mini|Fuchs-und-Hase-Brunnen vor dem Rathaus Unterlüß liegt im Nordosten des Landes Niedersachsen in der Lüneburger Heide am Ostrand des Naturparks Südheide. Die Ortschaft gehört zur Gemeinde Südheide im Landkreis Celle.
Geografie Lage mini|Der Lüßwald nahe Unterlüß Unterlüß liegt inmitten des 7500 ha großen Lüßwaldes, eines Mischwaldes mit Kiefern, Fichten, Buchen, Eichen und Birken. Er ist eines der größten zusammenhängenden Waldgebiete Deutschlands und Teil des Landschaftsschutzgebietes Südheide (LSG-CE 25).
Zur Gemeinde gehören die Ortschaften bzw. Gehöfte Altensothrieth, Lünsholz (Forsthaus), Lutterloh, Neuensothrieth (Forsthaus), Neu-Lutterloh (eine Neubauernsiedlung, gegründet 1955), Neuschröderhof, Schafstall (Forsthaus), Schröderhof, Siedenholz (früher Forsthaus, heute Jugendwaldheim) und Theerhof.
Flächennutzung Die Flächennutzung in Unterlüß verteilt sich wie folgt: Nutzungsart Größe Wald 6478 ha Gebäudefläche 239 ha Wasserfläche 19 ha Landwirtschaft 600 ha
Geschichte Name Bereits 1569 wurde der Flur- und Waldname Lüß erwähnt. Nach diesem Forst Lüß, der sich südwestlich des Ortes befindet, ist Unterlüß wohl benannt. Bis 1910 hieß lediglich die Bahnstation Unterlüß, die Gemeinde trug den Namen „Siedenholz“. Die Gemeinde Siedenholz entstand in der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Amtsvogtei Hermannsburg des Königreichs Hannover rund um das Forsthaus Siedenholz. Neben dem Forsthaus gehörten zu der Gemeinde noch die Wohnplätze Neuschrödershof, Queloh und Schafstall sowie die Kolonie an der Bahnstation Unterlüß, die sich zum Siedlungsschwerpunkt der Gemeinde entwickelte. Seit 1852 gehörte die Gemeinde zum Amt Bergen und seit 1885 zum Landkreis Celle.
1909 beantragte die Gemeindeversammlung von Siedenholz beim Preußischen König, die Gemeinde in Unterlüß umzubenennen. Der König genehmigte den Antrag, und seit dem 2. Februar 1910 führt die Gemeinde Siedenholz den Namen Unterlüß.
Entstehung der Infrastruktur mini|Ehemaliger Bauernhof in Altensothrieth 1847 wurde die Bahnstrecke Lehrte–Harburg (Hannover–Hamburg) gebaut und der Bahnhof Unterlüß angelegt. Am 1. Mai 1847 wurde er eröffnet. In der Folge entstand eine Siedlung am Bahnhof. Im Jahr 1997 wurde das 150. Ortsjubiläum begangen. 1899 legte die Rheinische Metallwaren- und Maschinenfabrik Aktiengesellschaft in der Nähe einen Schießplatz an, ein erster Fabrikkomplex entstand. Im Ersten Weltkrieg wurden französische Kriegsgefangene bei Rheinmetall eingesetzt. Durch den Versailler Vertrag musste Rheinmetall auf zivile Produktion umstellen und betrieb ein landwirtschaftliches Mustergut in Altensothrieth, etwa 2,5 Kilometer nordwestlich von Unterlüß. Ersatzarbeitsplätze entstanden zum Teil in der Kieselgurindustrie. Am 30. September 1928 wurde der Forstgutsbezirk Lüß mit einer Fläche von 20,8 km² in die Gemeinde Unterlüß eingegliedert.Amtsblatt der Regierung Lüneburg 1928, S. 223
Aufrüstung und Zwangsarbeit mini|Ehemalige NS-Lager in Unterlüß; „Standort“ = Gedenkstätte – Männerlager III = heute Dorf-/Fußballplatz Im Zuge der Aufrüstung der Wehrmacht wurde das Werk ab 1934 erweitert. Rheinmetall und Borsig wurden verstaatlicht und fusionierten zu Rheinmetall-Borsig. Im heutigen Ortsteil Hohenrieth (1942 eingemeindet) wurde 1936 eine Werkssiedlung errichtet. Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges 1939 wurden polnische Zwangsarbeiter im Rheinmetall-Borsig-Werk eingesetzt, nach 1941 auch sowjetische Zwangsarbeiter. Daran erinnert ein im Februar 2022 eingerichteter Gedenkort.Internetseite „Gedenkstätte Unterlüß“ In Unterlüß befand sich im Ortsteil Hohenrieth am Frauenlager I auch eine Ausländerkinder-Pflegestätte, ein Säuglingsheim mit Entbindungsstation für Zwangsarbeiterinnen. Die Kinder (in der Nazi-Terminologie: „rassisch minderwertiger Nachwuchs“) sollten, „entweder durch Abtreibung oder durch kalkulierte Vernachlässigung nach der Geburt getötet“ werden. Im Januar 1945 war es mit 47 Kindern, darunter zwölf über Einjährigen, belegt. Die Todesfälle lassen sich den einzelnen Lagern nicht zuordnen. In Unterlüß sind 59 Geburten und 40 Todesfälle sowjetischer Kinder registriert; bei den polnischen Kindern kamen 16 Todesfälle auf 61 Geburten.Krieg gegen Kinder. Zum Schicksal der Zwangsarbeiterkinder 1943–1945, abgerufen am 27. März 2023 1944 wurden ungarische Jüdinnen durch Rheinmetall-Borsig in einem Außenlager Unterlüß des KZ Bergen-Belsen in der Produktion beschäftigt. Nach Kriegsende 1945 wurde der Ort von den Briten besetzt und die teilweise zerstörten Werksanlagen sowie die Werkssiedlungen wurden beschlagnahmt. Im Ort existierten etwa zwanzig Barackenlager für mehr als 4000 ausländische Zwangsarbeiter sowie Kriegsgefangene (etwa 2500 Polen, 1000 Sowjetbürger, 500 Jugoslawen und 1000 aus anderen Ländern).
Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg Die Rheinmetall Berlin AG wurde 1951 reprivatisiert; als zweiter Industriebetrieb in Unterlüß entstand die Textilmaschinenfabrik Artos, die komplett nach Maschen umsiedelte (heute „Interspare Textilmaschinen GmbH“). 1955 zogen die Briten ab, Rheinmetall produzierte nun für die Bundeswehr.
Unterlüß ist stark von der ansässigen Industrie abhängig. Das Deutsche Monatsblatt betitelt im Februar 1959 die Lage: „Ein Dorf ohne Äcker und Vieh“. Durch den Aufschwung von Rheinmetall sowie die Ansiedlung weiterer Industriebetriebe (z. B. die inzwischen stillgelegten Kieselgurwerke) in den Nachkriegsjahren erlebte der Ort in den 1950er Jahren einen enormen Aufschwung. Nach dem Krieg herrschte großes Elend im Ort; es gab fünf Elendsquartiere. Diese konnten mit Hilfe der Industrie sowie durch die politische Führung vollständig abgebaut werden. 140 Einzelhäuser mit zwei Wohnungen, sechs Sechsfamilien- sowie ein Zwölffamilienhaus entstanden. Drei Viertel des gesamten Fürsorgehaushaltsvolumens des Landkreises Celle flossen in dieser Zeit in den Ort.Deutsches Monatsblatt, Februar 1959, (Archiv Unterlüß)
Der Orkan Quimburga richtete am 13. November 1972 im Lüßwald bei Unterlüß, einem der größten zusammenhängenden Waldgebiete in der Südheide, besonders großen Schaden an. 1978 wurde das Werk der Artos-Fabrik in Unterlüß geschlossen, nachdem es an den britischen Maschinenbaukonzern Babcock verkauft worden war. Rheinmetall errichtete 1986 mit Steuergeldern des Landes Niedersachsen das Technologiezentrum Nord (TZN) für militärische Forschung, die auch zivil nutzbar sein sollte. Nach der Auflösung der Sowjetunion und des Ostblocks verkleinerten die folgenden Regierungen die Bundeswehr erheblich und reduzierten die Ausgaben für die Bundeswehr massiv („Friedensdividende“). Rheinmetall erhielt deutlich weniger Auftragsvolumen und musste Arbeitsplätze abbauen.
Der Bund beschloss im Juni 2022 das Sondervermögen Bundeswehr. Seit 2024 wird deshalb das Rheinmetall-Werk Unterlüß stark ausgebaut.Auf dem Weg zum größten Munitionswerk Europas (27. August 2025) Im Juni 2024 bestellte die Bundeswehr bei Rheinmetall Artilleriemunition für rund 8,5 Milliarden Euro.Bundeswehr kauft Panzer und Munition für Milliarden Im August 2025 arbeiteten mehr als 3000 Menschen am Standort Unterlüß für Rheinmetall.
Eingemeindungen Am 1. Januar 1973 wurde der Ortsteil Lutterloh der Gemeinde Weesen mit damals etwa 300 Einwohnern eingegliedert.
Am 1. März 1973 wurde ein Gebiet mit damals weniger als 50 Einwohnern an die Nachbargemeinde Eschede abgetreten.
Einwohnerentwicklung Der Anstieg der Einwohnerzahlen nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Wesentlichen durch den Zuzug Vertriebener bedingt. Jahr Einwohner Quelle 1871 110 Volkszählung 1871 1885 155 Volkszählung 1885 1895 189 Volkszählung 1895 1910 477 1925 840 1939 1554 1946 2923 Volkszählung 1946 1950 4131 Regionales Gemeindeverzeichnis-Informationssystem GV-ISys (mit historischen Bevölkerungszahlen) 1961 4200 1970 4578 1980 4606 1990 4447 2000 4347 2010 3672 2014 3548
Religion Im Ort existieren zwei evangelisch-lutherische Kirchengemeinden. Das Gebiet gehört zum ev. Kirchenkreis Celle. Es existiert ebenfalls eine evangelisch-freikirchliche Baptistengemeinde mit ihrer Christuskirche.
In Unterlüß gibt es eine römisch-katholische Kirchengemeinde, die Teil des Bistums Hildesheim ist.
Politik Gemeinderat bis 2014 Der Rat der Gemeinde Unterlüß setzte sich aus 14 (2001: 15) Abgeordneten sowie (seit 2005) dem direkt gewählten hauptamtlichen Bürgermeister zusammen. Nach den Kommunalwahlen seit 2001 setzte sich der Gemeinderat jeweils wie folgt zusammen: CDU SPD parteilos FÜR Unterlüß Gesamt 2001 Sitze 9 6 0 0 15 Sitze 2006 Sitze 8 4 2 0 15 Sitze 2011 Sitze 6 3 0 (siehe FÜR) 5 15 Sitze 2011 Stimmenanteil (45,2 %) (18,3 %) (36,5 %) letzte Kommunalwahl am 11. September 2011
Bürgermeister bis 2014 1945–1948: Erich Müller, SPD (durch die britische Besatzungsmacht eingesetzt) 1948–1949: Heinrich Leifels, CDU 1949–1951: Walter Gähle, CDU 1951–1956: Heinrich Meyer 1956–1957: Wilhelm Schmidt, CDU 1957–1970: Robert Busse, CDU 1970–1991: August Biermann, CDU 1991–2005: Eberhard Staiger, CDU 2005–2014: Kurt Wilks, parteilos
Mit Wirkung vom 1. Oktober 2005 fiel das Amt des Bürgermeisters und des Gemeindedirektors bis zum 31. Dezember 2014 zusammen. Dieses Amt bekleidete der am 22. Mai 2005 mit 63 % der Stimmen gewählte Kurt Wilks, ein parteiloser Diplom-Verwaltungswirt.
Seit 1. Januar 2015 bildet Unterlüß zusammen mit dem benachbarten Hermannsburg die neue Gemeinde Südheide im Landkreis Celle.Gesetz über die Neubildung der Gemeinde Südheide, Landkreis Celle, vom 15. Mai 2014. In: Niedersächsisches Gesetz- und Verordnungsblatt 5321 vom 28. Mai 2014, Niedersächsische Staatskanzlei, Hannover 2014, S. 142.
Ortsrat (ab 2015) Der Ortsrat der Ortschaft Unterlüß besteht aus sieben Ortsratsmitgliedern. Bei der Kommunalwahl 2021 ergab sich folgende Sitzverteilung:
Ortsbürgermeister (ab 2015) Ortsbürgermeister ist Kurt Wilks (CDU).Ortsrat von Unterlüß
Kultur und Sehenswürdigkeiten Theater und Museen mini|Das Albert-König-Museum Albert-König-Museum ist dem Maler und Graphiker Albert König gewidmet, dessen Nachlass die Gemeinde Unterlüß geerbt hat. Das Museum befindet sich in seinem ehemaligen Wohnhaus.
Musik Liedertafel „Frohsinn“ (Gesangverein) Gospelkonzerte der Evangelischen Friedenskirche Klassikkonzerte im Albert-König-Museum
Bauwerke
Evangelisch-lutherische Friedenskirche (Schulstraße 7) Evangelisch-Freikirchliche Christuskirche (Baptisten), 1980 eröffnet (Erfurter Weg 7) Katholische St.-Paulus-Kirche (Müdener Straße 33), 1926/27 erbaut und heute zur Pfarrgemeinde St. Johannes der Täufer in Celle-Vorwerk gehörend Neuapostolische Kirche Heidkamp 9 von 1988, inzwischen geschlossen Hofanlage Altensothrieth aus dem 19. Jahrhundert in Fachwerk mit Niedersachsengiebel Forsthaus Siedenholz von um 1820 in Fachwerk; früher Bauernhof, dann Forsthot und heute Waldpädagogikzentrum Ostheide (WPZ) Forsthof Neuensothrieth mit Forsthaus von um 1850 in Fachwerk, Treppenspeicher von 1811 und Brunnen von um 1831 Verwaltungsgebäude Heinrich-Ehrhardt-Straße 1 (ehem. Kasino) und ehem. Gästehaus Heinrich-Ehrhardt-Straße 2 der Rheinmetall von 1919 Villa Hermannsburger Straße 25 von um 1920 und Villa Hermannsburger Straße 27 von um 1927/30 als Direktorenvillen der Rheinmetall Wohnhaus Albert-König Straße 10 von 1926 in Fachwerk, heute Albert-König-Museum
Denkmale Gaußstein mini|hochkant=0.4|Gaußstein auf dem Breithorn