mini|Artenreiche Begrünung in der Fahrgasse eines organisch-biologisch bewirtschafteten Weingartens Der biologische Weinbau (auch organisch-biologischer Weinbau, ökologischer Weinbau, biologisch-organischer Weinbau) und biologisch-dynamischer Weinbau sind Produktionsformen zur Herstellung von Trauben und Wein auf der Grundlage möglichst naturschonender Pflegemaßnahmen (Bodenpflege, Düngung, Pflanzenschutz) unter Berücksichtigung von Erkenntnissen der Ökologie und des Umweltschutzes.
Das Produkt dieser Anbaumethoden wird als Wein aus Trauben aus biologischem bzw. ökologischem Anbau bezeichnet. Die Anbauregelungen bezogen sich früher weitgehend nur auf die Traubenproduktion, heute auf die gesamte Weinherstellung. Ab der Ernte 2012 ist die Bezeichnung „Bio-Wein“ bzw. „Öko-Wein“, verpflichtend mit dem EU-Bio-Logo und der Codenummer der Zertifizierungsstelle, zugelassen.
Geschichte Die Geschichte des biologischen Weinbaues hat ihre Wurzeln bei der biologischen Landbewirtschaftung.
Der Beginn eines biologischen Weinbaues ist schwer zurückzudatieren. Schon 1924 wurde von Friedrich Ludwig Stellwaag in Deutschland bereits auf eine ganzheitliche Betrachtung des Weinbaues hingewiesen.Fritz Stellwaag: Die Weinbauinsekten der Kulturländer. Verlag P. Parey, Berlin 1928, S. 1. Auch Lenz Moser kann in dieser Richtung angeführt werden, da er eine Umstellung der Weingartenbewirtschaftung zur Begrünung forderte.Lenz Moser: Weinbau einmal anders. Selbstverlag, Rohrendorf bei Krems/D. 1950. Mit dem Aufkommen eines verstärkten Bewusstseins von Umwelt- und Naturschutz, ausgelöst durch das Buch Der stumme Frühling von Rachel Carson (1962), hat sich auch bei einzelnen Winzern eine alternative Einstellung zu den damals üblichen Weinbau-Praktiken entwickelt.Günter Schrift: Alternativer Weinbau in Theorie und Praxis. In: Deutsches Weinbaujahrbuch 1985. Waldkircher Verlagsgesellschaft, S. 5–14. In den mediterranen Weinbauländern von Europa hat eine biologische Bewirtschaftung von Weingärten in den 1950er-Jahren begonnen. In diesen trockenen Ländern stellt die Bekämpfung von Pilzkrankheiten ein wesentlich geringeres Problem dar als in nördlichen feuchten Weinbauregionen. Entwickelt wurden die Konzepte des ökologischen Weinbaus in den 1960er-Jahren. Im Jahr 1980 wurde das erste rein auf den Handel mit Biowein spezialisierte Unternehmen der Schweiz mit dem Namen Delica-Natura gegründet. Ab den 1980er-Jahren wurde der Bio-Weinanbau immer mehr von den Bio-Anbauverbänden und ihren unterschiedlichen Anbauregeln geprägt. Ab Mitte der 1980er Jahre gab es Richtlinien auf nationaler Ebene. Seit 1991 gibt es EU-einheitliche Vorschriften für Biowein (EG-Öko-Verordnung 2092/91),. die unter anderem die Verwendung von ökologischen Pflanzenschutz- und Düngemitteln regeln und die Kontrollen festlegen. In diesen Regeln sind die Vorstellungen der Bio-Anbauverbände weitestgehend zusammengefasst und verwirklicht.Ilse Mayer: Praxisbuch Bioweinbau. Österreichischer Agrarverlag, Wien 2005, ISBN 3-7040-2090-7. Seit 2014 gibt es den Schweizer Bioweinpreis, welcher seither vom Weinmagazin Vinum und von Bio Suisse jährlich vergeben wird.
Ziele Boden – Bodenpflege Maßgeblich ist bei allen Produktionsformen (biologisch und integriert wirtschaftende) der Boden als das wichtigste Fundament der weinbaulichen Produktion. Er wird durch standortangepasste Bearbeitungsmaßnahmen (regelmäßige Spatendiagnose) und ein auf die Boden- und Rebenbedürfnisse abgestimmtes Begrünungsmanagement und regelmäßige Gaben von organischem Dünger (z. B.: Kompost), wo notwendig Mineraldünger (abhängig von der Bio Produktionsform, nach Zulassung, Betriebsmittelkatalog) die Fruchtbarkeit und Gesundheit des Bodens gefördert. Alle Maßnahmen, die dem nachhaltigen Ziel widersprechen, sind zu unterlassen. Sowohl Biobetriebe und integriert wirtschaftende Betriebe haben zum Ziel, im Ökosystem Weingarten eine möglichst große Artenvielfalt zu erreichen, um die Monokultur der Rebe und deren negative Auswirkungen möglichst abzuschwächen, durch die hohe Zahl von verschiedenen Organismen von Flora und Fauna, Nützlinge zu begünstigen bzw. deren Lebensraum zu verbessern und zu erhalten. Die Beziehungen im Agro-Ökosystem sind sehr komplex. Ziel ist es, einen Einklang zwischen den wirtschaftlichen Interessen und den ökologischen Aspekten herbeizuführen. Bei den zahlreichen Interaktionen der Rebe mit der Umwelt darf der Zusammenhang nicht nachhaltig geschädigt werden. Durch gezielte Maßnahmen, zum Beispiel durch nützlingsschonenden Pflanzenschutz, kann das Ökosystem positiv beeinflusst werden. Entscheidend ist auch, dass die Bedürfnisse der Rebe in Hinblick auf eine Qualitätsproduktion nicht vernachlässigt werden. Stoffkreisläufe sollen möglichst weitgehend geschlossen verlaufen.Richtlinien des Ecovin Bundesverbandes Ökologischer Weinbau e. V. zur Erzeugung von Trauben, Saft, Wein und Sekt aus ökologischem Anbau.
Artenvielfalt mini|Raubmilbe Thyphlodromus pyri In den Weingärten wird ein möglichst vielfältiges Ökosystem Weinberg angestrebt beziehungsweise dieses zu erhalten. Durch verpflichtenden Anbau einer Begrünung, Verzicht auf Herbizide und umwelt- und nützlingsschädigender Pflanzenschutzmittel wird dies unterstützt. Unterschiede bei den verschiedenen Produktionsformen konnten bei einer Studie in der Schweiz nicht festgestellt werden.Odile T. Bruggisser, Martin H. Schmidt-Entling, Sven Bacher: Studie der Universität Neuchâtel und Fribourg. Biological Conservation 2010. (Online-Fassung). In Weingärten, in denen die Richtlinie für ökologische Produktion eingehalten werden, kommen nicht mehr Tier- und Pflanzenarten vor, als in solchen, die nach den Kriterien der integrierten Produktion (IP) bewirtschaftet werden. In Deutschland (Forschungsanstalt Geisenheim) wurde 2008 und 2009 bei einem Systemvergleich, wobei die integrierte Variante mit einer Gräsermischung und die beiden biologischen Varianten mit einer artenreichen Mischung begrünt waren, ein Unterschied der Bewirtschaftungsvarianten festgestellt. Die Biovarianten zeigen keine Unterschiede im Arthropodenspektrum. Die Bodenbegrünung ist dabei der entscheidende Faktor und wirkt sich auf die Biodiversität im Weinberg und auf das Auftreten von Nützlingen aus.A. Freund, J. Harnecker, R. Kauer, A. Reineke: Artenvielfalt (Arthropoden) im Weinberg: Welchen Einfluss hat die Bewirtschaftungsform und die Begrünung? In: Deutsches Weinbau Jahrbuch 2011. Verlag Ulmer, Stuttgart, ISBN 978-3-8001-6983-2, S. 157–164. Wo nur möglich wird heute bei allen weinbaulichen Bewirtschaftungsformen eine artenreiche Begrünung ausgesät. Erst der blühende Begrünungsbestand fördert die Arthropodenfauna. Nachteilig dabei ist, dass blühende Pflanzen einen höheren Wasserbedarf haben. Dies kann sich, in den niederschlagsarmen Anbaugebieten, nachteilig auf die Rebstockentwicklung auswirken.
Aus der Vielfalt der Flora und Fauna ergeben sich Produktionsvorteile in der Form, dass bestimmte Schädlinge wie zum Beispiel die Traubenwickler, Kräuselmilben, Pockenmilben, Rote Spinne, Bohnenspinnmilbe, Rebzikade und andere leichter bekämpft oder überhaupt nicht mehr bekämpft werden müssen. Dazu ist festzuhalten, dass diese Vorgangsweise heute praktisch in allen Weinbaubetrieben, ob Bioproduktionsform oder integriert produziert, Standard bei der Beratung und in den Betrieben ist. Der wichtigste Nützling im Ökosystem Weingarten ist die Raubmilbe Typhlodromus_pyri.Sylvia Blümel, Peter Fischer-Colbrie, Erhard Höbaus: Nützlinge – Umweltgerechter Pflanzenschutz. avBuch, Wien 2006, ISBN 3-7040-2182-2, S. 43.Thyplodromus_pyri auf Hortipendium. Sie hält Schadmilben in Schach.R. Engel, W. K. Kast: Speisekarte der Raubmilbe Typhlodromus pyri. LVWO Weinsberg.
Bei den angeführten Zielen unterscheiden sich die Bioproduktionsformen nicht vom Integrierten Weinbau, bestenfalls in der Wortwahl der Beschreibung.
Bio-Produktionsformen Im Bioweinbau haben sich zwei Produktionsformen etabliert, und zwar der organisch-biologische Weinbau und der biologisch-dynamische Weinbau, die sich durch unterschiedliche Produktionsrichtlinien unterscheiden. Die Richtlinien unterscheiden sich unter den Bioverbänden national und international. Grundlegende Standards gibt die EU-Öko-Verordnung (EG) Nr. 834/2007 (Öko-Verordnung) vor. Die in der Folge gemachten Angaben beziehen sich auf die Biotrauben und Bioweinerzeugung.
Im Beitrag werden auch die Unterschiede der weinbaulichen Produktionsformen aufgezeigt. Neben den biologischen Produktionsformen gibt es den integrierten Weinbau und den konventionellen Weinbau. Der integrierte Weinbau hat wie die biologischen Produktionsformen einen gegenüber der konventionellen Produktion erhöhten Anspruch umwelt- und nützlingsschonend zu wirtschaften, allerdings gelten dafür andere rechtliche Grundlagen als bei den biologischen Produktionsformen.
Organisch-biologischer Weinbau mini|EU-Bio-Siegel
Organisch-biologischer Weinbau wird auch als „biologischer Weinbau“ oder „Bioweinbau“ bezeichnet. Der organisch-biologische Weinbau enthält Regelungen und Maßnahmen, die auf fachlich wissenschaftlicher Grundlage aufbauen. Es wird aber auf bestimmte Anwendungen bei der Düngung, dem Pflanzenschutz und bestimmte kellerwirtschaftliche Maßnahmen verzichtet. Die entscheidenden Unterschiede zur integrierten Produktion im Weinbau sind, dass synthetisch hergestellter Stickstoffdünger, leicht lösliche Phosphordünger und chemisch synthetisch hergestellte Pflanzenschutzmittel (Pestizide) nicht verwendet und keine Herbizide zur Bodenpflege eingesetzt werden.
Bei Vorliegen einer Bodenuntersuchung können zugelassene Mineraldünger (laut Betriebsmittelkatalog des Verbandes) ausgebracht werden. Beim Pflanzenschutz werden Pflanzenpflegemittel (Pflanzenstärkungsmittel) und für die biologische Produktion zugelassene Pflanzenschutzmittel (Pestizide) verwendet. Von diesen haben die kupfer- und schwefelhaltigen Pflanzenschutzmittel die größte Bedeutung zur Bekämpfung von Peronospora, Rotem Brenner, Oidium und Schwarzfäule. Alle synthetisch hergestellten Pflanzenschutzmittel sind bei den Bio-Produktionsformen verboten. Sie werden als Grundsatz generell abgelehnt. Entscheidender Grund für das Verbot ist die Herstellung der Pflanzenschutzmittel und nicht die ökotoxikologischen Eigenschaften.
Biologisch-dynamischer Weinbau mini|Demeter Verbandslogo
Der „biologisch-dynamische Weinbau“ ist eine Form der organisch-biologischen Produktionsmethode und eine den Weinbau betreffende spirituelle Weltanschauung.Douglass Smith, Jesús Barquín: Biodynamics in the Wine Bottle: Is supernaturalism becoming the new worldwide fad in winemaking? Here is an examination of the biodynamic phenomenon, its origins, and its purported efficacy. In: Skeptical Inquirer. November/December 2007. Reprint. Abgerufen am 12. Juli 2008. Der „biologisch-dynamische Weinbau“ enthält Regelungen und Maßnahmen, die auf die geheimwissenschaftlich-geisteswissenschaftliche Erforschung der übersinnlichen Welt von Rudolf Steiner aufbauen. Eine anthroposophische (kurz: „ganzheitliche“) Betrachtung des „biologisch-dynamisch“ wirtschaftenden Betriebes (Mensch, Tier, Pflanze) und geschlossene Kreisläufe durch artenreiche Fruchtfolge und Viehhaltung ist das Ziel dieser Produktionsmethode. Die Grundlage der „biologisch-dynamischen“ Wirtschaftsweise bildet die 1924 gehaltene Vortragsreihe „Geisteswissenschaftliche Grundlagen zum Gedeihen der Landwirtschaft“ von Steiner. Die biologisch-dynamische Produktionsmethode ist seit 1924 Bestandteil des ökologischen Demeter Anbauverbandes und des heute international geschützten Markenzeichens Demeter und des Markenzeichens „Biodyn“, beide aus dem Umfeld der Anthroposophie.
Grundlagen des biologisch-dynamischer Weinbaus