Der Neuguinea-Dingo oder auch Hallstromhund ist ein seltener Haushund, der ursprünglich aus den Bergen Neuguineas stammt und sich laut aktuellem Forschungsstand durch einige Merkmale von allen anderen Haushunden unterscheidet. Über das Leben dieser Hunde in der Wildnis ist so gut wie nichts bekannt.
Jeder dieser Hunde, der außerhalb Neuguineas lebt, stammt von einer sehr kleinen Population ab und es ist möglich, dass sich der Bestand Neuguineas bereits vollständig mit Haushunden anderer Abstammung vermischt hat.
Name und Klassifikation Der Neuguinea-Dingo wird im allgemeinen Sprachgebrauch meistens schlicht als Hund (bzw. eine Hunderasse) oder auch als verwilderter Haushund bezeichnet. Daneben wird er im deutschen Sprachgebrauch auch Urwalddingo oder manchmal Sänger/Singender Hund genannt. In Neuguinea haben diese Hunde unter anderem die Namen: Waia, Sfa, Katatope, Kurr ona, Agl Koglma und Yan-kararop. Aufgrund ihrer Heulfreudigkeit hatte Ellis Troughton sie als „jodelnde Hochlandhunde“ bezeichnet.
Bereits in Expeditionsberichten des 17. Jahrhunderts wurden diese Hunde als „kleine stumme Hunde“ bezeichnet, die erste genaue Beschreibung erfolgte aber erst anhand einzelner Skelette und Felle zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Während einige bereits vermuteten, dass es sich nicht um echte wilde Hunde handelte, klassifizierte Wood-Jones sie als eigenständige „Rasse“. Diese Hunde wurden dann 1958 von Ellis Troughton als eigene Art Canis hallstromi (nach Sir Edward Hallstrom) klassifiziert, nachdem er zwei Individuen gefangen und im Taronga Zoo in Sydney untersucht hatte. Nachdem bei näheren Untersuchungen dieser „Hallstromhunde“ jedoch keine anatomischen Unterschiede zum Haushund festgestellt werden konnten, sondern bereits bei den Nachkommen des Sydneyer Paares eine für Wildtiere zu hohe Variabilität in Größe, Körperbau, Fellfarbe und Fellzeichnung auftrat, werden diese Hunde heute meist als verwilderte Haushunde eingestuft. Diese Hunde wurden nach ihrer Erstklassifizierung mehrfach neu klassifiziert und infolge auch als Canis lupus hallstromi, Canis familiaris hallstromi und zu Canis lupus dingo oder Canis lupus familiaris (bzw. Canis lupus forma familiaris) zugehörig eingestuft. Zudem wurden sie auch als Canis dingo und Canis dingo hallstromi bezeichnet. Die meisten Autoren haben den Neuguinea-Dingo als eigene Art bezeichnet oder dem Haushund zugewiesen. In der aktuellen Version von Mammal Species of the World wird der Hallstromhund dem Dingo unter Canis lupus dingo zugeordnet, welcher wiederum als Haushund klassifiziert ist. (englisch)
Beschreibung Der Neuguinea-Dingo ist ein eher kleiner und kurzbeiniger Hund mit gedrungenem Körperbau und kleinem, keilförmigen Kopf mit Stehohren und schrägstehenden, etwas schlitzförmigen Augen. Das Fell ist glatt und bis auf den buschigen Schwanz kurzhaarig. Afterkrallen gibt es unter ihnen nicht. Reinrassige Shiba Inus sollen dem Neuguinea-Dingo am ähnlichsten sehen.
Der Körperbau dieser Hunde könnte eine Anpassung an die Lebensbedingungen in den Urwaldrückzugsgebieten mit ihrem Beutemangel und der daraus resultierenden Eiweißmangelernährung darstellen. So wäre es auch wahrscheinlich, dass die Unterschiede im Körperbau zwischen den kleineren, gedrungeneren Hunden des Berglandes von Neuguinea (Hochland-Typ) und den etwas größeren, hochbeinigeren Individuen der Küstenregion (Flachland-Typ) durch die dort bessere Ernährungslage bedingt sind und innerhalb der natürlichen phänotypischen Variationsbreite liegen. Dass die Tiere einer Gruppe, welche Imke Voth im Tierpark Neumünster beobachtete, größer und kräftiger waren als ihre direkt importierten Ahnen und damit auch den größeren und hochbeinigeren australischen Dingos ähnlicher sahen, kann als Anhaltspunkt für die Richtigkeit dieser Hypothese angesehen werden.
Glieder und Rückgrat der Hallstromhunde sind sehr elastisch, und sie können ihre Beine seitlich um fast 90 Grad abspreizen. Der einzige andere Haushund mit einer ähnlichen Beweglichkeit ist der Norwegische Lundehund. Zudem können sie auch ihre Vorder- und Hinterpfoten stärker drehen als andere Haushunde und können Bäume mit dicker Rinde oder vom Boden aus erreichbaren Ästen erklettern, wobei ihre Kletterkünste aber nicht an die des Graufuchses heranreichen. mini|links|Nachtfoto mit deutlich sichtbarem grün-leuchtenden Tapetum Die Augen sind mandelförmig geformt, von innen nach außen aufwärts gewinkelt und dunkel umrandet. Die Augenfarbe reicht von dunklem Bernstein zu Dunkelbraun, mit grün leuchtendem Tapetum.
Die Fellfarbe neugeborener Welpen ist ein dunkles Schokoladenbraun mit goldenen Flecken und einer rötlichen Tönung, welches sich innerhalb von sechs Wochen zu hellbraun wandelt. Die Farbe der ausgewachsenen Hunde zeigt sich im Alter von vier Monaten. Für ausgewachsene Hunde in der Wildnis wurden die Farben Braun, Schwarz und Dunkelgelb oder Schwarz beschrieben, alle mit weißen Abzeichen. Bei Hunden unter der Obhut des Menschen wurden die Farben Braun, Schwarz mit Dunkelgelb an der Schnauze, Beinen und Bauch und dunkel (braun mit starker Überschicht an dunkel zugespitztem Deckhaar) nachgewiesen. Die Variante Braun umfasst dabei: helles Braun, Rötlich-braun oder Rot-Gelb mit helleren Schattierungen am Bauch, Innenseite der Beine und der Bauchseite des Schwanzes. Die Seiten des Halses und zonale Streifen hinter dem Schulterblatt sind golden. Schwarzes und sehr dunkles Deckhaar sind für gewöhnlich leicht über das Rückenfell verteilt, mit Konzentrationen an der Rückseite der Ohren und der Oberfläche des Schwanzes über der weißen Spitze. Die Schnauze ist bei jungen Individuen immer schwarz. Alle Farben haben für gewöhnlich weiße Abzeichen an der Unterseite des Kinns, Pfoten, Brust und Schwanzspitze. Ungefähr ein Drittel haben zudem weiße Abzeichen an der Schnauze, im Gesicht und am Nacken. Gescheckte Individuen wurden bisher nicht beobachtet. Mit 7 Jahren ergrauen die schwarzen Schnauzen.
Vokalisation Im Bereich der Vokalisation ist beim Neuguinea-Dingo die Lautäußerungsfreudigkeit haushundtypisch (domestikationsbedingt) erhöht, das Bellen dieser Hunde ist dabei relativ wenig variabel und hat keine Untergruppen. Hält man sie mit „bellfreudigen“ Hunden, so übernehmen sie deren Verhalten zum Teil, wie es im Haustiergarten der Universität Kiel geschah, indem sie fortan häufiger bellen.
Der Neuguinea-Dingo hat ein markantes schreiartiges Geheul, das durch einen scharfen Anstieg in der Tonhöhe am Anfang und sehr hohen Frequenzen am Ende charakterisiert ist. Tim Flannery bezeichnete das Geheul dieser Hunde während seiner Reisen in Neuguinea als „jodelartig“. Laut Untersuchungsergebnissen von Ortolani kann das Geheul dieser Hunde klar von dem Australischer Dingos unterschieden werden und unterscheidet sich deutlich von dem der Wölfe und Kojoten. mini|Einzelgeheul Ein individuelles Geheul dauert zwischen 0,5 und fünf Sekunden (durchschnittlich drei Sekunden). Am Anfang steigt die Frequenz an und bleibt für den Rest des Geheuls eher stabil, aber weist normalerweise abrupte Frequenzveränderungen auf. Modulationen können sich rasch alle 300 bis 500 Millisekunden oder jede Sekunde ändern. Fünf bis acht eindeutige Obertöne können in der Regel in einer spektrografischen Analyse des Geheuls unterschieden werden.
Beim Chorgeheul beginnt ein Hund, und andere stimmen schnell in das Geheul mit ein. Das Geheul ist meist gut synchronisiert und das Heulen aller Individuen endet fast zeitgleich. Spontanes Geheul ist am häufigsten während der Morgen- und Abendstunden. Gleiches wurde auch von Tim Flannery aus der Wildnis Neuguineas berichtet. Unklar ist, welche Funktion den Heulkonzerten zukommt. Nach Nelke ist es am ehesten wahrscheinlich, dass es dem Zusammenrufen vor einer Jagd dient.
Ein Trillern mit ausgeprägtem „vogel-artigen“ Charakter wird während hoher Erregung ausgestoßen. Es ist ein hochfrequentes, impulsartiges Signal, dessen spektrale Darstellung vermuten lässt, dass es eine kontinuierliche Quelle hat, die periodisch unterbrochen wird und bis zu 800 Millisekunden dauern kann. Solch ein Ton ist bei keiner anderen Hundeart bekannt, ein ähnlicher Ton (mit niedrigerer Frequenz) wurde aber für Rothunde in einem Moskauer Zoo beschrieben.
Verhalten mini|Ein Hund im Zoo von Cleveland Generell zeigen Hallstromhunde die gleichen Verhaltensweisen wie andere Caniden. Über die Lebensbedingungen der Dingos in Neuguinea und ihr sich daraus ableitendes Sozialverhalten sind nur sehr lückenhafte und zum Teil auch widersprüchliche Informationen vorhanden. Diese Tatsache ist wohl auch dadurch bedingt, dass die Lebensverhältnisse der Hunde je nach Kulturstufe sehr verschieden sind. Über das Sozialverhalten bzw. die soziale Organisationsform eventuell wild lebender Dingos sind keine Informationen vorhanden, und auch über die Sozialbeziehungen und die Sozialordnung der bei den Papua lebenden Hunde liegen kaum Beobachtungen vor. Es leben in der Regel nur sechs bis acht Individuen pro Dorf, die zudem, nach Nelke, tagsüber kaum in Kontakt zueinander treten; ihre Kommunikation beschränkt sich weitgehend auf gemeinsame Heulkonzerte in den Mittagsstunden und in der Dämmerung. Da sie als verwildert gelten und in Papua-Neuguinea „überwiegend“ sich selbst überlassen wurden/werden, aber dennoch in Dörfern mit Essensabfällen gefüttert, von Kindern herumgetragen wurden/werden, eventuell als Nahrung dienen, waren/sind sie dem Einfluss der Melanesier ausgesetzt. Bis dato gibt es keine Untersuchungen über ihre Gruppenmechanismen in ihrem Ursprungsgebiet und wie weit der Einfluss von Menschen auf ihre Entwicklung geht, daher ist eine Zuordnung ihrer Verhaltensbesonderheiten bzw. -auffälligkeiten schwierig. Tim Flannerys kurzer Bericht aus dem Jahr 1988 über Hunde in den Bergen Papua-Neuguineas, nahe der Grenze zu Irian Jaya, gilt als der einzige verfügbare Bericht über direkte Beobachtungen wilder Exemplare. Er beschrieb sie als „extrem scheu“ und „fast übernatürlich geschickt“. Laut Robert Bino (ein Student der Universität von Papua-Neuguinea) nutzen diese Hunde in Neuguinea ihre Schlafplätze unter vorstehenden Wurzeln und Felsvorsprüngen nur unregelmäßig. Bino nahm an, dass diese Hunde hoch mobil sind, alleine nach Nahrung suchen und ein Hund daher mehrere Rückzugsplätze in seinem Streifegebiet nutzen könnte.
Das optische Ausdrucksverhalten des Neuguinea-Dingos weist haushundtypische (domestikationsbedingte) Vergröberungen auf, die vor allem in einer Abflachung der Mimik bestehen. Das Demutsverhalten wird spontan immer spielerisch gezeigt und ist reaktiv in der Regel defensiv überlagert. Die Ausdrucksstrukturen der Dominanz sind im Vergleich zum Wolf stark hypertrophiert und die aggressiven Auseinandersetzungen wie bei anderen Haushunden nur mangelhaft ritualisiert. Imke Voth konnte bei analysierten Hunden kein Imponierverhalten finden, vielmehr gingen die Hunde sogleich in Drohverhalten über. Sie führte diese Eigenart auf deren Ausdrucksreduktionen – als Sekundäranpassungen an veränderte ökologische Bedingungen entstandene relativ begrenzte Fähigkeit zum Sozialleben – zurück. „Ungenauigkeiten“ des Ausdrucks könnten die Ursache für Verständigungsschwierigkeiten und daher Ursache für hohen sozialen Stress sein, der eventuell übersteigertes, mangelhaft ritualisiertes aggressives Verhalten bzw. Beutefangverhalten bedingt.
Bei von Janice Koler-Matznick untersuchten Hunden hatte das Verhalten im Allgemeinen eine geringere Reizschwelle (z. B. Wälzen im Geruch) als bei anderen Haushunden und setzte im Vergleich zu Wölfen und anderen Haushunden früher ein (z. B. Nackenbiss mit zwei Wochen, im Gegensatz zu sechs Wochen bei Wölfen und anderen Haushunden) oder hat einen quantitativen Unterschied (z. B. reduzierter Ausdruck bei intraspezifischem Kooperationsverhalten). Bei von ihr beobachteten Hunden wurde die hundetypische Vorderkörpertiefstellung zur Spielaufforderung nicht durchgeführt, Imke Voth fand dies bei Untersuchungen in den 80er Jahren allerdings vor.