mini|Inuit-Familie in traditioneller Fellkleidung Eskimo ist eine kontroverse Sammelbezeichnung für indigene Völker im nördlichen Polargebiet, deren Siedlungsgebiet sich vom Nordosten Sibiriens über die Beringstraße und die arktischen Regionen Alaskas und Kanadas bis nach Grönland erstreckt. Sie bilden in Nordamerikas Arktis die Urbevölkerung, die von den Indianern des übrigen Kontinentes abgegrenzt wird.
Die beiden Hauptgruppen sind: die Yupik (westliche Eskimos) auf der russischen Tschuktschen-Halbinsel und in Alaska die Inuit (östliche Eskimos) im Norden Kanadas und auf Grönland. Eine kleinere Dialektgruppe der Inuit sind die in Alaska lebenden Iñupiat. Weiterhin verwandt sind die zu den Ureinwohnern Alaskas zählenden Aleuten. Zusammen sprechen sie eskimo-aleutische Sprachen und bilden als relativ homogene Kulturen das nordamerikanische Kulturareal der „Arktis“.
Die Wissenschaft von Kultur und Sprache der Eskimos nennt man Eskimologie.
Bezeichnung mini|Verbreitungsgebiete der Eskimos nach der Karte der Inuit Circumpolar Conference Das Wort „Eskimo“ ist ursprünglich eine Fremdbezeichnung, die seit dem 17. Jahrhundert bekannt und deren Etymologie nicht eindeutig geklärt ist.Emile Benveniste: The 'Eskimo' Name. International Journal of American Linguistics, Vol. 19, No. 3, Juli 1953, S. 242. Ursprünglich war es eine von den Cree und den Algonkin verwendete Sammelbezeichnung für die mit ihnen nicht verwandten Völker im nördlichen Polargebiet. Das Wort soll sich nach Auffassung von Ives Goddard (R. H. Ives Goddard, III) an der Smithsonian Institution etymologisch aus dem Cree-Wort aayaskimeew, „Schneeschuhflechter“ (Englisch: snowshoe netters) herleiten.
Die Linguistin José Mailhot aus Québec, die die Sprache Innu-Montagnais beherrschte, veröffentlichte 1978 eine Untersuchung, in der sie das Wort aus dieser Sprache ableitet und mit „Menschen, die eine andere Sprache sprechen“ (Englisch: people who speak a different language) übersetzt. Die frühere linguistische Herleitung aus der Sprache der Anishinabe ashkipok, „Rohfleischesser“ (Englisch: eaters of raw meat) und aus ähnlichen Wörtern verwandter Indianersprachen gilt heute als widerlegt. Diese frühere Worterklärung führte bei den Inuit zur Ablehnung des Wortes „Eskimo“, weil sie „Rohfleischesser“ als abwertend empfanden.Isabelle Auerbach, Kristina Dumas, Veronika Baum, Börni Schulz: Wie lebten Inuit früher? Leben, Glauben und Musik der Eskimos. In: br.de, 2. Februar 2025.
Obwohl ihre Siedlungsgebiete geographisch weiträumig und nicht zusammenhängend sind, zeichnet die zu den Eskimos zählenden Volksgruppen eine einheitliche Kultur und enge Sprachverwandtschaft aus, doch macht die gewöhnlich „Mensch“ bedeutende Eigenbezeichnung auch Unterschiede deutlich. In Südalaska nennen sich die Ureinwohner Yupik, in Nordwestalaska Inupiat, im Mackenziegebiet Inuvialuit, in Nord- und Nordostkanada Inuit und auf Grönland Kalaallit.
Die von Inuit gegründete Nichtregierungsorganisation Inuit Circumpolar Council möchte den Ausdruck Eskimo allgemein durch Inuit ersetzen. Dieses Wort kommt jedoch nicht in allen Eskimosprachen vor und bezeichnet auch nur die kanadischen und grönländischen Volksgruppen, weshalb die Yupik und Iñupiat ihre Eigenbezeichnung verwenden oder sich dem „Volk der Eskimos“ zugehörig fühlen. Auch die in Inuit-Besitz befindliche, international durch den Vertrieb von Inuit-Kunst bekannte Genossenschaft von Kinngait (ehemals Cape Dorset) im Territorium Nunavut nennt sich seit ihrer Gründung West Baffin Eskimo Cooperative (WBEC). Die meisten Personen in Alaska akzeptieren weiterhin die Bezeichnung Eskimo,Lawrence Kaplan: Alaska Native Language Center University of Alaska. möchten jedoch nicht als Inuit bezeichnet werden.Ken Albala (Hrsg.): Food Cultures of the World Encyclopedia, Vol. 1 bis 4, Greenwood, Santa Barbara 2011, ISBN 978-0-313-37626-9, S. 191.
Verbreitung Die Gesamtzahl der eskimoischen Arktisbewohner wird heute auf etwa 160.000 geschätzt. In Grönland leben etwa 50.000, in Kanada etwa 60.000 – davon im Territorium Nunavut etwa 30.000, im übrigen Kanada, vor allem in den Nordwest-Territorien, im Gebiet Nunavik (Nord-Québec) und in Labrador, zusammen ebenfalls etwa 30.000 – und in Alaska etwa 30.000. Weitere 1500 leben in Tschukotka (nordöstliches Sibirien).
Je nach Region führen diese Menschen unterschiedliche Bezeichnungen: Inuit in Nord- und Nordostkanada, Inuit und spezieller Kalaallit auf Grönland, Yupik (auch Yuit) auf der sibirischen Tschuktschen-Halbinsel und auf der St.-Lorenz-Insel vor Alaska, Inupiat in Westalaska, Inuvialuit (auch Inuvialiut) in Nordalaska und Nordwestkanada. Zu den Eskimos gehören überdies die mit den Yupik nahe verwandten Alutiiq (Sugpiaq). In Churchill (Manitoba) befindet sich ein Eskimo-Museum.
Kultur mini|Eskimo bei der Robbenjagd, Graphik von Charles Francis Hall, 1864 Die Eskimos waren traditionell halbsesshafte Jäger und Sammler, die ursprünglich in der Hauptsache von der Jagd auf Meeressäuger, Karibus und Vögel sowie vom Fischfang lebten. Ihre Technologie zeichnete sich durch eine geeignete Anpassung an die Lebensbedingungen an der arktischen Küste aus (Harpune, Iglu-Schneehaus, Kajak und Umiak (Boote) oder Ulu-Wiegemesser).
Die meisten Eskimo-Gruppen waren egalitär (gleichberechtigt) und akephal (herrschaftsfrei) organisiert. Familien bzw. Haushalte schlossen sich im jahreszeitlichen Wechsel (Winter: Jagd auf Meeressäuger, Sommer: Jagd auf Karibus, Sammelzeit) zu unterschiedlich großen Lokalgruppen zusammen. Ansätze einer sozialen Schichtung fanden sich bei den westlichen Eskimo, insbesondere am Pazifik und der Beringstraße. Dort hatte man auch Häuptlinge.Walter Hirschberg (Begr.), Wolfgang Müller (Red.): Wörterbuch der Völkerkunde. Neuausgabe, 2. Auflage, Reimer, Berlin 2005. S. 98.
Noch heute spielt die subsistenzorientierte Jagd bei isolierten Gruppen, die fernab der Kleinstädte wohnen, eine wichtige Rolle. Ansonsten ist die traditionelle Lebensweise und Sozialstruktur eher die Ausnahme, wenngleich es in den teilautonomen Eskimo-Territorien Bestrebungen zur Revitalisierung gibt, um die Armut zu bekämpfen und den entwurzelten Menschen eine neue / alte Perspektive zu bieten.
Die traditionelle Musik der Eskimos ist überwiegend vokal. Die einzigen eigenen Musikinstrumente sind die große Rahmentrommel qila, die früher als Schamanentrommel verwendet wurde, und gelegentlich Rasseln. Mit der qila werden auf Grönland die Trommellieder inngerutit begleitet. Beim ritualisierten „Trommelstreit“ ivertut pisii werfen sich zwei Gegner Schmählieder an den Kopf.Michael Hauser: Traditional Inuit Songs from the Thule Area. Band 1. Museum Tusculanum Press, Njalsgade (Dänemark) 2010, S. 571, ISBN 978-87-635-2589-3. Der Trommeltanz heißt aton.E. Y. Arima: (PDF; 189 kB) In: Arctic, Januar 1974.
Religion Da die Kulturen der Eskimo-Völker einander ähnlich sind, stimmen auch die traditionellen Glaubensvorstellungen weitgehend überein. Dennoch haben die große Isolation der einzelnen Gruppen sowie Einflüsse benachbarter Ethnien bei den nur mündlich überlieferten Religionen zu vielfältigen Spielarten geführt.Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 15. Der ursprüngliche Glaube ohne fremde Einflüsse existiert heute nicht mehr. Die Christianisierung war überall recht durchdringend.Günter Lanczkowski: Eskimo-Religion, erschienen in: Horst Balz et al. (Hrsg.): Theologische Realenzyklopädie, Band 10: „Erasmus – Fakultäten, Theologische“. Walter de Gruyter, Berlin, New York 1982, ISBN 978-3-11-019098-4. S. 363–366. Die letzte „Bastion“ halbwegs traditioneller Vorstellungen findet sich bei einigen hundert älteren ostgrönländischen Schamanisten., :en:Association of Religion Data Archives (ARDA), abgerufen am 26. Juli 2015.Merete Demant Jakobsen: Shamanism: Traditional and Contemporary Approaches to the Mastery of Spirits and Healing. Berghahn Books, New York 1999, ISBN 1-57181-195-8, S. 52, 114 f.
Darüber hinaus sind nur bei wenigen Gruppen in abgelegenen Regionen Nordgrönlands oder Nunavuts noch einzelne Mythen und Rituale lebendig. Dass die alte Glaubenswelt trotzdem auch von jungen Menschen noch als reale Möglichkeit betrachtet wird, beweisen etwa Berichte von Inuit-Studenten über den Respekt vor den Geistern früherer SchamanenPamela R. Stern: Daily Life of the Inuit. ABC-CLIO, 2010, ISBN 978-0-313-36312-2. S. 109–111. – von einer synkretistischen Mischreligion kann allerdings keine Rede sein.Bryan u. Cherry Alexander: Eskimo – Jäger des hohen Nordens. (aus dem Englischen von Susanne Stephan) Belser, Stuttgart, Zürich 1993, ISBN 3-7630-2210-4. S. 6–8, 10–11.Rolf Gilberg: Polar Eskimo, in William C. Sturtevant (Hrsg.): Handbook of North American Indians: Arctic S. 597. In allen anderen Gebieten Alaskas, Kanadas und Westgrönlands existieren nur noch folkloristische Bräuche (Musik und Tanz), Erzählungen aus alten Mythen und vereinzelte „abergläubische“ Vorstellungen.
Traditionelle Vorstellungen mini|hochkant|Eskimo-Schamane aus Alaska um 1900 bei der Vertreibung eines „bösen Geistes“ aus einem kranken Jungen Die ursprüngliche Religion war ausgesprochen animistisch, das heißt, auch alle Tiere, Pflanzen, leblose Dinge und sogar Begriffe galten als mit einer menschenähnlichen Seele ausgestattet. Über einem Heer von kollektiven Geistwesen standen gottähnliche „Gestalten“. Es gab überall ein höchstes (zumeist geschlechtsloses) Wesen, das die Atmosphäre und den gesamten Weltraum erfüllte, mit höchstem Verstand ausgestattet war, und das etwa Sila, Hila oder Sla genannt wurde. Sila strafte Übertretungen der Gesetze durch besonders heftige Unwetter. Die nächsthöchste Gottheit war in der Regel der Mondgott, der ebenfalls Einfluss auf das Wetter hatte, der aber auch für die Fruchtbarkeit der Frauen und den Schutz der Armen und Waisen zuständig war. Zudem war er auch als Herr der Tiere ein Jagdgott, der seine Macht über die Meerestiere allerdings mit der „Meermutter“ teilen musste, die von den Menschen besonders hoch verehrt wurde.
Die im Westen zumeist unter dem Namen Sedna bekannte Göttin galt als allwissende Beobachterin der Menschen. Obwohl die Frauen in den Eskimo-Gesellschaften nur eine geringe Bedeutung in Wirtschaft und Religion hatten, war diese wichtige Gottheit weiblich.Christian F. Feest: Beseelte Welten – Die Religionen der Indianer Nordamerikas. In: Kleine Bibliothek der Religionen, Bd. 9, Herder, Freiburg / Basel / Wien 1998, ISBN 3-451-23849-7. S. 98, 152, 163. Wenn Menschen Tabus übertraten, setzten sich diese als Schmutz in Sednas Haaren fest und machten sie zornig, so dass sie die Tiere vor den Jägern warnte und Hungersnöte auslösen konnte. Eine weitere Göttin war die „Herrin der Sonne“ als Schwester des Mondgottes.
Das überlieferte Weltbild der Eskimovölker ist statisch: Himmel und Erde ruhen seit jeher auf Weltstützen und die Lebenswelt des Menschen besteht ohne Anfang und ohne Veränderung in der heutigen Form. Daher gibt es in den Inuit-Mythen in der Regel keine kosmogonischen Erzählungen.
Oberhalb des Himmels lag nach dem Glauben der kanadischen Inuit die vom Mond regierte Welt, wo es immer genug Nahrung für kürzlich Verstorbene gab, da die Seelen der Jagdtiere dort lebten. Die menschliche Namensseele verließ diesen Übergangsbereich jedoch schnell wieder, um in einem oder meist mehreren Neugeborenen reinkarniert zu werden. Die Seelenvorstellungen sowie das Bild des Jenseits waren darüber hinaus uneinheitlich. Häufig war der Glaube an zwei Paradiese, ein himmlisches und ein unterirdisches, die beide als glückliche „Schlaraffenländer“ gewertet wurden. Der Glaube an eine Art Hölle unter der Erde kam eher selten vor. In diesem Fall entschied das Verhalten zu Lebzeiten über den Aufenthaltsort nach dem Tod.