Der Begriff Siebenbürger Teppiche beschreibt zusammenfassend ein weltweit einzigartiges Kulturerbe in Siebenbürgen im heutigen Rumänien. In etwa 60 Kirchen der siebenbürgisch-sächsischen evangelisch-lutherischen und in etwa 50 reformierten Kirchen des ungarischen Bevölkerungsteils blieben insgesamt mehr als 600 anatolische Knüpfteppiche des späten 15. bis 17. Jahrhunderts zum Teil nahezu unversehrt erhalten.
mini|„Siebenbürger“ Teppiche vom „Lotto-“ und „Vogel“-Typ in der Ev.-Luth. Schäßburger Klosterkirche, Rumänien. Nordwand des Hauptschiffs.
Hintergrund mini|„Lotto“-Teppiche in der Kirchenburg von Honigberg. Der linke Teppich ist etwa auf der Hälfte seiner ursprünglichen Länge durchgeschnitten, Abnutzungsspuren an ähnlicher Stelle beim rechten deuten auf seine frühere Nutzung auf der Kirchenbank hin. Drei Bedingungen werden für die Ansammlung „Siebenbürger Teppiche“ in der Region verantwortlich gemacht, die in solcher Menge außerhalb Anatoliens nirgendwo erhalten geblieben sind: Die geografische Lage Siebenbürgens zwischen dem Königreich Ungarn, später der Habsburgermonarchie, und dem Osmanischen Reich führte dazu, dass Siebenbürgische Städte wie Kronstadt, Hermannstadt, Bistritz und Mediasch günstig auf einer großen Handelsroute zu liegen kamen, die von Süden nach Norden über Damaskus, Bursa, Akkerman nach Lwów und von Siebenbürgen aus weiter nach Westen verlief. Ab den 1520er Jahren nahm der Handel Westeuropas mit der Levante und, über das Schwarze Meer, mit dem Osmanischen Reich deutlich zu. Schon im 14. Jahrhundert besaßen Siebenbürger Städte Steuer- und Handelsprivilegien wie Zoll- und Stapelrechte. Geknüpfte Teppiche gelangten als leicht transportable Luxusgüter von hohem Wert in großer Zahl in die Siebenbürger Handelsstädte, wo sie entweder verzollt und weitertransportiert wurden, oder dort verblieben. Die Siebenbürger „Kirchenteppiche“ wurde erst Ende des 19. Jahrhunderts auf Anregung des Wiener Kunsthistorikers Alois Riegl wiederentdeckt. Dass die Teppiche darüber hinaus auch einen erheblichen materiellen Wert besaßen, wurde den Gemeinden erst bewusst, als Händler von außerhalb versuchten, Teppiche aufzukaufen. Wie ihre zahlreichen Abbildungen auf Renaissancegemälden belegen, hatten orientalische Teppiche seit dem 13. Jahrhundert auch in westeuropäischen Kirchen als kostbarer Schmuck gedient. Vor allem in Italien waren antike Teppiche in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus den Kirchen entfernt worden. Kunsthistoriker wie Wilhelm von Bode konnten so bedeutende Stücke günstig erwerben. Die „Siebenbürger Teppiche“ waren daher schlichtweg so lange vergessen geblieben, bis ihr kunsthistorischer und materieller Wert erkannt worden war.
Teppichtypen Unter den in Siebenbürgen erhaltenen Teppichen finden sich solche mit klassischen anatolischen Mustern wie „Holbein“-, „Lotto“, und die sogenannten „weißgrundigen“ oder „Selendi“-Teppiche. Der Begriff „Siebenbürger Teppiche“ beschreibt speziell drei verschiedene Arten von Teppichen.
Einzelnischen-Teppiche
Teppiche mit Gebetsteppich-Muster sind charakterisiert durch eine einzelne meist ockerfarbene, vereinzelt auch rotgrundige Nische, weiße Zwickel mit einem wellenförmigen, kurvilinearen Stiel, welcher verschiedene Blüten und Blütenknospen trägt, sowie ockergelbe Bordüren mit kurvilinearen Mustern. Meist ist das Feld leer, ohne zusätzliche Ornamente, ausgenommen kleine florale Ornamente nah am Rand oder anstelle einer Moscheelampe in der Nischenspitze. Die Nischenspitze weist Mustertypen auf, die auch aus osmanischen Gebetsteppichen in Anatolien bekannt sind: Das „Kopf-und-Schulter“-Muster unter Betonung der höchsten Bogenspitze, mit gezahnten oder gestuften Umrisslinien. Die Ähnlichkeit der Muster mit anatolischen Vergleichsstücken erlaubt ihre Zuordnung zu bestimmten anatolischen Herstellungsorten wie Miles oder Gördes. Das Muster ist den Gebetsteppichen der osmanischen Hofmanufakturen der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ähnlich. Ein Teppich dieses Typs ist in Pieter de Hoochs Gemälde Porträt einer musizierenden Familie von 1663 dargestellt.
Eine kleine Gruppe von Teppichen mit bemerkenswert ähnlichen Gebetsteppich-Mustern ähnelt stark dem Doppelnischen-Typ mit Vasenmotiv, nur dass sie nur eine Nische aufweist. Das Dekor des Feldes, das Nischenprofil, die Mustergestaltung der Zwickel und Bordüren unterscheiden sie von anderen erhaltenen Teppichen mit Gebetsteppichmuster.
Doppelnischen-Teppiche mini|Doppelnischen-Teppich aus einer Kirche im Kreis Kronstadt, Siebenbürgen, Rumänien mini|Einzelnischen-Teppich mit zwei Säulen. Brukenthal-Museum, Hermannstadt.
Etwa einhundert Teppiche mit doppelter Nische sind in Siebenbürgen erhalten geblieben. Gewöhnlich sind sie von kleinem Format. Ihre Bordüren sind mit länglichen, eckigen Kartuschen gestaltet, die stilisierte, wechselnd gegeneinander gesetzte pflanzliche Motive umschließen. Gelegentlich wechseln kürzere, sternförmige Rosetten oder Kartuschen mit den länglichen Kartuschen ab. Erstmals treten Teppiche mit solchen Bordüren im frühen 17. Jahrhundert in niederländischen Gemälden auf. Das Porträt des Abraham Graphaeus von Cornelis de Vos (1620), Thomas de Keysers Porträt eines Mannes (1626) sowie das Porträt des Constantijn Huyghens und seines Sekretärs (1627) zählen zu den ältesten westeuropäischen Gemälden, die Siebenbürger Teppiche mit Doppelnischen abbilden. In Siebenbürger Dokumenten werden solche Teppiche erstmals um 1620 erwähnt. Die ältesten erhaltenen Teppiche mit Datumsinschriften stammen aus den Jahren zwischen 1661 und 1675.
Unter den Doppelnischen-Teppichen weist eine kleinere Gruppe eine Nische oder Bogenform an beiden Enden auf, die aus zwei getrennten Eckmedaillons zusammengesetzt ist. Diese sind mit ineinander verflochtenen Arabesken verziert, die der Mustergestaltung von Uşak-Teppichen mit Doppelnische ähnlich sehen, nur dass ihr Muster etwas steifer wirkt. Die Mehrzahl der Siebenbürger Doppelnischen-Teppiche ist jedoch durch stärker stilisierte Eckstücke gekennzeichnet, die eher als Zwickel einer Nische angesehen werden können, da die beiden Eckornamente ineinander verschmolzen erscheinen. Im Zentrum dieser Zwickel ist oft eine größere Rosette eingeknüpft, der verbleibende Raum ist mit recht groben Ornamenten ausgefüllt. Ihr Feld weist manchmal zwei Vasenpaare mit wellenförmigen Motiven in gegensätzlichen Farben auf. Ihr Feld ist mit kleinen floralen Ornamenten dekoriert, die bei älteren Stücken fein und kurvilinear ausgearbeitet sind, in späteren Exemplaren jedoch eher steif und schablonenhaft gestaltet. Die Muster sind immer symmetrisch um die vertikale Achse angeordnet. In Siebenbürger Doppelnischenteppichen mit einem Mittelmedaillon weist dieses manchmal große Ähnlichkeit mit den Medaillons von Uşak-Teppichen auf. In anderen, wahrscheinlich jüngeren Teppichen ist das Feldmuster zu Medaillons aus konzentrisch angeordneten Rautenformen und Reihen achtblättriger Blüten verdichtet. Letztere sind durch Stiele mit gekurvten Blättern verbunden. Mittelmedaillons dieses Typs weisen oft ein zentrales, kreuzförmiges Element auf. Die Grundfarbe des Feldes ist Gelb, Rot, oder Dunkelblau.
Die Beobachtung, dass im Feld Eckmuster in zwei unterschiedlichen Gestaltungen auftreten, bedeutet nicht notwendig, dass sich ein Typ aus dem anderen entwickelt haben muss. Es wird diskutiert, dass das Doppelnischen-Muster durch symmetrische Spiegelung entlang der zentralen horizontalen Achse aus dem Einzelnischenmuster entstanden sein könnte: In einigen Doppelnischen-Teppichen, beispielsweise einem Teppich aus der Mitte des 17. Jahrhunderts in der Sammlung der Schwarzen Kirche (Inv. 257), ist eine Nische reicher ausgeführt und ornamentiert als die andere. Ihre Spitze ist durch ein „Kopf-und-Schulter“-Muster akzentuiert, das keine Entsprechung in der gegenüberliegenden Nische findet. In manchen Exemplaren ist das direktionale Muster noch durch Einfügen eines Querpaneels betont.
Säulenteppiche Säulenteppiche sind durch Säulenmotive gekennzeichnet, die ein architektonisches Element tragen, meist einen oder mehrere Bögen. In jüngeren Exemplaren durchlaufen die architektonischen Muster einen Stilisierungsprozess und nehmen die Gestalt dekorativer Elemente wie florale Bänder oder gerollter Ornamente an. Dieser Prozess ist gut in der Musterentwicklung von Teppichen der osmanischen Hofmanufakturen nachzuweisen, welche im Zuge ihrer Übernahme in das Musterrepertoire der ländlichen oder nomadischen Teppiche eine vergleichbare Entwicklung vollzogen haben. Die Siebenbürger Säulenteppiche ähneln denen aus anatolischen Knüpfzentren wie Gördes, Kula, Ladik und Karapinar. Die Bogenzwickel von Säulenteppichen mit einer aus einem einzelnen Bogen bestehenden Nische sind häufig mit gestielten Blütenmustern auf elfenbeinfarbenem Grund verziert. Der Bogen selbst ist rund oder gezahnt. Es sind auch Stücke mit mehr als zwei Säulen bekannt. Üblicherweise sind die Plinthen sorgfältig gezeichnet. Das Feld ist in Rot oder Ocker gehalten und die Bordüren weisen Blumenmuster auf.
Geschichtlicher und kultureller Kontext Rolle Siebenbürgens im Fernhandel mit dem Osmanischen Reich Trotz politischer Rivalitäten bestanden seit etwa 1400 enge Handelsbeziehungen zwischen dem Osmanischen Reich und dem östlichen Mitteleuropa und Süddeutschland. Die ungarischen Könige Ludwig von Anjou und Sigismund hatten Mitte des 14. Jahrhunderts Handelsabkommen mit der Republik Genua geschlossen. Dieses erlaubte ihnen, Güter aus Pera auf dem Weg über das Schwarze Meer und die Donauhäfen schneller und günstiger zu erwerben als es ihrem bedeutendsten Konkurrenten im Levantehandel, der Republik Venedig, möglich war. Die osmanische Eroberung der Walachei und des nördlichen Bulgariens 1393 hatte daher erhebliche wirtschaftliche Folgen sowohl für das Königreich Ungarn als auch für das Osmanische Reich. Als 1429 der Friede wiederhergestellt war, sorgte der walachische Woiwode Dan II. umgehend dafür, dass die Kronstädter Händler ihre Tätigkeit wieder aufnehmen konnten. Ab der Mitte des 15. Jahrhunderts hielten sich osmanische Kaufleute, in den Kronstädter Dokumenten meist saracenos genannt, in großer Zahl in den Donauhäfen auf.
Handelsware gelangte über die sogenannte „Bursa-Kronstadt-Route“ zu Schiff über das Schwarze Meer und die Donau zu den Umschlaghäfen von Brăila (das erstmals 1368 in einem Handelsprivileg für Kronstädter Kaufleute urkundlich erwähnt wurde),, abgerufen am 2. Januar 2018 (rumänisch). Silistra, Rusçuk, Nikopolis, Widin (wo die Kronstädter erstmals während der Regierungszeit Zar Iwan Strazimirs Handelsprivilegien erhalten hatten) oder Smederevo. Walachische oder siebenbürgische Händler brachten die Waren weiter über die Karpaten nach Kronstadt und darüber hinaus. Die siebenbürgische Stadt entwickelte sich im 15. Jahrhundert zu einem bedeutenden Umschlagplatz im Orienthandel. Schon gegen Ende des 15. Jahrhunderts wurde dort der zu verzollende Wert der Handelswaren nicht nur in venezianischen Florin, sondern auch in osmanischen Akçe registriert, was die Bedeutung des Fernhandels mit Anatolien für die siebenbürgische Wirtschaft deutlich macht. Importgüter aus dem Osmanischen Reich wie beispielsweise Pfeffer oder Seide wurden unter Angabe ihrer osmanischen Gewichte registriert. Zwei bedeutende Handelsrouten mit dem Osten kreuzten sich im 16. Jahrhundert in Siebenbürgen: Die Route von Venedig nach Wien und Krakau sowie die Überlandroute durch den Balkan.
mini|Blick ins Mittelschiff der Schwarzen Kirche in Kronstadt. mini|Robert Feke, Familienporträt des Isaac Royall. Boston, 1741
+ Wert der in Kronstadt verzollten Handelsgüter in Florin, 1484–1600 Jahr insgesamt Export- und Transitgüter Transitgüter aus dem Osten 1484–85 65.000 – – 1503 167.000 60.000 85.000 1515 100.0000 – – 1542 80.000 23.000 41.000 1550 70.000 19.000 20.000 1554 82.000 23.000 32.000 1600 60.000 – –