mini|Hölderlinhaus Nürtingen, Zustand nach dem 2023 erfolgten Umbau Das Hölderlinhaus in Nürtingen ist das Haus, in dem Friedrich Hölderlin als Kind von 1774 bis 1784 wohnte. Auch in den darauffolgenden Jahren kehrte er bis ins Jahr 1804 immer wieder nach Nürtingen zurück. Hölderlins Familie lebte noch bis ins Jahr 1798 in dem Gebäude. Das Hölderlinhaus wurde im 19. Jahrhundert mehrfach umgebaut (z. B. 1811, 1884, 1904), da es nicht mehr als Wohnhaus, sondern als Schulgebäude genutzt wurde. Den Namen seines berühmtesten Bewohners trägt das Hölderlinhaus seit 1931. Grundlegend modernisiert und umgebaut wurde das Hölderlinhaus in den Jahren 2020–2023. Das neukonzipierte Hölderlinhaus beherbergt seitdem die multimediale und interaktive Dauerausstellung „Möcht’ ich ein Komet sein? Hölderlins Bildungswege und Nürtingen“ und macht erstmals den Gok’schen Keller als Veranstaltungsraum der Öffentlichkeit zugänglich. Das Haus stellt sich bewusst in die doppelte Tradition als „Bildungshaus“ und als „Erinnerungsort“ – es ist sowohl Museum als auch Volkshochschule und vereint darüber hinaus die Geschäftsstelle der Musik- und Jugendkunstschule sowie das Kulturamt der Stadt Nürtingen unter einem Dach.

Bau- und Nutzungsgeschichte 1622 bis 1774 An der Stelle des heutigen Hölderlinhauses stand seit 1622 der sogenannte „Schweizerhof“, ein großes landwirtschaftliches Gebäude des Nürtinger Schlosses. Es wurde nach Plänen des Baumeisters Heinrich Schickhardt (1558–1635) im Auftrag der damaligen Schlossherrin Herzogin Ursula von Württemberg gebaut. Zu dem Anwesen gehörten große Ställe mit Schweinen, Kühen und anderen Haustieren.Barbara Leib-Weiner: Vom Schweizerhof zum herrschaftlichen Wohnhaus. Ein Blick auf seine frühe Geschichte. In: Nürtinger Zeitung, 31. Oktober 2014, online auf hoelderlin-nuertingen.de.

mini|Gedenktafel am Hölderlinhaus Nürtingen 1748 wurde der heruntergekommene Schweizerhof von Jakob Friedrich Duttenhofer (1696–1769) erworben. Dieser war Spitalmeister und Bürgermeister in Nürtingen und gleichzeitig Nürtingens Vertreter im Landesparlament. Er ließ das Gebäude abbrechen und neu aufbauen, um es als Wohnhaus zu nutzen. Kurz nach dem Neubau brannte das Haus 1750 beim großen Stadtbrand ab, dem insgesamt 133 Gebäude zum Opfer fielen. 1751 wurde es von Duttenhofer wieder aufgebaut, diesmal als mehrstöckiges Bürgerhaus nach spätbarocker Ensembleplanung des herzoglichen Baumeisters Johann Adam Groß d. Ä. (1697–1757). Nach derselben Planung wurden die zerstörten Wohnhäuser in der Nürtinger Innenstadt und das Gebäude des ebenfalls abgebrannten Spitals errichtet. Nach Duttenhofers Tod lebten seine Witwe sowie seine Tochter mit ihrer Familie in dem Haus. 1772 übernahm das Nürtinger Spital das Wohngebäude.

Wohnhaus der Familie Friedrich Hölderlins Ab 1774 wohnte die Familie Friedrich Hölderlins in dem Gebäude. Friedrich Hölderlin verbrachte in dem Haus an der Neckarsteige in Nürtingen zehn Jahre seiner Kindheit, bis er 1784 nach Denkendorf ging, um dort die Klosterschule zu besuchen.

Seine verwitwete Mutter Johanna Christiana heiratete im Oktober 1774 den Nürtinger Kammerrat und Weinhändler Johann Christoph Gok (1748–1779) und zog mit ihren drei Kindern Friedrich, Heinrike und einer weiteren Tochter von Lauffen am Neckar in dieses Haus in Nürtingen. Gok hatte das Haus schon im Juni 1774 für 4.500 Gulden erworben, und zwar mit dem Vermögen seiner künftigen Ehefrau.

Zu dem Kauf gehörten auch eine zweistöckige Scheuer, ein Schweinestall, ein Dörrhäuschen und ein Brunnen. In der einstigen Beletage der Familie Hölderlin-Gok befand sich auf der Nordseite ein 120 m2 großer Wohnraum, der heute als Ausstellungsbereich dient. Im Ostteil des Hauses standen den Bewohnern ein Stüblein und eine Küche mit Speisekammer, im Westteil eine Mägdekammer und auf der Südseite die Back- und Waschküche (mit Abort) und eine Gesindestube zur Verfügung. Im Dachgeschoss war Platz für ein ca. 35 m2 großes Zimmer.

Im November 1775 starb Hölderlins vierjährige Schwester. 1776 wurde sein Halbbruder Karl Gok geboren. Sein Stiefvater Johann Christoph Gok, der im Keller des Hauses seine Weine lagerte, starb 1779, als Friedrich Hölderlin knapp neun Jahre alt war. Seine Mutter war nun im Alter von 30 Jahren zum zweiten Mal verwitwet. Das Anwesen blieb nach dem Tod des zweiten Ehemannes im Besitz der Witwe. Sie lebte noch bis 1798 in dem Haus, insgesamt 24 Jahre lang.

Bis 1798 kam Friedrich Hölderlin immer wieder für mehrere Monate zurück in das Wohnhaus seiner Mutter nach Nürtingen. Für den oft unglücklichen und nach einer Stellung in der Gesellschaft suchenden Hölderlin war „der Mutter Haus“ ein Zufluchtsort.Jakob Kocher: Geschichte der Stadt Nürtingen. Auch nach dem Auszug der Mutter lebte Hölderlin bis ins Jahr 1804 immer wieder für einige Zeit in Nürtingen, verweilte dann aber in der neuen Wohnung der Mutter in der Kirchstraße 17.

Obwohl sich Hölderlin nach 1784 nicht dauerhaft in seinem Elternhaus aufhielt, fielen immer wieder Schaffensphasen in seinen Aufenthalt im Haus der Mutter. Hölderlin arbeitete dort beispielsweise zwischen Juni und Dezember 1795 an seiner vorletzten Fassung des „Hyperion“. Auch die Gedichte „Der Gott der Jugend“ und „An die Natur“ verschickte er in dieser Zeit von Nürtingen aus an Friedrich Schiller.

1795 verkaufte Hölderlins Mutter das Haus – für 4.700 Gulden, was entgegen ihren eigenen Behauptungen einen beachtlichen Gewinn bedeutete – an den Bäcker Johann Michael Maier, der im untersten Geschoss an der Neckarsteige eine Backstube und das Gasthaus „Zum Waldhorn“ einrichtete. Johanna Christiana lebte nach dem Verkauf noch drei Jahre in dem Haus. Vermutlich wurde das Untergeschoss für den Bäckereibetrieb umgebaut, während die Beletage im ersten Stock bis ins Jahr 1811 unverändert blieb. Für die Zeit zwischen 1795 und 1811 sind jedoch keine Baupläne überliefert.

19. und 20. Jahrhundert Ab 1811 befand sich das Gebäude im Besitz des Spitals. In dieser Zeit wurde es vielseitig genutzt: als Schulhaus, aber auch als Suppenküche für die Armenspeisung, als Kindergarten und Lehrerseminar. Von dem Umbau 1811/1812 zum Schulhaus sind im Stadtarchiv Pläne (Grundrisse) erhalten, die den Zustand vor und nach dieser Baumaßnahme darstellen. 1812 wurde eine Mädchen- und Industrieschule im Haus eingerichtet. Das oberste Stockwerk war die Wohnung des Mädchenschulmeisters und wurde auch später noch als Lehrerwohnung genutzt.

Da die Mädchenschule 1844 in die neu gebaute Schlossbergschule umzog, wurde im gleichen Jahr eine Knabenschule und eine „Präparandenanstalt“ in dem ehemaligen Wohnhaus Hölderlins eingerichtet, die der Ausbildung von Volksschullehrern diente und die bis 1881 im Gebäude verblieb. Während der Hungerjahre (1847–1857) befand sich im untersten Stock vorübergehend eine Speiseanstalt. Im Jahr 1884 wurde das Haus erneut umgebaut. In diesem Zuge wurde zum Beispiel der Hauseingang auf die Südseite des Südflügels verlegt. Von 1884 bis 1910 war im ersten Stock und später im ersten Untergeschoss eine Kleinkinderschule untergebracht.

Vermutlich im 20. Jahrhundert gelangte das Haus in den Besitz der Stadt Nürtingen. Seit dem 19. Jahrhundert wurde es durchgängig als Schulhaus genutzt.Barbara Leib-Weiner: Das Nürtinger Hölderlinhaus nach 1811: Die Schulen im Hölderlinhaus. In: Nürtinger Zeitung, 28. Dezember 2013, online auf hoelderlin-nuertingen.de. 1904 wurde das Gebäude grundlegend umgebaut. Das Obergeschoss wurde ausgebaut und das Mansarddach durch ein flaches Walmdach ersetzt. Dadurch gingen die ursprünglichen Proportionen des Hauses verloren.

Seit 1945 wurde eine Volksschule im Haus betrieben. Bis 1970 wurden weitere Umbaumaßnahmen durchgeführt. Von 1970 befand sich – bis zu seinem Umzug auf den Lerchenberg 1978 – das „Hölderlin-Gymnasium“ im Hölderlinhaus. Die Volkshochschule Nürtingen zog 1984 in das Gebäude ein und befindet sich bis heute darin.

Bereits 1918 entdeckte Jakob Kocher das Hölderlinhaus als Elternhaus von Friedrich Hölderlin wieder. Auf sein Anregen wurde 1922 die Hölderlintafel am Gebäude angebracht. Aber erst seit 1931 trägt das Haus den Namen seines berühmtesten Bewohners. mini|Hölderlinhaus Nürtingen 2011 (Zustand vor dem Umbau ab 2020)

21. Jahrhundert Erst mit dem von der Stadt Nürtingen in Auftrag gegebenen und Anfang 2009 öffentlich gemachten bauhistorischen Gutachten des Bauhistorikers Johannes Gromer (1941–2011) konnte die Wohnsituation der Familie Hölderlin nachvollzogen werden.

Die Denkmalstiftung Baden-Württemberg ernannte das Hölderlinhaus zum Denkmal des Monats September 2017. Im Jahr 2018 gewann das Stuttgarter Architekturbüro Aldinger Architekten den Wettbewerb zur Sanierung und Umnutzung des Hölderlinhauses.Wettbewerbsmeldung von Aldinger Architekten online 2020 wurde – unterstützt von Bund und Land – mit den Bauarbeiten begonnen, 2023 konnte das sanierte und umgenutzte Hölderlinhaus eröffnet werden. Die Baukosten wurden mit rund 8,5 Millionen Euro beziffert.

Im Zuge der Umnutzung und Sanierung blieben Teile des bestehenden Gebäudes – wie die Keller- und Sockelgeschosse und die Fachwerk-Außenwände an der Nord- und Ostfassade – erhalten. Vom historischen Gebälk des Fachwerks aus dem Jahr 1750 hat sich nur ein Balken erhalten, der heute in der Ausstellung zu sehen ist. Die übrigen Balken der Gefache sind bereits beim Umbau der Schule 1885/86 erneuert worden. Auf die historischen, aus der Barockzeit stammenden Kellergewölbe und zwischen die Wände aus dem späten 18. Jahrhundert wurde eine Holzhybridkonstruktion gesetzt, deren Raumstruktur sich auf die Grundmauern bezieht. Auch das Mansarddach, hinter dem sich zwei Etagen befinden, wurde als Zitat des ursprünglichen Daches neu geplant.

Das Hölderlinhaus ist seit 2023 barrierefrei zugänglich. Mit den drei benachbarten historischen Gebäuden der Schlossbergschule und Musikschule bildet das Hölderlinhaus seitdem das „Bildungszentrum am Schlossberg“.

Heute befinden sich in dem Gebäude Büros der Volkshochschule Nürtingen, der Musik- und Jugendkunstschule sowie des Kulturamtes, Veranstaltungsräume und ein Archiv. Im Erdgeschoss, auf der Ebene der ehemaligen Wohnräume der Familie Hölderlins, wurde 2023 eine multimediale Hölderlin-Ausstellung eingerichtet. Der ca. 400 Jahre alte Gewölbekeller wurde in einen Veranstaltungsraum ausgebaut.

Dem Nürtinger Hölderlinhaus wurde aufgrund seiner innovativen und nachhaltigen Bauweise der Holzbaupreis Baden-Württemberg 2024 verliehen. Zudem erhielt das Hölderlinhaus 2024 die Auszeichnung für beispielhaftes Bauen der Architektenkammer Baden-Württemberg.

Gegenwärtige Nutzung

Die Dauerausstellung „Möcht’ ich ein Komet sein? Hölderlins Bildungswege und Nürtingen“ Nach dem Um- und Neubau des Hölderlinhauses wurden das Gebäude und die neue Dauerausstellung Ende April 2023 eröffnet. In der einstigen Beletage, dort wo die Familie Hölderlin-Gok ab 1774 über zwanzig Jahre gewohnt hat, wurde auf 100 Quadratmetern ein Erinnerungsort geschaffen. Die Ausstellung zeigt die vielfältigen biografischen und werkgeschichtlichen Beziehungen Hölderlins zu seiner Heimatstadt Nürtingen: Nürtinger Kindheit und Schulzeit in der Lateinschule, Naturerfahrungen rund um den Neckar, aber auch seine Studienjahre in Tübingen sowie seine Hauslehrerstellen in Waltershausen und Frankfurt. Zudem wird die Geschichte des Hauses in den Ausstellungsräumen mit seiner heutigen Funktion als Ort der Bildung sichtbar.

Die Dauerausstellung „Möcht’ ich ein Komet sein?“ wurde 2024 mit zwei renommierten Preisen ausgezeichnet: Zum einen hat sie beim wichtigsten deutschen Kreativwettbewerb im Rahmen des Art Directors Club-Festivals in Hamburg eine Auszeichnung erhalten. Zum anderen wurde sie mit dem Red-Dot-Award: Brands & Communication Design 2024 prämiert.

mini|Der Gok'sche Keller im Hölderlinhaus Nürtingen seit der Eröffnung nach dem Umbau 2023 (Foto aus dem Jahr 2026)

Der Gok’sche Keller