mini|Den syge pige „Das sieche Mädchen“ (Ölgemälde von Michael Ancher 1882)
Krankheit, teils synonym mit Gebrechen, teils mit Erkrankung, ist ein Zustand verminderter Leistungsfähigkeit, der auf Funktionsstörungen von einem oder mehreren Organen, der Psyche oder des gesamten Organismus eines Lebewesens beruht. Diese Störungen werden ihrerseits wahrscheinlich durch strukturelle Veränderungen von Zellen und Geweben hervorgerufen.Hugo Ribbert: Die Bedeutung der Krankheiten für die Entwicklung der Menschheit. Friedrich Cohen, Bonn 1912, S. 1 f.Krankheit. In: Pschyrembel klinisches Wörterbuch. 267. Auflage. De Gruyter, 2017, ISBN 978-3-11-049497-6. pschyrembel.de Im Gegensatz zu Begriffsbestimmungen pragmatischer Art gibt es jedoch keine allgemeingültige naturwissenschaftliche Definition von Krankheit. Karl Jaspers sagte: „Daß in dem Worte ‚Krankheit‘ sich Wertbegriffe und Seinsbegriffe immer miteinander verschlingen, führt zu Täuschungen, die fast unvermeidlich erscheinen“.Rudolf Schmitz: Der Arzneimittelbegriff der Renaissance. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil: Humanismus und Medizin. Acta humaniora, Weinheim 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission für Humanismusforschung. Band 11), ISBN 3-527-17011-1, S. 1–21, hier S. 1 f., Anm. 3. In der Tiermedizin wird der Begriff Tierkrankheit verwendet, für besonders ansteckende Krankheiten mit erheblicher wirtschaftlicher Bedeutung der Begriff Tierseuche.
Die Lehre von den Krankheiten ist die Pathologie, während die Nosologie sich mit der systematischen Einordnung, Einteilung und Beschreibung der Krankheiten beschäftigt. Die Lehre von der Entstehung und Entwicklung einer Krankheit ist die Pathogenese.
Wortherkunft Das Wort „Krankheit“ ist abgeleitet vom mittelhochdeutsch krancheit oder krankeit.Wolfgang Pfeifer u. a.: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 8. Auflage. Dtv, 2005, ISBN 3-423-32511-9, S. 727: krank. Es bedeutete ursprünglich vor allem „Schwäche“ oder „Schwachheit“, abgeleitet von mittelhochdeutsch kranc mit Bedeutungen wie „schwach, kraftlos, hinfällig, geschwächt“. Zugrunde liegen wohl westgermanisch kranka („hinfällig“, vergleichbar zu althochdeutsch chrancholōn „schwach werden, straucheln“, mittelniederländisch crenken „jemanden verletzen“ und angelsächsisch cringan „sich winden, im Kampf niederstürzen, hinfällig sein“) sowie indogermanisch grengh- („ringeln“).Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Herausgegeben von Walther Mitzka. De Gruyter, Berlin / New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 400–401.Heinrich Schipperges: Die Kranken im Mittelalter. München 1990, S. 70.Lutz Mackensen: Deutsche Etymologie: Ein Leitfaden durch die Geschichte des deutschen Wortes. (Bremen 1962) Berlin [u. a.] 1966, S. 44.P.A.F. van Veen und N. van der Sijs: Etymologisch woordenboek: de herkomst van onze woorden, Van Dale Lexicografie, Utrecht/Antwerpen 1997.
Die veraltete oder (schweizerisch) regionale Bezeichnung Gebresten geht zurück auf mittelhochdeutsch gebrëst(e) oder brëst (auch der presteGundolf Keil: Die „Cirurgia“ Peters von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes (= Forschungen zur Geschichte der Stadt Ulm. Band 2). Stadtarchiv, Ulm 1961 (zugleich Philosophische Dissertation Heidelberg 1960: Peter von Ulm. Untersuchungen zu einem Denkmal altdeutscher Fachprosa mit kritischer Ausgabe des Textes), S. 444 (preste: ‚Krankheit, erkrankte Körperstelle‘).) mit den Bedeutungen „Krankheit“ oder „Gebrechen, Schaden“.Jürgen Martin: Die „Ulmer Wundarznei“: Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52). Königshausen & Neumann, Würzburg 1991, ISBN 3-88479-801-4, S. 121 und 130 (medizinische Doktorarbeit, Universität Würzburg, 1990).Gebresten, Duden, abgerufen am 20. Mai 2020, Zitat: .
Definition Krankheit und Gesundheit
Krankheit (lateinisch unter anderem insanitas, seit dem Mittelalter auch als Ungesundheit bezeichnet) wird oft im Gegensatz zu Gesundheit (lateinisch sanitas)Jürgen Martin: Die ‚Ulmer Wundarznei‘. Einleitung – Text – Glossar zu einem Denkmal deutscher Fachprosa des 15. Jahrhunderts. Königshausen & Neumann, Würzburg 1991 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 52), ISBN 3-88479-801-4 (zugleich Medizinische Dissertation, Würzburg 1990), S. 181. definiert. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat allerdings Gesundheit auch schon 1946„Die Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ als idealen Zustand optimalen Wohlbefindens definiert. Zudem ist Krankheit nicht die einzige mögliche Ursache für mangelhafte Gesundheit.Verfassung der Weltgesundheitsorganisation. (PDF; 177 kB). Stand Mai 2014, S. 1 (deutsche Übersetzung) Die Übergänge zwischen „Gesundheit“ und „Krankheit“ sind fließend. Vieles mag letztlich einfach eine Frage der Sichtweise sein, zumal der Ausdruck Krankheit keine biologische Konstante, sondern ein kulturelles wertbezogenes KonstruktAxel W. Bauer: Was ist der Mensch? Antwortversuche der medizinischen Anthropologie. (Überarbeitete Version des Eröffnungsvortrags zur Tagung „Was ist der Mensch? Wie der medizinische Fortschritt das Menschenbild verändert“ der Evangelischen Akademie Baden in Bad Herrenalb vom 11. 11. 2011.) In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen 8/9, 2012/2013, ISBN 978-3-86888-077-9, S. 437–453, hier S. 438–440 (Gesundheit und Krankheit als normative Größen der medizinischen Anthropologie). darstellt. So hat sich die Bezeichnung Befindlichkeitsstörung für Einschränkungen des leiblichen oder seelischen Wohlbefindens ohne objektivierbaren medizinischen Krankheitswert eingebürgert. Andererseits können als krankhaft definierbare Zustände auch ohne (subjektiven) Leidensdruck vorliegen.
Die normale Funktion eines Organismus ergibt sich aus der Regelhaftigkeit der Lebensvorgänge; in unterschiedlichem Ausmaß beinhaltet sie die Fähigkeit zur Anpassung an veränderte innere und äußere Bedingungen. Ihre Beurteilung durch Menschen weist auch Abhängigkeit von deren Normvorstellungen auf.
Als Funktionsstörung kann Krankheit verschiedene Bereiche lebendigen Seins betreffen und sich in deren Wechselwirkungen entwickeln. Physiologische Funktionen sind wesentliche Eigenschaft des Lebens. Organismen existieren in komplexen Umwelten und erhalten, erneuern und verändern sich durch beständigen stofflichen und energetischen Austausch. Viele Arten von Organismen leben in sozialen Zusammenhängen. Zu den Funktionen des Lebens gehört auch Verhalten und höherentwickelte Organismen weisen emotionale Funktionen auf. Die Personalität und Sozialität von Menschen funktioniert auch in Abhängigkeit von ihrer kulturellen Welt.
Die Zuordnung von Krankheiten bzw. Erkrankungen (zum Teil synonym mit KrankheitenVgl. etwa www.dict.leo.org/forum.) eines konkreten Lebewesens zu abstrakten „Krankheitskategorien“ gilt als wichtig im Zusammenhang mit der Entwicklung von Ansätzen zur Behandlung und ihren verwaltungsmäßigen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Eine zu diesem Zweck entwickelte Systematik ist die Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD-10). DIMDI
Medizin Krankheitsbegriff Seit Jahrhunderten ist die Medizin bestrebt, den allgemeinen Krankheitsbegriff eindeutig zu definieren und abzugrenzen.S. Breinersdorf: Versuch über den gegenwärtigen Standpunkt der Theorien der Medizin. Bey Iohann Friedrich Korn der Ältere (Hrsg.), 1804, S. 44, Google BooksWolfgang Gerok, Christoph Huber, Thomas Meinertz, Henning Zeidler: Die innere Medizin. Schattauer Verlag, 2006, ISBN 3-7945-2222-2, S. 4ff, Google Books Dabei hat sie sich mit verschiedenartigen Krankheitsbildern und konkreten Erkrankungen auseinanderzusetzen.Axel W. Bauer: Brute Facts oder Institutional Facts? Kritische Bemerkungen zum wissenschaftstheoretischen Diskurs um den allgemeinen Krankheitsbegriff. In: Erwägen – Wissen – Ethik. Band 18, 2007, Heft 1, S. 93–95.
Letztlich führen verschiedene, nicht einheitliche Kriterien dazu, ob ein Gesundheitszustand als „Krankheit“ aufgefasst wird. In der Medizin herrscht stets eine Spannung zwischen der wissenschaftlichen Definition (Vorhandensein eines Krankheitsprozesses) und der Beeinträchtigung der Lebensqualität. Bei der Grippe zum Beispiel sind die Symptome und der Leidensdruck des Patienten deutlich, dem Krankheitsprozess an sich, der viralen Infektion, wird in der Praxis wenig Beachtung geschenkt. Anders bei einer Hämochromatose, die mit einer wenig belastenden Aderlasstherapie behandelt wird – die Lebensqualität bleibt hoch, trotz ernst zu nehmendem Krankheitsprozess. Bei anderen Erkrankungen kann das Leiden zeitweise sogar gänzlich fehlen, und es wird auf eine Fehlregulation des Organismus abgestellt (z. B. viele Krebserkrankungen im Frühstadium). Ebenso hat der medizinische Fortschritt und der gesellschaftliche Wandel zu Veränderungen geführt. Während früher erektile Dysfunktion als ein negativer, jedoch nicht-krankhafter körperlicher Zustand hingenommen wurde, wird sie heute, gerade dank besserer Behandlungsmöglichkeiten, als Krankheit akzeptiert.Chiong, Winston. "Diagnosing and defining disease." JAMA 285.1 (2001): 89-90.
Ein weiteres Problemfeld eröffnet sich bei psychischen Erkrankungen: Zwischen einem klaren subjektiven Leiden ohne Fremdgefährdung (etwa Depressionen oder Angststörungen), einer Abweichung von einer Norm (etwa Paraphilien, früher auch Homosexualität) und einer Fremdgefährdung ohne ein unmittelbares eigenes Leiden (manche Fälle einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung oder Störung der Impulskontrolle) existieren zahllose Abstufungen.
Eine allumfassende, prinzipiell objektive Definition von „Krankheit“ ergäbe sich aus dem disease-weight-Wert der DALY-Methode. Ein Zustand mit einem geringen disease weight gälte dann nicht als krankhaft. Allerdings stammt diese Methode aus der Gesundheitsökonomie und weist wiederum verschiedene Schwächen auf.
Diagnose, Symptom, Syndrom, Krankheit und Krankheitsbild Zur Erkennung von Krankheiten bei individuellen Patienten bedarf es entsprechender Untersuchungen (Diagnostik). Damit werden Befunde erhoben, welche der Erstellung einer Diagnose dienen können. Hat ein Mensch das Gefühl, „krank“ zu sein, oder ist bei jemandem eine Krankheit bereits erkannt worden, spricht man in der Medizin von einem Patienten.
Einzelne Beschwerden eines Patienten können Symptome definierbarer Krankheiten sein. Mehrere typischerweise gleichzeitig auftretende Symptome werden als Syndrom (Symptomkomplex) bezeichnet. Symptome oder Symptomenkomplexe, die auf eine gemeinsame Ursache (Ätiologie) zurückführbar sind, lassen die Bestimmung einer spezifischen Krankheit (Morbus) im Sinne der modernen Medizin zu (siehe Pathogenese). Eindeutig scheint dies, wenn notwendige oder hinreichende Krankheitsursachen feststellbar sind. Für definierte Infektionskrankheiten sind z. B. spezifische Krankheitserreger notwendig; manche angeborene Krankheiten treten zwingend bei bestimmten molekulargenetischen Veränderungen auf.
Oftmals sind Krankheiten aber auch nicht eindeutig auf nachweisbare Ursachen zurückzuführen. Mitunter werden sie dann durch regelhaft vorliegende strukturelle bzw. funktionelle Erscheinungen definiert. Die Gesamtheit aller für eine Krankheit typischen Erscheinungen ist das Krankheitsbild (Synonym: Entität), das in mehr oder weniger unterschiedlichen Ausformungen beobachtet werden kann. Die Lehre von den Krankheiten ist die Pathologie.
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