Judith und Holofernes ist ein Gemälde von Artemisia Gentileschi (1593–1654), das 1612–1613 entstand und sich heute im Museo di Capodimonte in Neapel befindet. Es entstand in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts noch in Rom oder schon in Florenz und gilt als eines der bekanntesten Bilder der Malerin. Dargestellt ist die Enthauptung des schlafenden Holofernes durch Judith. Das Thema entstammt dem Buch Judith im Alten Testament der Bibel und galt als Exempel des vorbildlichen Tyrannenmordes. In den Anfängen der feministischen Kunstgeschichte wurde das Gemälde als eine Art visueller Rache wegen einer Vergewaltigung Artemisias durch den Maler Agostino Tassi interpretiert und wird seither immer wieder in einer Reihe mit anderen Darstellungen starker Frauen von Artemisia Gentileschi eng auf Biographie und Persönlichkeit der Malerin bezogen.

Seit 2000 haben gründliche Analysen und historische Kontextualisierungen der Anzeige, die Artemisias Vater, der Maler Orazio Gentileschi, im Februar oder März 1612 gegen seinen engen Mitarbeiter Tassi wegen Vergewaltigung Artemisias erstattete, sowie der Akten des Ende 1612 stattgefundenen Vergewaltigungsprozesses jedoch Ungereimtheiten an diesem Fall aufgezeigt und die Möglichkeit nahegelegt, dass dieser sich auch ganz anders zugetragen haben kann. Eng verbunden mit dieser Neubewertung der Biographie demonstriert die neuere Forschung anstelle der fragwürdig gewordenen These, das Gemälde reflektiere eine Vergewaltigungserfahrung Artemisias, vor allem die innovative künstlerische und bildkommunikative Leistung Artemisia Gentileschis in diesem Gemälde.

Provenienz Der Standort des Gemäldes war unbekannt, bevor es 1827 in der Sammlung von Signora Saveria de Simone in Neapel erstmals dokumentiert wurde.

Entstehung und Zweitfassung

Als sie Judith und Holofernes malte, war Artemisia Gentileschi etwa zwanzig Jahre alt. Zuvor hatte sie schon in den Gemälden Susanna und die Ältesten sowie Madonna mit Kind ihre Fähigkeit bewiesen, in Gestik und Mimik Gefühle darzustellen und in den Betrachtern des Bildes zu wecken.

Pentimenti, die durch Röntgenaufnahmen des Gemäldes dokumentiert sind, zeigen, dass Gentileschi die heutige Position etwa der Arme der Judith und der Draperie erst auf der Leinwand entwickelt hat. Damit ist gesichert, dass es sich bei dem Gemälde in Neapel um die Erstfassung handelt. Stilistisch lässt sich das Gemälde 1612 bis 1613 verorten, wobei unklar bleibt, ob es noch in Rom oder schon in Florenz entstanden ist, wohin Artemisia Gentileschi 1613 ging. Später wurde das Gemälde irgendwann am linken und am oberen Rand in einem nicht rekonstruierbaren Umfang beschnitten.

Eine wohl um 1620 und möglicherweise im Auftrag des Großherzogs der Toscana, Cosimo II. entstandene zweite Fassung des Bildes, die Artemisia Gentileschi vielleicht bald nach ihrer Abreise aus Florenz in Rom malte und von da nach Florenz sandte, befindet sich heute in den Uffizien in Florenz. Diese größer dimensionierte Fassung, die Artemisia stolz mit „EGO ARTEMITIA LOMI FEC.“ (Ich, Artemisia Lomi, habe es gemalt) signierte, zeigt das Motiv in einer nur geringfügig, aber – etwa in der Verschiebung des über die Bettkante fließenden Blutes zur neuen Bildmitte hin – subtil variierten Bildkomposition, die links und am oberen Bildrand – wohl auch über die ursprünglichen Maße der dort später eingekürzten Erstfassung hinaus – erweitert wurde. Ansonsten weicht das Gemälde am auffälligsten in den primärfarbigen Kleiderfarben der beiden Frauen von der Erstfassung ab. Statt des keuschen Blaus der Erstfassung trägt Judith nun ein in verführerischer Pracht goldgelb strahlendes Gewand, passend zu ihrem hier hinzukommenden Geschmeide, das kleine antike Gemmen mit mythologischen Figuren – vielleicht mit einer Darstellung der Artemis, der Namenspatronin Artemisias – trägt. Ihre Dienerin wird dagegen durch den Ersatz ihres bisher in Weinrot gehaltenen Gewandes in eines in dumpfem Blau noch deutlicher hinter Judith zurückgestuft. Zudem dramatisiert nun das nicht mehr aus der Wunde nur herausströmende, sondern hier im hohen Bogen herausspritzende Blut das Geschehen zusätzlich. Zur Steigerung des drastischen Realismus ließ Artemisia Gentileschi das emporschießende Blut in mehreren Strängen dabei nahezu ballistischen Parabelkurven folgen, wie es 1608 für die parabolische Flugbahn von Projektilen erstmals Galileo Galilei entdeckt hatte und 1630 publizieren sollte – der gleichzeitig mit Artemisia der Academia in Florenz angehörte und sich, wie sie 1635 in einem Brief an ihn festhält, bei Cosimo II. erfolgreich für ihre „ausgezeichnete Entlohnung“ für diese Gemäldefassung einsetzte.

In einem weiteren Gemälde von 1612 oder 1613, das sich heute im Palazzo Pitti in Florenz befindet, fokussierte Artemisia dieselbe Thematik auf einen anderen Augenblick: Judith und ihre Dienerin mit dem abgeschlagenen Haupt des Holofernes auf dem Weg zurück nach Betulien. In einem weiteren Gemälde von 1623 bis 1625, das im Detroit Institute of Arts gezeigt wird. zeigt sie, wie die Magd den am Boden liegenden Kopf des Holofernes in einen Sack packt: Judith und ihre Dienerin mit dem Haupt des Holofernes.

Vorläufer Judith und Holofernes ist ein in der Kunstgeschichte oft dargestelltes Sujet. Wie Artemisia Gentileschi die Enthauptung des Holofernes im direkten Moment des Geschehens zu zeigen, ist allerdings ungewöhnlich. Die meisten Künstler, die das Thema dargestellt haben, wählten stattdessen einen Moment nach der Enthauptung oder die Flucht von Judith und ihrer Dienerin mit dem Kopf in ihr Lager.

Den Vorgang der Enthauptung selbst hatten zuvor nur Donatello mit seiner Plastik der Judith und Holofernes-Gruppe von um 1455, Caravaggio mit seinem Gemälde von 1598–1599, Adam Elsheimer mit einem Gemälde von 1601– 1603 und Peter Paul Rubens mit einem verschollenen Gemälde von 1609–1610 gewählt, für das sich eine Vorzeichnung erhalten hat, und das zudem in einem Kupferstich von Cornelis Galle überliefert ist.

Motiv Die Geschichte von Judith und Holofernes entstammt dem Buch Judit im Alten Testament. Durch List und Schmeichelei erlangt Judith dort das Vertrauen und die Begierde des Holofernes, des assyrischen Belagerers der jüdischen Stadt Betulia. Als dieser Judith bei einem Festmahl verführen will, wartet sie, bis er betrunken vom Wein einschläft, und schlägt ihm den Kopf ab:

Mit der Tat befreit die Judith in der biblischen Erzählung das Volk Israel heldenhaft von den Assyrern. Sie galt daher als Exempel des Tyrannenmordes.

Donatellos Figurengruppe zeigt den „packenden“ Moment,Max Semrau: Die Kunst der Renaissance in Italien und im Norden. S. 125. in dem Judith zwischen den beiden Hieben, mit denen sie der alttestamentlichen Vorgabe nach Holofernes zunächst auf den Nacken schlug, zum zweiten Schlag weit ausholt. Dies entspricht ganz dem ersten Teil des Satzes, der die Tötung in der für den katholischen Bereich maßgeblichen Textquelle der Bibel, der Vulgata, beschreibt: „Et percussit bis in cervicem ejus, et abscidit caput ejus [...].“ (Judith 13, 10, Vulgata 1593; wörtlich übersetzt: „Und sie schlug zweimal auf seinen Nacken/Hals, und schlug/schnitt seinen Kopf ab [...]“).

Dem folgen auch Elsheimers Gemälde und Rubens' Vorzeichnung. Beide lassen Judith den Schlag allerdings bereits nicht mehr auf den Nacken des auf dem Bauch liegenden Holofernes, sondern – der Übersetzungsmöglichkeit von „cervix“ nicht nur mit „Nacken“, sondern auch mit „Hals“ den Vorrang gebend – gegen die Kehle des auf dem Rücken Liegenden ausführen. Caravaggios Darstellung des Themas und die durch einen Kupferstich überlieferte Fassung, die Rubens dem Thema gegeben hat, zeigen dagegen, wie Judith – entsprechend dem zweiten Teil des Satzes und der Möglichkeit, „abscidere“ nicht mit „schlagen“, sondern mit „schneiden“ zu übersetzen, – einen Schnitt durch die Kehle des Holofernes führt „[...] et abscidit caput ejus [...]“ (wörtlich übersetzt: „Und sie [...] schlug/schnitt seinen Kopf ab [...]“).

Auch Artemisia Gentileschis Darstellung ist also durchaus bibelgetreu. Von der alttestamentlichen Vorlage weicht das Gemälde allerdings ebenso wie vor ihr Caravaggios' und Rubens' Gemälde darin ab, dass sie auch die Dienerin, die der Bibel nach vor dem Zelt warten sollte, bei der Tötung des Holofernes im Zelt anwesend sein lässt.

Interpretation Von den breiten Blutspritzern bis hin zur Energie der beiden Frauen beim Kopfabschneiden zeigt das Gemälde den Mord mit aller Körperlichkeit in seiner ganzen „schonungslosen Realität“.Christiane Stukenbrock, Barbara Töpper: 1000 Meisterwerke der Malerei. Tandem Verlag, Sonderausgabe h.f.ullmann, 2005. ISBN 978-3-8331-6172-8, S. 367. Für ihre Tat, in der sie den ihnen an körperlicher Kraft eigentlich weit überlegenen Feldherrn töten, haben beide Frauen die Ärmel hochgekrempelt. Besonders die Gewalt, mit der Judith zur Verstärkung ihrer Kraft ein Knie auf das Bett gesetzt hat und nun mit ihrer zur Faust geballten linken Hand den großen Kopf an einem Haarbüschel packt und auf das Bett niederdrückt, sowie der Kontrast zwischen dem Gesicht der Magd, die den Oberkörper des Mannes mit zwei Armen niederdrückt, und gleich daneben der übergroßen, muskulösen Faust des im Schlaf überraschten, nun verzweifelt um sein Leben kämpfenden aber mit gebrochenem Blick und einem nur noch leicht geöffneten Mund schon kollabierenden Holofernes unterstreichen die Brutalität des Kampfes. Unterstrichen wird die Vehemenz und Dramatik durch das von Artemisia Gentileschi souverän beherrschte dramatische Helldunkel mit dem von links eintreffenden Schlaglicht vor dunklem Hintergrund, das sie von ihrem Vater, Orazio Gentileschi, aus der Schule Caravaggios übernommen hat, aber zur Konstruktion eines einheitlichen Lichtraums noch besser zu nutzen weiß.

In der drastischen Darstellung des GeschehensPatrick de Rynck: Die Kunst Bilder zu lesen – Die Alten Meister entschlüsseln und verstehen. Parthas Verlag, Berlin 2005, ISBN 3-86601-695-6, S. 248 f. hat man in der feministischen Kunstgeschichte lange vor allem eine künstlerische Aufarbeitung einer eigenen Gewalterfahrung der Artemisia Gentileschi gesehen. Artemisia soll als junge Frau von einem Gehilfen ihres Vaters, Agostino Tassi, vergewaltigt worden sein. In dem folgenden Gerichtsprozess wurde Tassi zu mehreren Monaten Haft verurteilt. Artemisia aber, so diese Interpretation, habe danach wegen der mit der Vergewaltigung verbundenen sozialen Schande Rom verlassen müssen. Das gesamte Bild sei als – direkter oder sublimierter – Ausdruck und als Reaktion auf diese Erfahrungen entstanden. Auf diese Ereignisse sollten diesem Interpretationsansatz nach die auf dem Gesicht der Judith dargestellten Emotionen hinweisen, die zwischen Abscheu und Entschlossenheit zur Tat schwanken. Die Anwesenheit der Dienerin und ihre aktive Beteiligung an dem Mord wird dabei als Ausdruck für die Sehnsucht der Artemisia Gentileschi nach weiblicher Solidarität gedeutet, die ihr eine Zeugin im Vergewaltigungsprozess entzogen habe. Die schneidende Bewegung der rechten Hand Judiths verstärke den Moment und soll demnach eine Reflexion des eigenen vorherigen Schicksals der Malerin sein.