Pundit war die Bezeichnung für einheimische Vermesser, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die für die Briten unzugänglichen Gebiete nördlich von Britisch-Indien vermaßen.

Hintergrund Die Große Trigonometrische Vermessung des indischen Subkontinents näherte sich ihrem Abschluss, nachdem die Triangulationsserien entlang des Himalaya durchgeführt waren und Captain Thomas George Montgomerie 1855 mit der Vermessung Kaschmirs begonnen hatte.

Die Länder jenseits der Grenzen des britischen Einflussgebiets entlang der Bergketten des Himalaya, des Karakorum und des Hindukusch waren so gut wie unbekannt – abgesehen von einzelnen Reiseberichten ohne kartographisch verwertbare Einzelheiten. Die 1717 von Jean-Baptiste Régis erstellte und von Jean-Baptiste Bourguignon d’Anville 1835 überarbeitete Karte,La Chine la Tartarie Chinoise et le Thibet die auf den Angaben zweier nach Tibet entsandter Lamas beruhte, war immer noch die beste Karte TibetsClements R. Markham: A Memoir on the Indian Surveys. (PDF; 60,6 MB) 2. Aufl. W.H. Allen & Co., London 1878. Digitalisat auf archive.org. Selbst die genaue Lage Lhasas war unbekannt, ebenso die Quellen des Indus und des Yarlung Tsangpo. Auch dessen Verlauf und die Frage, ob es sich bei ihm um den in Indien Brahmaputra genannten Fluss handele, waren unklar.Derek Waller: The Pundits. The University Press of Kentucky, Kentucky 1990, ISBN 0-8131-1666-X

Die Briten hatten aus allgemeinen strategischen Erwägungen, aber insbesondere im Hinblick auf das Vorrücken Russlands im Great Game um die Vorherrschaft in Zentralasien ein dringendes Interesse an präzisen Informationen über diese Länder.

Für Briten wie auch allgemein für Europäer waren diese Länder jedoch verschlossen. Dagegen konnten einheimische Händler und Pilger aus den Gebirgsgegenden relativ ungehindert durch diese Länder reisen, d. h. ihr Ziel in langen Fußmärschen durch unwirtliche Regionen und über 5000 m hoch gelegene Pässe erreichen.

Pundits Captain Montgomeries Idee war es daher, Einheimische in einfachen Vermessungstechniken zu schulen und entsprechend auszustatten. Zwischen 1860 und 1862 erläuterte er seine Vorschläge vor den verschiedensten offiziellen Stellen. Obwohl die indische Regierung sehr darauf bedacht war, jegliche Art von Konflikten an ihren Grenzen zu Tibet und Turkestan zu vermeiden, stimmte sie schließlich zu.

Die native explorers (einheimischen Forscher) erhielten neben den erforderlichen finanziellen Mitteln für ihre Reisen einen kleinen Sextanten mit künstlichem Horizont und einen Chronometer zur Ortsbestimmung, einen Siedepunktthermometer zur Höhenbestimmung, einen Kompass mit Neigungswinkelmesser zur Richtungsanzeige und eine Gebetskette, die einer buddhistischen Mala glich, anstelle der üblichen 108 aber nur 100 Perlen hatte, wobei jede zehnte etwas größer war. Bald erhielten sie auch eine Gebetsmühle, in deren Innerem ihre Aufzeichnungen versteckt werden konnten. Die Pundits wurden in der Handhabung der Instrumente unterrichtet und übten, auch in unterschiedlichem Gelände möglichst gleichmäßig zu gehen, so dass 2000 Schritte (zu je 80 cm) einer englischen Meile entsprachen, die mit der Gebetskette gezählt wurden. Damit konnten sie heimlich relativ genaue Aufzeichnungen machen, die nach ihrer Rückkehr in den Büros des Great Trigonometrical Survey in Dehradun ausgewertet und zur Herstellung von Landkarten verwendet wurden.

Den Pundits wurde aber nicht beigebracht, wie aus den Beobachtungen mit dem Sextanten eine Ortsbestimmung berechnet und daraus eine Karte erstellt wird, einmal, um damit zu verhindern, dass erfundene Daten und Karten abgeliefert würden, zum anderen aufgrund der britisch-kolonialen Sicht, dass solch höhere Tätigkeiten nur von Briten ausgeübt werden könnten und sollten.

Alle einheimischen Forscher wurden in den Berichten und der Öffentlichkeit gegenüber nur mit Decknamen, oft nur mit Buchstaben bezeichnet. Der britisch-indischen Regierung war in ihren internen Akten vollkommen bewusst, dass es sich bei den Reisen der Pundits um Spionage handelte. Um dies nach außen zu verdecken, verwendete man die euphemistische Bezeichnung Pundit,Montgomerie erfand diese Bezeichnung, als Nain Singh, ein Volksschullehrer, auf seine erste Reise geschickt wurde. die zwar dem hinduistischen Pandit entlehnt war, aber ansonsten nichts mit diesem zu tun hatte und insbesondere nicht auf eine religiöse oder universitäre Vorbildung schließen ließ.

Nachdem Montgomerie 1873 aus gesundheitlichen Gründen nach England zurückkehren musste, setzte Captain Henry Trotter das Programm fort.

Von den Reisen einiger Pundits wird nachstehend berichtet.

Abdul Hamid Abdul Hamid (Mahomed-i-Hameed, wie ihn Montgomerie nannte) unternahm die erste Testreise nach Yarkant am Rande der Taklamakan im Tarimbecken im damals chinesischen Turkestan. Er war Muslim wie die Mehrheit der Bevölkerung von Yarkant und kannte bereits einen Teil der Strecke. 1863 ging er von Montgomeries Camp in Kaschmir nach Leh in Ladakh und von dort über den Karakorumpass nach Yarkant, wo er den Winter verbrachte. Dabei gelang es ihm, einen ausführlichen Bericht über den Ort, seine chinesische Verwaltung und den russischen Einfluss zu schreiben sowie eine Kartenskizze der Region mit den wichtigsten Ansiedlungen anzufertigen. Als er vor dem zunehmenden Argwohn chinesischer Beamter gewarnt wurde, zog er mit der nächsten Karawane auf dem gleichen Weg wieder zurück. Er starb aber kurz vor der Ankunft in Leh, angeblich, weil er giftigen Rhabarber gegessen hatte. Seine Aufzeichnungen und Instrumente wurden sichergestellt und Montgomerie zugesandt, der damit erstmals eine exakte Position von Yarkant bestimmen konnte (die relativ genau mit der heute angegebenen Position übereinstimmt). Die Royal Geographical Society nahm Montgomeries Vortrag im Mai 1866 mit Begeisterung auf.Thomas George Montgomerie: On the Geographical Position of Yarkund and other places in Central Asia. In: Proceedings of the Royal Geographical Society, no. X, 14. Mai 1866, S. 162–165 (Digitalisat auf JSTOR).

Nain Singh Nain Singh ist später wohl der bekannteste der Pundits geworden. Er entstammte einer zu den Bhotiya gehörenden Familie aus dem hochgelegenen Milam-Tal im Osten des Nanda Devi, war mit seinem Vater öfters in Tibet gewesen und hatte dabei Tibetisch lesen und verstehen gelernt. Die Gebrüder Schlagintweit hatten ihn und seinen Cousin Mani Singh schon für ihre Touren in West-Tibet angeheuert. Danach war er als Volksschullehrer tätig, was Montgomerie wohl auf den Gedanken brachte, ihm den Decknamen Pundit zu geben, der später als Bezeichnung aller einheimischer Entdecker verwendet wurde.

Erste Reise Nach Ausbildung und Training in der Handhabung der Instrumente erhielten die beiden Cousins Nain und Mani Singh Ende 1863 drei Jahre Gehalt im Voraus und den Auftrag, von Milam aus zum Manasarovar-See zu gehen und die etwa 1200 km lange Karawanenroute von Gartok nach Lhasa zu erkunden. Ein erster Versuch, die Grenze zu überqueren, scheiterte aus verschiedenen Gründen. Deshalb wurde entschieden, sie von Kathmandu in Nepal aus nach Tibet gehen zu lassen. Auch auf dieser Tour wurden sie jedoch schon in Gyirong, dem ersten Ort hinter der GrenzeKirong bei Markham und Waller, von argwöhnischen chinesischen Grenzbeamten zurückgewiesen. Außerdem merkten sie gerade noch rechtzeitig, dass der Gouverneur von Gyirong Mani persönlich kannte. Sie mussten daher nach Kathmandu zurück, von wo aus Mani durch den Nordwesten Nepals nach Hause reiste und zumindest Aufzeichnungen über diese Route mitbrachte.

Nain Singh konnte sich schließlich Mitte 1865 einer Karawane anschließen, die zum Kloster TradünAuch: Tradum, Tradon, Tadum, Zhabdun, Zhadong am Nordufer des Yarlung Tsangpo und von dort zum Manasarovar-See wollte. Am Tsangpo angekommen, ließ er die Karawane ziehen und begleitete eine andere Karawane, die flussabwärts nach Lhasa zog.Um die Erlaubnis zu erhalten, mit der Karawane zum Manasarovar-See zu gehen, hatte Nain Singh bei Todesstrafe versprochen, nicht nach Lhasa zu gehen. Diese Leute erklärten Nain Singh übereinstimmend, dass der Tsangpo zunächst lange in östlicher Richtung fließe, dann aber nach Süden abbiege und in Indien zum Brahmaputra werde. Für Europäer war dies der erste Hinweis zur Lösung einer offenen Frage, die erst Jahrzehnte später nach langen Kontroversen endgültig geklärt werden konnte. Die Karawanenstraße war die wichtigste Verbindung zwischen Lhasa und Gartok im Westen, die weiter nach Leh in Ladakh führte. Sie folgte dem Fluss mal auf der einen, mal auf der anderen Seite, wobei meist Fähren zum Übersetzen benutzt wurden. Gelegentlich gab es auch eiserne Kettenbrücken aus zwei langen, parallelen Ketten, zwischen denen Netze aus Seilen als Fußweg hingen. Diese Brücken hatte eineinhalb Jahrhunderte davor schon Ippolito Desideri beschrieben mit der Bemerkung, dass er sie nur in großer Not benutzt habe. Auch Nain Singh berichtete, dass die Leute meist die Fähre bevorzugten, solange sie sie bezahlen konnten. Nach der Ankunft in Samzhubzê Ende Oktober 1866 zogen die Mitglieder der Karawane und somit auch Nain Singh zu dem von rund 3300 Mönchen bewohnten Kloster Trashilhünpo im Westen der Stadt, um dem damals elfjährigen Panchen Lama, Panchen Tenpe Wangchug, bei einer Massenaudienz die Ehre zu erweisen. Ende Dezember setzte die Karawane ihre Reise fort und zog über Gyangzê, Nagarzê, den Yamdrok-See zum Yarlung Tsangpo, der bei Qüxü (Chushul) etwas oberhalb der dortigen Kettenbrücke mit der Fähre überquert wurde, und entlang des Nebenflusses Lhasa He nach Lhasa, wo man am 10. Januar 1866 eintraf.

Lhasa war zwar für Briten und Europäer die verbotene Stadt, aber als Handelszentrum mit 15.000 Einwohnern das Ziel zahlreicher Kaufleute aus Bhutan, Sikkim, Nepal, Ladakh, Kaschmir, China und anderen Ländern. Nain Singh mietete zwei Räume als Unterkunft, von denen aus er sogar Beobachtungen mit dem Sextanten machen konnte. Er erkundete die Stadt, besuchte verschiedene Klöster und ging mit seinem Karawanenführer zum Potala, um dem Dalai Lama, dem damals zehnjährigen Thrinle Gyatsho, seinen Respekt zu erweisen, zu dessen rechter Hand der Regent saß. Nach einiger Zeit musste er aus Geldmangel Unterricht in hinduistischen Rechenmethoden geben. Zwei kaschmirische Kaufleute entdeckten seine wahre Identität, verrieten ihn aber nicht an die Obrigkeit, sondern liehen ihm sogar Geld gegen Verpfändung seiner Uhr als Sicherheit.

Nain Singh verließ Lhasa wieder am 21. April 1866 und kehrte auf der ihm vom Hinweg zum Teil schon bekannten Lhasa-Gartok-Route über den Manasarovar-See nach Milam zurück. Dort bat er seinen Cousin, nach Gartok zu gehen, um seine Schulden zu bezahlen, seine Uhr auszulösen und gleichzeitig die noch fehlende Teilstrecke nach Gartok zu vermessen. Nain und Mani Singh kamen schließlich am 27. Oktober 1866 in der Hauptverwaltung des Great Trigonometrical Survey in Dehradun an.

Als Ergebnis von Nain Singhs Reise konnte die genaue Lage von Lhasa und anderen Orten bestimmt und fast 2000 km der Karawanenstraßen von Lhasa nach Gartok und von Kathmandu nach Tadum (Tradün) kartiert werden. Dabei konnte erstmals auch fast der ganze Lauf des Tsangpo von seiner Quelle beim Manasarovar-See bis in die Gegend von Lhasa bestimmt werden. Außerdem hatte der einheimische Forscher umfangreiche Informationen politischer, religiöser und wirtschaftlicher Art über Lhasa und die durchquerten Gegenden gesammelt.

Zweite Reise, zusammen mit Kalian und Mani Singh