Die deutsche Konjugation (von ) ist die Änderung der Wortform (Flexion, Beugung) von Verben in der deutschen Grammatik. Sie erfolgt durch das Anfügen von Endungen, durch Änderungen im Verbstamm und durch die Zusammensetzung mit Hilfsverbformen. Wie in allen germanischen Sprachen ist dabei der Unterschied zwischen schwachen Verben und starken Verben bedeutsam. Letztere werden der Einfachheit halber häufig – vor allem in Schulgrammatiken – zu den unregelmäßigen Verben gezählt, weisen aber bestimmte Regelmäßigkeiten in ihrer Konjugation auf.

Das Deutsche unterscheidet bei der Konjugation der Verben drei Personen (1. Person, 2. Person und 3. Person) und zwei Numeri (Singular und Plural). Das Verb steht in PN-Kongruenz zum Subjekt des Satzes, d. h. Verb und Subjekt stimmen hinsichtlich ihrer grammatischen Merkmale regelhaft überein. Neben Person und Numerus sind Tempus, Modus (Indikativ, Konjunktiv, Imperativ) und Diathese (Aktiv, Passiv) die Merkmale der deutschen Konjugation.

Im gesprochenen Deutsch zeigt sich die Tendenz, den Gebrauch von Hilfsverben gegenüber der synthetischen Flexion vorzuziehen. Während dies beim Passiv und dem Futur regelgerecht ist, vermuten manche das langsame Aussterben der Konjunktive oder sogar des Präteritums.

Verbformen Infinite Verbformen Infinite (unbestimmte) Verbformen geben keine Person, Zahl, Zeit und keinen Modus an: Infinitiv (Nennform): laufen, tanzen, essen, gehen, nennen, gucken … Partizip I: laufend, tanzend, essend, gehend, nennend, guckend … Partizip II: gelaufen, getanzt, gegessen, gegangen, genannt, geguckt …

Das Partizip I, auch Partizip Präsens, wird durch Anhängen der Endung -end an den Wortstamm des Infinitivs gebildet. Bei deutschstämmigen Verben, deren Stamm auf -r oder auf -l endet, wird die Endung -end meist zu -nd gekürzt, ebenso wie das -en des Infinitivs zu -n gekürzt wird: lächel-nd, trauer-nd. Verben mit Stamm auf -ier behalten hingegen die vollständige Endung: polierend (nicht poliernd), schmierend (nicht schmiernd).

Das Partizip II, auch Partizip Perfekt, erhält normalerweise die Vorsilbe ge- und die Endung -t oder -et, bei starken Verben die Endung -en. Bei einigen starken und unregelmäßigen Verben ändert sich zudem der Verbstamm: trinken → getrunken, gehen → gegangen, sein → gewesen. Das Präfix ge- entfällt bei allen Verben, die nicht auf der ersten Silbe betont werden, z. B. bei vielen Verben auf -ieren und allen, die bereits ein Präfix haben: polieren → poliert, zerlegen → zerlegt, gewinnen → gewonnen. Eine betonte, abtrennbare Vorsilbe (Verbpartikel) bleibt als solche erhalten, steht also außerhalb der Partizipbildung: vor-sagen → vor-gesagt, ein-ziehen → ein-gezogen, ein-beziehen → ein-bezogen, zu-gestehen → zu-gestanden.

Finite Verbformen Finite (bestimmte) Verbformen geben Person, Zahl, Zeit und Modus an. Dazu ändert sich die Endung des Verbs, bei starken und unregelmäßigen Verben in vielen Formen auch der Verbstamm, beispielsweise: machen → mache (1. Person Singular, Indikativ Präsens Aktiv) gehen → gingst (2. Person Singular, Indikativ Präteritum Aktiv) kommen → kämen (1. oder 3. Person Plural, Konjunktiv II (Gleichzeitigkeit) Aktiv)

Die Bezeichnung „konjugiertes Verb“ wird oft im Sinne von „finites Verb“ verwendet, obwohl auch die Partizipbildung als Konjugation aufgefasst werden kann. Die Bildung finiter Verbformen wird in den folgenden Abschnitten näher beschrieben.

Personalformen Die beiden Merkmale Person und Numerus sind in der deutschen Konjugation immer kombiniert. Daraus ergeben sich sechs Personalformen mit – wegen der Übereinstimmung der 3. Person Singular mit der 2. Person Plural sowie der 1. mit der 3. Person Plural – vier verschiedenen Personalendungen: Person Singular Plural 1. ich lache wir lachen 2. du lachst ihr lacht 3. er lacht sie lachen

Bei einigen starken Verben ändert sich zudem der Stammvokal in der 2. und 3. Person Singular. Der Stammvokal e (ä) wird zu i (ie), dunkle Stammvokale werden oft umgelautet (a → ä, au → äu, o → ö).

Person Singular Plural Singular Plural Singular Plural Singular Plural 1. ich gebe wir geben ich fahre wir fahren ich laufe wir laufen ich stoße wir stoßen 2. du gibst ihr gebt du fährst ihr fahrt du läufst ihr lauft du stößt ihr stoßt 3. er gibt sie geben er fährt sie fahren er läuft sie laufen er stößt sie stoßen

Bei unregelmäßigen Verben unterscheidet sich häufig der Stammvokal im Singular von dem im Plural bzw. Infinitiv. Wenige Verben wie das Hilfsverb sein haben im Indikativ Präsens völlig unregelmäßige Formen.

Person Singular Plural Singular Plural Singular Plural Singular Plural 1. ich darf wir dürfen ich kann wir können ich weiß wir wissen ich bin wir sind 2. du darfst ihr dürft du kannst ihr könnt du weißt ihr wisst du bist ihr seid 3. er darf sie dürfen er kann sie können er weiß sie wissen er ist sie sind

Tempusformen Bildung der Tempusformen Das Deutsche kennt nur zwei morphologische Formen (also Wortformen im engen Sinn), nämlich Präsens und Präteritum, mit deren Hilfe sämtliche Tempuskategorien in der Konjugation gebildet werden; allerdings weichen manche Konjunktiv-II-Formen von der eigentlichen Präteritum-Ableitung ab (siehe unten).

Auch bei der Bildung des Präteritums unterscheiden sich schwache und starke Verben. Bei ersteren wird als Tempusmarker -te an den Wortstamm des Infinitivs angehängt, darauf folgt die jeweilige Personalendung. Verben, deren Stamm auf t, d (reden, retten) oder auf einen Verschluss- oder Reibelaut +n/m endet (atmen, öffnen, trocknen), erhalten vor dem Tempusmarker ein e, um die Aussprache zu erleichtern. Starke Verben erfahren einen Ablaut, d. h. einen Wechsel im Stammvokal und erhalten für gewöhnlich keinen Tempusmarker. Eine Ausnahme bilden Verben, bei denen sich nicht nur der Stammvokal, sondern auch der folgende Konsonant ändert (denken → dachte, bringen → brachte). Sie gelten daher als starke Verben mit schwacher Präteritumsendung oder „Mischverben“. Die Personalendungen werden, ähnlich wie bei schwachen Verben, nach stets gleichen Regeln hinzugefügt. Da sie bei allen Verben in der 1. und 3. Person Singular entfallen, sind diese beiden Formen im Präteritum – anders als im Präsens – auch im Singular immer gleich.

Pers. + Num.schwachstark lachen reden atmen fliegen geben denken1. Singular ich lachte redete atmete flog gab dachte2. Singular du lachtest redetest atmetest flogst gabst dachtest3. Singular er/sie/es lachte redete atmete flog gab dachte1. Plural wir lachten redeten atmeten flogen gaben dachten2. Plural ihr lachtet redetet atmetet flogt gabt dachtet3. Plural sie lachten redeten atmeten flogen gaben dachten

Die Formen im Perfekt und im Plusquamperfekt werden mit den Hilfsverben haben oder sein in flektierter Form und dem Partizip II gebildet. Die Formen im Futur I werden mit dem Verb werden (flektiert) und dem Infinitiv, die im Futur II mit werden (flektiert), dem Partizip II und haben/sein (im Infinitiv) gebildet.

Bei Modalverben, die als solche, d. h. in Kombination mit einem weiteren Verb (Vollverb) gebraucht werden, wird in den zusammengesetzten Tempusformen Perfekt, Plusquamperfekt und Futur II statt des Partizips der Infinitiv verwendet. Beim – sehr selten verwendeten – Futur II steht zudem das Hilfsverb haben nicht am Ende, sondern vor den beiden Infinitiven (dem des Vollverbs und dem des Modalverbs), vgl. folgende Übersicht.

Übersicht Tempus (Zeit)AspektschwachstarkunregelmäßigModalverb hören schreiben gehen (gehen) müssen Präsens (Gegenwart) jetzt aktuell ich höre du schreibst er geht ihr müsst (gehen) Perfekt (vollendete Gegenwart) jetzt vollzogen ich habe gehört du hast geschrieben er ist gegangen ihr habt (gehen) müssen Präteritum (Vergangenheit) damals aktuell ich hörte du schriebst er ging ihr musstet (gehen) Plusquamperfekt (vollendete Vergangenheit) damals vollzogen ich hatte gehört du hattest geschrieben er war gegangen ihr hattet (gehen) müssen Futur I (Zukunft) demnächst aktuell ich werde hören du wirst schreiben er wird gehen ihr werdet (gehen) müssen Futur II (vollendete Zukunft) demnächst vollzogen ich werde gehört haben du wirst geschrieben haben er wird gegangen sein ihr werdet haben (gehen) müssen

Gebrauch der Tempusformen Im Deutschen ist das Präteritum die klassische Erzählvergangenheitsform. In literarischen Texten, insbesondere in Romanen, drückt es die Gegenwart innerhalb der erzählten Geschichte aus (episches Präteritum). Vergangene Ereignisse werden mit dem Plusquamperfekt ausgedrückt. Ist die Erzählung im Präsens geschrieben, wird Vergangenes meist ins Perfekt gesetzt. So steht mit dem Plusquamperfekt ein zusätzliches Tempus für eine weitere Zeitebene (das Vorvergangene) zur Verfügung, ohne dass ein kompletter Tempuswechsel innerhalb der Geschichte erforderlich wird.

Im niederdeutschen und Teilen des mitteldeutschen Sprachraums wird das Präteritum häufig auch in der Umgangssprache verwendet, allerdings nimmt das Perfekt im Gebrauch zu. Im Oberdeutschen wird mit Ausnahme einiger Hilfs- und Modalverben auch dort das Perfekt genutzt, wo in Norddeutschland das Präteritum üblich wäre (Oberdeutscher Präteritumschwund). In der österreichischen Umgangssprache werden lediglich die Verben sein und wollen im Präteritum gebraucht, im Bairischen existiert es nur bei zwei Wörtern: wår (war) und woit (wollte). Einige alemannischen Dialekte wie das Schweizerdeutsch kennen bis auf die Präteritalformen von sein gar kein Präteritum.

Im gesamten deutschen Sprachraum kommt umgangssprachlich das doppelte Perfekt (Ich habe ihm geschrieben gehabt.) vor. In einigen, überwiegend süddeutschen Dialekten, die von Präteritumschwund betroffen sind, ersetzt es das Plusquamperfekt; ansonsten wird es verwendet, um einen verstärkenden, betonenden Aspekt hinzuzufügen (Ich habe ihm doch geschrieben gehabt!). Genauso wie das seltener gebrauchte doppelte Plusquamperfekt (Ich hatte ihm geschrieben gehabt.) ist es nicht standardsprachlich.

Wie das Plusquamperfekt werden auch Futur I und Futur II eher selten in der gesprochenen Sprache verwendet. Manche Dialekte kennen diese Tempora nicht. Das Niederdeutsche nutzt dagegen alle sechs Zeitformen, wobei die Futurformen mit sollen (auf Platt: sölen oder schölen [ik sall/schall]) gebildet werden. Das doppelte Futur II (Ich werde ihr geschrieben gehabt haben.) findet selbst in der heutigen Umgangssprache kaum Verwendung und ist ebenso wenig wie die anderen Doppelformen standardsprachlich akzeptiert.

Diathese / Genus verbi

Das Deutsche unterscheidet zwischen den Handlungsrichtungen (Diathesen) Aktiv und Passiv. Die indogermanische Mittelform, das Mediopassiv, gibt es im Deutschen nicht mehr als eigenständiges Verbgattung (Genus verbi). Allerdings finden sich sinngemäße Entsprechungen, die formal im Aktiv stehen und die Handlungsrichtung mittels Reflexivpronomen verdeutlichen: Ich wasche mich. Das Buch liest sich gut.

Passiv Das Passiv ist die „täterabgewandte“ Aussageform des VerbsDie Grammatik (= Duden, Band 4). 10. Auflage. Dudenverlag, Berlin 2022, e-ISBN 978-3-411-91447-0, S. 378 / Randnr. 605., auch „Leideform“ genannt. Insbesondere im formalen Deutsch ist das Passiv wichtig. Es wird am häufigsten mit dem Hilfsverb werden und dem Partizip Perfekt gebildet und verkehrt die Perspektive des Aktivsatzes. Das Patiens wird Ausgangspunkt, das Agens verliert die Subjektrolle und kann auch wegfallen, so dass der „Täter“ (ohne einen Zusatz wie „durch“ oder „von“) unbekannt bleibt.

Beispiel: Die Frau beobachtete den Unfall. → Der Unfall wurde (von der Frau) beobachtet.

Das Deutsche unterscheidet mindestens zwei Passivformen: Vorgangspassiv (VP) Rezipientenpassiv (RP), auch Dativpassiv Daneben werden in die Kategorie Passiv auch weitere Bildungen einbezogen, vor allem das sog. Zustandspassiv, das oft das Ergebnis einer Handlung bezeichnet (vgl. resultativ) und mit dem Hilfsverb sein statt werden erscheint.