Das Gefängnis Diyarbakır (, kurdisch Zîndana Amedê) ist ein türkisches Gefängnis in der südostanatolischen Stadt Diyarbakır. Die britische Tageszeitung The Times zählte das Gefängnis zu den „zehn berüchtigtsten Gefängnissen der Welt“. Durch die brutalen Foltermethoden erhielt das Gefängnis den Namen „Die Hölle von Diyarbakir“ (tr: Diyarbakır cehennemi) oder „Hölle Nr. 5“.Mehdi Zana: Hölle Nr. 5. Tagebuch aus einem türkischen Gefängnis. Die Werkstatt, Göttingen 1997, ISBN 3-89533-209-7. Die Zahl 5 bezeichnet dabei, dass es sich um das fünfte Gefängnis in Diyarbakir handelt.

Das Gefängnis wurde 1980 vom türkischen Justizministerium gebaut und am 12. September 1980, am Tag des Militärputsches in der Türkei, der militärischen Verwaltung übergeben und zu einem Militärgefängnis im Kriegsrecht () umgewandelt. Am 8. Mai 1988 wurde die Kontrolle über das Gefängnis wieder dem Justizministerium übertragen.Diyarbakır Cezaevi Raporu (in türkischer Sprache) (PDF; 890 kB) Report der Großen Nationalversammlung der Türkei (TBMM) Besonders in den frühen 1980er Jahren (1980–1984), auch als „Periode der Barbarei“ (tr: vahşet dönemi) bezeichnet, waren die Insassen entsetzlichen Folterpraktiken ausgesetzt.

Das Typ-E-Gefängnis umfasste eine Kapazität von 744 Häftlingen. Das Typ-D-Gefängnis war ausschließlich für politische Gefangene angelegt und umfasste eine Kapazität von 688 Häftlingen. Während der 1980er Jahre waren zwischen 6000 und 15.000 Menschen inhaftiert. Website der Zeitung Rudaw. Abgerufen am 29. Dezember 2012.

Geschichte

Im 19. Jahrhundert war das Gefängnis Diyarbakir im Osmanischen Reich bereits berüchtigt als Ort brutaler und gefürchteter Strafen für politische Gefangene und revoltierende Mitglieder der Balkan-Region.

Die frühen 1980er Jahre

Nach dem Militärputsch in der Türkei 1980 kam es zu Tausenden von Festnahmen, Folterungen und Hinrichtungen. In den ersten vier Monaten wurden 30.000 Menschen festgenommen. In den Folgejahren erhielt Amnesty International mehrere tausend Vorwürfe über Folter und verzeichnete mehr als 100 Todesfälle infolge von Folter.Human rights denied. Inhalt des Amnesty-International-Berichtes vom November 1988. Abgerufen am 9. Januar 2013. Das Gefängnis von Diyarbakir wurde dabei zu einem Symbol dieser Periode.

Bekannte ehemalige Insassen, vor allem Kurden, sind der Parlamentsabgeordnete Ahmet Türk, der ehemalige Bürgermeister Diyarbakirs Mehdi Zana, die Schriftsteller Mehmed Uzun, Musa Anter und Orhan Miroğlu, der Menschenrechtler Şerafettin Kaya, die stellvertretende Parteivorsitzende der Barış ve Demokrasi Partisi Gültan Kışanak, die PKK-Mitbegründerin Sakine Cansız,Slain PKK member was a rebel with a cause Website des französischen Nachrichtensenders France 24. Abgerufen am 12. Januar 2013. sowie Bedii Tan, der Vater von Ahmet Altan, welcher im Gefängnis infolge der Folter verstarb.

Foltermethoden

Unter die gängigsten Foltermethoden gehörten: schwere systematische Prügel, Falaka, Pfahlhängen, Elektroschocks (spezielle Elektroden wurden an den Genitalien befestigt), Bastonade, sexuelle Folter durch rektale Penetrierung mit Knüppeln, Vergewaltigungen, das Erzwingen der Gefangenen, sich gegenseitig zu vergewaltigen, zu prügeln, zu erniedrigen, aufeinander zu urinieren, das Baden in den Fäkalien der Gefangenen (von den Wärtern als „Disco“ bezeichnet), das Verbot, in kurdischer Sprache zu kommunizieren, das Herausreißen der Haare, Ausziehen, Zwingen der Insassen, in Stresspositionen zu verharren oder lange Zeit zu stehen, Verbinden der Augen und Abspritzen mit Wasser, Isolationshaft, kontinuierliche ununterbrochene Einschüchterung und Beobachtung, Todesdrohungen, Asphyxie und Scheinhinrichtungen, der Befehl vor dem Deutschen Schäferhund des Gefängnisdirektor Yıldıran namens „Jo“ zu salutieren, die Abrichtung des Hundes, Genitale der Gefangenen zu beißen. Schlaf-, Nahrungs- und Wasserentzug für lange Zeiträume, Übungen unter extremen Temperaturen, das Quetschen, Abpressen und Strecken von Körperteilen und Genitialen, Stapeln von nackten Insassen übereinander, Verbrennen mit Zigaretten und Herausreißen von gesunden Nägeln und Zähnen.

Mehdi Zana, welcher elf Jahre im Gefängnis Diyarbakir verbracht hat, beschreibt in seinem Buch den „Empfang“ neuer Gefangener:

Unter den zahlreichen Berichten von Insassen über Folter und Haftbedingungen finden sich nur wenige Berichte von weiblichen Gefangenen, welche in einem separaten Trakt untergebracht waren. Nuran Çamlı Maraşlı beschreibt die Zustände im Frauentrakt wie folgt: „Wir waren 75 Frauen in einer für 25 Insassen gedachten Abteilung. Als Frauen sind wir den Männern nicht gleichgestellt, aber im Kerker von Diyarbakir waren wir in Bezug auf die Folter, Isolation, militärischen Drill usw. den Männern gleichstellt. Über Jahre machten wir im Gefängnis das, was Soldaten in ihrer Baracke machen.“, Als Frau in dem Kerker von Diyarbakir, veröffentlicht am 5. November 2005. Abgerufen am 12. Januar 2013. Die Gefangene Yıldız Aktaş wurde im Alter von zwölf Jahren inhaftiert und gefoltert und war damit die jüngste Insassin des Gefängnisses.

Todesfälle Aus den Jahren 1981–1984 sind 34 Todesfälle bekannt, darunter 20 Todesfälle infolge von schwerer Folter, 5 Todesfälle infolge von Hungerstreiks, 5 Todesfälle infolge von Selbstverbrennungen und 4 Todesfälle infolge von Suizid durch Erhängen. Website der türkischen Zeitung Today's Zaman, Artikel vom 12. Oktober 2010. Abgerufen am 9. Januar 2013. Am 17. Mai 1982 überdeckten sich die vier Insassen Mahmut Zengin, Eşref Anyık, Ferhat Kurtay und Necmi Öner mit Zeitungspapier und Ölfarbe und verbrannten sich Schulter an Schulter stehend in ihrer Zelle mit den Rufen „Nieder mit der Folter! Schluß mit der Unterdrückung!“.Mehdi Zana: Hölle Nr. 5. Tagebuch aus einem türkischen Gefängnis. Die Werkstatt, Göttingen 1997, ISBN 3-89533-209-7, S. 120. Damit wurden sie wichtige Personen im kollektiven Gedächtnis der Kurden und werden von der PKK als Märtyrer verehrt. Auch Mazlum Doğan gehört dazu, er steckte am 21. März 1982, dem kurdischen Neujahrsfest Newroz, seine Zelle in Brand und erhängte sich anschließend aus Protest gegen die Haftzustände.

Unter den Todesfällen waren nicht nur Mitglieder der PKK. Kurden aus unterschiedlichen politischen Lagern, Menschenrechtler, Akademiker und Studenten wurden Opfer der Haftbedingungen und Folter. Unter ihnen Necmettin Büyükkaya, dessen politische Laufbahn in der Arbeiterpartei der Türkei (TİP) begann. 1969 wurde er Vorsitzender des Devrimci Doğu Kültür Ocakları und später trat er der Demokratischen Partei Kurdistans-Türkei (KDP-Bakur) bei.Mehdi Zana: Hölle Nr. 5. Tagebuch aus einem türkischen Gefängnis. Die Werkstatt, Göttingen 1997, ISBN 3-89533-209-7, S. 280. Remzi Aytürk war Mitglied in der kurdischen Partei Rizgarî (dt. Befreiung).Die Aktivitäten Remzi Aytürk werden in türkischer Sprache von İbrahim Güçlü auf der Website beschrieben , erstellt am 4. Januar 2011. Abgerufen am 12. Januar 2013. Hintergrundinformationen zur Organisation in Deutsch Die Organisation Rizgari oder Türkisch , İbrahim Güçlü am 4. Januar 2011. Abgerufen am 12. Januar 2013. Yılmaz Demir wurde wegen seiner Mitgliedschaft in der Vorläufer-Bewegung der Sozialistischen Partei Kurdistans (PSK) inhaftiert.Einige Details in türkischer Sprache Abgerufen am 12. Januar 2013. İsmail Kıran und Orhan Keskin waren Mitglieder der Devrimci Yol.Devrimci Yol Şehitleri "Märtyrerseite" der Gruppe "Revolutionärer Weg" (Devrimci Yol). Abgerufen am 26. Januar 2013.

Von 1981 bis 1984 starben folgende Insassen:Die Tabelle wurde als „Datei der Folter“ vom Menschenreichtsverein in Ankara, im März 1996 publiziert, ISBN 975-7217-09-3, Tabelle von Helmut Oberdiek (MS Excel; 121 kB), die Website diyarbakirzindani.com stellt Informationen zur Verfügung und auch durch Mehdi Zana wird eine Liste zur Verfügung gestellt Information von Mehdi Zana

Vorname Name Todesdatum Todesursache Ali Erek20. April 1981Hungerstreik AbdurrahmanÇeçen27. April 1981Folter Ali Sarıbal13. November 1981Folter İbiş Ural27. Dezember 1981Folter CemalKılıç23. Februar 1982Folter ÖnderDemirok3. August 1982Folter Mazlum Doğan21. März 1982Selbstmord aus Protest gegen die Folter KenanÇiftçi21. April 1982Folter MahmutZengin17. Mai 1982Selbstverbrennung EşrefAnyık17. Mai 1982Selbstverbrennung FerhatKutay17. Mai 1982Selbstverbrennung NecmiÖner17. Mai 1982Selbstverbrennung Mehmet AliEraslan9. Juni 1982zu Tode geprügelt Bedii Tan14. Juni 1982zu Tode geprügelt AzizÖzbay23. August 1982Folter KemalPir7. September 1982Hungerstreik Mehmet HayriDurmuş12. September 1982Hungerstreik AkifYılmaz15. September 1982Hungerstreik Ali Çiçek17. September 1982Hungerstreik SeyithanSak 21. November 1982zu Tode geprügelt AzizBüyükertaç22. Dezember 1982Folter RamazanYayan13. Januar 1983zu Tode geprügelt Mehmet EminAkpınar25. Januar 1983zu Tode geprügelt MedetÖzbadem20. Mai 1983zu Tode geprügelt İsmetKıran1. November 1983Folter NecmettinBüyükkaya23. Januar 1984zu Tode geprügelt RemziAytürk28. Januar 1984Selbstmord CemalArat2. März 1984Hungerstreik OrhanKeskin5. Mai 1984Hungerstreik Halil IbrahimBaturalp27. April 1984zu Tode geprügelt MehmetKalkan14. Juni 1987während des Verhörs verstorben YılmazDemirJanuar 1984Selbstmord HüseyinYüceMai 1984zu Tode geprügelt

Das „Todesfasten“ 1982

Am 14. Juli 1982 verzichteten die PKK-Mitglieder Kemal Pir, Mehmet Hayri Durmuş, Ali Çiçek und Akif Yılmaz bei ihrer Gerichtsverhandlung auf jegliche Anträge. Hayri Durmuş erklärte: „Wir treten aus Protest gegen die Grausamkeiten im Gefängnis Nr. 5 ab sofort in einen Hungerstreik auf Leben und Tod.“Mehdi Zana: Hölle Nr. 5. Tagebuch aus einem türkischen Gefängnis. Die Werkstatt, Göttingen 1997, ISBN 3-89533-209-7, S. 120–122. Dieses Datum wird seither von der PKK als „das Todesfasten des 14. Juli“ oder als „der Widerstand des 14. Juli“ bezeichnet und jährlich gedacht. Zwischen dem 55. und 67. Tag des Hungerstreiks starben Kemal Pir, Mehmet Hayri Durmuş, Akif Yilmaz und Ali Cicek. Auf die Zusage der Gefängnisverwaltung die Folterpraktiken einzustellen, wurde der Hungerstreik beendet. Der Sicherheitschef Yıldıran wurde anschließend ersetzt, dennoch wurden die Folterpraktiken fortgesetzt.Mehdi Zana: Hölle Nr. 5. Tagebuch aus einem türkischen Gefängnis. Die Werkstatt, Göttingen 1997, ISBN 3-89533-209-7, S. 121.

Der Vorfall 1996

Am 24. September 1996 stürmten Spezialeinheiten, die Jandarma und die Gefängniswärter das Diyarbakir Gefängnis und töteten dabei 14 Insassen und verletzten 46 weitere. Menschenrechtsstiftung der Türkei Die PDF-Datei kann auf der Website des Demokratischen Türkeiforums abgerufen werden. Abgerufen am 17. Januar 2013. Die Gefangenen Erkan Hakan Perişan, Cemal Çam, Hakkı Tekin, Ahmet Çelik, Edip Direkçi, Mehmet Nimet Çakmak, Rıdvan Bulut, Mehmet Kadri Gümüş, Kadri Demir und Mehmet Aslan wurden getötet. Die Ursache für die Erstürmung ist nach unterschiedlichen Berichten unklar. Die türkischen Medien gaben überwiegend die offiziellen Pressemitteilungen der Behörden wieder. So berichteten einige Medien von einem Gefängnisaufstand, andere wiederum von einem Versuch der Insassen, die Frauenabteilung des Gefängnisses zu besuchen.Bericht der Untersuchungskommission, Mitglieder der Kommission aus der Menschenrechtsverein (İHD) und der Menschenrechtsstiftung der Türkei (TİHV). Abgerufen am 21. Mai 2013. Die Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass "Teile der Regierung im Vorfeld über die Aktion Kenntnis hatten und an der Realisierung beteiligt waren".

Dr. Necdet İpekyüz, Sekretär der Medizinischen Gesellschaft Diyarbakir, fasste zusammen:

Ermittlungen zum Vorfall