angst, die als unbegründet oder krankhaft angesehen wird. Gemeint ist damit die Abneigung gegen Transgeschlechtlichkeit.

Mit dem Konzept der Transphobie wurde eine Wendung vorgenommen: Ursprünglich haben Forscher untersucht, warum Menschen trans sind und welche Möglichkeiten es gibt, um dementsprechende Verhaltensmuster und Identitäten abzuschwächen. Unter dem Stichwort Transphobie wird versucht, den professionellen Diskurs auf die Frage zu lenken, warum Menschen ablehnend und gewaltvoll gegen Transgeschlechtlichkeit sind. Um deutlich zu machen, dass es sich in den unter dem Phänomen beschriebenen Fällen nicht um Phobien im Sinne von krankhaften Ängsten, sondern um umfassende Formen der Diskriminierung handelt, wird verstärkt auch der Begriff Transfeindlichkeit genutzt. Der Ausdruck soll den Fokus auch klarer auf die von Diskriminierung Betroffenen und ihre Wahrnehmung der jeweiligen Situation als Anfeindungen legen.

Am Konzept Transphobie wird kritisiert, dass es eine erneute binäre Unterteilung (in trans und cis Menschen) vornehme, sich Menschen aber nicht immer problemlos in eine der beiden Kategorien einteilen ließen. Einige Autoren sehen das Konzept von trans und damit auch Transphobie als ethnozentristisch an, d. h. sie kritisieren, dass der Begriff andere kulturspezifische Geschlechter wie z. B. Hijra nicht adäquat fasse. Der Fokus auf trans Menschen führe außerdem dazu, dass die Diskriminierung von intergeschlechtlichen und Menschen mit Behinderungen vernachlässigt würde. Um auch unbeabsichtigte Formen der Ungleichbehandlung von trans Menschen sowie gesellschaftliche und kulturelle Strukturen, die diese verstärken, stärker zu berücksichtigen und darauf zu verweisen, dass auch cis Menschen davon negativ betroffen sein können, verwenden einige Forscher in Analogie zum Konzept des Heterosexismus auch den Begriff „Cisgenderism“/„Cisgenderismus“.

Verbreitung Laut Leipziger Autoritarismus-Studie, die 2024 erstmals auch Daten zu Transfeindlichkeit erhob, wiesen „37 % der Deutschen […] eine geschlossene Abwehr von Transgeschlechtlichkeit auf“. 47 % der Befragten lehnten transfeindliche Aussagen durchgehend ab. Transfeindliche Einstellungen waren insbesondere unter Wählern der AfD verbreitet (71 % geschlossene Ablehnung). Die Zustimmungswerte zu transfeindlichen Aussagen waren im Osten höher als im Westen der Bundesrepublik.

Transfeindliche Gewalt- und Straftaten Viele Morde an und gewaltsame Übergriffe auf trans Personen sind transphob motiviert. Wegen der unbefriedigenden Datenlage steht die wissenschaftliche Erforschung transfeindlicher Gewalt noch am Anfang. Eine systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2020 fand, dass eine von sechs trans Personen von Erfahrungen mit physischer Partnerschaftsgewalt berichten und 10 % der Befragten gaben an, sexualisierte Partnerschaftsgewalt erfahren zu haben. Das Risiko, physische oder sexualisierte Gewalt zu erfahren, war für trans Personen zwei bis dreimal höher als für cis Personen. Von den 27.715 in der 2015 U.S. Transgender Survey befragten Personen gaben 47 % an, in ihrem Leben schon einmal Opfer sexueller Übergriffe geworden zu sein. 13 % der Befragten gaben an, im vorangegangenen Jahr physisch angegriffen worden zu sein.

Auch bei der Erfassung transfeindlicher Straftaten ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. Vom Bundeskriminalamt werden sie in Deutschland seit 2020 im Themenfeld „Geschlecht/Sexuelle Identität“ erfasst, das seit 2022 auch in die Kategorien „frauenfeindlich“, „männerfeindlich“ und „geschlechtsbezogene Diversität“ differenziert ist. Im Jahr 2021 fielen in den Bereich „Geschlecht/Sexuelle Identität“ 340 erfasste Straftaten. Als einziges Bundesland erfasst Berlin LSBTIQ*-feindliche Straftaten. Im Jahr 2021 wurden dort 456 solcher Straftaten in die Statistik aufgenommen. Weltweit wurden laut Trans Murder Monitoring der Menschenrechtsorganisation Transgender Europe im gleichen Jahr 375 trans Personen ermordet, die höchste Zahl seit Beginn der Erfassung 2008. Die meisten Mordopfer wurden in Brasilien gezählt. Trans Frauen zählten im Großteil der erfassten Fälle zu den Opfern, außerdem zählten Schwarze Menschen, Migrantinnen und Sexarbeiterinnen zu den häufigsten Opfern.

Ursachen Auch wenn es wenige empirische Untersuchungen zu den Ursachen transfeindlicher Gewalt gibt, haben Forscher Theorien über verschiedene Gründe aufgestellt. Dazu zählt einerseits Transphobie, verstanden als Hass auf trans Menschen und „cisgenderismus“ (der kulturelle Glaube, dass Menschen cis sind oder sein sollten). Transfeindliche Gewalt dient in dieser Perspektive dazu, trans Menschen für ihr Trans-Sein zu bestrafen oder zu eliminieren. Weil nicht alle trans Menschen im gleichen Maße transfeindlicher Gewalt ausgesetzt sind, spielen vermutlich noch andere Einstellungen eine Rolle, wie der Glaube, dass trans Menschen ihre Mitmenschen allgemein und heterosexuelle Männer, die mit ihnen Sex haben, in Bezug auf ihr Geschlecht täuschen. Trans Frauen of Color sind durch die Überschneidungen verschiedener Diskriminierungs- und Benachteiligungsformen in besonderem Maße von transfeindlicher Gewalt betroffen.

Transphobie im zwischenmenschlichen Bereich Aspekte von Transphobie sind dagegen auch, trans Menschen nicht für sich selbst sprechen zu lassen, ihr Geschlecht zu ignorieren, sie nach ihrem Coming-out weiter mit ihrem alten, gegebenen Vornamen und dementsprechend falschen Pronomen anzusprechen (Deadnaming) oder die Person ohne Berücksichtigung ihrer Selbstdefinition als heterosexuell zu lesen. Auch wird trans Personen mit Voyeurismus begegnet, ihnen wird die selbstgewählte Geschlechtsidentität oder ihre geschlechtliche Normvariation abgesprochen, und sie werden mit Fremdzuschreibungen überhäuft. Transphobie bedeutet auch, dass nicht-trans und cis Menschen meinen, über das Authentisch-Sein von trans Menschen urteilen zu können.

Problematisch ist außerdem, dass die Geschlechtsidentität oft als weitere sexuelle Orientierung neben schwul, lesbisch und bisexuell missverstanden wird, was der Selbstwahrnehmung von trans Personen nicht entsprechen muss. Ebenso problematisch ist, wenn trans Personen zu „Vorreitern“ bei der Auflösung von Geschlechterkategorien im Sinne des Postgenderansatzes stilisiert werden, denn für gesellschaftliche Veränderungen von Geschlechterbildern sind Menschen aller Geschlechtsidentitäten verantwortlich. Als transphob gilt auch der Vorwurf an trans Menschen, sie würden traditionelle Geschlechterstereotypen verstärken, indem sie sich durch Operationen „an die Norm“ anpassten.

Transphobie kann auch durch trans Personen selbst ausgeübt werden.paperlined.org: Transgender Divisions. Abgerufen am 3. März 2013. Einige Transgeschlechtliche oder Gruppen transgeschlechtlicher Menschen kritisieren das Konzept „queer“, weil sie sich durch die Bezeichnungen transgender, trans*, queer oder LGBTQIA nicht vertreten oder davon vereinnahmt fühlen und daher ihre Sichtbarkeit sowie ihre Interessen bedroht sehen.Kim Schicklang: Die Vereinnahmung transsexueller Menschen. In: Mutig. Menschenrecht und Transsexualität. Abgerufen am 3. März 2013.Kim Schicklang/ATME e. V.: Stellungnahme zur Vereinnahmung durch queer.de. In: atme-ev.de. 25. Januar 2013, abgerufen am 2. März 2013. Das ist eine Kritik, wie sie ähnlich von einer Initiative intergeschlechtlicher Menschen sowohl gegenüber LGBT, queer als auch gegenüber der transgeschlechtlichen Community formuliert wird.Daniela Truffer: Die Rede von der psychischen Intersexualität. In: zwischengeschlecht.org. 10. Dezember 2007, abgerufen am 2. März 2013.

Transphobie in Psychologie, Psychiatrie und Gesundheitswesen Transgeschlechtlichkeit (veraltend: Transsexualität) war per Gesetz (Transsexuellengesetz) und bis 2019 im ICD-10 (F 64.0) beziehungsweise bis 2013 im DSM 4 als psychische Krankheit definiert. Im DSM 5 wurde gender identity disorder aus dem Leitfaden gestrichen mit der Erklärung, dass „Gender-Nonkonformität an sich keine psychische Störung“ ist. Auch die ICD-11 hat Gender-Nonkonformintät aus dem Kapitel Psychische und Verhaltensstörungen gestrichen und in das neue Kapitel „Zustände im Zusammenhang mit der sexuellen Gesundheit“ verschoben. Dies spiegele die Erkenntnisse wider, „dass transidente und geschlechtsspezifische Identitäten keine Bedingungen für psychische Erkrankungen sind, und dass ihre Klassifizierung als solche eine enorme Stigmatisierung verursachen kann“.