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Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft, erstmals 1947 im A. Francke AG. Verlag in Bern herausgegeben, ist ein Buch des deutschen Soziologen und Volkswirts Leopold von Wiese. Er erstellte darin unter anderem eine Typologisierung der Ethik und stellt Individual- und Sozialethik gegenüber. Seine Auflösung der damals vorherrschenden Antithese zwischen Einzelmensch und Gemeinschaft ist ideengeschichtlich von Bedeutung.

Konzept Die Ethik rundet eine Reihe von Leopold von Wieses Schriften ab, „die in innerem Zusammenhang stehen“; Siehe auch: dazu gehören: Gedanken über Menschlichkeit (1915) („ein Mahnwort gegen den Annexionstaumel jener Jahre“); Homo sum: Gedanken zu einer zusammenfassenden Anthropologie (1940); die Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Die Ethik stellt in dieser Ordnung die „dritte große Untersuchung“ dar, mit der „er noch tiefer in die Problematik einer anthropologisch, soziologisch begründeten Ethik eindringen“ wollte.

Gemäß Christian Eckert behandelte von Wiese in seiner Ethik die folgenden vier Probleme:Von Wiese stellte sich diese Probleme selbst; in: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 5–6. Die „wichtigste Aufgabe“ sei „die große schwere Frage des widerspruchsvollen Kollektivegoismus, an der die bisherige Ethik meist vorübergegangen war“; von Wiese wollte „die wissenschaftliche Aufgabe im Gebiete der Ethik nicht in der Aufstellung von Prinzipien […] sehen, deren absolute Gültigkeit zu fordern sei“; er wollte „bei jeder an Menschen und ‚Mehrschaften‘ zu stellenden Forderung die Situationen […] berücksichtigen“; gemäß dem „Ziel aller Ethik“ wollte er sich „um die Verminderung des Leides in der Welt […] bemühen“.

Inhalt Allgemeiner Teil Im allgemeinen, aus acht Kapiteln bestehenden Teil widmet er Kapitel: 1) dem Schlagwort „Ethik“; 2) einer „methodologischen Grundlegung“; 3) einer „ideengeschichtlichen Grundlegung“; 4) einer „systematische Grundlegung“; 5) einer „Abgrenzung zu verwandten Schauweisen“; 6) „Grundzüge der Individualethik mit einem Exkurs über pathetische und unpathetische Ethik“; 7) „Grundzügen der Sozialethik“; und 8) „Imperativen“.

„Einleitung wider das spaltende Schlagwort“ Der Gedankengang der Einleitung besteht darin, die „Problemfülle aller Ethik dadurch zu meistern, daß wir sie in Individual- und Sozialethik zerlegen, jede von beiden Spielarten isoliert durchforschen, darauf aber ihr Gemeinsames als das eigentlich Wesentliche herausarbeiten.“Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 23. Die Einleitung sollte „Möglichkeiten des Mißverständnisses, die dem Denk- und Sprachherkommen zuzuschreiben sind“, aus dem Weg räumen, eine Gefahr, die sich besonders bei der „Gegenüberstellung von «Individuum und Gesellschaft»“ zeigt.

„Sein und Sollen im persönlichen und im sozialen Leben“ Untertitel dieses Kapitels ist „methodologische Grundlegung“;Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 25. es handelt hauptsächlich davon, wie sich „Ethik und Soziologie verbinden“ lassenLeopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 40. bzw. ob „die Gesellschaftslehre die eigentliche Grundlage der Ethik sein“ soll und kann.Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 32. Von Wiese konstatiert „eine Teilabhängigkeit der Wissenschaften vom Sollen (B) von den Wissenschaften des Seins (A). Ist aber auch Bereich A vom Bereich B abhängig?“.Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 27. Er entwickelt vier Fragen, die er didaktisch löst:Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 31–32. „Ist es richtig, daß die Lehre von den sittlichen Anforderungen an das Handeln der Menschen im Verkehr miteinander ohne Zusammenhang mit der Wissenschaft von den tatsächlich gelebten sozialen Beziehungen bleiben kann?“Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 31. – Antwort: „Wenn die Lehre vom sittlichen Sollen beim Handeln der Menschen im Verkehr miteinander ohne Zusammenhang mit der Wissenschaft von den tatsächlich gelebten sozialen Beziehungen bleibt, so wird sie des objektiven Wahrheitsgehaltes entbehren. Es führt dazu, daß ihre gewillkürten Forderungen unerfüllt bleiben oder daß, wenn ihre Erfüllung erzwungen wird, Rückschläge, Widersprüche, Verwirrung über kurz oder lang eintreten.“Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 42. „Soll sich die [Soziologie] in eine Lehre vom Sollen wandeln, oder soll sie doch wenigstens ihre Aufgabenstellung von der Ethik ableiten, jedenfalls von ihr beeinflussen lassen?“ Soll „umgekehrt die Pflichtenlehre den Inhalt ihrer Postulate aus der theoretischen Soziologie ableiten, so daß diese zur Grundlage der Ethik wird?“ – Antwort zu 2) und 3): „Worin aber soll der Zusammenhang bestehen? Die empirische Lehre von den Tatsachen des zwischenmenschlichen Lebens kann sich nicht, ohne sich als Forschung des Bereichs A aufzugeben, den Inhalt ihrer Aussagen von der Ethik vorschreiben lassen. Anderseits kann drittens die Ethik ihr Bestes, den Gesinnungsidealismus, nicht zugunsten einer relativierten Forschung aufgeben. Die Soziologie aber sollte sich den Tiefblick der Ethik, ihren Willen zur Vervollkommnung aneignen, um nicht in einer bloßen Mechanik von Bewegungsvorgängen stecken zu bleiben. […]“Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 43. „Wenn Frage zwei und drei verneint werden, so entsteht viertens die Frage nach einem wechselseitigen Einfluß der (verschieden gearteten Bereichen [A und B] angehörenden) beiden Wissenschaften aufeinander und schliesslich fünftens die Frage, ob nicht tieferliegende Teilzusammenhänge bestehen, die man nicht als «Einfluß» bezeichnen kann, deren Ausweis aber zum Verständnis des wesens der beiden Denkgebiete beiträgt.“ – Antwort: „Man wird dem anzuratenden Zusammenhange den Namen der gegenseitigen Beeinflussung geben können. Sie geht (ad 5) über einen bloßen Aufweis von gelegentlichen Analogien und von rein methodologischen Stützungen hinaus. Aber auch diese sind zahlreich und in Einzelfragen wirksam genug. Besonders die nichtmetaphysische, mit dem Begriffe des sozialen Nutzens arbeitende Moralehre gehört mehr zur erklärenden Soziologie als zur idealistischen Ethik.“ Damit schließt das Kapitel.

„Die Geschichte der Ethik in anthropologischer und soziologischer Schauweise“ Untertitel dieses Kapitels ist „ideengeschichtliche Grundlegung“;Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 45. es basiert hauptsächlich auf Ideen von Max Scheler, Nicolai Hartmann, Gustav Ratzenhofer, Friedrich Jodl und Leonard Nelson.

Wie Wilhelm Korff schreibt, machte von Wiese im dritten Kapitel einer „sich als Ethik der gesellschaftlichen Ordnungen darstellenden Sozialethik den Vorwurf, sie sei im Grunde nurmehr eine reflektierende Form von ‚Sozialpolitik‘, die der Ethik die Idee der Gerechtigkeit entnimmt und diese in einem bestimmten, engen Sinne interpretiert.“ Mit Verweis auf:

Von Wiese teilt die „Geschichte der Ethik“ ein in: 1)  „griechisch-römische Antike und das Christentum“; 2) „Entfaltung bis Kant“; 3) „Kant und die Lehre vom kategorischen Imperativ“; 4) „Comte und die Positivisten“; und 5) „die modernen Versuche seit Nietzsche“.Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 50.

„Haupttypen der Ethik“ Untertitel dieses Kapitels ist „systematische Grundlegung“.Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 77. Zur Ethik rechnet von Wiese „alle Sollforderungen […], die sich nicht aus eigenen oder fremden, individuellen oder sozialen Interessen herleiten lassen.“Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 111. Unter „Interesse“ versteht er „die Tendenzen des Handelns […], Vorteil zu erlangen und Nachteil zu vermeiden.“ Er erstellt drei „Paare von Zweiteilungen“: „Liebes- und Pflichtethik“; „Gefühls- und Vernunftsethik“; und „Individual- und Sozialethik“.

Der letzte Teil des KapitelsLeopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 102–109. befasst sich mit Hans M. Sutermeisters in Psychologie und Weltanschauung vertretenen „skeptische[n] Haltung“, die „überhaupt die Sollsphäre, schließlich die Beachtlichkeit des Subjektiven“ leugnet, wo die „Kategorien der Ethik […] überhaupt aufgelöst“ werden: „An die Stelle des Dualismus von Gut und Böse tritt der Gegensatz «harmlos» (sympathisch) und «gefährlich».“Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 103. Von diesem epistemologisch toten Ende aus projektiert Wiese seine notwendige neue Sozialethik.

„Vorfragen zum Problem des Verhältnisses von Individual- und Sozialethik“ Untertitel dieses Kapitels ist „Abgrenzungen zu verwandten Schauweisen“. Während sich Von Wiese im vierten Kapitel eingehender mit den Dichotomien der „Liebes- und Pflichtethik“ bzw. der „Gefühls- und Vernunftsethik“ befasst, geht er in diesem Kapitel tiefer auf die dritte Dichotomie ein. Er legt sich „die Frage vor, ob die Schauweise der Individualethik mit der anthropologischen, die Optik der Sozialethik mit der soziologischen“ übereinstimmt, und gelangte

„Grundzüge der Individualethik mit einem Exkurs über pathetische und unpathetische Ethik“ Dieses sechste Kapitel stellt eine Kritik der Individualethik dar; es befasst sich mit dem „Unterschied von Individual- und Sozialethik“; „pathetischer“ und „unpathetischer“ Ethik; dem „Problem der Exaktheit in der wissenschaftlichen Ethik“; der Frage ob „die Individualethik neben der sozialen [eine] Daseinsberechtigung“ hat; „Ethik und Verlangen nach Glück“; „Ethik und Verlangen nach Freiheit“; und „Zukunftsziele[n] der Individualethik“.Leopold von Wiese: Ethik in der Schauweise der Wissenschaften vom Menschen und von der Gesellschaft. Francke, Bern 1947, S. 175.

„Grundzüge der Sozialethik“