Die altskandinavischen Kalender sind diejenigen Kalender, die in der Wikingerzeit (800–1050 n. Chr.) bis zur Einführung des gregorianischen Kalenders in Gebrauch waren.
In Skandinavien waren vor Einführung des Christentums mehrere Kalender nebeneinander in Gebrauch: der Lunisolarkalender, das solare Wochenjahr mit Quartalseinteilung, das solare Wochenjahr mit verschobener Quartalseinteilung und der julianische Kalender. Zum Lunisolarkalender und den Wochenkalendern mit den verschiedenen Quartalseinteilungen gab es noch örtliche Varianten.
Das Mondjahr Für die Kalender vor Einführung des Christentums gibt es so gut wie keine zeitgenössischen Quellen. Aber es gibt für die Zeit danach Datumsbezeichnungen, die auf ein hohes Alter hindeuten und Rückschlüsse auf die vorchristlichen Kalender zulassen. Diese Datumsbezeichnungen belegen, dass das Jahr in Mondmonate eingeteilt wurde. Am verbreitetsten war der „Jul-Mond“, an zweiter Stelle steht der „Dis-Mond“ oder „Distings-Mond“. Er war nur in Mittelschweden verbreitet. Der Distings-Mond wird oft im schwedischen Upplandslag erwähnt, aber weder Snorri noch Adam von Bremen erwähnen ihn.
Der Julmond war später der Monat, in dem der Mond am Dreikönigs-Tag schien. In Norwegen hieß es: „Julemaanen“ war der Mond, der den Dreikönigstag überdauerte. Andernfalls war der Julmond der folgende Mond. Der Monat nach dem Julmond hieß „Torre“, und ihm folgte der Mondmonat „Gjø“ („gói“ in Island). In den Quellen aus Dalarna ist „Torre“ oft durch Distingsmond ersetzt. Ole Worm berichtet von einem dänischen „julemaen“, der der Mond ist, der am julianischen Neujahr leuchtet. Der älteste Beleg für den nordischen Jul-Mond findet sich in Island. In einer Abschrift des isländischen komputistischen Werkes Rím II, das selbst in der zweiten Hälfte des 13. Jh. entstanden ist, heißt es:
Es ist möglich, dass sich diese Definition über Skandinavien ausgebreitet hat. Es ist aber auch möglich, dass eine vorchristliche Berechnung in den christlichen Kalender integriert worden ist.
Auch der Dis-Monat war an diesen Dreikönigstag geknüpft. Der älteste Beleg für den Zusammenhang zwischen Disting und Dreikönigs-Tag findet sich bei Olaus Magnus Historia om de nordiska folken (1555; 2001 S. 183) IV. Kap. 6.: Disting wird in Erinnerung an die Königin Disa gehalten und findet an dem Vollmond statt, der dem ersten Neumond nach Drei Könige (Mitternacht) folgt. Im Mittelalter nahm man die Königswahl in Gamla Uppsala im Zusammenhang mit dem Disting vor. Der Dreikönigstag war ein kirchliches Hochfest, aber die Berechnung des Distings hat vorchristliche Vorläufer und überstand die Christianisierung durch Anpassung an den christlichen Kalender. Erich Lassota von Steblau präzisiert das 1591–1593. Dort werden zwei Markttage genannt: Der erste ist die Eriksmesse. Der zweite
Der Bezug auf Königin Disa ist eine damals übliche volksetymologische Erklärung. Lassota hat offenbar Mitternacht bei Olaus Magnus missverstanden. Disting-Mond und Julmond gehörten in Schweden von Anfang an zusammen, wobei die Quellen für den Disting-Mond in Schweden älter sind, als alle Quellen zum Julmond und Dreikönigstag. Als Grund für die Anknüpfung an den Drei-Königs-Tag wird angenommen, dass im Mittelalter die Weihnachtszeit und der damit verbundene Weihnachtsfrieden an diesem Tag endete. Außerdem wurde die Fastenzeit und Ostern nach den Mondphasen nach dem Drei-Königs-Tag berechnet.
Im Mittelalter hatte sich der astronomische Neumond gegenüber der Berechnung nach der Goldenen Zahl um einige Tage verschoben. Der isländische Jul-Mond wurde nun so in den kirchlichen Kalender integriert, dass er den alten Monatsnamen beibehielt, aber nun nach der Berechnung nach der Goldenen Zahl und nicht länger mit den alten Mondphasen der Monate zusammenfiel. In Schweden und Norwegen dagegen ging man weiterhin von den astronomischen Mondphasen aus.
Die christliche Weihnachtszeit liegt immer zwischen dem 15. Dezember und dem 6. Januar. Doch wenn am Dreikönigstag Neumond war, so lag der Julmond zwischen dem 6. Januar und dem 4. Februar. Diese große Abweichung lässt sich mit dem kirchlichen Kalender nicht vereinbaren. Daher wird angenommen, dass die Festlegung des Disting- und des Julmondes aus vorchristlicher Zeit erhalten geblieben ist.
Die Mondmonatsrechnung und das gebundene Mondjahr (bundna månår) Es spricht viel dafür, dass die Wochenrechnung auf eine Zeit lange vor der christlichen Zeit zurückgeht und viele Reste in Bezug auf das Arbeitsjahr erhalten geblieben sind. Nach der Einführung des julianischen Kalenders wurde die Wochenrechnung parallel weitergeführt. So gab es nebeneinander Zeitrechnungen, die auf dem Mondzyklus und auf dem Sonnenzyklus basierten.
Im vorchristlichen Skandinavien gab es eine Zeitrechnung, die, wie auch sonst auf der Welt, auf den Mondphasen beruhte. Erstaunlich ist aber, dass aus dieser Zeit in Skandinavien kein Mondkalender überliefert ist. Daher muss man sich mit fragmentarischen älteren Angaben zusammen mit späteren Relikten und vergleichenden Untersuchungen begnügen. Zunächst gibt es zwei Varianten des Monats: den siderischen Monat und den synodischen Monat. Der siderische Monat ist 27 Tage und 8 Stunden, der synodische Monat 29 Tage und 12 Stunden lang. Das ist die Zeit zwischen zwei gleichen Mondphasen. Der siderische Monat kam in der volkstümlichen Zeitrechnung kaum vor. Man orientierte sich im vorkirchlichen Skandinavien nach allem, was bekannt ist, am synodischen Monat, der mal mit 29, mal mit 30 Tagen angenommen wurde. Da der synodische Mondmonat (von ihm ist im Weiteren nur noch die Rede) ungefähr 29 ½ Tage lang ist, erstrecken sich 12 Mondmonate über 354 Tage und sind damit 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. In Gegenden mit deutlichen jahreszeitlichen Unterschieden störte diese Verschiebung des Mondjahres gegenüber dem Sonnenjahr, und man musste das Mondjahr durch eine Korrektur an das Sonnenjahr anbinden. Das geschah üblicherweise, indem man in ungefähr jedem dritten Jahr einen Schaltmonat als 13. Monat einfügte. Damit stimmten die Mondmonate mit dem Sonnenjahr ungefähr überein, verhinderte jedoch nicht, dass der Beginn eines Mondmonats in verschiedenen Jahren bis zu 30 Tagen variieren konnte. Dieses Kalendersystem, in dem das Mondjahr an das Sonnenjahr gebunden wurde, nennt man „bundna månår“ (gebundenes Mondjahr).
Es gibt Anzeichen dafür, dass man sich vor Einführung des julianischen Kalenders in Skandinavien nach dem „gebundenen Mondjahr“ richtete. Es bleibt aber die Frage, ob der Beginn des Mondmonats an den Neumond gekoppelt war oder an das erste Aufscheinen der Mondsichel einige Tage später. Volkstümlich wurde wahrscheinlich das erste Sichtbarwerden der Mondsichel angenommen, aber für offizielle Ereignisse, wie die Thingversammlungen, verwendete man den astronomischen Neumond.
Das gebundene Mondjahr im angelsächsischen England und dessen skandinavische Parallelen Beda Venerabilis behandelt in De Temporum Ratione vor allem die kirchliche Komputistik, berührte aber auch andere kalendarische Fragen, insbesondere die Zeitrechnung der eingewanderten Germanenstämme. Er bezeichnet die Kalender ausdrücklich als die der Angeln, was wohl die Sachsen und Jütländer umfasste. Er betont ausdrücklich, dass diese Zeitrechnung bis zur Christianisierung und der Einführung des julianischen Kalenders bei ihnen in Gebrauch war, also vor dem 5. oder 6. Jahrhundert. Der von ihm überlieferte Kalender ist ein klares Beispiel für ein gebundenes Mondjahr. Die Monate werden nach dem Lauf des Mondes berechnet, aber im Sonnenjahr verankert, indem die vier Quartale sich nach dem Sonnenstand und den Äquinoktien richten.
George Hickes veröffentlichte 1703 in De antiquae litteraturae septentrionalis utilitate sive de linguarum veterum septentrionalium usu Dissertatio epistolarisNordberg schreibt 1705. Aber das bezieht sich auf den 5. Teilband: 'Numismata anglo-saxonica & anglo-danica'. Darin überliefert er die Monatsnamen aus dem englischen Manuskript Biblia Cattoniensis von 1031: De Temp. Rat. Bibl. Cattoniensis Antiqu. Lit. Septgiuli — æftera geolasolmonath solmonath solmonathhesmonath hlytha hlyda, hlydmonatheosturmonath aprelis monath eosturmonaththrimilchi maius maiusmonathlida ærra litha ærra litha, seremonath, mithsumormonath, juniusmonathlida julius monath æftera litha, mæth-monath, juliusmonathweodmonath weodmonath weodmonath, augustusmonathhalegmonath haligmonath haligmonath, harvetsmonathwinterfilleth winterfylleth se teothamonath, haligmonathblodmonad blotmonath blotmonathgiuli ærra jula ærre geola Beda verweist bei seinen Erläuterungen wiederholt auf vorchristliche Verhältnisse. Seine Erläuterungen werden inzwischen bezweifelt, und man hat gemeint, das seien seine eigenen Überlegungen, um die alten dunklen Monatsnamen zu erklären. Aber es gibt doch Hinweise, Bedas Informationen zumindest teilweise neu zu bewerten. Natürlich verfügte er über Quellen, die heute verloren sind, so dass man nicht jede Angabe nachprüfen kann. Aber das bedeutet nicht, dass die Erläuterungen unhistorisch sind.
Man nahm z. B. an, dass die Göttinnen Hertha und Eostre, die nach Beda den Monaten „hredmonath“ und „eosturmonath“ den Namen gegeben hätten, nur Bedas eigene Erklärungen seien. Stattdessen meinte man, dass „hredmonath“ vom stürmischen Wetter abzuleiten sei und der „Rauhe Monat“ bedeute. Ebenso hat man das Wort „eostur“ eine alte inzwischen verlorene Bezeichnung des Frühjahrs gewesen sei, die erst sekundär mit dem christlichen Ostern assoziiert worden sei. Aber es fällt auf, dass weder „hredmonath“ noch „eosturmonath“ in der Biblia Cattoniensis von 1031 erwähnt sind. Eine mögliche Erklärung wäre, dass die beiden Monatsnamen wegen ihrer im 11. Jahrhundert unerwünschten Assoziationen an heidnische Göttinnen ausgemerzt worden sind.
Auch seine Angabe, der „solmonath“ habe auch „brödkakornars monath“ geheißen, obgleich es doch keine Verbindung zwischen Sonne und Brotbacken gebe, wurde bezweifelt. Doch war in ganz Europa die Sitte verbreitet, Brot und Butter anlässlich Rückkehr der Sonne zu opfern, wie aus Quellen des 11. Jahrhunderts zu entnehmen ist. Wahrscheinlich spielte Beda auf diesen Brauch an.
Das wichtigste ist jedoch die Ähnlichkeit von Bedas anglischer Kalenderbeschreibung und den entsprechenden Kalendern in Skandinavien. Beide hatten eine Halbjahreseinteilung und eine Quartalseinteilung, die sich nach dem Sonnenstand richtete. Auch bei den Angeln wurde der Schaltmonat vor dem Mittsommer eingeschoben. Der Doppelmonat „giuli–giuli“ entspricht dem Monatspaar ýlir–jólmánaðr im isländischen Kalender. Sowohl der altenglische „blodmonath“ wie auch der isländische „gormónanuðr“ knüpfen an die herbstliche Tierschlachtung an. Der altenglische „thrimilchi“, an dem nach Beda die Kühe dreimal am Tag gemolken wurden, hat Parallelen in einigen skandinavischen Dialekten, wo tremjölksgräs und tremjölksblomster für die Sumpfdotterblume verwendet wurde. Ein wichtiger Unterschied zwischen dem angelsächsischen thrimilci und dem skandinavischen tri-mjölkingen ist allerdings, dass der letztere wegen der unterschiedlichen klimatologischen Bedingungen ungefähr einen Monat später liegt. Beide Julmonate liegen in derselben Zeit, was auf das gleiche astronomische Phänomen zurückzuführen ist.
Die Julmonate, die Wintersonnenwende und die Schaltregel des gebundenen Mondjahres Nach Beda begann der anglische Kalender mit „Winterfilleth“, dem Wintervollmond, der im julianischen Kalender dem Oktober entsprach. Nach ihm begann das Winterhalbjahr mit dem Herbstäquinoktium und „winterfilleth“ begann mit dem ersten Sichtbarwerden der Mondsichel nach dem Herbstäquinoktium. Das war durchschnittlich einen Monat nach dem Herbstäquinoktium, was sehr nah an den skandinavischen Winternächten liegt. Möglicherweise liegt hier eine sehr altertümliche kalendarische Struktur vor, als die Winternächte noch nicht auf ein festes Datum in der Wochenrechnung festgelegt waren.