mini|Martin Heckel (2022) Martin Heckel (* 22. Mai 1929 in Bonn) ist ein deutscher Staats- und Kirchenrechtler. Werdegang Martin Heckel ist ein Sohn des Staats- und Kirchenrechtlers Johannes Heckel und Bruder der Ägyptologin Ursula Kaplony-Heckel. Er studierte in München Rechtswissenschaft als Stipendiat der bayrischen Maximilianeums-Stiftung und legte dort die Erste und Zweite juristische Staatsprüfung ab. Nach der Promotion (1955) und Habilitation (1960) in Heidelberg wurde er 1960 an die Juristische Fakultät der Universität Tübingen als ordentlicher Professor für öffentliches Recht und Kirchenrecht berufen. Seit 1980 ist er kooptiertes Mitglied der Evangelisch-theologischen Fakultät Tübingen. Berufungen an die Juristischen Fakultäten in Marburg und Erlangen (1960), München (1968 und 1977), Bonn (1971) und an die Evangelisch-theologische Fakultät in Tübingen (1986) lehnte er ab.
Seit 1973 ist er Mitglied der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, seit 1985 Mitglied der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, seit 1996 korrespondierendes Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. 1997 verlieh ihm die Evangelisch-theologische Fakultät München den Grad des Ehrendoktors der Theologie. 2004 wurden ihm das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und die Johannes-Brenz-Medaille der Württembergischen Evangelischen Landeskirche in Silber verliehen. 1999 erschien eine Festschrift zu seinem 70. Geburtstag.
1961 bis 1977 war er Mitglied der Württembergischen Evangelischen Landessynode, 1970 bis 1973 Mitglied des Rates und der Synode der EKD, 1976–1997 Präsident des Schiedsgerichtshofs der EKD, 1988 bis 1990 Vorsitzender der Deutschen Staatsrechtslehrervereinigung, 1972 bis 2000 Mitglied des Vorstandes des Vereins für Reformationsgeschichte, 1968 bis 1998 Mitherausgeber der Kanonistischen Abteilung der Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte (ZRG KA) und der Reihe Forschungen zur kirchlichen Rechtsgeschichte und zum Kirchenrecht. 1968–2019 war er geschäftsführender Herausgeber der Reihe Jus Ecclesiasticum. Beiträge zum evangelischen Kirchenrecht und zum Staatskirchenrecht (JE). Er war Mitglied der Vereinigung für Verfassungsgeschichte.
Wissenschaftliches Werk Martin Heckels wissenschaftliches Werk umfasst 14 Monographien (M) und sieben Bände Gesammelte Schriften. Staat – Kirche – Recht – Geschichte (GS, Band I/II 1989, Band III/IV 1997, Band V 2004, Bd. VI 2013; Bd. VII 2022; Jus Ecclesiasticum, Bd. 38, 58, 73, 100, 124) mit ausgewählten Abhandlungen, Festschriftbeiträgen und Rezensionsaufsätzen (A). In interdisziplinärer Ausrichtung widmen sie sich besonders den historischen Ursprüngen und aktuellen Wechselwirkungen zwischen der Jurisprudenz, Geschichtswissenschaft und Theologie, um die vielfältigen und weitreichenden Verbindungen zwischen der Rechtsgeschichte und der Rechtsdogmatik, dem staatlichen und dem kirchlichen Recht, der Praxis und der Theorie aufzuzeigen.
Schwerpunktmäßig behandeln sie einerseits die enormen historischen Auswirkungen der Theologie Luthers auf das katholische und evangelische Kirchenrecht und auf das Reichskirchenrecht des Alten Reichs, welches schon im Konfessionellen Zeitalter in Deutschland zu einer zukunftsträchtigen, in Europa einzigartigen Koexistenzordnung religiöser Freiheit und Gleichheit der großen Religionsgemeinschaften führte. Andererseits suchen sie das geltende deutsche Staatskirchenrecht und Kulturverfassungsrecht und das evangelische Kirchenrecht aus ihren historischen Ursprüngen, geistigen Grundlagen und modernen Geltungsbedingungen im Gesamtzusammenhang des freiheitlich-demokratischen Verfassungsrechts zu erklären. Die Arbeiten zur Verfassunggebung und Verfassungsänderung bieten eine differenzierte verfassungstheoretische Analyse der Wiedervereinigung Deutschlands 1990. In ihnen wurde das Modell zur Einigung der EKD und des Kirchenbundes der DDR entwickelt.
Seit den richtungweisenden Vorträgen und Diskussionen auf der Frankfurter Staatsrechtslehrertagung 1967 haben diese Studien maßgeblich an der Entwicklung und Begründung eines modernen Staatskirchenrechts aus den Grundrechtsgarantien liberaler Freiheit und Gleichheit mitgewirkt, das den religiösen Kräften und Traditionen eine eigenständige, bekenntnisgemäße Entfaltung im pluralistischen Rechtssystem der Gegenwart ohne Privilegierung und ohne Diskriminierung durch dominante konfessionelle oder ideologische Kräfte ermöglicht und ihre große kulturstaatliche und sozialstaatliche Wirksamkeit gewährleistet. Dadurch wurde die ältere, auf die institutionellen Beziehungen des Staates und der Religionsgemeinschaften konzentrierte Lehre des Staatskirchenrechts überwunden, die nach der bis dahin herrschenden „Koordinationstheorie“ noch stark von einer einheitlichen christlichen Gesellschaft und vom nachwirkenden Leitbild einer Dyarchie der geistlichen und staatlichen Gewalt im „christlichen Staat“ ausging.
Schriften (Auswahl) Ein den bibliographischen Angaben vorangestelltes „M“ steht für eine Monographie, ein „A“ für einen Aufsatz.
Zu den Rechtsproblemen der lutherischen Reformation (M:) Martin Luthers Reformation und das Recht. Die Entwicklung der Theologie Luthers und ihre Auswirkung auf das Recht unter den Rahmenbedingungen der Reichsreform und der Territorialstaatsbildung im Kampf mit Rom und den „Schwärmern“ (XIV und 988 S.), Tübingen: Mohr Siebeck 2016, ISBN 978-3-16-154468-2 (Broschur), ISBN 978-3-16-154211-4 (Gewebe), (= Jus ecclesiasticum, Band 114); (A:) Rechtstheologie Luthers, in: Evangelisches Staatslexikon, 1. A., 1966, S. 743–774 (auch in M. Heckel, GS I, S. 324-366); (A:) Die zwiespältigen Rechtswirkungen der lutherischen Reformation durch das Wort, Zeitschrift für Theologie und Kirche (ZThK), 108. Jahrgang 2011, S. 202–224 (auch in Ders., GS VI, S. 3–25); (A:) Von Luthers Reformation zum ius reformandi des Reichskirchenrechts. Rechtliche Perspektiven der Adelsschrift Luthers 1520, in: J. Kiehnle u. a. (Hg.), FS Jan Schröder, Tübingen 2013, S. 661-681 (GS VI, S. 26–47); (A:) Luthers Traktat „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ als Markstein des Kirchen- und Staatskirchenrechts, ZTHK 109. Jg., 2012, S. 122–152 (GS VI, S. 48-76); (A:) Das Konzil im theologischen und politischen Ringen der Evangelischen um die Religionsverfassung des Alten Reichs, Zeitschrift der Savigny-Stiftung für Rechtsgeschichte, Kanonistische Abteilung (ZRG KA), 2012, S. 246–297 (GS VI, S. 77-126); (A:) Martin Luthers Reformation und das Recht, ZRG KA 2017, S. 277–322 (GS VII, S. 64-109); (A:) Luthers Haltung zur Obrigkeit, JZ 72, 2017, S. 1129–1139 (GS VII, S. 110-135); (A:) Luthers Stellung zur Obrigkeit bei der Reform der Landeskirchen, ZRG KA 2018, S. 236–303 (GS VII, S. 177-235); (A:) Luther und die Toleranz, Kerygma und Dogma, 65, 2019, S. 3–46 (GS VII, S. 136-176). (A:) Kaiser Karls V. Begegnung mit Luther auf dem Reichstag zu Worms 1521, Juristenzeitung (JZ), 76. Jahrgang, 2021, H. 9, S. 425-434 (GS VII, S. 236–257).
Zum reichsrechtlichen Koexistenz-System im Konfessionellen Zeitalter (M:) Deutschland im konfessionellen Zeitalter. 2. Aufl. Göttingen 2001; (A:) Autonomia und Pacis Compositio. Der Augsburger Religionsfriede in der Deutung der Gegenreformation, ZRG KA 1959, S. 142–248 (auch in M. H., GS I, S. 106–226); (A:) Parität (I), ZRG KA 1963, S. 261–420 (GS I, S. 106-226); (A:) Zur Historiographie des Westfälischen Friedens. Die Bedeutung des Werkes von Fritz Dickmann für die deutsche Verfassungs- und Kirchenrechtsgeschichte, ZRG KA 1971, S. 322–335 (GS I, S. 484-500); (A:) Itio in partes. Zur Religionsverfassung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, ZRG KA 1978, S. 180–308 (GS II, S. 636–736); (A:) Die reichsrechtliche Bedeutung des Bekenntnisses, in: M. Brecht/R. Schwarz (Hg.) Bekenntnis und Einheit der Kirche. Studien zum Konkordienbuch, Stuttgart 1980, S. 57–88 (GS II, S. 737–752); (A:) Reichsrecht und „Zweite Reformation“: Theologisch-juristische Probleme der reformierten Konfessionalisierung, in: H. Schilling (Hg.), Das Problem der „Zweiten Reformation“, Gütersloh 1986, S. 11–43 (GS II, S. 999–1032); (A:) Die Krise der Religionsverfassung des Reiches und die Anfänge des Dreißigjährigen Krieges, in: K. Repgen (Hg.), Krieg und Politik 1618-1648, München 1988, S. 107-131 (GS II, S. 970–998); (A:) Die Wiedervereinigung der Konfessionen als Ziel und Auftrag der Reichsverfassung im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, in: H. Otte/R. Schenk (Hg.), Die Reunionsgespräche im Niedersachsen des 17. Jahrhunderts: Leibniz-Molan-Spinola, 1999 (GS III, S. 179–203); (A:) Konfession und Reichsverfassung. Bekenntnisbildung und Bekenntnisbindung in den Freiheitsgarantien und der Verfassungsorganisation des Reichs seit der Glaubensspaltung, in: P. Prodi (Hg.), Glaube und Eid, Schr. des Hist. Kollegs, Kolloquien 28, München 1993, S. 69-96 (GS III, S. 230–261); (A:) Religionsbann und landesherrliches Kirchenregiment, in: H. Chr. Rublack (Hg.), Die lutherische Konfessionalisierung in Deutschland, Gütersloh 1992, S. 130-162 (GS III, S. 262–293); (A:) Die Veränderungen des kanonischen Rechts durch die Reformation und die Religionsverfassung des Alten Reiches, in: H. Bookmann u. a. (Hg.), Recht und Verfassung im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit, Göttingen 1998 (GS III, S. 336–381); (A:) Die Religionsprozesse des Reichskammergerichts im konfessionell gespaltenen Reichskirchenrecht, ZRG KA 1991, S. 283–350 (GS III, S. 382-440); (A:) Das Restitutionsedikt Kaiser Ferdinands II. vom 6. März 1629 – eine verlorene Alternative der Reichskirchenverfassung, in: G. Köbler/H. Nehlsen (Hg,) FS K. Kroeschell 1997, S. 351-376 (GS V, S. 185–208); (A:) Zu den Anfängen der Religionsfreiheit im Konfessionellen Zeitalter, in: M. Ascheri u. a. (Hg.), „Ins Wasser geworfen und Oceane durchquert“, FS K. W. Nörr, Köln/Weimar/Wien 2003, S. 349-401 (GS V, S. 81–134); (A:) Ius reformandi, Auf dem Weg zum „modernen“ Staatskirchenrecht im Konfessionellen Zeitalter, in: I. Dingel u. a. (Hg.), Reformation und Recht, FS G. Seebaß, Gütersloh 2002, S. 75-126 (GS V, S. 135–184); (A:) Der Augsburger Religionsfriede, Seine Sinnwandel vom provisorischen Notstands-Instrument zum sakrosankten Reichsfundamentalgesetz religiöser Freiheit und Gleichheit, Juristenzeitung 60, 2005, S. 961-970 (GS VI, S. 174–198); (A:) Konfessionalisierung in Koexistenznöten. Zum Augsburger Religionsfrieden, Dreißigjährigem Krieg und Westfälischen Frieden in neuerer Sicht (Rezensionsaufsatz zu K. Repgen, Dreißigjähriger Krieg und Westfälischer Friede, 1998), HZ 280, 2005, S. 647-690 (GS VI, S. 632–670); (A:) „Zelo domus Dei“?. Fragen zum Protest des Heiligen Stuhls gegen den Westfälischen Frieden, in: B. R. Kern u. a. (Hg.), Humaniora, FS. A. Laufs, Heidelberg 2006, S. 93-121 (GS VI, S. 199–230); (A:) Politischer Friede und geistliche Freiheit im Ringen um die Wahrheit. Zur Historiographie des Augsburger Religionsfriedens von 1555 (Rezensionsaufsatz zu A. Gotthard, Der Augsburger Religionsfriede, 2004), HZ 282, 2006, S. 391-426 (GS VI, S. 601–631); (A:) Zur Bedeutung des Verfahrensrechts in der Reichsverfassung des Konfessionellen Zeitalters, in: R. Richardi u. a. (Hg.), FS E. Picker, Tübingen 2010, S. 1213-1241 (GS VI, S. 231–262).
Zum Zusammenhang von Konfessionalisierung und Säkularisierung (M:) Korollarien zur Säkularisierung, SB der Heidelb. Akad. d. Wiss. 1981; (M:) Die Menschenrechte im Spiegel der reformatorischen Theologie, Abh. d. Heidelberger Akademie d. Wiss. 1987; (A:) Säkularisierung. Staatskirchenrechtliche Aspekte einer umstrittenen Kategorie, ZRG KA 1980, S. 1–163 (GS II, S. 773–911); (A:) Weltlichkeit und Säkularisierung, Staatskirchenrechtliche Probleme in der Reformation und im Konfessionellen Zeitalter, in: B. Moeller (Hg.), Luther in der Neuzeit, Gütersloh 1983, S. 34–54 (GS II, S. 912–933);