mini|Future Force Warrior mit SUGV Future Soldier ist ein Schlagwort, unter dem die Modernisierungsprogramme für die Infanterie ausgewählter NATO-Länder und ihrer Partner ablaufen, die sich in der NATO Land Capability Group 1 organisiert haben. Die NATO LCG 1 fungiert dabei als Knotenpunkt für den Informations- und Ideenaustausch und legt Standards fest, um die Interoperabilität zu gewährleisten. Während einzelne Länder ihrem Modernisierungsprogramm einen Namen geben – in Frankreich beispielsweise FÉLIN – ist das Programm auf NATO-Ebene namenlos. Häufig wird es als NATO Soldier Modernization, NATO Soldier Systems oder Future Soldier bezeichnet. Der letztere Name bezieht sich auf die Ausstellung und Konferenz Future Soldier, welche alle zwei Jahre von der NATO veranstaltet und zum Ideenaustausch zwischen Staaten und Industrie zu diesem Thema verwendet wird.
Geschichte Die Anfänge Obwohl sich die Kampfweise der Marine und Luftwaffe in den letzten Jahrzehnten gravierend geändert hat, blieb die Entwicklung beim Heer und besonders bei der Infanterie praktisch stehen. Während es für einen Kampfflugzeugpiloten einen Unterschied ausmacht, ob er in einer F-86 Sabre oder einer F-22 Raptor sitzt, haben Ausrüstungsunterschiede bei der Infanterie kaum Einfluss auf das Gefechtsergebnis. Erst Ende der 1980er Jahre erkannten die NATO- und ABCA-Staaten (America, Britain, Canada, Australia), dass es die Digitalisierung sowie immer kleinere Computer und elektromechanische Geräte auch der Infanterie erlauben würden, den technischen Fortschritt zu nutzen.Department of Defence: LAND 125 Phase 3B Soldier Enhancement Version 2 – Survivability / Phase 3C Soldier Enhancement Version 2 – Lethality / Phase 4 Soldier Enhancement Version 3, 2009
1984 wurde bei der British Army Equipment Exhibition in Aldershot erstmals ein Entwurf vorgestellt, wie der Infanterist der Zukunft aussehen könnte: Der Soldat sollte einen Integralhelm mit integriertem Nachtsichtgerät, Camcorder, Display und Laserentfernungsmesser tragen. Der Kampfanzug sollte aus atmungsaktivem Stoff bestehen, Schutz vor Witterungseinflüssen und NBC-Waffen bieten und eine elektrische Heizung besitzen. Die hohen, dicken Stiefel sollten vor kleinen Minen schützen. Als Waffe war eine Kombination aus Maschinengewehr und Granatwerfer angedacht, zusätzlich sollten noch zwei Raketenwerfer am Rucksack getragen werden. 1990 startete die US-Armee das Projekt SIPE (Soldier Integrated Protective Ensemble), um den Infanteristen mit Mikrophonen, Kopfhörern, Kommunikationssystemen, GPS und einem HMD auszurüsten, welches Bilder des Waffenwärmebildgerätes und Karten mit der eigenen Position darstellen sollte. Der Kampfanzug sollte mit einem Tragesystem und einer Mikroklimaanlage ausgestattet werden, welche kühle Luft durch eine Weste blasen sollte. Das M16A2 sollte perspektivisch mit einem Wärmebildgerät, Laserpointer und Richtmikrofon ausgerüstet werden.The 21st Century Soldier, 2012
Da andere NATO-Länder ähnliche Problemstellungen ausmachten und ebenfalls nach Lösungsansätzen suchten, wurde beschlossen, die Aktivitäten zusammenzuführen: 1994 unterzeichneten 14 NATO-Mitgliedsländer einen Vertrag und schufen damit die Land Group 3 / Working Group 3 (LG3/WG3). Gemäß dem neuen Ansatz sollte nicht mehr jeder Ausrüstungsgegenstand einzeln betrachtet und optimiert werden, sondern das System Soldat (engl. Soldier System) als Ganzes.
Als NATO-Projekt Die Experten der Working Group 3 einigten sich im Zeitraum von 1991 bis 1993 darauf, folgende Dinge am System Soldat zu optimieren: C4I (Command, Control, Computers, Communications, Information), Verwundbarkeit, Mobilität, Logistik und Waffeneffektivität.Soldier Systems Technology Roadmap / Weapons: Lethal and Non-lethal Workshop, 2009 Weitere Konferenzen versuchten, gemeinsame Zielvorstellungen auszuarbeiten und Erfahrungen und Lösungsansätze auszutauschen. Von 1992 bis 1994 erarbeitete die NATO Industrial Advisory Group (NIAG) eine Machbarkeitsstudie für die Modernisierung der Infanterie (Pre-Feasibility Study Dismounted Soldier Modernization). Ab 1994 tagte die Working Group 3 „Soldier Modernization“ bis Oktober 2000. (PDF; 935 kB) 2006 erfolgte dabei im Rahmen der Transformation die größte Veränderung, als die Land Group 1 Dismounted Soldier Systems gegründet wurde. Die vorherige Abteilung Land Group 3 Close Combat Infantry wurde aufgelöst, Topical Group 1, Small Arms Weapons und SG/1 Ammunition Interchangeability wurden in die Land Group 1 integriert. Kanonenwaffen wurden in Land Group 2 ausgelagert. Damit wurden alle Fragen zu Handfeuerwaffen in einer Gruppe zusammengelegt, um den Themenbereich effektiver bearbeiten zu können. (PDF; 2,3 MB)
Der Fokus der NATO liegt dabei auf Standardisierung, Informationsaustausch und Grundlagenforschung. So wurde 1995 STANAG 2324 eingeführt, um eine einheitliche Montageschiene zu schaffen. Im Oktober 2003, 2004 und 2005 erfolgen in Italien, Deutschland und Frankreich Tests zur netzwerkzentrierten Kriegführung, dabei wurde der Lageaustausch über digitale Karten erprobt. Um den veralteten CRISAT-Standard zu ersetzen, wurde 2004 STANAG 4512 veröffentlicht. 2009 wiederum wurde mit dem STANAG 4694 die NATO Accessory Rail eingeführt, als Nachfolger der Picatinny-Schiene. Die Land Group 1 strebt auch die Standardisierung von Steckern an, 2010 wurde dazu die NATO Powered Rail vorgestellt. Auf den ersten Blick nicht von einer STANAG 2324 oder 4694-Schiene zu unterscheiden, enthält die Schiene integrierte Leitungen, um ähnlich einem USB-Stecker Strom und Daten übertragen zu können. Da alle Schienen einer Waffe untereinander und mit einer Stromquelle (bzw. einem Rechner) verbunden sind, benötigen Laser, Lampen usw. keine eigene Stromversorgung mehr. (PDF; 396 kB) Die Schienen können dann auch Montageteile mit Schaltern aufnehmen, um Funktionen von Waffe, Anbaugeräten und Kampfanzug zu steuern. (PDF; 900 kB) (PDF; 6,7 MB) Das System ist zurzeit (1/2013) noch nicht standardisiert. Ferner wird die Standardisierung von Magazin, Mündungsgewinde, Mündungsfeuerdämpfer und Bajonetthalterung angestrebt. (PDF; 1 MB) mini|Ein Maultier für das Contubernium? Aber auch zu den typischen Problemen und möglichen Lösungen unterhält die NATO Research and Technology Organisation eine Reihe von Workshops und Forschungsprojekten. 2001 wurde beispielsweise ein Workshop zum Thema Soldier Mobility veranstaltet, wo über innovative Tragesysteme und Exoskelette diskutiert wurde. (PDF; 9,6 MB) Auf nationaler Ebene wird das Programm ebenfalls vorangetrieben. So veranstaltete die Defence Research and Development Canada (DRDC) im Jahr 2009 verschiedene, dreitägige Workshops zu den Themen Waffen, Energie, C4I und Human And Systems Integration. Die Workshops wurde von verschiedenen Experten der Rüstungsindustrie und Verteidigungsorganisationen besucht. Zu den Themenfeldern Waffen und Energie wurden Fragebögen ausgeteilt, auf denen die Teilnehmer bestimmte Technologien und ihre voraussichtliche Serienreife auswählen konnten, die sie für vielversprechend hielten. Auf die Erkenntnisse wird detailliert im Abschnitt „Technologien“ eingegangen.
Ein zentrales Problem ist dabei die Traglast des Soldaten: In der Antike musste ein griechischer Hoplit oder ein römischer Legionär etwa 15 kg mit sich herumtragen. Seit dem Krimkrieg stieg diese Last auf etwa 30–40 kg an. Der Grund lag darin, dass vor dem 18. Jahrhundert Teile der Ausrüstung von Hilfstruppen und Pferden mit dem Tross transportiert wurden. Seit dem 18. Jahrhundert wurde dieses Konzept fallen gelassen; Soldaten sollten nun während des Marsches ihre eigene Ausrüstung transportieren. Moderne Infanterie ist deshalb während des Marsches sehr schwer beladen. Aufgrund der Erfahrungen in Afghanistan wurde 2003 der Vorschlag aufgeworfen, Platoons und Gruppen unbemannte Bodensysteme zur Seite zu stellen, welche den eigenen Soldaten folgen und einen Teil der Ausrüstung tragen könnten. Exoskelette wurden ebenfalls als Lösung empfohlen. (PDF; 470 kB) Das Konzept des Exoskelettanzuges ist heute akzeptiert und wird seinen Weg in die Truppe finden. Das „Mutterschiff“- oder „Mule“-Konzept, ein Fahrzeug oder Roboter mit Ausrüstung zu beladen und als mobile Nachschubbasis zu verwenden, wird von der DARPA zurzeit mit dem BigDog untersucht.Adam Baddeley: Equipping the Dismounted Soldier, MILTECH 10/2010 (PDF; 10,5 MB)
Teilnehmende Länder Das NATO Soldier Modernization Programm beschränkt sich nicht mehr nur auf die 14 Kernländer, welche 1994 eine Zusammenarbeit vereinbarten. Inzwischen sind 21 NATO-Länder Vollmitglieder in der Land Capability Group 1, dazu kommen sechs Partnerländer und Australien.Soldier Modernisation: NATO Soldier Systems Overview Die NATO-Länder sind Belgien, Kanada, Tschechien, Dänemark, Frankreich, Griechenland, Deutschland, Ungarn, Italien, Niederlande, Norwegen, Portugal, Spanien, Türkei, Vereinigtes Königreich, USA, Finnland, Irland, Rumänien, Slowakei und Slowenien. Von den Nicht-NATO-Ländern beteiligen sich Australien, Schweden, Schweiz, Ukraine, Aserbaidschan und Österreich.The Endeavour for Soldier System Interoperability Jedes dieser Länder unterhält ein eigenes Modernisierungsprogramm für die Infanterie. In Deutschland ist dies zum Beispiel der Infanterist der Zukunft, in den USA der Land Warrior, in Frankreich der FÉLIN. Finnland, Frankreich, Deutschland, Italien, Portugal, Spanien und Schweden starteten 2006 unter dem Dach der Europäischen Verteidigungsagentur (EDA) das Projekt Combat Equipment Dismounted Soldier System (CEDS), welches die Land Capability Group 1 ergänzt. Später stießen noch Österreich und Rumänien dazu.Soldier Modernisation: EDA: Soldier Modernisation Perspectives on 2015
Die Vorgehensweise der einzelnen Länder ist unterschiedlich: Frankreich und Deutschland beschäftigen sich mit konkreten Problemen und suchen hierfür Lösungen, sodass ein hoher Innovationszyklus erreicht wird, auch unter Inkaufnahme von Kinderkrankheiten. In Ländern wie Großbritannien und Kanada wird hauptsächlich Papier produziert, ohne dass der Truppe konkrete Systeme zufließen. Eine Besonderheit stellen die USA dar, welche zwischen Größenwahn und Detailverbesserungen schwanken: Einerseits wird Geld in visionäre Konzepte wie Exoskelette und Unsichtbarkeit investiert, andererseits kommen der Truppe regelmäßig Innovationen zugute. So wurden die ersten Komponenten des Land Warrior bereits vor 1999 getestet. Seitdem wurde das System immer weiter verbessert, 2007 eingestellt und seit 2008 weitergeführt. Um Entwicklungssprünge zu suggerieren, werden in unregelmäßigen Abständen neue Soldatensysteme wie Future Force Warrior, Ground Soldier System, Nett Warrior usw. angekündigt, die nach kurzer Zeit regelmäßig eingestellt oder umbenannt werden. De facto ist der Land Warrior das einzige Programm der US-Armee, welches in nennenswerter Stückzahl und Integration (SUGV, Stryker) vorhanden ist.
Bedingt durch die Breitenwirkung des Programms arbeiten auch Länder, welche nicht in das NATO-Programm eingebunden sind, an Soldatensystemen, meist mit ähnlicher Zielsetzung.
Vorgehensweise Da mit der Entwicklung von Soldatensystemen Neuland betreten wird, wird ein permanenter Evolutionsprozess angestrebt. In verschiedenen Konferenzen und Workshops werden Problemfelder identifiziert und dann Versuche und Experimente durchgeführt, um Lösungsansätze zu entwickeln. Ein Beispiel hierfür ist die Verteilung der Traglast eines Soldaten, die möglichst komfortabel und kräfteschonend sein sollte. Folglich wurden Untersuchungen über die maximale Last und Ausdauer bei verschiedenen Tragetechniken evaluiert (Rücken, Hüfte, Kopf usw.). Die Ergebnisse fließen dann in Tragesysteme für Soldaten ein. Die gleiche Vorgehensweise wird auch bei anderen Problemfeldern gewählt. Die Liste von optimierungsbedürftigen Dingen ist praktisch endlos, ebenso die Liste der möglichen Lösungen. (PDF; 7,8 MB) (PDF; 8,5 MB)