mini|Die Arktis. Die rote Linie markiert die 10 °C Isotherme im Juli Die arktische Fauna umfasst die permanent oder zeitweise in der Arktis auftretende Fauna.

Lebensraum Die Arktis ist nach verbreiteter Definition die Region nördlich der Baumgrenze im Norden. Sie schließt nördlich an die Region des borealen Nadelwalds an. Zumindest als Annäherung gilt es als gesichert, dass das Wachstum von Bäumen an eine Mindesttemperatur von 10 °C im wärmsten Monat – in der Arktis der Juli – gebunden ist; deshalb wird die 10°-Isotherme für den Juli verbreitet als Grenze der Arktis verwendet. Für eine grobe Annäherung wird auch der Polarkreis herangezogen, dieser ist aber als Grenze für biologische Fragestellungen zu ungenau. Der von Sträuchern und Baumgruppen geprägte Übergang dazwischen, der Wald-Tundra-Ökoton wird oft als Subarktis gefasst. Dieser Begriff ist aber nicht ganz eindeutig und wurde, vor allem in Nordamerika, auch für den borealen Nadelwaldgürtel selbst verwendet.Doris Löve: Subarctic and Subalpine: Where and What? In: Arctic and Alpine Research. 2, Nr. 1, 1970, S. 63–73. Als Landlebensraum (terrestrisch) umfasst die Arktis etwa 7,1 Millionen Quadratkilometer in Nordamerika (einschließlich der Insel Grönland), Nordeuropa und Nordasien, etwa 4,8 Prozent der Landfläche der Erde.Hans Meltofte et al.: Arctic Biodiversity Assessment. Status and trends in arctic biodiversity, synthesis. First print for the Arctic Council Ministerial Meeting, Kiruna, Sweden, 2013. CAFF Conservation of Arctic Flora and Fauna, and Arctic Council 2013 Die Lebensbedingungen innerhalb der Arktis werden nach Norden hin härter: Typisch sind frost- und schneefreie Perioden zwischen drei Monaten und einem Monat, Sommertemperaturen zwischen 10 und 12 °C und 2 °C und Niederschläge zwischen 245 und 45 Millimeter im Jahr.S. Jonasson, T. V. Callaghan, G. R. Shaver, L. A. Nielsen: Arctic terrestrial ecosystems and ecosystem function. In: T. V. Callaghan (Hrsg.): The Arctic: Environment, People, Policy, Harwood Academic Publishers, Amsterdam 2000, S. 275–314. Die Böden sind durch Permafrost gekennzeichnet. Die Arktis ist zu großen Teilen von Eis bedeckt oder bildet vegetationsfreies Ödland und Kältewüsten (barren). Charakteristische Vegetationsform der südlicheren, vegetationsbedeckten Abschnitte ist die Tundra; die arktische Tundra umfasst etwa 5 Millionen Quadratkilometer.F. Stuart Chapin, III, M. Berman, T. V. Callaghan, P. Convey, A.-S. Crepin, K. Danell, H. Ducklow, B. Forbes, G. Kofinas, A. D. McGuire, M. Nuttall, R. Virginia, O. Young, S. Zimov: Polar Systems. In: H. Hassan, R. Scholes, N. Ash (Hrsg.): Ecosystems and Human Well-Being: Current State and Trends. Island Press, Washington 2005. ISBN 1-55963-227-5, S. 717–743. Höhere Produktivität und Biomasse sind in der Regel an Feuchtgebiete gebunden. Diese wurden sogar schon, in Analogie zu Trockenwüsten, als „arktische Oasen“ umschrieben.

Biogeographie Biogeographisch ist die Arktis keine eigenständige Region. Sie wird nach ihrer Fauna gemeinsam mit den temperaten (gemäßigten) und borealen Breiten zum Faunenreich der Holarktis gerechnet. Neben der Gliederung in die eurasische Paläarktis und die amerikanische Nearktis existiert keine allgemein akzeptierte faunistische Gliederung in biogeographische Regionen oder Provinzen.Miklos D. F. Udvarcly: A Classification of the Biogeographical Provinces of the World. IUCN Occasional Paper No. 18 (prepared as a Contribution to UNESCO's Man and the Biosphere Programme Project No. 8) Morges, Switzerland, 1975. Ökologisch entspricht die Arktis der polaren/subpolaren Ökozone.Jürgen Schultz: Die Ökozonen der Erde. Ulmer Verlag, Stuttgart (UTB für Wissenschaft 1514), 3. Auflage, 2002 Im System nach Schultz, im System nach Walter und Breckle wird der „Zonobiom IX des arktisch-antarktischen kalten Klimas der Tundra und der polaren Wüsten“ unterschieden.Heinrich Walter & Siegmar-W. Breckle: Spezielle Ökologie der Gemäßigten und Arktischen Zonen außerhalb Euro-Nordasiens. Zonobiom IV-IX. Gustav Fischer Verlag, StuttgartRichard Pott: Allgemeine Geobotanik: Biogeosysteme und Biodiversität. Springer-Verlag, 2005. ISBN 978-3-540-27527-5 Diese Systeme beruhen aber im Wesentlichen auf Vegetation und Klima und berücksichtigen faunistische Belange nur am Rande.

Marine Lebensräume Das nördliche Polarmeer ist zu großen Teilen, grob abgeschätzt etwa zur Hälfte, ein relativ flaches Schelfmeer. Prägend ist die im Winter fast durchgehende, im Sommer (zumindest früher meist) ausgedehnte, im Zentrum ganzjährig vorhandene Packeis-Decke. Unterhalb des Packeises kommt die Photosynthese fast zum Erliegen, dadurch ist hier die Produktivität gering, vor allem im zentralpolaren Becken. Die bereitstehenden Nährstoffe ermöglichen aber randlich und zu günstigen Zeiten hohe Produktivität bis hin zu Algenblüten. Die Randmeere wie die Barentssee, Beringsee und Tschuktschensee gehören dadurch sogar zu den produktivsten marinen Ökosystemen weltweit und ermöglichen ein reiches marines Leben; eingeschränkt gilt dies auch für die Polynjas genannten, von Meereis freien zentralen Abschnitte. Abtauendes Meereis und Gletschereis führt dem Polarmeer große Mengen Süßwasser zu.

mini|Ringelrobbe, Jungtier Das Meereis und die Packeisdecken stellen einen eigenen Lebensraum dar. Bedeutsam sind sie unter anderem als Fortpflanzungshabitat für Meeressäuger wie Walross (insbesondere die pazifische Unterart), Ringelrobben (vor allem nördliche Unterart Pusa hispida hispida) und Bartrobben, und für den als Prädatoren auf diese angewiesenen Eisbären, aber auch für Vogelarten wie die Elfenbeinmöwe nutzen oft den Packeisrand als Bruthabitat. Auch das Innere und insbesondere die poröse Unterseite der Packeisdecken und das direkt anschließende freie Wasser stellen einen eigenen Lebensraum für Arten der Meiofauna dar. Das arktische Packeis unterscheidet sich dabei in der Artenzusammensetzung merklich vom antarktischen: die in der Antarktis dominierenden Leuchtgarnelen (oder Krill) spielen in der Arktis eine viel geringere Rolle und werden von Gammariden ersetzt.Siegrid B. Schack-Schiel: The Macrobiology of Sea Ice. Chapter 7 in: David N. Thomas & Gerhard S. Dieckmann (Hrsg.): Sea Ice. An Introduction to its Physics, Chemistry, Biology and Geology. Blackwell Scientific Publishing, Malden, USA, 2003. ISBN 0-632-05808-0. In den vergangenen ca. 20 Jahren ist die Meereisdecke der Arktis um etwa die Hälfte zurückgegangen, die dadurch ausgelösten ökologischen Folgen sind noch kaum abschätzbar und wirken sich weit über die Arktis hinaus aus.Uma S. Bhatt, Donald A. Walker, John E. Walsh, Eddy C. Carmack, Karen E. Frey, Walter N. Meier, Sue E. Moore, Frans-Jan W. Parmentier, Eric Post, Vladimir E. Romanovsky, William R. Simpson: Implications of Arctic Sea Ice Decline for the Earth System. In: Annual Review of Environment and Resources. 39, 2014, S. 57–89, doi:10.1146/annurev-environ-122012-094357.

Limnische Lebensräume mini|Lepidurus arcticus Fließgewässer und stehende Süßgewässer wie Seen sind in der Arktis, trotz der geringen Niederschläge, weit verbreitet, da die potenzielle Verdunstung (Evaporation) aufgrund der geringen Temperaturen noch stärker absinkt. In der nördlichen, hohen Arktis frieren Gewässer meist einen Teil des Jahres vollständig durch. Solche Gewässer sind insgesamt artenarm besiedelt, die Lebensgemeinschaft umfasst nur zwei Trophieniveaus, Wirbeltiere fehlen in der Regel völlig. Größte Besiedler sind verbreitet große Kiemenfußkrebse wie zum Beispiel Lepidurus arcticus. In südlicheren und subarktischen Gewässern ist die Lebensgemeinschaft meist ebenfalls recht artenarm. Dabei kann aber eine verborgene Diversität unterhalb des Artniveaus auftreten; so besitzt der Wandersaibling zahlreiche unterscheidbare arktische Formen, die manchmal sogar sympatrisch, im selben Gewässer, nebeneinander auftreten.James D. Reist: The diversity of arctic char. In: Henry P. Huntington (Hrsg.): Arctic Flora and Fauna: Status and Conservation (PDF; 33,1 MB). Conservation of Arctic Flora and Fauna Working Group (CAFF), 2000, ISBN 9979-9476-5-9, S. 46–47.

Fünf der zehn größten Flüsse der Erde münden in das arktische Meer: Lena, Ob und Jenissei in Sibirien, Mackenzie River und Yukon River in Nordamerika, neben weiteren bedeutenden Flüssen wie Nördliche Dwina, Petschora, Chatanga, Kolyma und Nelson River. Im Gegensatz zu den meist extrem nährstoffarmen (oligotrophen) arktischen Gewässern haben diese Ströme den größten Teil ihres Einzugsgebiets außerhalb der arktischen Region, in die sie neben Nährstoffen auch Wärme einführen. Die auch im Winter eisfreien Deltas und Mündungsbereiche der Flüsse sind deshalb bedeutende Lebensräume für Wasservögel.

Artenvielfalt Im Gegensatz zum isolierten antarktischen Kontinent bildet das Zentrum der Arktis ein Binnenmeer mit relativ geringen Verbindungen zum Weltmeer, das von zwei großen kontinentalen Landmassen eingerahmt wird. Die arktische terrestrische Fauna ist dadurch weitaus artenreicher als die antarktische. Im Gegensatz dazu ist die marine arktische Fauna aber deutlich artenärmer. Dem generellen globalen Trend folgend, wird die Fauna umso artenärmer, je weiter eine Region vom Äquator entfernt liegt. Auch innerhalb der Arktis nimmt die Biodiversität nach Norden hin ab. Außerdem ist der arktische Lebensraum auch artenarm, weil er relativ jung ist: Während der Eiszeiten war die gesamte Arktis vergletschert und lebensfeindlich, alle heutigen Besiedler mussten sie seitdem aus Refugialgebieten weiter südlich neu besiedeln.

Innerhalb der Arktis leben (geschätzt) 75 Arten von Säugetieren (1,7 Prozent der globalen Fauna), 240 Vogelarten (2,9 Prozent der globalen Fauna) und etwa 3.300 Insektenarten (0,4 Prozent der globalen Fauna).Terry V. Callaghan, Lars Olof Björn, Yuri Chernov, Terry Chapin, Torben R. Christensen, Brian Huntley, Rolf A. Ims, Margareta Johansson, Dyanna Jolly, Sven Jonasson, Nadya Matveyeva, Nicolai Panikov, Walter Oechel, Gus Shaver, Josef Elster, Heikki Henttonen, Kari Laine, Kari Taulavuori, Erja Taulavuori Christoph Zöckler: Biodiversity, Distributions and Adaptations of Arctic Species in the Context of Environmental Change. In: Ambio. 33, Nr. 7, 2004, S. 404–417.

Die meisten in der Arktis verbreiteten Tierarten haben ein großes Verbreitungsgebiet, nicht wenige sind in der gesamten Arktis (zirkumpolar) verbreitet. Regionale oder lokale Endemiten mit beschränktem Verbreitungsgebiet existieren nur wenige, die meisten in Ostsibirien (Beringia). Die meisten arktischen Arten kommen auch in der borealen oder sogar bis hin zur temperaten Zone vor. Es existieren aber eine Reihe von Spezialisten für die arktische Region.

Tiergruppen Vogelarten Die in der Arktis brütenden Vogelarten sind, mit sehr wenigen Ausnahmen, Zugvögel, die den Winter in südlicheren Breiten verbringen, einige davon auch in Mitteleuropa. In der Arktis leben, neben weit verbreiteten Arten wie dem Kolkraben und aus der borealen Zone randlich einstrahlenden Arten wie der Rotdrossel, auch auf diese Zone spezialisierte Vogelarten. Nach dem Verbreitungsmuster kann man sie einteilen in (jeweils mit Beispielen) Arten der südlichen Tundra (hypoarktisch): Moorschneehuhn, Dunkler Wasserläufer, Pfuhlschnepfe, Zwergammer Arten der gesamten Tundra, mit Verbreitungsschwerpunkt im zentralen Teil (hemiarktisch): Spornammer, Prärie-Goldregenpfeifer, Sibirischer Goldregenpfeifer, Alpenstrandläufer, Zwergstrandläufer Arten der nördlichen Tundra, in den südlichen Abschnitten selten oder fehlend (euarktisch): Kiebitzregenpfeifer, Sichelstrandläufer, Schneeeule, Schneeammer Arten der Polarwüste und der nördlichsten Tundra (hyperarktisch): Sanderling, Knutt