mini|Eduard Josef Gübelin Eduard Josef Gübelin (* 16. März 1913 in Luzern; † 15. März 2005 ebenda) war ein Pionier der Edelsteinforschung.
Seine lebenslangen Studien über Einschlüsse in Edelsteinen veränderten die Wissenschaft der Gemmologie und seine Arbeit legte den Grundstein für die mikroskopische Identifikation von Edelsteinen aller Art. Weltweite Bekanntheit auf dem Gebiet der Gemmologie erreichte er mit seinen wissenschaftlichen Arbeiten und mit seiner bemerkenswerten Edelsteinsammlung.
Leben Kindheit und Jugend (1913–1930) Eduard Josef Gübelins Eltern, Eduard Moritz Gübelin und Maria Schriber, heirateten 1912. Eduard Josef Gübelin wurde am 16. März 1913 in Luzern als ältestes von sieben Kindern geboren. Eduard Josefs Großvater Eduard Gübelin-Breitschmid besaß ein Uhrengeschäft am Schweizerhofquai in Luzern, wo auch sein Vater Eduard Moritz arbeitete. Nach dessen Rückkehr am Ende des Ersten Weltkrieges übernahm Vater Eduard Moritz Gübelin-Schriber am 21. April 1919 das Uhrengeschäft von seinem Vater Eduard Gübelin-Breitschmid. Im selben Jahr trat Eduard Josef Gübelin in die Primarschule ein. Als Junge brachte er von einem Ausflug besondere Steine mit nach Hause. Diese versuchte er anschließend zu klassifizieren.
Anfang der 1920er Jahre entschied sich Eduard Josef Gübelins Vater dazu, eine Juwelenabteilung ins Uhrengeschäft zu integrieren. So beinhaltete das Uhrmachergeschäft seit 1923 eine Bijouterie. Damit war der Grundstein gelegt für die Ära Gübelins als Bijoutier mit Eigenkreationen. 1924 eröffnete das Haus Gübelin eine Filiale an der 57th Street in New York. So reisten Eduard Josefs Eltern Eduard Moritz und Maria Gübelin-Schriber während der späteren 1920er Jahre mehrmals in die Vereinigten Staaten. Nach Abschluss der Primarschule trat Eduard Josef Gübelin in die Kantonsschule Luzern ein, wo er eine humanistische Ausbildung erhielt. Nach der Maturität absolvierte er die Rekrutenschule, die Unteroffiziersschule und die Offiziersschule.
Der Weg zum Gemmologen (1931–1939) 1929 brachen mit dem Börsencrash die Goldene Zwanzigerjahre in sich zusammen – im gleichen Jahr, in dem das Unternehmen seinen 75. Geburtstag feierte. Der Vater Eduard Moritz fällte mutige Entscheide, welche die Entwicklung des Unternehmens langfristig förderten: Mitten in der Krisenzeit wurde expandiert. Die Gründung neuer Gübelin-Boutiquen in verschiedenen Schweizer Städten trug wesentlich dazu bei, den Erfolg aufrechtzuerhalten: 1931 wurde eine Gübelin-Boutique in St. Moritz und 1932 eine Filiale in Zürich eröffnet. Eduard Josef half ab 1932 im Familienunternehmen mit. Daneben studierte er in Zürich Mineralogie. Sein Bruder Walter absolvierte die Uhrmacherschule, wodurch sich die beiden Brüder mit ihrem Wissen gegenseitig ergänzten. Das gute Verhältnis zwischen den beiden Brüdern sowie Walters Entscheid, in die Fussstapfen des Vaters zu treten, verschafften dem Erstgeboren den nötigen Freiraum, sich intensiver seiner wissenschaftlichen Ausbildung zu widmen.
In Zürich galt das Interesse des jungen Eduards neben der Mineralogie und Gemmologie auch den Geisteswissenschaften. Er belegte neben seinen regulären Studienfächern auch Kurse in Kunstgeschichte, Literatur und alten Sprachen. 1936 unternahm Eduard Josef Gübelin während seiner Studienzeit an der ETH Zürich praxisnahe Feldarbeit im Tessin. Diese diente ihm als Grundlage für seine Publikation: Die Mineralien im Dolomit von Campo Lungo (Tessin). Im Wintersemester 1936/37, welches er in Wien am Institut für Edelsteine verbrachte, studierte er Gemmologie unter Professor Hermann Michel, der ein Jahrzehnt zuvor bereits seinen Vater Eduard Moritz Gübelin unterrichtet hatte.
Der Studienzeit in Europa folgte ein Aufenthalt in New York, wo Eduard Josef Gübelin sein Englisch und seine Verkaufskünste verbessern wollte. Gleichzeitig kontaktierte er das Gemmologische Institut von Amerika (GIA), um sich für ein Fernstudium anzumelden. Briefe aus dem Besitz der Familie zeugen vom mehrmonatigen Amerikaaufenthalt, gegen dessen Ende Eduard Josef Gübelin für die Examen zum GIA nach Los Angeles reiste. Dort bestand er 1939 erfolgreich die Prüfung als Certified Gemmologist (CG) des Gemmological Institut of America. Damit war er der zweite Europäer, der diesen Titel führen durfte. Nach der Diplomierung kehrte er zurück nach Luzern, um ins Familienunternehmen einzusteigen. Nach seiner Rückkehr heiratete er Idda Niedermann.
Zweiter Weltkrieg (1939–1945) An der Landesausstellung 1939 präsentierte das Familienunternehmen Gübelin unkonventionelle Kreationen und beschritt damit neuartige Wege. Während des Krieges diente Eduard Josef Gübelin der Armee als Nachrichtenoffizier im Feld und in der Nachrichtenzentrale der Armee im Hotel Schweizerhof in Luzern – dem Nachbargebäude des Englischen Hofes, wo das Unternehmen der Gübelins lag.
Auch während des Zweiten Weltkriegs setzte Eduard Josef seine Forschertätigkeit fort. Dabei konzentrierte sich seine wissenschaftliche Arbeit immer stärker auf das Feld der Einschlüsse in Edelsteinen und deren Bedeutung bei der Identifikation eines Steins.
Im Alter von 27 Jahren begann Eduard Josef Gübelin vermehrt, seine Arbeiten und Forschungsergebnisse über Einschlüsse in Edelsteinen zu publizieren. Sein erster Artikel in der Fachzeitschrift Gems and Gemology erschien 1940 unter dem Titel Differences between Burma and Siam rubies.Neues Jahrbuch für Mineralogie, Geologie und Paläontologie. Verlag E. Schweizerbart, 1940, Seite 268 Für die Jahre 1940–1945 sind über zwanzig wissenschaftliche Beiträge Eduard Josef Gübelins in wissenschaftlichen Fachzeitschriften belegt. Die meisten seiner Berichte veröffentlichte er in der Gemmologischen Zeitschrift Gems&Gemology, die vom Gemological Institute of America herausgegeben wurde. 1942 wurde nach einer Kontroverse unter den schweizerischen Juwelieren eine Schweizerische Gemmologische Gesellschaft gegründet. In seiner Funktion als Mitglied und wissenschaftlicher Berater führte Eduard Josef Gübelin jährlich gemmologische Fortbildungskurse durch und publizierte weitere Arbeiten über Edelsteine.
Eduard Josef Gübelin avancierte mehr und mehr zu einem Pionier der Erforschung von Edelsteinen. Der Fokus lag dabei darauf, Fälschungen von echten Edelsteinen unterscheiden zu können. Um die verschiedenartigen Einschlüsse in Edelsteinen besser untersuchen zu können, entwickelte er verschiedene Forschungsinstrumente. Im Jahr 1944, noch vor Ende des Zweiten Weltkrieges, eröffnete Eduard Moritz Gübelin-Schriber die bis heute bestehende Gübelin Filiale in Genf. 1945 erhielt Eduard Josef Gübelin von der Schweizerischen Gemmologischen Gesellschaft sein Diamond Certificate.
Geschäftsübernahme (1945) 1945 erkrankte Eduard Josefs Vater unheilbar. Nachdem er das Unternehmen 26 Jahre lang als Patron erfolgreich geleitet hatte, starb er unerwartet im Alter von 57 Jahren. Gedenkschriften und Nachrufe in verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften, darunter auch in der Neuen Zürcher Zeitung, zeugen vom Ansehen und Bekanntheitsgrad Eduard Moritz’. Die Söhne Eduard Josef und Walter Gübelin übernahmen nun die Unternehmensleitung. So kam Walter die Leitung der Uhrenateliers zu, während Eduard für die Edelsteine und den Bereich der Kommunikation verantwortlich war. In der Nachkriegszeit stockte man bei Gübelin die Lager wieder auf und erweiterte die Sortimente. Die Werkstätten wurden ausgebaut und das gemmologische Labor neu eingerichtet. Die neuartigen Kreationen, die zur Mustermesse Basel MUBA geschaffen wurden, bildeten eine für damals avantgardistische Stilgrundlage für die kommenden Kollektionen, nicht nur im Bereich der Uhren, sondern auch auf dem Gebiet der „Haute Joaillerie“, das während der kommenden Jahrzehnte zu einem der Schwerpunkte des Unternehmens wurde. Auch wurden ultraflache Taschenuhren in den Gübelin Werkstätten gefertigt.
Pionier (1946–1976) Einschlüsse in Edelsteinen Als Gübelin in den 1920er Jahren erstmals einen Stein durchs Mikroskop betrachtete, war die Edelsteinforschung noch kaum entwickelt. Die Einschlüsse in den Steinen hielt man für unerwünschte Makel oder Fehler, die deren Preis minderten. Gübelins bahnbrechender Forschung und seiner mikrofotografischen Arbeitsweise ist es zu verdanken, dass die geologische Fachwelt allmählich den Wert solcher Einschlüsse erkannte. Heute gelten Einschlüsse in Edelsteinen als wichtige Indikatoren ihrer Identität. Sie geben Aufschluss über den natürlichen oder behandelten Zustand eines Steins und über seinen geografischen Ursprungsort.
Gübelin begann inmitten des Zweiten Weltkrieges mit der Publikation seiner Forschungsresultate. Nach Kriegsende setzte er seine Studien intensiver fort. Vom wachsenden Ansehen, das er in der Fachwelt genoss, zeugen verschiedene Titel und Auszeichnungen: 1946 wurde er Mitglied der Gemmological Association of Great Britain. 1948 erhielt er vom Gemmological Institut of America den Titel „First Research Member GIA“ und 1952 wurde er Mitglied der Deutschen Gemmologischen Gesellschaft. Im selben Jahr wurde er zum Mitbegründer der International Gemmological Conference I.G.C. Gübelins erste größere Publikation Edelsteine wurde 1952 in deutscher Sprache herausgegebenAusgabe 1952 und sogleich auf Französisch übersetzt. Eine englische Ausgabe folgte 1963. Bereits in seinem 1953 erschienenen Buch Classifying Gemstone Inclusions schlug er Klassifikation von mineralischen Einschlüssen vor. Diese Klassifikation teilte die Einschlüsse in die Kategorien „protogenetisch“, „syngenetisch“ und „epigenetisch“ vor, je nachdem, ob die Einschlüsse in einem Edelstein schon vor diesem existierten oder ob sie zeitgleich mit ihm oder im Nachhinein entstanden waren.
Wird ein Edelstein durch künstliche Behandlung verändert – wird er beispielsweise in seiner der Farbe intensiviert oder in seiner Ebenmässigkeit perfektioniert – so muss dies deklariert werden, damit der potentielle Käufer nicht getäuscht wird. Um solche Täuschungen im Handel zu bekämpfen, braucht es Methoden und Instrumente, mit denen sich die Spuren künstlicher Behandlungen eindeutig feststellen lassen. Die Erkenntnisse Gübelins auf dem Feld der Edelsteineinschlüsse und seine Klassifizierung trugen unter anderem dazu bei, solche Behandlungen am Stein festzustellen und zu dokumentieren. Die von ihm vorgeschlagene Klassifizierung wurde immer wichtiger, je vielfältiger die verschiedenen Behandlungsmethoden zur Veredelung von Farbedelsteinen wurden und je täuschender die Synthesen wurden. Heute ist diese Klassifizierung weltweit bekannt und innerhalb der Branche weitgehend anerkannt.
Wissensvermittlung Bereits in den frühen 1940er Jahren begann Gübelin im Ausland Vorträge zu halten und zu unterrichten. Daneben engagierte er sich weiterhin stark im eigenen Familienunternehmen: Zwischen 1940 und 1957 schrieb er mehr als ein Dutzend Ausgaben von Werbebroschüren für die Gübelin Juweliergeschäfte, in denen ein breites Feld von Themen rund um Edelsteine zur Sprache kamen.
Gübelin vereinte seine Leidenschaft für Gemmologie mit seinem Engagement für das Familienunternehmen. So übernahm er beispielsweise 1954 die Leitung für die Feierlichkeiten im Rahmen des 100-Jahr-Jubiläums seines Unternehmens. Er organisierte zahlreiche Anlässe, Festschriften, Jubiläumsdekorationen und Schmuckschauen in Luzern, Zürich und Genf. An diesen Anlässen war das große Interesse des Publikums an Gemmologie und Edelsteinen, das er in den vergangenen Jahren durch sein Engagement und seine Persönlichkeit aufgebaut hatte, deutlich spürbar. Auch in den USA wurden zum Jubiläum 1954 Cocktailparties in New York, Atlanta, Houston, Dallas, Los Angeles, San Francisco, Denver, Detroit und Chicago mit insgesamt rund 10 000 Kunden gefeiert. Mit dem Familienunternehmen ging es in den 1960er Jahren stetig aufwärts. Eine ganze Reihe von Kreationen aus dem Hause Gübelin wurde preisgekrönt und erhielt dadurch gewisse Aufmerksamkeit.