Das Gespensterschloss (, ) ist eine Oper in vier Akten von Stanisław Moniuszko mit einem Libretto von Jan Chęciński. Sie gilt als das beste Werk Moniuszkos und als polnischste aller polnischen Opern.
Handlung mini|hochkant=1.3|Das Herrenhaus von Kalinowa im Original; es lieferte mit seinen Familiengeschichten 1865 die Vorlage für den Opernstoff und ist bei den Polen bis heute Inbegriff des Gespensterschlosses
Erster Akt Silvestertag im Ritterlager nahe dem Herrenhaus von Kalinowa
Die Söhne des verstorbenen Mundschenks von Kalinowa, Stefan und Zbigniew, legen als Husarenritter vor ihren Waffengefährten das Gelübde ab, Junggesellen zu bleiben, damit sie nicht durch Gedanken an Frau und Kinder abgelenkt werden, wenn das Vaterland zu den Fahnen ruft (Chor und Duett). Sie verabschieden sich und gehen heim.
Auf Stefans und Zbigniews Gutshof
Bauernmädchen erwarten sie zu Hause. Stefan und Zbigniew erscheinen mit ihrem treuen Kammerdiener Maciej und begrüßen das väterliche Haus (Terzett). Die Truchsessin, ihre Tante, fährt mit einer Kalesche vor und eröffnet ihnen ihre Heiratspläne, findet bei denen aber kein Gehör (Terzett). Die erzählen ihr von ihrem abgelegten Gelübde und ihrem Plan, die Schuldforderungen einzutreiben. Die Truchsessin erschrickt, als sie hört, dass die beiden damit ausgerechnet beim Marschall von Kalinowa beginnen wollen: Dessen Haus ist nämlich bekannt als „Gespensterschloss“ – als Schloss, das mit einem Fluch und Gespenstern belastet ist. Stefan und Zbigniew lassen sich davon jedoch nicht beeindrucken und brechen auf nach Kalinowa (Finale).
Zweiter Akt Silvesterabend im Großen Saal des Herrenhauses Kalinowa
Hanna und Jadwiga, die Töchter des Marschalls, und andere Mädchen vertreiben sich am offenen Kamin mit Singen ihre Langeweile, während sie an ihren Webstühlen weiterarbeiten. Hanna fordert Jadwiga auf, fürs neue Jahr das Wahrsagen vorzubereiten (Frauenchor und Dumka).
Zu den Klängen eines Menuetts tritt der Jurist Damazy hinzu. Er trägt keine altpolnische Tracht, sondern zeigt französische Lebensart. Auf der Suche nach einer wohlhabenden Frau hält er Hand an um eine der beiden Schwestern (Duett). Doch die Kerze zur Deutung der Zukunft Hannas und Jadwigas verformt sich zu Helm und Visier. Beide Mädchen und ihr Vater, der Marschall, freuen sich über diese Prophezeiung, Damazy weniger (Quartett). Der Marschall beschreibt Damazy seine Wunschvorstellung eines Schwiegersohns und zeichnet damit das ideale Bild eines polnischen Bürgers (Adligen):Der Marschall erinnert hier an den polnischen Adel und die Adelskultur bis zu den polnischen Teilungen 1772. Nur durch Vererbung, eine heldenhafte Tat auf dem Schlachtfeld (Nobilitierung) und die Aufnahme ausländischer Adliger in einen polnischen Stamm (Indigenat) wurde ein Mensch zum polnischen Adligen, d. h. zum polnischen Bürger. Bauern, die Stadtbewohner, wie Deutsche und Juden sowie andere Gruppierungen hatten keine Bürgerrechte und waren somit auch im nationalen Verständnis keine Polen. Der Bauer auf polnischem Boden sprach zwar die sclavonische Sprache und war vielleicht auch ein Slawe, aber mit Sicherheit kein Pole. Vgl. Christian Bruno Klobuczynski: Der polnische Adel und die Adelskultur bis zu den polnischen Teilungen 1772. GRIN Verlag, 2000, ISBN 3-638-65133-9, S. 25. ein Mensch von Tugend muss er sein; Mut, Aufrichtigkeit und Gottesfurcht im Katholizismus kennzeichnen ihn, Patriotismus sowie eine edle Haltung, durch die er Familientraditionen in Ehren hält (Polonaise-Arie).
Ausgerechnet jetzt fährt die Truchsessin am Herrenhaus vor, berichtet dem Marschall vom Gelübde ihrer beiden Neffen und behauptet, sie seien sehr feige und abergläubisch, schreckten schon beim Erwähnen des Gespensterschlosses zurück.
Der Beschließer Skołuba betritt das Zimmer, später überraschend auch Stefan und Zbigniew. Der Marschall lädt alle zum Gastmahl ein, seine beiden Töchter glauben nun aber nicht mehr, dass die beiden Söhne des Mundschenks Junggesellen bleiben wollen (da sie das Schloss betreten haben). Damazy baut darauf, seine Rivalen mit den Gespenstern des Schlosses in Schach halten zu können, und flüstert Skołuba etwas ins Ohr, was der mit heftigem Beifall quittiert (Finale).
Dritter Akt Silvesternacht im Schlossturm des Herrenhauses Kalinowa
Der Beschließer Skołuba hat Stefan, Zbigniew und Maciej ein Nachtlager im Schlossturm eingerichtet, erzählt nun von seltsamen Erscheinungen, die hier auf Fremde warten. Maciej bekommt es mit der Angst zu tun (Arie). Hanna und Jadwiga haben sich beide im selben Raum hinter den Gemälden ihrer Urgroßmütter versteckt. Sie beobachten, wie Maciej in jedem Gegenstand ein Gespenst sieht und wie Stefan und Zbigniew ihn zu beruhigen versuchen. Zbigniew geht mit Maciej in die Kammer nebenan. Stefan nebenan allein beginnt in der mondhellen Nacht zu träumen: Die Gespenster, die hier angeblich ihr Unwesen treiben, deutet er als die Augen der schönen Hanna. Er erinnert sich seines Gelübdes.
Die Uhr schlägt Mitternacht und ein Glockenspiel der Standuhr ertönt überraschend wie eine Polonaise von Michał Kleofas Ogiński, wie dessen Abschied vom Vaterland. Dieses Lied hatte sein Vater immer angestimmt, als er seine Kinder daran gewöhnte, mit dem Säbel umzugehen. Seit dem Tod der Mutter wurde das Lied aber nicht mehr gesungen (Arie mit Glockenspiel).
Doch auch Zbigniew nebenan in der Kammer findet keinen Schlaf. So begegnen sich beide Brüder nach Mitternacht und gestehen sich ein, dass sie verliebt sind: Stefan in Hanna und Zbigniew in Jadwiga. Die Mädels schließen sich in ihrem Versteck der Junggesellen Träumereien an und verlassen heimlich den Raum (Duett und Quartett).
Was alle nicht wissen ist, dass auch Damazy sich im selben Zimmer in der Standuhr versteckt hat und beschließt, den beiden Junggesellen einen Streich zu spielen. Doch er rechnet nicht mit Maciej, der ihn auffliegen lässt. Damazy muss die ganze Situation erklären, da er von ihm nicht verprügelt werden will. Damazy berichtet, dass das Herrenhaus von Kalinowa einst aufgrund einer „Belohnung für schandbare Dienste“ errichtet werden konnte, also mit Geld für Verrat am polnischen Vaterlande. Stefan und Zbigniew sind bestürzt, fürchten, der Fluch könne sich nun auf sie übertragen und beschließen abzureisen (Finale).
Vierter Akt Neujahrstag mit Festmusik und einem Faschingszug auf Schlitten
Hanna sieht keinen Widerspruch zwischen dem Ehestand und der Pflicht gegenüber dem Vaterland und ist jetzt, da sie von Stefans und Zbigniews Junggesellengelübde weiß, total unglücklich (Arie). Hocherfreut kommt Damazy dazu und berichtet Hanna die Abreise der beiden Husarenritter aus Furcht vor den Gespenstern. Hanna ist tief enttäuscht.
Der Marschall, zornig über die Streiche der vergangenen Silvesternacht, sucht nach den Tätern. Damazy hält es deshalb für klüger, wieder schnell zu verschwinden und erst wiederzukommen, wenn die Rivalen weg sind, damit er dann selbst seine Hochzeit vorbereiten kann. Der Marschall trifft auf die abreisenden Brüder Stefan und Zbigniew und befragt sie nach dem Grund ihrer plötzlichen Abreise. Sie schweigen, zugleich meldet Maciej, dass die Kutsche zur Abfahrt bereit sei. Der Marschall wird zornig, beginnt ihnen Vorhaltungen zu machen wegen ihrer offensichtlichen Feigheit. Da verrät Maciej die Erklärungen Damazys. Der Marschall, über die Verunglimpfung seines Hauses empört, befiehlt Damazy holen zu lassen, erhält aber von Skołuba nur die Meldung über dessen Abreise.
Von fern hört man das Läuten von Glöckchen, dann sieht man einen Schlitten mit dem verkleideten Damazy vorfahren. Nach einem Krakowiak und einer Mazurka erkennt ihn der Marschall und fordert eine Erklärung, warum Damazy sein Haus als „Gespensterschloss“ verleumde. Der gibt den wahren Grund zu. Als der Marschall ihm mitteilt, die beiden Männer hätten doch ohnehin keine Heiratsabsichten, beginnt Damazy selbst seine Werbung; Stefan aber warnt ihn, um die Hand Hannas anzuhalten, ebenso Zbigniew, als er sich um Jadwiga bewirbt. Stefan und Zbigniew wird jetzt klar, wie unsinnig ihr Junggesellengelübde war.
Der Marschall will seine Zustimmung zur Vermählung geben, fordert aber alle zuvor auf, die wahre Geschichte des Gespensterschlosses anzuhören. Er erzählt: „Vor 100 Jahren hatte sein Großvater neun Töchter. Jedes dieser Mädchen hat einen Ehemann gefunden. Aber wenn hier rauschende Hochzeiten gefeiert wurden, alterten hoffnungslos alle heiratsfähigen Jungfrauen im Umkreis, weshalb die Mütter und Tanten aus der Umgebung das Herrenhaus Gespensterschloss nannten.“ Als Stefan und Zbigniew ihre Mädchen in die Arme schließen, kommt ihre Tante, die Truchsessin. An ihr rächen sich jetzt Hanna und Jadwiga, indem sie die Melodie des Junggesellengelübdes anstimmen (Finale).
Gestaltung Musik Die Orchesterbesetzung der Oper entspricht im Wesentlichen dem Sinfonieorchester des 19. Jahrhunderts:Straszny dwór. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 4: Werke. Massine – Piccinni. Piper, München/Zürich 1991, ISBN 3-492-02414-9, S. 223. Holzbläser: zwei Flöten (2. auch Piccoloflöte), zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte / Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Tuba / Pauken, Schlagzeug: Große Trommel, Becken, Tamburin, Triangel / Streicher / auf der Theaterbühne: Flöte, Harfe, Klarinette, Harmonium, Glockenspiel.
Das Werk verbindet wunderbar die polnischen und die kosmopolitischen Züge mit der Musik, die direkt der Komik und dem Pathos des in der Umgangssprache verfassten Librettos von Jan Chęciński entspricht. Cesar Cui, ehemals Schüler Moniuszkos, beschrieb dessen Stil in einem Nachruf als „von slawischer Klangwahl durchflutet und dem polnischen und ukrainischen Lied am nächsten liegend“. An einigen Stellen kann man auch französische, für Auber typische Züge der rhythmischen und harmonischen Pikanterie merken, italienische Motive von zweifelhafter Qualität findet man aber sehr selten. Zu den zauberhaftesten Momenten zählen diejenigen, in denen die polnische Strömung hervorgebracht wird – das feierliche Finale mit der vom Chor gesungenen Krakowiak und der Orchester-Mazurka wirkt erfrischend. Es wäre daher ein Fehler, den slawischen Charakter dieser Oper zum Vorteil des „Italianismus“ abzulehnen nur deswegen, dass eine ihrer Stärken der Rossinis würdige vokalische Lyrismus bildet. Die Arie der Hanna im 4. Akt, eine Koloraturarie mit einem beeindruckenden Obligato in der Geigenpartie, verdankt viel den italienischen Mustern; die zauberhaften „symphonischen Glockenspiele“, die im Kernpunkt der Handlung ertönen, verbinden das Beste beider Welten – delikat und lyrisch erinnern sie an die uralte Polonaise.
Diese musikalischen Kontraste entsprechen sehr wohl der Haltung, die im Leben der verschiedenen Schichten der polnischen Gesellschaft zum Ausdruck kommt und auch der Oper, die gleichwohl die alte Adelsrepublik Polen-Litauen abbildet. Möglicherweise trägt auch diese Vision der verlorenen Heimat dazu bei, dass Moniuszko im neubefreiten Polen so beliebt wurde. Seine Musik findet gleichwohl in ihrer lebendigen Charakteristik allgemeinen Zuspruch.
Libretto Das in der polnischen Umgangssprache verfasste Libretto spricht durch und durch die Sprache der Polen um 1865: Die niederdrückende Realität, dass die eigene Nation seit 70 Jahren von der Landkarte Europas verschwunden und der Begriff „Polen“ eher ein Idealbegriff statt eine politische Tatsache war (s. Teilungen Polens), diese Realität führte dazu, dass nationale Identität nur in künstlerischen Ideen Ausdruck fand. Deshalb war die polnische Nationaloper mehr als in jedem anderen Land nicht nur Spiegel der politischen Ereignisse, sie ersetzte sie sogar.