miniatur|Markomannenkriege: Mark Aurel begnadigt Germanenhäuptlinge(Relief, Rom, Kapitolinische Museen) Die Selbstbetrachtungen (Es gilt in der Forschung als sehr wahrscheinlich, dass die Aufzeichnungen Mark Aurels wie viele andere antike Schriften gar keinen Titel trugen. Die diversen existierenden Titelbezeichnungen sind demnach sämtlich Behelfslösungen. Der an die Originalsprache adaptierte griechische Titel () wird lateinisch ad se ipsum übertragen oder unter meditationes geführt; italienisch wahlweise Colloqui con sé stesso, Ricordi, Meditazioni oder Pensieri; französisch: Pensées pour moi-même; englisch: Meditations. Im Deutschen sind neben Selbstbetrachtungen auch Wege zum Selbst / zu sich selbst gängig. Für Selbstbetrachtungen plädiert Marcel van Ackeren unter anderem wegen der einfachen sprachlichen Handhabung. (Marcel van Ackeren: Der Kaiser und Philosoph Marc Aurel als Gegenstand interdisziplinärer Forschung. In: Ders. (Hrsg.), Wiesbaden 2012 (Akten des Interdisziplinären Kolloquiums Köln 2009), S. 9.)) des römischen Kaisers Mark Aurel sind die letzte bedeutende Hinterlassenschaft aus der philosophischen Schule der jüngeren Stoa. Sie werden zur Weltliteratur gezählt. Entstanden sind sie am Ende der Herrschaft Mark Aurels, zwischen 170 und 180, in Feldlagern an der Nordgrenze des Römischen Reiches. In einer Vielzahl persönlicher Beobachtungen aphoristischen Zuschnitts entfaltet der Kaiser dabei sein Weltbild im Selbstdialog.

Maßgebliche Richtschnur für das eigene Denken und Handeln waren ihm die Einordnung in und die Übereinstimmung mit der „Allnatur“. Vernunftleitung und Gemeinwohlorientierung gehören zu den in zahlreichen Wendungen variierten Konstanten der Selbstbetrachtungen, zu denen Mark Aurel auch die Rückwirkungen seines Amtes auf die eigene Person antrieben: „Verkaisere nicht!“

Seit dem Erscheinen einer ersten gedruckten Ausgabe in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts haben Mark Aurel und sein Werk hohe Wertschätzung und Vorbildcharakter erlangt. Allein in Deutschland reicht die Anhängerschaft des Verfassers der Selbstbetrachtungen unter den Herrschenden bzw. Regierungsverantwortlichen von Friedrich II. bis zu Helmut Schmidt.

Entstehungszusammenhänge

Die Neigung zur Philosophie soll sich bei Mark Aurel schon früh bemerkbar gemacht haben. Von klein auf wurde ihm Ernsthaftigkeit nachgesagt. Kaiser Hadrian, mit dem er entfernt verwandt war und der ihn später in die Regelung seiner Nachfolge einbezog, nannte ihn (der nach der Adoption durch seinen Großvater Marcus Annius Verus hieß) „verissimus“ – den Wahrhaftigsten.Jörg Fündling: Marc Aurel. Kaiser und Philosoph. Darmstadt 2008, S. 18, 20. Im Alter von 12 Jahren verordnete er sich nach dem Vorbild der Kyniker statt des bequemen Betts ein hartes Nachtlager auf dem Boden und kleidete sich nach Art der Philosophen mit einem kurzen Umhang. Unter seinen Lehrern hebt er im ersten Buch der Selbstbetrachtungen besonders jene dankbar hervor, die ihn in die Philosophie einführten und ihn dazu brachten, gemäß philosophischen Leitsätzen zu denken und zu handeln. Der Stoiker Rusticus etwa habe ihn gelehrt, dass er stets an der Bildung und Besserung des eigenen Charakters zu arbeiten habe, dass er nicht leere Theorien aufstellen oder Reden um des Beifalls willen halten sollte und dass er sich vor den Leuten nicht als bedeutender Asket oder Wohltäter aufspielen sollte.Mark Aurel I, 7. Von Apollonios aus Chalkis habe er frei zu denken gelernt und sich unbeirrbar von der Vernunft leiten zu lassen; weder Schmerzen noch der Tod von Angehörigen sollten die eigene Seele aus dem Gleichgewicht bringen können.Mark Aurel I, 8. Andere seiner Lehrer nennt Mark Aurel als Vorbilder für politische Orientierung, Gerechtigkeitsliebe und klaglose Pflichterfüllung.Mark Aurel I, 14.

Philosophierender Kaiser

mini|Der Kaiserphilosoph in der Öffentlichkeit(Reliefausschnitt, Kapitolinische Museen) Mark Aurels Selbstbetrachtungen stammen den Hinweisen nach, die das Werk selbst enthält, aus seinem letzten Lebensjahrzehnt, das er großteils in Feldlagern an der Nordgrenze des Römischen Reiches verbrachte. Den Zweck seiner Aufzeichnungen benennt der Kaiser zwar nicht ausdrücklich, doch lassen Art und Inhalt der Notate erkennen, dass es sich im Wesentlichen um aphoristische Leitsätze für die eigene Orientierung, Selbstvergewisserung und Lebenspraxis handelt. Niedergeschrieben wurden sie in altgriechischer Sprache – genauer: in der Koiné –, die als originäre Sprache der Philosophie galt und von gebildeten Römern durchgängig beherrscht wurde. Ob diese Reflexionen zugleich für eine spätere Veröffentlichung vorgesehen waren, ist ungewiss. Erste Überlieferungszeugnisse wurden im 10. Jahrhundert in Byzanz nachgewiesen; der Werktitel stammt höchstwahrscheinlich nicht von Mark Aurel.Hadot 1997, S. 43 und 46.

Gesammelte Aphorismen mag es bereits vor Mark Aurel als eigene literarische Gattung gegeben haben. Mit dem Handbüchlein (encheiridion) zu den Leitmaximen Epiktets, das dessen Schüler Arrian zusammengestellt hatte, gab es auch eine der philosophischen Denkweise Mark Aurels nahestehende Vorlage. Als wesentliches Motiv für die Abfassung der Selbstbetrachtungen sah Pierre Hadot das Bestreben des Verfassers, „die Prinzipien, die Dogmen, die Lebensregeln, die Formeln, die ihm erlauben, sich in die rechte innere Einstellung zu versetzen, sittlich zu handeln oder sein Schicksal anzunehmen, stets, unter welchen Umständen auch immer, zur Hand zu haben’“.Hadot 1997, S. 96.

Vor allem die Doppelanforderung, die Mark Aurel als Kaiser und Philosoph an sich stellte, begründet das Interesse der Nachwelt an seinen Reflexionen. Das in dieser Doppelanforderung sich auftuende und von ihm aufzufangende Spannungsfeld hat Mark Aurel mehrfach thematisiert, exemplarisch in der Zuspitzung:

Marcel van Ackeren sucht in seiner zweibändigen Untersuchung der Philosophie Mark Aurels die praktische Bedeutung des Philosophierens für das antike Denken im Allgemeinen und für Mark Aurel im Besonderen zu bestimmen. Bereits seit ihren Anfängen sei die Philosophie analog zur Medizin verstanden worden als Heilkunde für die Seele. Für Mark Aurel stellt sie sich unter anderem persönlichkeitsbildend dar und bestimmt die eigene Lebensausrichtung. Sie weist in jeder Lebenssituation den Weg zu tugendhaftem Verhalten; sie macht das Leben erträglich – und die eigene Person für andere.Van Ackeren 2011, Bd. 1, S. 27–29, bezugnehmend auf Mark Aurel VI, 30; VIII, 1; XII, 27; VI, 12.

Stoisches Fundament

Die philosophische Lehre, der sich Mark Aurel von Jugend an verschrieben hatte, war die Stoa. Philosoph zu sein in der Antike, bedeutete nicht notwendigerweise, neue philosophische Theorien zu entwickeln und schriftlich niederzulegen. Wesentlich war, nach bestimmten philosophischen Grundsätzen zu leben.Hadot verweist als Beispiel auf Cato den Jüngeren, der stoischer Philosoph gewesen sei, aber keine philosophischen Schriften verfasst habe. (Hadot 1997, S. 19) Die Stoa in der von Panaitios und Poseidonios den Römern vermittelten Lesart war bereits in republikanischer Zeit in führenden gesellschaftlichen Kreisen verbreitet. Sie war nach Jörg Fündling „im zweiten Viertel des 2. Jahrhunderts aus Rom nicht mehr wegzudenken“ in ihrer distanzierend-ausgleichenden Wirkung gegenüber dem stressgeladenen, hektischen Treiben in der römischen Metropole.Jörg Fündling: Marc Aurel. Kaiser und Philosoph. Darmstadt 2008, S. 42 f.

Die jüngere Stoa, vertreten durch Seneca, Musonius, Epiktet und Mark Aurel, widmete sich vorzugsweise ethischen Fragen und Aspekten sozialer Verantwortlichkeit. Physik und Logik blieben als Grundpfeiler der ursprünglichen stoischen Lehre zwar nicht unberücksichtigt; hauptsächlich ging es aber um eine handlungsbezogene Ethik.Gretchen Reydams-Schils: The Roman Stoics. Self, responsibility, and affection. Chicago und London 2005, S. 3. Dabei galt es, zwischen den philosophischen Grundsätzen einerseits sowie den Alltagsgegebenheiten und -herausforderungen andererseits zu vermitteln – für den Stoiker ein lebenslanger Balanceakt.„But crucial differences still remain: for Stoics, the turn toward the self is a lifelong balancing act between two parallel sets of norms, philosophical and sociopolitical, that can create serious and far-reaching tensions.“ (Gretchen Reydams-Schils: The Roman Stoics. Self, responsibility, and affection. Chicago und London 2005, S. 91.)

Mark Aurel, so Gretchen Reydams-Schils, könnte es auch darum gegangen sein, die eigene Macht vor sich selbst zu rechtfertigen, indem er sich als philosophisch geleiteten Herrscher verstand.Gretchen Reydams-Schils: The Roman Stoics. Self, responsibility, and affection. Chicago und London 2005, S. 8. Auf Utopisches waren seine Ambitionen nicht gerichtet:

Demnach ging es Mark Aurel um eine realistische Sicht der in der menschlichen Natur angelegten Möglichkeiten und Grenzen sowie um eine Politik mit entsprechend begrenzten Zielen.Hadot 1997, S. 417. Zu überzeugen und das Vernünftige und Gerechte auch gegen Widerstände durchzusetzen, sah er einerseits als seine Aufgabe; wo ihn aber gewaltsamer Widerstand am Vollzug hinderte, galt es die Gelegenheit zur Einübung einer anderen Tugend zu nutzen: der unbekümmerten Gelassenheit.Mark Aurel VI, 50. Denn ohne sie, ohne die Übereinstimmung mit dem eigenen Schicksal, kann der Stoiker sein höchstes Ziel, das Glück der Seelenruhe, nicht erreichen. In der Deutung Pierre Hadots: „Ich hatte die Absicht, Gutes zu tun, und das ist die Hauptsache. Das Schicksal hat es anders gewollt. Ich muß seinen Willen hinnehmen, mich damit abfinden, nicht länger die Tugend der Gerechtigkeit, sondern die der Zustimmung zu praktizieren.“Hadot 1997, S. 288.

Für sich schreiben

Gründe für seine Aufzeichnungen hat Mark Aurel nicht explizit angegeben. Dass er sie an sich selbst adressiert hat, ist unverkennbar; die Schreibmotive können nur mittelbar erschlossen werden. Eine Veröffentlichungsabsicht ist nicht völlig auszuschließen, kommt als tragendes Motiv aber kaum in Betracht.Van Ackeren 2011, Bd. 1, S. 316. Van Ackerens Interesse ist stattdessen auf die Frage gerichtet, „welchen Stellenwert das Schreiben oder Formulieren als Element eines philosophischen Lebenskunst-Modells haben kann“. Er sieht darin eine Sonderform des therapeutischen Umgangs mit Worten.Van Ackeren 2011, Bd. 1, S. 318. Die einschlägigen antiken Ansätze dazu finden sich im Corpus Hippocraticum, dessen Inhalte Mark Aurel wahrscheinlich kannte, möglicherweise vermittelt durch seinen Leibarzt Galen. Zwischen den Selbstbetrachtungen und dem Schreiben der an den Aphorismen Heraklits geschulten antiken Mediziner gibt es laut van Ackeren vielerlei Entsprechungen.Van Ackeren 2011, Bd. 1, S. 319 f. und 326 f.

Nicht als Lektüre für andere und nicht einmal vorrangig als Lektüre für sich selbst mag der Philosoph und Kaiser Mark Aurel seine Notizen verfasst haben. Denn sie enthalten zahlreiche inhaltliche Wiederholungen mit nur minimalen sprachlichen Variationen. Bezugspunkt sind aber sehr oft aktuelle Problemerwägungen, woraus van Ackeren folgert, dass für Mark Aurel das Formulieren wichtiger als das wiederholte Lesen war, weil es mehr Konzentration erforderte und eine größere psychagogische Wirkung entfaltete.Van Ackeren 2011, Bd. 1, S. 336 f. Der Rückzug in eine Schreibsituation, die zur Konzentration anhielt, war demnach ein Akt der Selbsthilfe:

Weltanschaulich-philosophische Grundzüge

Auch wenn das Tagesgeschäft den Herrscher beständig forderte und ihm vorwiegend Anlass gab, sein Handeln ethisch zu reflektieren und auszurichten, stand dahinter bzw. darüber in letzter Instanz die (All-)Natur, der man sich nach Mark Aurel in vorbestimmter Weise einzufügen hat. Das gebieten Vernunft und Logik, die das eigene Handeln steuern sollen. Sie fordern und bewirken eine konsequente Gemeinwohlorientierung. Anhaltendes persönliches Vorankommen auf diesem Wege setzt regelmäßige Prüfung im Selbstdialog voraus.

Die (All-)Natur als Wegweiser