Maigret vor dem Schwurgericht (französisch: Maigret aux assises) ist ein Kriminalroman des belgischen Schriftstellers Georges Simenon. Er ist der 55. Roman einer Reihe von insgesamt 75 Romanen und 28 Erzählungen um den Kriminalkommissar Maigret. Der Roman entstand vom 17. bis 23. November 1959 in EchandensBiographie de Georges Simenon 1946 à 1967 auf Toutesimenon.com, der Internetseite des Omnibus Verlags. und wurde vom 15. April bis 19. Mai 1960 in 21 Teilen von der französischen Tageszeitung Le Figaro vorabveröffentlicht. Die Buchausgabe folgte im Mai 1960 beim Pariser Verlag Presses de la Cité.Maigret aux assises bei der Simenon-Bibliografie von Yves Martina. Die erste deutsche Übersetzung von Hansjürgen Wille und Barbara Klau publizierte noch im selben Jahr Kiepenheuer & Witsch. 1979 veröffentlichte der Diogenes Verlag eine Neuübersetzung von Wolfram Schäfer.Oliver Hahn: Bibliografie deutschsprachiger Ausgaben. In: Georges-Simenon-Gesellschaft (Hrsg.): Simenon-Jahrbuch 2003. Wehrhahn, Laatzen 2004, ISBN 3-86525-101-3, S. 79.
Nach einem brutalen Raubmord an einer alten Dame und ihrer kleinen Pflegetochter scheint der Mörder im Neffen der Alten schnell gefunden. Eine anonyme Anzeige, ein Berg von Schulden sowie eine Reihe von Indizien spricht gegen ihn. Doch Kommissar Maigret ist mit der naheliegenden Lösung des Falles unzufrieden und ermittelt auch nach der Verhaftung des mutmaßlichen Täters in dessen Umfeld weiter. Bei der Verhandlung vor dem Schwurgericht ist es seine Aussage, die dem Prozess eine Wende gibt.
Inhalt mini|Palais de Justice in Paris
Es ist ein regnerischer Oktober und Maigret, der mit 53 Jahren zwei Jahre vor seiner Pensionierung steht, ist gerade von einem Urlaub an der Loire heimgekehrt, wo der angehende Rentier und seine Frau kurzentschlossen in Meung-sur-Loire ihren zukünftigen Altersruhesitz erworben haben. Zurück im Dienst wird der Kommissar vom Quai des Orfèvres in den angrenzenden Palais de Justice gerufen, um eine Aussage vor dem Schwurgericht abzulegen. Maigret hasst Auftritte vor Gericht, wo Menschen aufgrund von Aktenlage und kurzgefassten Aussagen abgeurteilt werden, ohne dass Richter oder Geschworene sich je wirklich mit ihrem Leben und ihrem Umfeld beschäftigt hätten. Dies ist auch im vorliegenden Fall nicht anders.
Gaston Meurant, ein wortkarger Rahmenmacher, ist des Mordes an seiner Tante Léontine Faverges, einer ehemaligen Kupplerin, und ihres vierjährigen Pflegekindes Cécile Perrin am 28. Februar des Jahres angeklagt, bei dem die in einer Blumenvase versteckten Ersparnisse Léontines geraubt wurden. Ein anonymer Anruf lenkte die Kriminalpolizei auf die Fährte Meurants, der seine Tante am selben Abend besuchen wollte und dessen Anzug Blutflecken aufwies. Doch für Maigret passte trotz der Indizienlage gegen den Rahmenmacher schon damals vieles nicht zusammen. Meurant war noch kurz vor der Tat in einem anderen Anzug in seiner Werkstatt gesehen worden, und der kinderliebe Mann hätte leicht vermeiden können, den Raub in Anwesenheit des kleinen Mädchens zu begehen. Nicht zuletzt war es die Atmosphäre der Wohnung Meurants, die nicht von dem bildungshungrigen Handwerker bestimmt war, sondern von seiner attraktiven, leichtlebigen Frau, einer in Kinos, Illustrierte und Groschenromane vernarrten Kellnerin, die Maigret auf eine andere Fährte führte.
So ermittelte der Kommissar auch nach der Verhaftung Meurants weiter, wobei er das Augenmerk auf dessen Frau Ginette richtete. Tatsächlich fand er bald heraus, dass diese Gaston nicht nur mit seinem Bruder Alfred betrog, einem Kriminellen aus Toulon, sondern mit einer ganzen Reihe weiterer Bekannter, darunter einem kleinen Mann mit Spitznamen „Pierrot“, den sie regelmäßig in einem Stundenhotel traf. Es ist dem ungewöhnlich gründlichen Richter Xavier Bernerie zu verdanken, dass Maigret seine inoffiziellen Ermittlungen vor dem Schwurgericht vortragen darf, was die Geschworenen am Ende zum Freispruch Meurants bewegt. Der Angeklagte zeigt sich jedoch keineswegs dankbar, sondern verübelt dem Kommissar die Gerüchte über seine abgöttisch geliebte Frau. Erst ein intensives Gespräch mit Maigret lässt Meurant begreifen, dass er Opfer eines Komplotts wurde, das neben dem Raub des Geldes auch seine Verurteilung und damit die Befreiung seiner Frau von ihrer Ehebindung zum Ziel hatte. Denn nur diese kommt in Frage, dem Mörder seinen Anzug ausgeborgt zu haben, in dem die Tat verübt wurde.
mini|Hôtel de ville in Melun
Kurzentschlossen reist der auf freien Fuß gesetzte Meurant nach Toulon, von wo er nach einem heftigen Wortwechsel mit seinem Bruder zielstrebig nach Chelles weiterfährt. Maigret lässt den Rahmenmacher zwar von seinen Inspektoren beschatten, ohne diesen allerdings zu verraten, dass der gehörnte Ehemann den Revolver seines Bruders mit sich führt. So kommt es, wie es kommen muss. Meurant spürt den Kriminellen Pierre Millard alias „Pierrot“ auf, den letzten Liebhaber seiner Frau, der vom eigenen Bruder an Ginette vermittelt worden war. Erst nachdem er seinen Nebenbuhler erschossen hat, findet der aufgebrachte Meurant seinen Frieden und lässt sich widerstandslos festnehmen. Die im Besitz des Toten aufgefundene Beute weist diesen als den gesuchten Doppelmörder von Tante und Kind aus. Maigret blickt nun zwei neuen Schwurgerichtsprozessen entgegen: einem gegen Ginette wegen Beihilfe am Raubmord, dem freilich ein ungewisser Ausgang bevorsteht, da sie ihre Beteiligung an der Tat des Geliebten abstreiten wird, und einem gegen Meurant für den Mord an Millard, der außerhalb seines Zuständigkeitsbereichs in Melun stattfinden wird. Der Kommissar zweifelt, ob er die volle Wahrheit über seine Rolle bei Meurants Abrechnung mit dem Geliebten seiner Frau offenlegen wird. Und er sehnt mehr denn je seine anstehende Pensionierung herbei, nach der er nie wieder über Menschen wird aussagen müssen.
Interpretation
Gaston Meurant, der Angeklagte in Maigret vor dem Schwurgericht, steht für Ira Tschimmel in seiner Entwicklung stellvertretend für viele Simenonsche Helden. Er hat sich mit seiner Ehefrau Ginette eine bürgerliche Scheinwelt aufgebaut, die er trotz diverser Anfechtungen mühsam aufrechtzuerhalten versucht, bis sie schließlich gewaltsam zum Einsturz gebracht wird. Meurant erfährt von der Untreue seiner Frau und wird wegen Verbrechen ihres Liebhabers angeklagt. Aus seiner bürgerlichen Existenz gerissen weiß er sich nicht anders zu helfen als durch einen Mord an seinem Nebenbuhler.Ira Tschimmel: Kriminalroman und Gesellschaftsdarstellung. Eine vergleichende Untersuchung zu Werken von Christie, Simenon, Dürrenmatt und Capote. Bouvier, Bonn 1979, ISBN 3-416-01395-6, S. 54–55. Gegenüber der Erforschung des Charakters Meurants, der lieber unschuldig im Gefängnis säße als die Fehltritte seiner Frau und damit das Scheitern seines Lebenstraums öffentlich werden zu lassen, treten die typischen Versatzstücke eines klassischen Kriminalromans in den Hintergrund. Weder die Ermordeten, noch Indizien wie die Blutspuren auf dem Anzug oder die kriminellen Aktivitäten des Bruders werden im Roman genauer unter die Lupe genommen. Die Aufklärung des Falles geschieht eher nebensächlich und zufällig.Lucille F. Becker: Georges Simenon. Haus, London 2006, ISBN 1-904950-34-5, S. 54.
Stattdessen steht, wie in vielen späten Romanen der Reihe, „Maigrets Unbehagen an dem System und der Praxis der Rechtsprechung“ im Mittelpunkt, so dass Josef Quack in dieser Hinsicht von einem „Exempelroman“ spricht.Josef Quack: Die Grenzen des Menschlichen. Über Georges Simenon, Rex Stout, Friedrich Glauser, Graham Greene. Königshausen & Neumann, Würzburg 2000, ISBN 3-8260-2014-6, S. 44. Der Ablauf einer Gerichtsverhandlung zeigt für Maigret den Charakter eines formalistischen Rituals, einer Zeremonie, so dass der Kommissar den Gerichtssaal mehrfach mit einer Kathedrale vergleicht. Durch die Abstraktion der Vorgänge vor Gericht wird der Angeklagte außerhalb seines sozialen Umfelds beurteilt und damit depersonalisiert.Ira Tschimmel: Kriminalroman und Gesellschaftsdarstellung. Eine vergleichende Untersuchung zu Werken von Christie, Simenon, Dürrenmatt und Capote. Bouvier, Bonn 1979, ISBN 3-416-01395-6, S. 79–80. Die „Würde des Amtes“ von Richtern und Anwälten isoliert sie vom realen Leben. Die Zeugenaussagen werden zu einem bloßen Digest zusammengepresst. Im Gegensatz zu einem Historiker, der oft ein Leben lang zu einer Biografie forsche, müsse bereits der Kommissar innerhalb kürzester Zeit in ein fremdes Milieu eindringen und mittels weniger Befragungen der Wahrheit auf die Spur kommen. Der Richter solle sich dann gar in einem Bruchteil der Zeit in der neutralen Atmosphäre seines Büros rein aus den Akten heraus einen Eindruck der Lage verschaffen, für Maigret schlicht ein Ding der Unmöglichkeit.Lucille F. Becker: Georges Simenon. Haus, London 2006, ISBN 1-904950-34-5, S. 53. So ist es nicht verwunderlich, dass der Topos des Justizirrtums in vielen Romanen Simenons eine große Rolle spielt, so in Maigret kämpft um den Kopf eines Mannes oder Maigret und die widerspenstigen Zeugen.Michel Lemoine: Cour d’assises. In: Robert Frickx, Raymond Trousson (Hrsg.): Lettres françaises de Belgique. Dictionnaire des Œuvres. I. Le roman. Duclout Paris 1988, ISBN 2-8011-0755-7, S. 116. In Maigrets Geständnis ist auch Kommissar Maigret nicht in der Lage, den tödlichen Vollzug eines Fehlurteils zu verhindern.Stanley G. Eskin: Simenon. Eine Biographie. Diogenes, Zürich 1989, ISBN 3-257-01830-4, S. 402.
Noch in einem zweiten Roman der Maigret-Reihe nimmt der Kommissar an einem Gerichtsverfahren teil. Allerdings ist er in Maigret in Arizona unbeteiligter und amüsierter Beobachter eines dilettantischen Spiels. In Maigret vor dem Schwurgericht geht es ihm laut Murielle Wenger hingegen um grundsätzliche Fragen von Recht und Gerechtigkeit. Maigret glaube nicht, dass man überhaupt über einen Menschen urteilen könne, dass ein Mensch jemals vollständig verantwortlich für seine Taten sei und es überhaupt einen allgemeingültigen Schuldbegriff gebe. Es gehe ihm niemals bloß um die Aufklärung eines Falles, sondern um das Verständnis für die Tat, die allgemeingültige menschliche Wahrheit. Dabei begnüge sich der Kommissar nicht damit, theoretische Erkenntnisse zu gewinnen, er greife auch immer wieder ganz praktisch als „Reparateur von Schicksalen“ in das Leben der beteiligten Personen ein. In Maigret vor dem Schwurgericht führt dies so weit, dass er den gehörnten Ehemann am Ende den Doppelmörder und Liebhaber seiner Frau exekutieren lässt, anstatt für das rechtzeitige Eingreifen seiner Inspektoren zu sorgen, dass er die Tat in gewissem Sinne sogar provoziert.Maigret of the Month: Maigret aux Assises (Maigret in Court) auf der Maigret-Seite von Steve Trussel. Ein solcher Auftritt als „Richter in eigener Machtvollkommenheit“ ist laut Josef Quack nicht selten in der Serie. So lässt der Kommissar bereits im ersten Roman Maigret und Pietr der Lette den Mörder sich selbst richten, in vielen weiteren wie Maigret und der Gehängte von Saint-Pholien, Maigret am Treffen der Neufundlandfahrer, Maigret bei den Flamen oder Maigret und sein Rivale entscheidet er eigenmächtig gegen eine Strafverfolgung der Täter und lässt diese laufen.
Hintergrund miniatur|hochkant|Schloss Echandens, von 1957 bis 1963 Simenons Wohnsitz