Dialektik bei Marx und Engels ist die Methode der Forschung und der Theoriedarstellung, die Karl Marx und Friedrich Engels aus der kritischen Rezeption der Philosophie Hegels heraus, insbesondere seiner Dialektik, mit der Zielsetzung entwickelt haben, sie auf die zentralen Fragen der Philosophie und der politischen Ökonomie anzuwenden.
Marx und Engels folgten dabei der Kritik Ludwig Feuerbachs an Hegels objektivem Idealismus und grenzten sich von der „Hegelei“ der Junghegelianer ab, wobei sie danach strebten, ihre dialektische Methode auf der Grundlage des Materialismus auszuarbeiten und einzusetzen.„Meine dialektische Methode ist der Grundlage nach von der Hegelschen nicht nur verschieden, sondern ihr direktes Gegenteil. Für Hegel ist der Denkprozeß, den er sogar unter dem Namen Idee in ein selbständiges Subjekt verwandelt, der Demiurg des Wirklichen, das nur seine äußere Erscheinung bildet. Bei mir ist umgekehrt das Ideelle nichts andres als das im Menschenkopf umgesetzte und übersetzte Materielle. Die mystifizierende Seite der Hegelschen Dialektik habe ich vor beinah 30 Jahren, zu einer Zeit kritisiert, wo sie noch Tagesmode war. Aber grade als ich den ersten Band des ‚Kapital‘ ausarbeitete, gefiel sich das verdrießliche, anmaßliche und mittelmäßige Epigonentum, welches jetzt im gebildeten Deutschland das große Wort führt, darin, Hegel zu behandeln, wie der brave Moses Mendelssohn zu Lessings Zeit den Spinoza behandelt hat, nämlich als ‚toten Hund‘. Ich bekannte mich daher offen als Schüler jenes großen Denkers und kokettierte sogar hier und da im Kapitel über die Werttheorie mit der ihm eigentümlichen Ausdrucksweise. Die Mystifikation, welche die Dialektik in Hegels Händen erleidet, verhindert in keiner Weise, daß er ihre allgemeinen Bewegungsformen zuerst in umfassender und bewußter Weise dargestellt hat. Sie steht bei ihm auf dem Kopf. Man muß sie umstülpen, um den rationellen Kern in der mystischen Hülle zu entdecken.“ [Marx: Das Kapital, S. 26. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3335 (vgl. MEW Bd. 23, S. 27–28)]
Die wichtigsten Textstellen hierzu finden sich in Marxens Ökonomisch-philosophischen Manuskripten aus dem Jahre 1844, in der Heiligen Familie, der Deutschen Ideologie, dem Elend der Philosophie sowie in seinem ökonomischen Hauptwerk Das Kapital.
Karl Marx und Friedrich Engels versuchten, die Bewegungsgesetze der gesellschaftlichen Entwicklung zu entdecken und die Selbsterzeugung des stets in Gesellschaft produzierenden Menschen in Auseinandersetzung miteinander und mit der Natur theoretisch darzustellen.„In ihrer mystifizierten Form ward die Dialektik deutsche Mode, weil sie das Bestehende zu verklären schien. In ihrer rationellen Gestalt ist sie dem Bürgertum und seinen doktrinären Wortführern ein Ärgernis und ein Greuel, weil sie in dem positiven Verständnis des Bestehenden zugleich auch das Verständnis seiner Negation, seines notwendigen Untergangs einschließt, jede gewordne Form im Flusse der Bewegung, also auch nach ihrer vergänglichen Seite auffaßt, sich durch nichts imponieren läßt, ihrem Wesen nach kritisch und revolutionär ist. Die widerspruchsvolle Bewegung der kapitalistischen Gesellschaft macht sich dem praktischen Bourgeois am schlagendsten fühlbar in den Wechselfällen des periodischen Zyklus, den die moderne Industrie durchläuft, und deren Gipfelpunkt - die allgemeine Krise. Sie ist wieder im Anmarsch, obgleich noch begriffen in den Vorstadien, und wird durch die Allseitigkeit ihres Schauplatzes, wie die Intensität ihrer Wirkung, selbst den Glückspilzen des neuen heiligen, preußisch-deutschen Reichs Dialektik einpauken.“ [Marx: Das Kapital, S. 27. Digitale Bibliothek Band 11: Marx/Engels, S. 3336 (vgl. MEW Bd. 23, S. 28)] Dazu benutzten sie – auf der Grundlage der Weltanschauung des Historischen Materialismus – die Methode der materialistischen Dialektik, um eine umfassende Kritik der bürgerlichen politischen Ökonomie und der kapitalistischen Gesellschaft einschließlich ihrer geistigen Reflexionen zu produzieren.
Ansatzpunkte dialektischer Vorgehensweise mini|Karl Marx um 1860
Vorläufer und Vorbilder dialektischen Denkens gibt es in der Philosophie seit ihrem Beginn in der Antike. Heraklit behauptete beispielsweise, dass alle Dinge in Bewegung seien: Alles fließe, Sein und Nichtsein seien dasselbe. Geradezu „Meisterwerke der Dialektik“ erblickt Engels in Rameaus Neffe von Denis Diderot sowie in Jean-Jacques Rousseaus Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen.
In der Dialektik von Marx und Engels kann man folgende Ansatzpunkte unterscheiden:
Dialektik Mensch–Natur Die Menschen unterwerfen sich die Natur, eignen sie sich an und entwickeln dabei ihre produktiven Fähigkeiten, ihre sozialen Verhältnisse und ihr Bewusstsein. Kein Gott hat die Welt erschaffen, sondern die natürliche Evolution. Die (werdenden) Menschen verändern durch Veränderung der Umwelt auch sich selbst. Diese Selbsterzeugung und fortschreitende Emanzipation des Menschen von der Natur wird zunehmend bewusster und planmäßiger, kann aber die Bindung an die Natur als die materielle Basis ihres Lebens niemals völlig abschütteln.
Dialektik als Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten Marx spricht von seiner „dialektischen Methode“ als der Darstellungsweise des in der Forschung angeeigneten Stoffes in einem logisch geordneten System von Kategorien. Insbesondere Das Kapital gilt als Ganzes als eine Anwendung der materialistischen Dialektik, vergleichbar mit Hegels Wissenschaft der Logik. Dabei ist das Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten zwar ein wichtiger, aber spezieller Aspekt dieser Methode, die außerdem noch Prinzipien wie die Einheit von Logischem und Historischem, von Analyse und Synthese und von Empirischem und Theoretischem auf materialistischer Basis realisiert.
Dialektik als Vermittlung von Logik und Geschichte Etwa bei der Darstellung, wie sich aus Ware und Geld das Kapital-Verhältnis entwickelt, kann beobachtet werden, wie Marx die Herausbildung des Kapital-Verhältnisses mit Hilfe einer logischen Ableitung aus der Zirkulation von Ware und Geld heraus erklärt. Die Auffassung, dass Marx’ Analyse der Wertformen ebenfalls eine logisch-verkürzte Darstellung der historischen Entwicklung des Geldes aus dem Warentausch sein soll, ist unter Marxisten heftig umstrittenMichael Heinrich bestreitet die historische Interpretation u. a. mit folgenden Argumenten (zitiert wird aus seinem Buch Die Wissenschaft vom Wert. Münster 2003): „Es besitzen weder die einzelnen Kategorien noch die kategorialen Übergänge unmittelbare empirische Referenten. In der bürgerlichen Gesellschaft existiert weder die nicht preisbestimmte Ware, mit der die Darstellung im Kapital beginnt, noch ein Übergang von der Ware zum Geld.“ (S.175) „Marx untersucht nicht zunächst eine Warenwirtschaft ohne Geld und anschließende eine mit Geld, er versucht vielmehr den notwendigen Zusammenhang von Ware und Geld zu erfassen.“ (S.176) „Die Darstellung des historischen Prozesses der Herausbildung dieses Ganzen liegt außerhalb der dialektischen Entwicklung der Kategorien.“ (S.177) , obwohl Marx diesen Anspruch für sich reklamiert: Karl Marx: Das Kapital. Erster Band. In: MEW Bd.23, S. 62. Marx konnte auf das von Hegel entwickelte Prinzip der Einheit von Logischem und Historischem nicht verzichten, weil er im Unterschied zur gesamten klassischen Ökonomie besonderen Wert auf die Einsicht legte, dass der Gegenstand dieser Wissenschaft kein ewiger, sondern ein sich historisch entwickelnder Gegenstand ist.Vgl. Georg Quaas: Dialektik als philosophische Theorie und Methode des ‚Kapital‘. Frankfurt a. M. 1992, S. 126
Dialektik der Natur mini|Friedrich Engels um 1856 Engels hat versucht, die materialistische Dialektik auch im Bereich der Naturwissenschaften bzw. der Theorie der Bewegung der Materie anzuwenden.
Dialektik Mensch–Natur Anders als bei Hegel, der vom Weltgeist als Schöpfer der Welt ausgeht (Idee) und dessen Dialektik Ausdruck des Idealismus ist (Begriff > Negation > Negation der Negation), bezieht sich Marx auf die reale Welt mit realen Menschen. Dieses Verhältnis „Natur ↔ Mensch als Teil der Natur“ ist für Marx die Grundlage seiner „dialektischen Methode“.Wie Dieter Henrich nachzuweisen versucht, geht Marx als ein wahrhafter Schüler Hegels konsequent über dessen Philosophie hinaus, bleibt aber gleichwohl in bestimmten Voraussetzungen derselben gefangen. Vgl. dazu Dieter Henrich: Karl Marx als Schüler Hegels. In: ders.: Hegel im Kontext. Suhrkamp Frankfurt am Main 1971 (es 510). Das Verhältnis „Natur ↔ Mensch“ ist ein praktisch-tätiges, materielle Gegenstände veränderndes Verhältnis. Indem der Mensch – geprägt durch seine Umwelt – dieses Sein (Umwelt) bewusst verändert, verändert er sich selbst, auch materiell, d. h. nicht nur sein Bewusstsein. Die bisherige Entwicklung der Welt, das ist immer nur die menschliche Welt, die dem Menschen bekannt ist, kennzeichnet eine aufsteigende Tendenz vom Einfachen zum Komplexen. Diese evolutionäre Tendenz hat bei Marx und Engels jedoch keinen teleologischen Charakter. In der Natur wirkt kein Zweck auf ein Endziel hin oder etwa ein Mechanismus zu höherer Qualität. Für Marx und Engels ist die Natur, die Welt real vorhanden. Doch für den Menschen ist sie nichts, solange sie nicht durch gesellschaftliche Arbeit angeeignet werden kann. Der Zeitpunkt der Menschwerdung wird – mit Benjamin Franklin – als jener angenommen, als der Mensch als „Werkzeug herstellendes Tier“ (toolmaking animal) erschien. Die Arbeitskraft des Menschen ist damit zur Äußerung einer Naturkraft geworden, durch die die planvolle Veränderung der Natur begonnen habe (wenn auch zuerst nur im engen örtlichen Umfang). Im Gegensatz zum Beispiel zur Biene, die die Wabe instinktiv errichtet, baut der Mensch erst im Kopf, was er produzieren will. Der Mensch wird gegenüber der Natur als dem Objekt zum tätigen Subjekt. Und die Dialektik ist also von der Grundlage her eine von Bestandteilen der Natur, ist die wechselseitige Durchdringung zweier Momente, der menschlichen Natur (Objekt) und des natürlichen Menschen (Subjekt).
Im Rahmen der gesellschaftlichen Produktion (innerhalb der Tendenzen ihrer jeweils konkreten Bedingungen) erweiterten sich die Möglichkeiten der Naturbeherrschung und der gesellschaftlichen Gestaltung, solange die ökonomischen Grundlagen (die ökonomische Basis) mit den von ihr geprägten politischen und kulturellen Bedingungen (dem Überbau) immer wieder in weitgehende Übereinstimmung gebracht werden könne. Zur ökonomischen gesellschaftlichen Basis gehören dabei wiederum auch Politik und Kultur (Überbau) als dialektische Momente.
In diesem Prozess verringere sich die Naturwüchsigkeit des Menschen, er emanzipiere sich von Naturzwängen und produziere eine „zweite Natur“ des Menschen; das ist die bearbeitete Natur, in der die Freiheitsgrade zur planvollen Gestaltung des menschlichen Lebens wachsen. Aus der unorganischen Welt entstehe immer mehr die organische Natur des Menschen. Innerhalb der Zwänge der jeweiligen menschlichen Natur entwickle sich durch die gesellschaftliche Praxis eine menschliche Geschichte, deren „Tendenzen“ nicht mit den Gesetzen der (außermenschlichen) Natur gleichzusetzen seien.
Dialektik als die Methode des Aufsteigens vom Abstrakten zum Konkreten