mini|Der Anfang des Kritias in der ältesten erhaltenen Handschrift: Paris, Bibliothèque Nationale, Gr. 1807 (9. Jahrhundert) Der Kritias (altgriechisch Kritías, latinisiert Critias) ist ein in Dialogform verfasstes, Fragment gebliebenes Spätwerk des griechischen Philosophen Platon. Den Inhalt bildet ein fiktives, literarisch gestaltetes Gespräch, an dem neben Platons Lehrer Sokrates und dem vornehmen Athener Kritias, nach dem der Dialog benannt ist, zwei Gäste aus dem griechisch besiedelten Süditalien teilnehmen: der Philosoph Timaios von Lokroi und der Politiker Hermokrates von Syrakus. Die Identität des Kritias ist in der Forschung umstritten; es handelt sich entweder um den bekannten Politiker „Kritias IV“, einen Vetter von Platons Mutter, oder um dessen Großvater „Kritias III“.

Kritias ist der Hauptsprecher, er hält einen langen Vortrag; die drei anderen Gesprächsteilnehmer kommen nur am Anfang kurz zu Wort. Die Handlung schließt unmittelbar an die des Dialogs Timaios an; im Kritias wird der weitere Verlauf der Zusammenkunft geschildert, deren erster Teil im Timaios dargestellt ist. Vermutlich bildeten die beiden Dialoge ursprünglich ein einheitliches Werk, das erst später in zwei Teile zerlegt wurde. Wegen dieser Zusammengehörigkeit ist in der Forschungsliteratur oft vom „Timaios-Kritias“ die Rede.

In dem Vortrag will Kritias Heldentaten schildern, die sich nach seinen Worten vor neun Jahrtausenden abgespielt haben, als Athen gegen das bereits im Timaios knapp beschriebene mythische Inselreich Atlantis einen Abwehrkrieg führte. Zunächst werden die beiden Staaten und die in ihnen herrschenden Lebensverhältnisse charakterisiert. Bevor die Schilderung der Kampfhandlungen beginnt, bricht der Text unvermittelt ab. Der Hauptteil der Erzählung, der sich daran hätte anschließen sollen, fehlt. Warum Platon das Werk nicht vollendet hat, ist unklar. Unter seinen zahlreichen Dialogen ist der Kritias der einzige, der keine Erörterung philosophischer Fragen bietet, sondern nur einen fiktionalen historischen Bericht.

Die schon im Timaios skizzierte Atlantis-Geschichte, die laut Ankündigung im Kritias ausführlich dargestellt werden sollte, ist nach heutigem Forschungsstand eine freie Erfindung Platons; für eine frühere Existenz des Stoffs gibt es keine Anhaltspunkte. Die Absicht des Autors ist, Grundgedanken seiner politischen Philosophie modellhaft zu veranschaulichen und Fehlentwicklungen in Politik und Gesellschaft mit erzählerischen Mitteln unter ethischem Gesichtspunkt zu beleuchten.

Die Dialogsituation

Der Kritias ist Teil einer ursprünglich von Platon geplanten Trilogie. Diese sollte aus drei zeitlich unmittelbar aufeinanderfolgenden Dialogen mit denselben vier Teilnehmern bei ein und derselben Zusammenkunft der Gruppe bestehen. Es ist zu vermuten, dass Platon ursprünglich einen einheitlichen, aus drei Teilen bestehenden Dialog im Sinn hatte.Michael W. Haslam: A Note on Plato’s Unfinished Dialogues. In: American Journal of Philology 97, 1976, S. 336–339; Ernst Gegenschatz: Platons Atlantis, Zürich 1943, S. 8 f.; Warman Welliver: Character, Plot and Thought in Plato’s Timaeus-Critias, Leiden 1977, S. 58–60. Jedenfalls sollte jeweils einer der Gesprächsteilnehmer als Hauptsprecher auftreten und den anderen einen Vortrag halten. Dabei ging es nicht nur um Wissensvermittlung, sondern die Konstellation mit den geplanten drei Auftritten hatte auch einen Wettkampfcharakter im Sinne des in der griechischen Mentalität verwurzelten „agonalen Prinzips“.Siehe dazu Heinz-Günther Nesselrath: Platon: Kritias, Göttingen 2006, S. 101; Warman Welliver: Character, Plot and Thought in Plato’s Timaeus-Critias, Leiden 1977, S. 22–32. Nur für Sokrates, der nicht mit den anderen in Konkurrenz treten sollte, war kein Vortrag vorgesehen. Wie man zu Beginn des Timaios erfährt, hat er seinen Beitrag schon am Vortag der Zusammenkunft geleistet, als er Gastgeber war; nun ist er Gast der anderen und hört zu.Platon, Timaios 17a–c, 19a–20d.

Die Trilogie sollte mit dem Timaios beginnen, mit dem Kritias fortgesetzt werden und mit dem Hermokrates enden. Der Kritias blieb aber unvollendet und den Hermokrates hat Platon wahrscheinlich nie begonnen, wohl weil er das Trilogieprojekt aufgab.

Die Gesprächsteilnehmer

Kritias, Sokrates und Hermokrates sind sicher historische Personen. Ob Timaios tatsächlich gelebt hat oder eine von Platon erfundene Gestalt ist, ist unklar. Im Timaios erwähnt Hermokrates, dass er und Timaios während ihres Aufenthalts in Athen als Gäste des Kritias in dessen Haus wohnen.Platon, Timaios 20c.

Im Gegensatz zu vielen platonischen Dialogen, in denen konträre Auffassungen aufeinanderstoßen und Widerlegung angestrebt wird, wobei manchmal auch Schärfe und Ironie ins Spiel kommen, ist im Kritias wie schon im Timaios die Atmosphäre freundschaftlich, kooperativ und von gegenseitigem Respekt geprägt.

Das Problem der Identität des Kritias

In der Antike und noch bis ins frühe 20. Jahrhundert hat kein Zweifel daran bestanden, dass es sich bei Kritias um den Politiker „Kritias IV“ (* frühestens um 460 v. Chr.; † 403 v. Chr.) handelt, einen Vetter von Platons Mutter Periktione. Dieser Kritias, der auch als Dichter hervorgetreten ist, stammte aus einer vornehmen und wohlhabenden Familie Athens. Er gehörte zu den profiliertesten Vertretern der oligarchischen Richtung. Nach der katastrophalen Niederlage seiner Heimatstadt gegen Sparta im Peloponnesischen Krieg übernahm er eine Führungsrolle, als eine oligarchische Gruppe im Jahr 404 v. Chr. die demokratische Staatsordnung beseitigte. Die Oligarchen ergriffen die Macht und richteten einen „Rat der Dreißig“ als höchstes Gremium ein. In dem dreißigköpfigen Rat, der aus den Anführern der oligarchischen Bewegung bestand, spielte Kritias eine wichtige Rolle. Die mit Terror verbundene Herrschaft der Dreißig dauerte allerdings nicht lange. Schon im folgenden Jahr 403 erlitten die Truppen der Oligarchen im Kampf gegen eine Streitmacht von exilierten Demokraten eine entscheidende Niederlage, wobei Kritias im Kampf fiel.

„Kritias IV“ war ein Sohn des Kallaischros, dessen Vater „Kritias III“ (* wohl um 520 v. Chr.) einen Großvater hatte, der ebenfalls Kritias hieß („Kritias II“, * wohl um 600 v. Chr.). Der Vater von „Kritias II“ war Dropides („Dropides II“), der Athener Archon von 593/592 v. Chr., ein Freund und Verwandter des legendären athenischen Gesetzgebers Solon.John K. Davies: Athenian Propertied Families, 600–300 B.C., Oxford 1971, S. 322–326.

Platons literarische Gestalt Kritias gibt im Timaios an, er habe, als er etwa zehn Jahre alt war, von seinem gleichnamigen, damals fast neunzigjährigen Großvater die Geschichte vom Krieg zwischen Athen und Atlantis vernommen. Da sein Urgroßvater Dropides mit Solon eng befreundet gewesen sei, habe sein Großvater Kritias Gelegenheit gehabt, die Erzählung von dem berühmten Gesetzgeber zu erfahren.Platon, Timaios 20d–21d.

Wenn man vom Wortlaut des Timaios und vom historisch korrekten Stammbaum der Familie ausgeht, ist somit der Dialogteilnehmer Kritias als Urenkel des Dropides nicht mit „Kritias IV“ gleichzusetzen, sondern mit „Kritias III“. Schon im Jahr 1914 hat sich der namhafte Platon-Herausgeber John Burnet für diese Lösung ausgesprochen. Damit hat Burnet die noch heute andauernde Debatte über die Identität von Platons literarischem Kritias eröffnet.John Burnet: Greek Philosophy. Thales to Plato, London 1978 (1. Auflage 1914), S. 275 Anm. 1. Burnets Auffassung teilen u. a. Paul Friedländer: Platon, Bd. 1, 3., überarbeitete Auflage, Berlin 1964, S. 214; Laurence Lampert, Christopher Planeaux: Who’s Who in Plato's Timaeus-Critias and Why, in: The Review of Metaphysics Bd. 52 Nr. 1, 1998, S. 87–125, hier: 95–100; Franz von Kutschera: Platons Philosophie, Bd. 3, Paderborn 2002, S. 40 f. und Anm. 48. Vorsichtig zustimmend äußert sich Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 273 f. Über „Kritias III“ ist sehr wenig bekannt; immerhin ist seine Existenz archäologisch gesichert.John K. Davies: Athenian Propertied Families, 600–300 B.C., Oxford 1971, S. 326; Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 106 f. Ungeachtet des Wortlauts im Timaios und der tatsächlichen Abstammungsverhältnisse sind weiterhin manche Forscher der Meinung, der Sprecher im Kritias müsse der Oligarch „Kritias IV“ sein. Sie unterstellen Platon einen Irrtum oder bewusste Missachtung der genealogischen Tatsachen.Siehe die Forschungsübersichten bei Heinz-Günther Nesselrath: Platon: Kritias, Göttingen 2006, S. 43 f. und Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 107 f.

Die Forscher, die für die Identifizierung mit „Kritias III“ eintreten, machen geltend: Nach seiner Niederlage und seinem Tod war „Kritias IV“ in seiner wieder demokratisch gewordenen Heimatstadt völlig diskreditiert, da man ihm als dem führenden Kopf der Oligarchengruppe die willkürlichen Hinrichtungen während der Herrschaft der Dreißig anlastete. Daher hätten es Platons Zeitgenossen als ungeheure Provokation betrachtet, wenn der Philosoph in seinen Dialogen die Aufgabe, die ruhmreiche Epoche Ur-Athens und die Heldentaten der damaligen Athener zu verherrlichen, dem profiliertesten und verhasstesten Repräsentanten der oligarchischen Schreckensherrschaft übertragen hätte. Hinzu kommt, dass Platons Sokrates im Timaios seine Wertschätzung für Kritias ausdrückt.Heinz-Günther Nesselrath: Platon: Kritias, Göttingen 2006, S. 44 f. Der Abstand zwischen dem Tod Solons 560/559Zur Datierung siehe John K. Davies: Athenian Propertied Families, 600–300 B.C., Oxford 1971, S. 323 f. und der Mitte des 5. Jahrhunderts, als der frühestens um 460Zur Datierung siehe John K. Davies: Athenian Propertied Families, 600–300 B.C., Oxford 1971, S. 325–327. geborene „Kritias IV“ zehnjährig war, beträgt rund 110 Jahre. Daher kann der Großvater des Oligarchen, wenn er die Geschichte um 450 seinem Enkel erzählt hat und damals fast neunzigjährig war, keinesfalls vor Solons Tod schon am Leben gewesen sein.Heinz-Günther Nesselrath: Platon: Kritias, Göttingen 2006, S. 45 f. Der literarische Kritias erwähnt im Timaios, dass zu der Zeit, als er die Geschichte von seinem alten Großvater hörte, die Gedichte Solons noch neu waren und von vielen Knaben gesungen wurden.Platon, Timaios 21b. Das kann für die Zeit um 450 nicht zutreffen.Heinz-Günther Nesselrath: Platon: Kritias, Göttingen 2006, S. 48. Platons literarischer Kritias weist darauf hin, dass er über ein gutes Langzeitgedächtnis, aber ein schlechtes Kurzzeitgedächtnis verfügt. Dieser greisenhafte Gedächtniszustand passt nicht zu „Kritias IV“, der zur Zeit der Dialoghandlung noch relativ jung war.Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 107; Heinz-Günther Nesselrath: Platon: Kritias, Göttingen 2006, S. 48 f. Wenn Platon den Oligarchen meinte, ihn also zum Urenkel von „Dropides II“ machte, hat er in seinen genealogischen Angaben zwei Generationen übersprungen. Ein so krasser Irrtum ist nicht plausibel, denn es handelt sich um Platons eigene Vorfahren – „Kritias III“ war sein Urgroßvater – und es ist bekannt, dass er auf den Ruhm seines Geschlechts und die Kenntnis der eigenen Abstammung Wert legte, wie es damals in vornehmen Familien üblich war.Debra Nails: The People of Plato, Indianapolis 2002, S. 106 f.; Michael Erler: Platon, Basel 2007, S. 273; Jules Labarbe: Quel Critias dans le ‚Timée’ et le ‚Critias’ de Platon? In: Sacris erudiri 31, 1989–1990, S. 239–255, hier: 243. In anderen Dialogen, in denen Platon „Kritias IV“ auftreten lässt (Protagoras, Charmides), nennt er ihn ausdrücklich „Sohn des Kallaischros“, womit er Verwechslungen ausschließt. Dies spricht dafür, dass das Fehlen dieses identifizierenden Hinweises im Timaios und im Kritias nicht zufällig ist, sondern darauf deutet, dass es sich um eine andere Person handelt.Luc Brisson: Platon: Timée, Critias, 3., überarbeitete Auflage, Paris 1996, S. 329 f. Anm. 29.

Die Befürworter der Gegenthese, wonach der Sprecher im Dialog der Oligarch ist, entgegnen: