mini|Tom Driberg Thomas Edward Neil Driberg, Baron Bradwell (* 22. Mai 1905 in Crowborough; † 12. August 1976 in London), genannt Tom Driberg, war ein britischer Journalist und Politiker. Von 1942 bis 1955 und von 1959 bis 1974 war er Mitglied des Parlaments. Er hatte führende Positionen in der Labour Party inne und war viele Jahre lang eine Galionsfigur linker Politik in Großbritannien.
Er war bekennender Homosexueller zu einer Zeit, als dies in Großbritannien noch strafbar war, vertrat einige Jahre lang kommunistische Ideen und wurde der Spionage für den KGB verdächtigt. Zudem war er in der Anglikanischen Kirche engagiert und tief gläubig.
Frühe Jahre und Ausbildung Thomas „Tom“ Driberg war der dritte und jüngste Sohn des pensionierten Kolonialoffiziers James Street Driberg und von dessen Frau Amy Mary Irving Driberg, geborene Bell. Der Vater war bei seiner Geburt 65 Jahre alt. In seinen Erinnerungen beschrieb Driberg die häusliche Atmosphäre als „erstickend“.Tom Driberg: Ruling Passions. 1977. S. 5
Im Alter von acht Jahren begann Tom Driberg seine schulische Ausbildung an der Grange School in seiner Heimatstadt. Dort hatte er erste sexuelle Erfahrungen mit Jungen und kam mit der Religion in Berührung, was er in seinen Memoiren „widersprüchliche Zwänge“ nannte.Tom Driberg: Ruling Passions. 1977. S. 13 1918 wechselte er auf das Lancing College, wo er sich mit seinem Mitschüler Evelyn Waugh anfreundete. Unter dessen Ägide schloss er sich einem intellektuellen Klub, den Dilettanti an, dessen Mitglieder sich für Literatur, Kunst und Politik interessierten. Ab 1920 tendierte er zur politischen Linken, fand aber die Labour Party zu wenig radikal und zu langweilig und schloss sich deshalb der neugegründeten Kommunistischen Partei Großbritanniens (CPGB) an.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 29–33Tom Driberg: Ruling Passions. 1977. S. 50
In der Schule hatte Driberg zahlreiche Schülerposten inne, bis sich im Jahre 1923 zwei Jungen über Dribergs sexuelle Annäherungen beschwerten. Der Schuldirektor erlaubte ihm, für den Rest des Schuljahres in der Schule zu bleiben, enthob ihn aber aller seiner Posten und trennte ihn von den anderen Jungen. Am Ende des Jahres musste er die Schule verlassen mit der Erklärung, dass er von einem privaten Tutor auf die Aufnahme in die Universität Oxford vorbereitet werden müsse, da er die Aufnahmeprüfung im Jahr zuvor nicht bestanden hatte. Unter der Anleitung seines Tutors, des späteren Colin Pearson, Baron Pearson errang Tom Driberg ein Stipendium für das Christ Church College in Oxford.
mini|Christ Church, Oxford (2004)
In Oxford bewegte sich Driberg in avantgardistischen Kreisen, interessierte sich für die Welt von Kunst, Politik, Dichtung und Partys und vernachlässigte seine akademischen Studien.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 36 Er begegnete der Dichterin Edith Sitwell und trug ihr eines seiner Gedichte vor, woraufhin sie ihn als „the hope of English poetry“ bezeichnete.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 55–57 Gemeinsam mit dem späteren Historiker Alan J. P. Taylor baute er die Oxford University Communist Party auf. Während des Generalstreiks 1926 boten Driberg und Taylor der CPGB ihre Unterstützung an. Driberg wurde zum Verteilen von Flugblättern eingesetzt und daraufhin für einige Stunden inhaftiert.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 40–45 Trotz seiner Verbindung zu linksextremen Kreisen erhielt er bei der Wahl zur Präsidentschaft der Oxford Union 75 Stimmen gegen 152 des Gewinners.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 48–49
Während seiner gesamten Studienzeit in Oxford besuchte Driberg regelmäßig die Messe in Pusey House, einer unabhängigen religiösen Institution mit der selbstgestellten Aufgabe, die Church of England im katholischen Sinne zu erneuern. Er war homosexuell, was in Großbritannien bis 1967 strafbar war. Obwohl in Oxford eine homoerotische Gesinnung gängig war, verkehrte er selbst vorzugsweise sexuell mit Männern aus der Arbeiterklasse.Humphrey Carpenter: The Brideshead Generation: Evelyn Waugh and his Friends. London 1989. S. 81
Als Driberg einen musikalischen Scherz inszenierte, den er Homage to Beethoven nannte und der mit Megafonen, Schreibmaschinen und einer laufenden Waschmaschine aufgeführt wurde, erregte dies – durch einen Bericht in der Zeitung – die Aufmerksamkeit des Okkultisten Aleister Crowley, woraufhin sich die beiden mehrfach trafen.Humphrey Carpenter: The Brideshead Generation: Evelyn Waugh and his Friends. London 1989. S. 73 Crowley ernannte Driberg zu seinem Nachfolger als Weltlehrer, jedoch blieb es bei Absichtserklärungen. Driberg erhielt von Crowley Manuskripte und Bücher, die er später für gutes Geld verkaufte.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 53–55
Tätigkeit als Journalist mini|hochkant|Das Art-déco-Gebäude des Daily Express in der Londoner Fleet Street mini|Bradwell Lodge (1965) (der rechte der beiden Männer auf dem Foto ist Driberg) Nachdem Tom Driberg Oxford verlassen hatte, lebte er in ärmlichen Verhältnissen in London und versuchte, sich als Dichter zu etablieren. Er hielt sich mit Hilfsarbeiten über Wasser und verkaufte seine Wertgegenstände.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 58 Er hatte den Kontakt zu Edith Sitwell gehalten und besuchte regelmäßig die Tee-Partys in ihrer Wohnung. Als Sitwell herausfand, dass ihr Protegé finanzielle Probleme hatte, besorgte sie ihm einen Vorstellungstermin beim Daily Express. Nachdem er einen Artikel über das Londoner Nachtleben verfasst hatte, wurde er im Januar 1928 für sechs Wochen zur Probe als Reporter eingestellt.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 60–62
Schon nach einem Monat konnte Driberg einen journalistischen Coup landen, als er die ersten Zeitungsberichte über die Aktivitäten des US-amerikanischen Evangelisten Frank Buchman in Oxford publizierte, dessen Bewegung als Moralische Aufrüstung bekannt wurde. Im Juli 1928 verfasste Driberg einen Exklusiv-Artikel über eine Society-Party in den Schwimmbädern an der Buckingham Palace Road, der Gesellschaftsgrößen wie Lytton Strachey und Tallulah Bankhead beigewohnt hatten. Seine gesellschaftlichen Beziehungen wurden offenbar, und er erhielt vom Express einen festen Vertrag. Er wurde Assistent von Percy Sewell, der unter dem Pseudonym The Dragoman eine tägliche Kolumne mit dem Titel The Talk of London verfasste. Später verteidigte Driberg diese Tätigkeit damit, sein Ansatz sei satirisch gewesen, und er habe das Verhalten der Reichen absichtlich übertrieben, um die Arbeiterklasse aufzurütteln und so der CPGB zu helfen.Tom Driberg: Ruling Passions. 1977. S. 102
Driberg nutzte die Kolumne, um Personen der Gesellschaft und der Literatur bekannt zu machen, aber er widmete sich auch ernsteren Themen wie der Todesstrafe und moderner Architektur. Er stellte den Lesern das Werk von D. H. Lawrence vor sowie das umstrittene Buch The Well of Loneliness der Schriftstellerin Radclyffe Hall, das vom Leben einer lesbischen Frau handelt und zuvor im Express als „anrüchig“ („infamous“) angeprangert worden war. 1932 ging Sewell in Rente, und Driberg war nun allein für die Kolumne verantwortlich, wurde aber zunehmend unzufrieden mit der Oberflächlichkeit seiner Arbeit. Mit der Unterstützung des Inhabers, Max Aitken, 1. Baron Beaverbrook, wurde die Kolumne im Mai 1933 verändert und trug nun den Titel These Names Make News. Der Kolumnist schrieb unter dem Pseudonym William Hickey, was der Name eines Lebemannes aus dem 18. Jahrhundert war.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 79–81 Driberg beschrieb die neue Artikelserie als „intime biografische Kolumne […] über Männer und Frauen, die wichtig sind. Künstler, Staatsmänner, Flieger, Financiers, Forscher […]“.„These Names Make News: Statement of Policy“. In: Daily Express, 12. Mai 1933. S. 19
Beaverbrook, der eine Vorliebe für Driberg entwickelt hatte, amüsierte sich über die Diskrepanz zwischen dessen linker politischen Einstellung und dessen extravagantem Lebensstil. Driberg steckte ständig in finanziellen Schwierigkeiten, und Beaverbrook musste ihm mehrfach mit Vorschüssen und Geldgeschenken aushelfen.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 90–91, S. 95 Auch ging Driberg weiterhin seiner Vorliebe für rauen, gelegentlichen Sex nach, und im Herbst 1935 wurde er wegen sexueller Belästigung angeklagt.Tom Driberg: Ruling Passions. 1977. S. 129 Der Vorfall, bei dem sich Driberg mit zwei Männern das Bett geteilt hatte, ereignete sich in dem Künstlerviertel von London, das Driberg selbst in seiner Kolumne Fitzrovia getauft hatte.Simon Goulding: „Fitzrovian Nights“. In: Literary London. University of Northampton. Band 4, März 2006. Beaverbrook besorgte Driberg einen Staranwalt sowie zwei untadelige Leumundszeugen, und Driberg wurde freigesprochen. Der Verleger sorgte auch dafür, dass darüber nicht in der Presse berichtet wurde.Tom Driberg: Ruling Passions. 1977. S. 129–142 Dies war der erste Vorfall von vielen, die der Autor Kingsley Amis später als die „verblüffende Immunität [die Driberg] vom Gesetz und der Presse bis an das Ende seiner Tage genoss,“ beschrieb.Kingsley Amis: Memoirs. London 1991. S. 311
Gegen Ende der 1930er Jahre machte Tom Driberg mehrere Reisen: Zweimal fuhr er nach Spanien, um den Spanischen Bürgerkrieg zu beobachten, 1938 nach Deutschland nach dem Münchner Abkommen, nach Rom zur Einführung von Papst Pius XII. und 1939 nach New York City zur New York World’s Fair.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 118–119 Als 1939 der Deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt geschlossen wurde, informierte Driberg seine Leser, dass diese Krise nicht bedeute, dass es Krieg geben würde. Als neun Tage später der Zweite Weltkrieg ausbrach, entschuldigte er sich bei seinen Lesern.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 122–124 Seine Ablehnung des Paktes sowie seine Unterstützung des Krieges könnten die Gründe gewesen sein, warum er 1941 aus der CPGB austrat.
Im Juli 1939 starb Dribergs Mutter. Mit seinem Erbe sowie einer beachtlichen Hypothek kaufte und renovierte er das Landhaus Bradwell Lodge in Bradwell-on-Sea an der Küste von Essex, in dem er bis 1940 lebte, bis das Haus von der Royal Air Force requiriert wurde.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 182–142 (?) Er schrieb weiter die Hickey-Kolumne, nicht immer zur Freude seines Verlegers. Besonders seine Proteste gegen die rücksichtslose Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung waren verpönt.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 148–149 Im November 1941 reiste er in die USA und weilte am 8. Dezember 1941, dem Tag, an dem die Vereinigten Staaten den Eintritt in den Krieg erklärten, in Washington.Francis Wheen: Strange Days Indeed: The Golden Age of Paranoia. London 2001. S. 153–154
Politische Laufbahn