Das Gesundheitswesen in Timișoara umfasst die gesamte medizinische Versorgung und das Gesundheitsverhalten der Banater Stadt Timișoara in Rumänien von den Anfängen bis zur Gegenwart unter Berücksichtigung des medizinischen Personals, der Krankenhäuser, der Regelungen zur Vorbeugung gegen Krankheiten und zur Erhaltung der Gesundheit sowie der Maßnahmen zur Behandlung und Bekämpfung von Krankheiten. Erste zuverlässige Quellen über die medizinische Versorgung in Temeswar gibt es erst seit dem Jahr 1718, als das Banat eine Kron- und Kammerdomäne der Habsburgermonarchie mit der Hauptstadt Temeswar war. 1737 wurde das erste Krankenhaus der Stadt von dem Orden der Barmherzigen Brüder eingerichtet. In gesundheitlicher und seuchenhygienischer Hinsicht kann das Banat im 18. und 19. Jahrhundert als problematische Region eingestuft werden. Wegen einer fehlenden Krankenversicherung waren stationäre und ambulante Therapien ein Kostenrisiko und wurden somit nur selten in Anspruch genommen. Vielmehr hielten sich volksheilkundliche Prozeduren, durchmischt mit religiös-rituellen und abergläubischen Vorstellungen, bis ins 20. Jahrhundert.Ilknur Gün: Medizinische Versorgung und Gesundheitsverhalten in den „donauschwäbischen“ Siedlungsgebieten Banat und Sathmar im vormaligen Ungarn (1700–1918). Shaker Verlag, Aachen 2009, ISBN 978-3-8322-8237-0.
Unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg (1945) wurde per Dekret des Königs von Rumänien Michael I. die Medizinfakultät ins Leben gerufen. Heute ist die Medizinische und Pharmazeutische Universität Victor Babeș eine begehrte Medizinuniversität für Studierende im In- und Ausland. Nach 1990 stieg die Anzahl der Ärzte, die sich in Timișoara niederließen, stetig. Den Ärzten bot sich die Möglichkeit, Kontakte mit dem Westen zu knüpfen und so die neuesten Erkenntnisse der Medizin einzuführen. Vielen Temeswarer Ärzten gelang es, durch persönliche Kontakte zu namhaften westlichen Institutionen ihre Kliniken mit hochwertiger medizinischer Apparatur auszustatten. Dadurch stieg die Qualität der medizinischen Behandlung erheblich.Ioan und Rodica Munteanu: Timișoara. Monografie. Editura Miton 2002, ISBN 973-585-650-6.
Nach 1990 entstanden wieder private Arztpraxen und Kliniken in Timișoara. 1997 wurde die Nationale Krankenkasse eingeführt.AOK-Bundesverband: Das Gesundheitssystem in Rumänien Im Juli 2003 hatten 433 Ärzte in Timișoara Verträge mit der Krankenkasse abgeschlossen.Petre Iliesu: Temeswar. Geschichte einer europäischen Stadt. Planetarium Verlag, Timișoara 2005, ISBN 973-97327-4-7.
Habsburgermonarchie (1718–1918) Medizinische Anfänge mini|250px|Karte Temeswars nach 1718 Bis zum 18. Jahrhundert ist wenig über die medizinische Versorgung des Banats bekannt. Francesco Griselini dokumentierte in seinen Reiseberichten erstmals das ungesunde Klima, das zu Beginn des 18. Jahrhunderts hier herrschte. Die Landschaft war laut Griselini ein einziger Fieber- und Seuchenherd:
Heinrich Ottendorf vermerkte bereits 1663, dass die Festung während der Türkenherrschaft einen Wasserturm und ein Imaret besaß. Neben den Moscheen waren Armenküchen und Krankenstationen eingerichtet. In der Militärgarnison gab es mehrere Feldscher und Chirurgen zur Behandlung der Soldaten und Offiziere. Desgleichen soll die türkische Festung mit einigen öffentlichen Bädern ausgestattet gewesen sein.
Erste zuverlässige Quellen über die medizinische Versorgung in Temeswar gibt es erst seit dem Jahr 1718, als das Banat eine Kron- und Kammerdomäne der Habsburgermonarchie mit der Hauptstadt Temeswar wurde. Diese dokumentieren die prekäre Gesundheitslage infolge des ungesunden Klimas, aber auch den Mangel an Krankenhäusern, Ärzten, Medikamenten sowie der elementarsten hygienischen Vorkehrungen. Demzufolge war die Sterblichkeit unwahrscheinlich hoch. Aus den Statistiken geht hervor, dass 1718 in der Festung 51 Geburten auf 484 Todesfälle kamen und 1832 waren es 1393 Todesfälle auf 632 Geburten. Die Hauptursache der großen Sterberate war die Malaria, die zeitweise epidemische Formen annahm. In der Zeitspanne von 1738 bis 1739 wütete die große Pestepidemie, die ein Sechstel der Bevölkerung Temeswars dahinraffte. Im Laufe von zehn Jahren (1784–1793) starben allein in der Festung 7682 Personen von insgesamt 9479 Einwohnern. Da der alte Friedhof von 1723 zu klein geworden war, sah man sich 1749 gezwungen einen neuen Friedhof auf dem Areal des heutigen Zentralparks anzulegen. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das Banat von schweren Typhusepidemien als Folge der andauernden Überschwemmungen heimgesucht. Außer dem Leibarzt des Gouverneurs Claudius Florimund Mercy gab es nur einige wenige Militärärzte und Feldscher in der Festung. Im Jahr 1729 kamen die ersten Zivilärzte, Franz Dease und Edmund Hochberg.Thomas Breier: Die Medizingeschichte Temeswars 1718–1990. Schrobenhausen 2003.
Eine Reihe von Katastrophen wie Cholera, Pest, Typhus, ein Erdbeben und ein Großbrand suchten Temeswar zwischen 1728 und 1739 nacheinander heim. Die wenigen Ärzte der Stadt waren heillos überfordert. Im Jahr 1738, als die große Pestepidemie ausbrach, wurde eine Gesundheitskommission gegründet, es kamen zusätzlich sechs Ärzte in die Stadt, die Soldaten wurden in Lazaretten außerhalb der Festung untergebracht. Am 20. Juni 1738 verordnete die Wiener Hofkammer die Leichen zu verbrennen, da die Sumpflandschaft keine ordnungsgemäße Bestattung ermöglichte. Trotz all dieser Maßnahmen hielt die Epidemie bis zum 28. März 1739 an. Ein Teil der Ärzte fiel selbst der Pest zum Opfer. Zum Gedenken an dieses Unglück wurde im Mai 1739 die Rosalienkapelle eingeweiht. Bis zum Jahr 1914 fanden hier jährlich am 15. Mai Prozessionen statt. Jean de Jean von Hansen oder Johann Anton Deschan von Hansen, ehemaliger Vorsitzender der Gesundheitskommission, stiftete am 23. Mai 1756 auf eigene Kosten die Pestsäule am Domplatz als Dank für das Erlöschen der Pest.
Maßnahmen zur Verbesserung der Gesundheit mini|250px|Begakanal, 2006 Der erste Schritt zur Verbesserung der Gesundheitslage war die Trockenlegung der Sümpfe durch den Bau des Bega-Kanals (1728–1765). Die erste Wasserleitung der Stadt war sehr primitiv. Das Wasser wurde direkt aus der Bega geschöpft und durch hölzerne Rohre in die Festung geleitet. Nach dem Besuch des Mitregenten Joseph II. im Jahr 1732 ordnete dieser den Bau eines neuen Wasserturms für die Versorgung der Festung mit Trinkwasser an. Erst die Errichtung eines Brunnens (1744) durch den Ingenieur Karl Alexander Steinlein schaffte einigermaßen reines Trinkwasser.
Die sanitären Verhältnisse der Stadt waren äußerst prekär. Die Lagerung von Müll, Dung und Abfällen um die Häuser waren ständige Infektionsherde. Ein Patent von 1770 erließ die ersten Verordnungen zur Sauberkeit der Stadt. Die Hausbesitzer wurden verpflichtet Senkgruben anzulegen, jeden Samstag die Straße bis zur Mitte der Fahrbahn zu fegen und den Kehricht zu sammeln. Acht Pferdewagen sorgten jeden Freitag für den Abtransport von Hausmüll. Im Jahr 1806 wurde eine Sanitätskommission zur Überwachung der Sauberkeit der Straßen und Plätze eingesetzt und 1811 eine Großaktion gegen die Rattenplage gestartet.
Doch blieben diese Maßnahmen erfolglos, solange das Problem der Abwässer, die in den Festungsgräben faulten und den Infektionsherd Nummer eins bildeten, nicht gelöst war. Nach hartnäckigen Verhandlungen zwischen Zivil- und Militärverwaltung wurde ein vier Kilometer langer Kanal gegraben, der nördlich der Bega bis etwa in die Gegend des heutigen Bezirks Ronaț führte und das Abwasser aus dem Festungsgraben ableitete.
Zu all den Epidemien kamen um die Mitte des 18. Jahrhunderts Geschlechtskrankheiten hinzu. Am 23. Juni 1752 erhielt der Vorsitzende der Landesadministration die Mitteilung, dass die Hofkammer in Wien 64 Frauen im Alter zwischen 16 und 25 Jahren, die wegen Unzucht angeklagt waren, ins Banat deportiert hat. Dergleichen Deportationen, die bis ins Jahr 1769 andauerten, trugen zur Prostitution und zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten bei. Allein im Jahr 1762 wurden im Bürgerspital 106 Männer und 151 Frauen an Syphilis behandelt.
Ein weiterer Schritt zur Verbesserung der Gesundheit war die Aufklärung der Bevölkerung. Bürgermeister Josef Klapka veröffentlichte in der Banater Zeitschrift für Landwirtschaft, Handel, Künste und Gewerbe regelmäßig Ratschläge zur Vorbeugung und Bekämpfung von Krankheiten. Im Jahr 1843 fand in Temeswar der erste Landeskongress für Ärzte und Naturwissenschaftler statt.
Die Heilungsmethoden umfassten die Behandlung von Wunden, Eiterungen, Hautkrankheiten sowie Aderlass und Extraktion von Zähnen. Besser ausgebildete Wundärzte beherrschten zudem die Versorgung von Knochenbrüchen, Amputationen und als augenheilkundlichen Eingriff den so genannten Starstich. Die Chirurgen wirkten vor allem bei der Behandlung von Hieb-, Stich- und Bissverletzungen mit.
Während der Regentschaft von Kaiser Joseph II. und somit sich deckend mit dem dritten und letzten Schwabenzug konnten im Bereich der medizinischen Ausbildung durchaus erhebliche Qualitätssteigerungen durchgesetzt werden. Militärwundärzte und -chirurgen, die vor allem in der Garnisonsstadt Temeswar angesiedelt waren, wurden seit 1785 am Wiener Josefinum ausgebildet. Auch die zivilen Chirurgen und Ärzte mussten seit 1788 zumindest eine zweijährige medizinische Universitätsausbildung durchlaufen haben. Desgleichen hatte jedes Komitatszentrum zumindest einen universitär ausgebildeten Arzt und einen subordonierten Chirurgen zu beschäftigen.
Seuchen und Epidemien mini|200px|Pestsäule am Domplatz
Malaria Im 18. Jahrhundert erlangte das „banatische Klima“ bald einen berüchtigten Ruf. So stellte im Zeitraum 1720–1730 das so genannte „Sumpffieber“, die Malaria, eine häufig auftretende und gefürchtete Krankheit dar. Die medizinische Praxis stand der Ausbreitung dieser Krankheit anfangs völlig hilflos gegenüber, später verschaffte das pflanzliche Chinin den Malaria-Erkrankten einigermaßen Abhilfe.
In den 1750er Jahren, während der Theresianischen Ansiedlung, trat Sumpffieber erneut verstärkt auf. Das Problem wurde schließlich gelöst, indem die in Senken liegenden Behausungen aufgegeben und in höher gelegene Orte umgesiedelt wurden.
Beulenpest Im Jahr 1738 wurde das Banat von der Beulenpest heimgesucht, die von den Heeres- und Flüchtlingszügen aus den südlich und südöstlich gelegenen Regionen eingeschleppt wurde. Von den sechs „Barmherzigen Brüdern“, die die Kranken versorgten, kamen selbst vier ums Leben. Von den etwa 6000 Einwohnern Temeswars erlagen etwa 1000 der Seuche. In Temeswar weihte man 1742 auf dem Domplatz die Dreifaltigkeitssäule zum Gedenken an die Opfer von Pest, Hunger und Krieg ein.
Geschlechtskrankheiten In den 1750er Jahren wurden elf sogenannte Wasserschübe dokumentiert. Bei diesen Schüben wurden aus der österreichischen Reichshälfte stammende Delinquenten und „liederliche Weibsbilder“ zwangsweise ins Banat abgeschoben, was zur Verbreitung von Geschlechtskrankheiten beitrug.
Typhöses Fieber Neben der Malaria war in der Phase der Theresianischen Besiedlung auch das „Ungarische Fieber“, eine Art typhöses Fieber mit entsprechenden Auswirkungen auf das Nervensystem, verbreitet. Dieses Fieber, in den Sterberegistern auch als „Morbus hungaricus“ ausgewiesen, hatte als Ursache den Umstand, dass die Behausungen der Neusiedler nicht richtig ausgetrocknet oder von vornherein auf schlechtem Grund gebaut waren.
Blattern Den gefürchteten Blattern (Pocken) konnte man bereits im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts mit der Durchführung von Pockenschutzimpfungen Einhalt gebieten. Der Überlieferung nach wurden im Banat die Pocken bereits seit dem 18. Jahrhundert bekämpft, indem man den Kleinkindern Milch von pockeninfizierten Kühen zu trinken gab. Dieser Brauch war vorwiegend bei der rumänischen Bevölkerung verbreitet.
Asiatische Cholera