Das sogenannte topologische Modell oder (Stellungs-)Feldermodell ist eine in der germanistischen Sprachwissenschaft gängige Methode zur Beschreibung des deutschen Satzbaus durch eine Einteilung des Satzes in „Felder“, in Verbindung mit Regeln, die die Besetzung der Felder je nach Satzart festlegen (z. B. Aussagesatz, Fragesatz). Es handelt sich um ein Beschreibungsraster, in das verschiedene Sätze nach ihrem Erscheinungsbild eingeordnet werden können, in dem aber weitergehende Aspekte grammatischer Struktur nicht berücksichtigt werden; insbesondere enthält es keine vollständige Aufteilung des Satzes in Satzglieder bzw. Konstituenten. Das Feldermodell gibt jedoch einige wichtige Verallgemeinerungen zum deutschen Satzbau an, die in Grammatiktheorien auch erklärt und hergeleitet werden können.
„Topologische Felder“ sind nicht mit dem Begriff Wortfeld zu verwechseln (bei dem es stattdessen um Wortbedeutung geht).
Herkunft und Darstellungsvarianten des Feldermodells Eine frühe Form der Einteilung des deutschen Satzes in drei Felder stammt von Erich Drach (1937); hier werden „Vorfeld“, „Mitte“ und „Nachfeld“ unterschieden.Erich Drach: Grundgedanken der deutschen Satzlehre. Diesterweg, Frankfurt am Main 1937 (4., unveränderte Auflage 1963). Aus dieser Einteilung stammt die Bezeichnung „Kernsatz“ für die deutsche Hauptsatzform – den Verbzweitsatz –, da das finite Verb hierbei die Mitte des Satzes bildete. Die Weiterentwicklung des Feldermodells, die im Folgenden dargestellt ist, besteht großenteils in einer Ausdifferenzierung des Drach’schen „Nachfeldes“ in Mittelfeld, rechte Klammer sowie das Nachfeld im modernen Sinn.
Moderne Darstellungen des Feldermodells beruhen in der RegelAnders jedoch: Wilfried Kürschner: Grammatisches Kompendium. Systematisches Verzeichnis grammatischer Grundbegriffe (= UTB. 1526). 6., aktualisierte Auflage. Francke, Tübingen u. a. 2008, ISBN 978-3-7720-8273-3, S. 202, der „Nachfeld“ in der altertümlichen Drach’schen Bedeutung verwendet (also „Position nach dem Finitum“ im Hauptsatz), ohne auf die Abweichung von der heute sonst gängigen Terminologie hinzuweisen. auf fünf Feldern als grundlegender Gliederung des Satzes (Vorfeld, linke Klammer, Mittelfeld, rechte Klammer, Nachfeld). Daneben werden, je nach Detailgrad der Darstellung, verschiedentlich weitere Felder benannt, die aber nicht in allen Sätzen eine Rolle spielen (v. a. verschiedene „Außenfelder“). Scheinbare Abweichungen in der Literatur betreffen also häufig nicht die Annahmen über Feldertheorie oder die Anzahl der Felder an sich, sondern kommen daher, welcher Grad der Vereinfachung für eine Einführung des Themas in der Praxis gewählt wird.Siehe zum Beispiel die Darstellung in der Dudengrammatik, die auf S. 862 ein Modell mit 5 Feldern einführt, da diese für die Unterscheidung der Satztypen benötigt werden, und ohne Vorankündigung erst ab S. 885 zusätzliche Felder in der Peripherie nennt. Auch Pittner, Berman: Deutsche Syntax. 4., aktualisierte Auflage 2010, S. 77 führen zunächst nur 5 Felder ein; erst ab S. 87 werden, ebenfalls ohne Vorankündigung, weitere Außenfelder nachgetragen. Nur scheinbar anders ist das System in der IDS-Grammatik (grammis), die 5 Hauptfelder nennt und sofort anschließend die Existenz eines weiteren linken Außenfeldes hervorhebt. Unterschiedliche Auffassungen treten eher in der Frage auf, welches Material welchem Feld zuzuordnen ist (z. B. in der Frage, wo der rechte Rand des Mittelfelds genau verläuft).
Außer für das Deutsche ist das Feldermodell auch für die Grammatik der skandinavischen (germanischen) Sprachen gängig. Paul Diderichsen entwickelte 1946Paul Diderichsen: Elementær dansk Grammatik. Gyldendal, Kopenhagen 1946 (zahlreiche Neuauflagen; englische Übersetzung unter dem Titel Essentials of Danish Grammar. Akademisk Forlag, Kopenhagen 1964). eine einflussreiche Variante für das Dänische, die sich etwas anders darstellt, da das Dänische im Gegensatz zum Deutschen eine SVO-Sprache ist.
Die Felderanordnung Die Satzklammer und das Mittelfeld Typisch für den deutschen Hauptsatz ist die sogenannte „Satzklammer“, d. h. das Phänomen, dass sich die finite Verbform vorne im Satz befindet, aber restliche Teile des Prädikats, z. B. Verben im Infinitiv oder abtrennbare Verbpartikeln, erst am Satzende folgen. Diese beiden Positionen dienen dem Modell als Orientierungsmarken: Sie umklammern einen Bereich, der dann „Mittelfeld“ genannt wird, und außerhalb dieser Klammer fügt sich jeweils ein „Vorfeld“ sowie ein „Nachfeld“ an:Die Darstellung hier schließt sich Pittner, Berman: Deutsche Syntax. 4., aktualisierte Auflage 2010, an. Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer NachfeldGestern hat die Katze uns eine Maus vor die Tür gelegt Die Katze legte eine Maus vor der Tür ab -- weil die Katze uns eine Maus vor die Tür gelegt hat -- -- Uns eine Maus vor die Tür zu legen !
Das Mittelfeld ist der Bereich, in dem zunächst alle Satzglieder stehen, die nicht aufgrund einer besonderen Festlegung einem der anderen Felder zugewiesen werden. Unter anderem enthält das Mittelfeld also auch eine Position für das Subjekt, außer dieses wird im Einzelfall ins Vorfeld geholt (wie oben im zweiten Beispiel, mehr dazu s. u.). Die Reihenfolge der Bestandteile im Mittelfeld ist meistens: Subjekt < indirektes Objekt < direktes Objekt < Präpositionalobjekt; die Grammatik der Satzteile innerhalb des Mittelfelds wird vom Feldermodell als solchem jedoch nicht weiter behandelt. (Näheres zur Variation der Wortstellung im Mittelfeld siehe unter Deutsche Grammatik#Syntax des Mittelfelds sowie unter Scrambling (Linguistik).)
Die linke Klammer wird ebenso für die satzeinleitende Konjunktion des Nebensatzes verwendet wie für das finite Verb des Hauptsatzes; die linke Klammer ist in den obigen Beispielen jedes Mal die Position direkt vor der Mittelfeld-Position des Subjekts. Die Positionen von Konjunktion und finitem Verb werden als dieselbe identifiziert, da eine Voranstellung des Verbs bei gleichzeitiger Anwesenheit einer Konjunktion nicht möglich ist; hieraus wird geschlossen, dass sie um dieselbe Position konkurrieren.Wolfgang Sternefeld: Syntax. Eine morphologisch motivierte generative Beschreibung des Deutschen. Band 1. 2006, ISBN 3-86057-779-4, S. 322. Das Feldermodell selbst gibt allerdings keine Erklärungen dafür an, warum in der rechten Klammer mehrere Wörter zugleich zulässig sind und nur in der linken nicht. Ein Argument für die Position der Konjunktion als linker Klammer ist, dass in manchen Konstruktionen wahlweise finites Verb oder Konjunktion den Nebensatz einleiten können, zum Beispiel Vergleichssätze mit als ob (weitere Fälle unter V1-Stellung): Er tat so, als ob nichts wäre. Er tat so, als wäre nichts --. Die linke Satzklammer kann außer Konjunktionen nur ein finites Verb enthalten. In einem Infinitivsatz ohne Konjunktion ergibt sich so, dass die linke Satzklammer leer bleibt (letztes Beispiel oben).
Feinere Einteilungen für die Position der Verben
Die rechte Klammer als Verbalkomplex Die rechte Klammer enthält das finite Verb, wenn dieses am Satzende steht (also in Nebensätzen). Ferner werden alle weiteren Bestandteile des Prädikats, also vor allem der gesamte Verbalkomplex, der im Deutschen aus mehreren Verben bestehen kann, zusammen der rechten Klammer zugeordnet. Die Zuordnung nichtverbaler Prädikatsbestandteile kann allerdings manchmal strittig sein.Siehe Angelika Wöllstein: Topologisches Satzmodell. 2010; Pittner, Berman: Deutsche Syntax. 4., aktualisierte Auflage 2010, S. 80. Laut diesen letzteren Autoren (S. 91) ist die Positionierung der Verneinungspartikel nicht strittig; manche Autoren schlagen sie ebenfalls der Satzklammer zu.
Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer Er hat nicht gesehen werden wollen
Das Oberfeld Eine Feinunterteilung wird nötig für Konstruktionen, in denen das finite Verb vor die übrigen Verben am Satzende gezogen wird. Diese zusätzliche Position wird dann als „Oberfeld“ bezeichnet: Vorfeld linke Klammer Mittelfeld Oberfeld rechte Klammer dass er es mich hat machen lassen Die Infinitive dieses Beispiels können nicht dem Nachfeld zugeordnet werden (mit dem Finitum hat dann als rechter Klammer), da es sich um eine sogenannte kohärente Konstruktion handelt, d. h. der Infinitiv ist nicht satzwertig. Solche Infinitive sind sonst nie nachfeldfähig. – Weitere Einzelheiten finden sich unter: Deutsche Grammatik #Reihenfolge der Verben.
Das Vorfeld Das Vorfeld dient zur Platzierung von beliebigem Material, das entweder als gegebene Information aus dem Kontext aufgenommen werden soll (ein sogenanntes Topik) oder für Material, das als Kontrast hervorgehoben werden soll. Die Besetzung des Vorfelds durch einen Satzteil wird (etwas ungenau) auch als Topikalisierung dieses Satzteils bezeichnet. Außer dem finiten Verb können fast alle Arten von Satzteilen für die Besetzung des Vorfelds verwendet werden, sie fehlen dann an der entsprechenden Stelle des Mittelfelds. Bei Sätzen mit wenig Material kann es dazu kommen, dass das Mittelfeld dadurch völlig leer bleibt.
Beispiele: Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer NachfeldGestern hat eine Maus gehustet (Adverb im Vorfeld) Die Katze legte eine Maus vor der Tür ab (Subjekt im Vorfeld) Die Katze schlief (Subjekt im Vorfeld, leeres Mittelfeld) Eine Maus hat sie uns vor die Tür gelegt! (direktes Objekt im Vorfeld)
Ebenso können komplexe Satzteile, auch ganze Nebensätze, das Vorfeld besetzen: im ersten Beispiel unten eine Verbalphrase (ein infinites Verb mit seinen Ergänzungen), im zweiten ein Subjektsatz, im dritten ein Adverbialsatz. Die Struktur dieser komplizierteren Beispiele wird durchsichtig, wenn man sich daran orientiert, dass das finite Verb des Hauptsatzes immer die linke Klammer (des Hauptsatzes) bilden muss: Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer Eine Maus vor die Tür gelegt hat sie uns noch nie Dass so was geht ist unglaublich Obwohl Eva Adam den Apfel abgab erschien Adam gereizt ( = Trotzdem erschien Adam gereizt)
Wo ein ganzer Satz im Vorfeld steht, ist anzumerken, dass dieser Satz seinerseits wieder eine Felderstruktur aufweist (die hier nicht dargestellt ist); Felderstrukturen können insofern in gewissen Fällen ineinander verschachtelt werden.
Eine Besonderheit stellt die Vorfeldbesetzung durch ein Expletivum dar: Ein Pronomen „es“ kann erscheinen, um das Vorfeld pro forma zu besetzen. Dies führt dazu, dass alles andere Material, auch ein Subjekt, im Mittelfeld bleibt. Adverb im Vorfeld, im Vergleich mit Vorfeld-Expletiv plus Adverb etc. im Mittelfeld: Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer Nachfeld Gestern hat hier eine Maus gehustet. Es hat gestern hier eine Maus gehustet. Subjekt im Vorfeld, im Vergleich mit Vorfeld-Expletiv plus Subjekt im Mittelfeld: Vorfeld linke Klammer Mittelfeld rechte Klammer Nachfeld Jemand schnarchte. Es schnarchte jemand.
Insgesamt ist zu sehen, dass das Vorfeld keine Subjektposition darstellt (sondern beliebiges Material aufnimmt), daher ist auch das Pronomen „es“ in den obigen Beispielen kein Subjektpronomen. Genaueres zu den verschiedenen Funktionen von „es“ siehe im Artikel Expletivum.
Das Nachfeld Das Nachfeld dient vor allem dazu, lange Satzglieder, wie etwa Nebensätze, auszulagern (man spricht auch von „Ausklammerung“). Im Prinzip können Nebensätze in der entsprechenden Position im Mittelfeld stehen, vor allem wenn es sich um Adverbialsätze handelt. Bei Subjekt- oder Objektsätzen gilt dies jedoch als grammatisch unakzeptabel:
Ich habe nie im Geringsten angedeutet, dass ich das kaufen will. ? Ich habe, dass ich das kaufen will, nie im Geringsten angedeutet.
Jedoch stehen auch solche Sätze im Nachfeld mit einer Subjekt- oder Objektposition des Mittelfelds in Verbindung, denn sie können dort durch ein sogenanntes Korrelatpronomen („es“) vertreten werden (das Korrelatpronomen kann hingegen nicht stehen, wenn ein Nebensatz im Vorfeld statt im Nachfeld ist):