mini|Hahn+Kolb in der Tübinger Straße, 1898 Stuttgart

Die Hahn+Kolb Werkzeuge GmbH (Eigenschreibweise: HAHN+KOLB) ist ein im Bereich Werkzeughandel und Werkzeugdienstleistung tätiges und zur Würth-Gruppe gehörendes Unternehmen. Das Sortiment umfasst Zerspanungswerkzeuge, Messtechnik, allgemeine Werkzeuge, Handlingsysteme, große und kleine Maschinen, Systemlösungen und komplette Betriebseinrichtungen. Die Unternehmensgruppe hat weltweit mehrere Niederlassungen und beschäftigt weltweit 800 Mitarbeiter bei einem Umsatz von 306 Mio. Euro.

Geschichte Anfänge Hermann Hahn eröffnete im Jahre 1897 in der Hauptstätter Straße in Stuttgart ein Spezialgeschäft für Werkzeuge und Maschinen, in dem er Messer, Bestecke und sonstige Haushaltswaren, aber auch Werkzeuge und Maschine anbot. Adolf Kolb stieß ein Jahr später dazu.

Am 17. August 1898 wurde die Firma Hahn & Kolb GmbH & Co. im Handelsregister des Amtsgerichts Stuttgart unter der Nummer HRA 3091 eingetragen. In diesem Jahr wurden auch Verkaufsräume in der Tübinger Straße 14b angemietet.Franz B. Döpper: Stuttgart und seine alten Firmen - Hahn & Kolb, Prohistorika Gesellschaft für deutsche Wirtschaftsgeschichte mbH, 1991, S. 44/45

1904 erschien der erste Katalog für Werkzeuge, in dem die rund 450 bebilderten Seiten noch von Hand geschrieben wurden. 1913 wurde mit dem Erwerb einer Werkstatt für Drehautomaten der Grundstein für das Unternehmen INDEX-Werke Hahn & Tessky KG gelegt, das noch heute unter dieser Firmierung in Esslingen existiert. 1915 schied Adolf Kolb als Teilhaber aus der Firmenführung aus und Heinrich Sauter wurde neuer Gesellschafter.

1922 bezog Hahn & Kolb in der Königstraße im Marstall-Bau weitere Ausstellungsräume. 1925 wurde nach den Plänen der Architekten Albert Schieber und Richard DöckerFriederike Mehlau-Wiebking: Richard Döcker: Ein Architekt im Aufbruch zur Moderne (Architektour). Vieweg+Teubner Verlag 1989, S. 108, ISBN 978-3-528-08725-8; Online bei Google Books das erste Stahlbeton-Hochhaus in Stuttgart an der Unteren Königstraße 14 errichtet und 1927 bezogen. Im Erdgeschoss dieses Hauses befanden sich die Ausstellungs- und Vorführräume, in den übrigen Räumen für damalige Verhältnisse modern eingerichtete Büroräume. Erst ein Jahr später wurde dieses Haus vom Tagblatt-Turmhaus überragt.

Expansion 1929 gründete das Unternehmen eine Konstruktionsabteilung. Es wurden Läppmaschinen, Schalttischautomaten, Gewindebohrmaschinen und Universal-Schleifmaschinen konstruiert, die von anderen Firmen gebaut, von Hahn & Kolb jedoch vertrieben werden.

Die ersten Niederlassungen wurden 1924 in München und 1927 in Berlin eröffnet. Weitere Niederlassungen folgten 1933 in Leipzig, 1935 in Hannover, 1937 in Frankfurt am Main und in Erfurt und 1939 in Düsseldorf und Wien. All diese Filialen hatten die Aufgaben Akquisition, Beratung, Verkauf und Service.Volker Grub: Bericht zur Gläubigerversammlung am 7.7.1993 im Konkursverfahren der Hahn & Kolb GmbH & Co. Wirtschaftsarchiv Hohenheim, Bestand Y517

1929 startete das Unternehmen ein neues Geschäftsfeld: Mit den Läpp- und Feinschleifmaschinen wurden die ersten Maschinen für die Werkzeugherstellung konstruiert. Ihr folgten Schalttischmaschinen, Werkzeugschleifmaschinen und Mehrkantdrehmaschinen. 1939 begann die internationale Expansion mit den Gründungen der Auslandsniederlassungen in Mailand und Wien.

Krieg und Wiederaufbau Bei einem Bombenangriff in der Nacht vom 12. auf den 13. September 1944 wurde das Verwaltungsgebäude in der Königstraße schwer beschädigt. Lediglich die Stahl- und Betonmauern blieben stehen. Aufgrund der Schäden wurden die Betriebsstätten in Feuerbach und das Stammhaus auf angrenzende ländliche Gebiete verlegt.

Ab 1950 begann der Wiederaufbau. Auf der damaligen Hannover Messe belegte der Werkzeugdienstleister allein eine Ausstellungshalle mit 1850 m² Fläche. 1962 fand die erste große Hausmesse auf dem Werksgelände in Schorndorf statt. 1973 erfolgte dann der Umzug des Werkzeugbereichs in das neu errichtete Gebäude in Stuttgart-Feuerbach.

1970 wurde in Feuerbach der Grundstein für ein groß angelegtes Büro- und Lagergebäude für den Werkzeugbereich in der Borsigstraße Nr. 50 gelegt. 1982 zog Hahn & Kolb aufgrund der immer größer werdenden Raumnot in Stuttgart und Feuerbach mit einigen Abteilungen nach Schorndorf.

Zwischen 1960 und 1980 wurden in Australien, Brasilien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Iran, Italien, Niederlande, Schweden, Schweiz, Spanien und den USA Vertriebsgesellschaften gegründet.

1986 wurde in Schorndorf das sogenannte Technikzentrum eröffnet: Eine ständige Ausstellung für Werkzeugmaschinen mit Versuchs-, Vorführ- und Schulungsmöglichkeiten. Im ersten Jahr kamen mehr als 4500 Interessierte zu Ausbildungen und Vorführungen. Später zog dieses Technikmuseum rund 8.000 Besucher im Jahr an.Volker Grub: Schlussbericht im Konkursverfahren über das Vermögen der Firma Hahn & Kolb GmbH, Stuttgart, vom 19.9.1996, Wirtschaftsarchiv Hohenheim, Bestand Y517

Maschinen- und Werkzeughandel vor der Insolvenz Wirtschaftliche Kennzahlen Der Personalstand betrug in seiner Spitze im Jahre 1990 1.455 Arbeitnehmer. In diesem Jahr wurde ein Umsatz von 1,341 Milliarden DM und ein Jahresergebnis von 10,5 Mio. DM ausgewiesen.

Standorte Hahn & Kolb betrieb die Geschäfte überwiegend in eigenen Gebäuden und zwar in:

Stuttgart, Königstraße 14: Allgemeine Verwaltung und Maschinenhandel Stuttgart-Feuerbach, Borsigstraße 50: Werkzeughandel und Lager Schorndorf, Vorstadtstraße 61–67: Technikzentrum und Konstruktion Schorndorf, Wiesenstraße 72: Versand und Lager

Filialstandorte waren Berlin, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig, München, Nürnberg und Walsrode.

Produktsortiment im Maschinenhandel Werkzeugmaschinen wurden von rund 60 Werkzeugmaschinen-Herstellern, überwiegend in Deutschland und der Schweiz beheimatet, vertrieben. Deren Programme wurden in 12 verschiedenen Fachabteilungen zusammengefasst und deckten alle marktgängigen Verfahren der Metallbearbeitung ab. Neben den konventionellen Maschinen wurden Schleifmaschinen, Fräsmaschinen, Drehmaschinen, Erodiermaschinen, Maschinen zur spanlosen Bearbeitung, sowie Laseranlagen, Roboter und Sondermaschinen angeboten.

Ein Großteil der angebotenen Produkte lieferten als Haupt- oder Alleinlieferanten

Maho AG, Pfronten für Fräsmaschinen Index-Werke GmbH und Co. KG Hahn und Tessky, Esslingen, für Drehmaschinen AG für industrielle Elektronik, Losone/Schweiz

Die Index-Werke gehen auf eine Gründung von Hermann Hahn im Jahre 1914 zurück, der dort Drehmaschinen herstellte, die über Hahn & Kolb vertrieben wurden. 1929 beteiligte er seinen Oberingenieur Karl Tessky als Gesellschafter in der offenen Handelsgesellschaft. Die Index-Werke waren dann durch einen Vertriebsvertrag mit Hahn & Kolb verbunden.

Zu den größeren Lieferanten gehörten ferner die Firmen:

Reishauer AG, Wallisellen/Schweiz Koenig & Bauer, Mödling/Österreich Pero, Königsbrunn Voumard, La Chaux-de-Fonds/Schweiz Hauser Biel/Schweiz Hatebur Umformmaschinen AG, Reinach/Schweiz Kuka AG, Augsburg

Neben den Vertretungsprogrammen existierte bei Hahn & Kolb ein Eigenprogramm, das Rundschalttischmaschinen, Werkzeugschleifmaschinen, Läppmaschinen und Mehrkantdrehmaschinen umfasste. Hahn & Kolb betrieb dabei neben dem Vertrieb auch die Konstruktion und die Entwicklung. Gefertigt wurden die Maschinen bei Vertragswerken und der Tochtergesellschaft Variomatic Werkzeugmaschinen GmbH in Leonberg. Dort wurden Rundschalttischmaschinen hergestellt, ein Programm, das Hahn & Kolb im Jahre 1975 aus dem Konkurs der Bammesberger & Co. in Leonberg übernahm.

1992 wurde die Fachabteilung CAD/CAM, die sich mit dem Vertrieb von Hard- und Software für rechnergestützte Fertigung und Konstruktion befasste, als eine eigene Gesellschaft ausgegründet, die den Namen ASCAM Anwendersoftware GmbH führte, mit Sitz in Schorndorf.

Produktsortiment im Werkzeughandel Das Vertriebsprogramm „Werkzeuge“ umfasste insgesamt 65.000 Artikel von mehr als 300 namhaften Herstellern, die in sieben Abteilungen aufgegliedert wurden:

Schneidwerkzeuge Spannmittel Mess- und Prüfmittel Werkstoffprüfgeräte Allgemeine Werkzeuge und Betriebseinrichtungen Diamantwerkzeuge Elektrowerkzeuge und Handhabung

Für viele Hersteller hatte Hahn & Kolb den Alleinvertrieb. Darüber hinaus wurden unter der Eigenmarke “ORION” Qualitätswerkzeuge vertrieben, die im niedrigen Preisniveau angesiedelt waren.

Konjunktureinbruch Anfang der 1990er Jahre Nach jahrelangen juristischen Auseinandersetzungen schied der Gesellschafterstamm von Heinrich Sauter zum 2. Januar 1986 gegen Zahlung einer Abfindung von 40 Mio. DM aus der Gesellschaft aus. Damit war die Auseinandersetzung der Gesellschafterstämme Hahn und Sauter jedoch nicht beendet. Nach einem erneuten Rechtsstreit wurden im Jahre 1991 an den Stamm Sauter nochmals 2 Mio. DM bezahlt. Die Geschäftsführung übernahmen Wilhelm Karl Hahn (* 1909) als Vorsitzender, sowie Klaus-Berndt Hahn, Hermann Crone, Wolfgang Milde, Joachim Seiffert und Volker Suhr. Den Geschäftsführern waren einzelne Bereiche zugewiesen. Daneben waren 13 Prokuristen bestellt.

Konjunkturbedingt gab es im Sommer 1991 einen unerwarteten Umsatzeinbruch. Die Umsätze im Maschinenbereich gingen bis Ende 1992 um über 30 Prozent zurück. Von diesem Umsatzeinbruch war die gesamte Maschinenbaubranche betroffen. Es gab eine Vielzahl von Konkursen. Zu einem erneuten Einbruch kam es im Januar und Februar 1993. Dieser war teils marktbedingt, teils aufgrund der kritischen finanziellen Lage des Unternehmens entstanden.

Dem geringeren Umsatz standen hohe Kosten gegenüber. Die Geschäftsführung war unternehmenspolitisch auf Expansion ausgerichtet. Die Lagerbestände waren zu hoch.

Schwierig war auch die Abhängigkeit von dem Lieferwerk Maho AG in Pfronten aus. Ende der 1980er Jahre machten die Umsätze mit Maho AG rund ein Viertel der Gesamtumsätze und rund ein Drittel des Gewinns aus. Es war zu befürchten, dass die großen Lieferwerke Maho AG, Index und AGI einen eigenen Vertrieb gründen würden.

Zum 31. Dezember 1991 erreichte die Bankverschuldung einen Höchststand. Die Banken forderten Sicherheiten und eine Reorganisation des Unternehmens. Die Sicherheiten wurden gewährt und eine Restrukturierung des Unternehmens in Angriff genommen. Die Geschäftsführung versprach sich aus dem Verkauf von Immobilien, insbesondere der Königstraße 14, gute Gewinne.

Im Jahr 1992 ging der Umsatz auf 745 Mio. DM zurück und der Verlust belief sich auf 60 Mio. DM. Obwohl die eingeräumten Kreditlinien im März 1993 nicht voll in Anspruch genommen waren, kündigten die zwölf Poolbanken mit übereinstimmendem Schreiben vom 11. März 1993 ihre Kredite und stellten sie fällig.

Die Geschäftsführung beantragte daraufhin am 16. März 1993 beim Amtsgericht Stuttgart die Eröffnung des gerichtlichen Vergleichsverfahrens zur Abwendung des Konkurses. Als vorläufiger Vergleichsverwalter wurde der Stuttgarter Rechtsanwalt Volker Grub bestellt. Er stellte fest, dass ein Vergleich nur dann möglich wäre, wenn die Geschäftsführung einen Partner fände, der der Gesellschaft neues Kapital in Höhe von mindestens 50 Mio. DM zuführt. Dies gelang der Geschäftsführung nicht. Daher wurde am 1. Juni 1993 das Anschlusskonkursverfahren eröffnet und Grub zum Konkursverwalter bestellt.Hahn & Kolb soll sich vom Werkzeugmaschinenhandel trennen, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11. Mai 1993

Stilllegung des Maschinenhandels Die Bemühungen Grubs ergaben, dass der Maschinenhandel nicht aufrechtzuerhalten war. Die Informationstechnik war damals bereits so weit fortgeschritten, dass viele Kunden den direkten Kontakt zum Maschinenhersteller suchten und damit für eine Handelsgesellschaft kein Raum mehr war. Es wurde deshalb die Stilllegung dieses Bereiches verfügt.