mini|Darstellung der Verfluchung des Feigenbaums an einem Kirchenfenster von Fritz Geiges mini|Der verfluchte Feigenbaum in einem Kommentar zum Markusevangelium mini|Byzantinische Ikone, in der die Verfluchung des Feigenbaums dargestellt wird Die Verfluchung des Feigenbaums ist eine Episode, die in den Evangelien nach Markus und Matthäus ähnlich beschrieben ist. Sie zählt zu den Naturwundern und ist das einzige im Neuen Testament überlieferte Strafwunder Jesu.
Text Nach dem Markusevangelium verfluchte Jesus den Feigenbaum vor der Tempelreinigung, und am nächsten Tag sahen die Jünger den verdorrten Baum:
Solche literarischen Anordnungen kommen bei Markus häufiger vor. Das Matthäusevangelium fügt die beiden Teile des Verfluchens und Verdorrens des Feigenbaums zusammen und reiht die Verfluchung zwischen der Geschichte der Tempelreinigung und der Frage nach der Vollmacht Jesu im Tempel ein.
In der angeschlossenen Belehrung stellte Jesus die Macht des Glaubens ins Licht; dabei bediente er sich der Metapher des Berge versetzenden Glaubens.
Biologische Erklärung
Nach einigen Auslegern hat Jesus nach Vorfeigen gesucht. So heißt es in einer Anmerkung zu Mk 11,13 in der Neuen Evangelistischen Übersetzung:
Unterschiede der beiden Versionen In folgenden weiteren Aspekten unterscheiden sich die beiden Darstellungen:nach: Olaf Rölver: Christliche Existenz zwischen den Gerichten Gottes. Untersuchungen zur Eschatologie des Matthäusevangeliums. V&R unipress GmbH, 2010, S. 142 f. Bei Markus „sah er von weitem einen Feigenbaum mit Blättern“, nach Matthäus „sah er am Weg einen Feigenbaum“. Die Kommentare bei Markus, „er […] ging hin, um nach Früchten zu suchen“ und „es war nicht die Zeit der Feigenernte“, streicht Matthäus. Der Sprechakt Jesu bei der Verfluchung („Da sagte er zu ihm“) ist bei Markus (V. 14a) im Aorist, bei Matthäus (V. 19c) im Präsens historicum. Den Fluch der Markusversion, dass „niemand mehr eine Frucht von dir essen“ solle, formuliert Matthäus verschärfter, dass „keine Frucht mehr an dir wachsen“ solle. In der Markusversion spricht Petrus, bei Matthäus „die Jünger“. Auch die weitere Belehrung Jesu ist in der Matthäusversion gestrafft. Die Einleitung „Ihr müsst Glauben an Gott haben“ ist gestrichen; bei Markus spricht Jesus allgemein von „jemandem“, bei Matthäus werden die Jünger („ihr“) angesprochen.
Deutungsansätze Kontext: die Frage von Macht und Vollmacht
Der Kontext in den Evangelien verweist einerseits auf die Thematik vom Glauben und Vertrauen auf die Macht des Gebets. Andererseits ist die Episode offensichtlich eng mit der Tempelreinigung verknüpft, sodass man in der Verfluchung einen Ausblick auf das Schicksal der Autoritäten Jerusalems sehen kann.Matthias Konradt: Israel, Kirche und die Völker im Matthäusevangelium. Mohr Siebeck, 2007, ISBN 3-16-149331-1, S. 257. Diese beiden Geschichten weisen eine Parallele auf: Wie der Feigenbaum hat auch der Tempel(kult) zwar viele „Blätter“ (Pilgerbetrieb und Geldgeschäfte), aber an Früchten ist nichts zu finden. Deshalb wird der Tempel zerstört werden und analog der Feigenbaum.Kommentar zum Freitag der 8. Woche im Jahreskreis im Schott Übertragen würde damit ein gut aussehender, aber vorgetäuschter und falscher Schein (an Reife) verurteilt und zur Aufrichtigkeit gemahnt.
Für diesen Zusammenhang spricht bei Markus die Sandwichtechnik:
Markus kommentiert den Fluch mit den Worten: „Und seine Jünger hörten es“, das Ergebnis „sahen sie“. Diese Angaben deuten darauf hin, dass die Erzählung bereits auf die Belehrungsabsicht abzielt. Man kann die Erzählung in erster Linie als Gleichnis sehen, welche in einer Symbolhandlung erzählt wird – dabei hat entweder Jesus selbst die Handlung als Zeichen vollführt oder nur einen Inhalt erzählt, der später in eine Erzählung eingekleidet wurde.
Die Verfluchung ist das einzige Wunder, das Jesus in Jerusalem wirkt. Betrachtet man den umfassenderen Zusammenhang, lässt sich folgende Zuspitzung erkennen: Er geht harsch mit dem Feigenbaum und anschließend auch mit dem Tempel um, wodurch die religiöse Führungsmacht in Frage gestellt wird und die Auseinandersetzung Jesu mit seinen Gegnern in Jerusalem an Schärfe gewinnt. Er verkündet seinen Vollmachtsanspruch (einerseits in Bezug auf den Tempel, andererseits in Bezug auf die Natur anhand des Feigenbaums und der ins Meer versetzten Berge) und unterstreicht gleichzeitig seinen Jüngern gegenüber das Erhören vertrauender Gebete. Im wachsenden Konflikt mit denen, die ihn ablehnen, zeichnet sich seine Kreuzigung ab.
Als Symbol für das Volk Israel
Der verfluchte Feigenbaum wird häufig symbolisch gedeutet für das Volk Gottes bzw. Israel, das den Glauben verweigert, Jesus Christus verleugnet oder keine Frucht bringt; der Fluch bedeutet also Gericht. Das Bild von „schlechten Feigen“ für die „Feinde“ findet sich bereits in dem Bild von den beiden Feigenkörben bei Jeremia:
Jesu „Hunger“ und sein Zugehen auf den Baum versinnbildlichen dann seine Erwartungshaltung bzw. Sehnsucht („Hunger nach Gerechtigkeit“). Zur Begründung wird auf folgende alttestamentliche Stellen verwiesen:
Diese Deutung wird etwa vertreten von Karl Kertelge:
In der Einheitsübersetzung (1980) findet sich die Anmerkung:
Manche Exegeten gehen gar so weit, mit der Verfluchung solle eine Lossagung vom „alten“ Israel ausgedrückt werden:
Eine solche Deutung geht in die Richtung der Substitutionstheologie, wonach das jüdische Volk von Gott verflucht und verworfen sei. Allerdings steht Jesus nirgends undifferenziert ganz Israel ablehnend gegenüber, wie an vielen Stellen deutlich wird. Damit erscheint die Interpretation der Gleichsetzung mit Israel fragwürdig, zumal Gerichtsprophezeihung immer mit einer Heilsperspektive verbunden wird.
Umgekehrt mahnt die Parabel also, die verlangte Frucht zu bringen und nicht im Glauben zu verdorren, und entspricht damit einem Weheruf. Mit diesem Ansatz steht die Deutung im Einklang mit dem Gleichnis im Lukasevangelium, in dem sich der Weinbergsbesitzer darüber erzürnt, dass sein Feigenbaum keine Frucht bringt (Vom Feigenbaum ohne Früchte, ). Allerdings wird in diesem Gleichnis der Besitzer vom Weingärtner davon überzeugt, den Baum dennoch stehen zu lassen und weiter zu pflegen, was einen gleichen Ursprung der beiden Geschichten zweifelhaft erscheinen lässt.
Gegen diese Deutung wird nicht nur eingewendet, dass im Alten Testament kein Fluch über einen Baum ergeht, sondern auch, dass der Feigenbaum gar kein feststehendes Bild für Israel sei (dieses ist der Weinberg).
Als unstrittig kann höchstens der Ansatz gelten, dass der Baum für seine fehlenden Früchte gerichtet wird – fraglich ist aber bereits, ob mit der vollendeten Verfluchung überhaupt noch Fruchtbringen angemahnt werden kann. Der Ansatz ähnelt anderen prophetischen Mahnungen, wie zum Beispiel:
Im apokalyptisch-eschatologischen Kontext
Manche Exegeten sehen die ursprüngliche Aussage Jesu darin, dass die Apokalypse bereits so bald eintreffen werde, dass der Baum keine Früchte mehr tragen werde. Das erklärt Jesu Suche nach Früchten, obwohl (nach Markus) „nicht die Zeit der Feigenernte“ war – bevor diese Zeit kommen sollte, sollten bereits die Endereignisse anbrechen. Erst wegen der Parusieverzögerung sei das apokalyptische Jesuswort in ein Strafwunder umgeformt worden.
Für diese Deutung spricht, dass der Feigenbaum und sein Früchtetragen auch andernorts als Bild für eine eschatologische Mahnung (und damit nicht für Israel) gebraucht werden:
Dass der Baum keine Früchte trägt, drückt in Anbetracht der Mahnungsabsicht aus, dass er nicht auf das Kommen bzw. die Ankunft des Messias vorbereitet war und steht damit für den Menschen, der nicht auf die Wiederkunft Christi vorbereitet ist (wie die fünf törichten Jungfrauen, die kein Öl haben):
Historisch-kritische Deutungen
Die Deutung als historische Begebenheit stützt sich auf die in beiden Evangelien genannte Anmerkung, dass Jesus auf den Feigenbaum zugegangen ist, weil er „Hunger hatte“ und (zunächst einmal) etwas essen wollte. Die Gegend galt als so fruchtbar, dass praktisch immer Feigen geerntet werden konnten. Außerdem kann über Früh- oder Winterfeigen spekuliert werden, anhand derer sich die zu erwartende (Haupt-)Ernte ablesen lässt. Die Ungereimtheiten dieses Ansatzes liegen darin, dass die Gruppe an dem Morgen gerade erst aus Betanien aufgebrochen ist und von einer Sättigung Jesu nirgends berichtet wird; zudem lehnt Jesus es bei seiner Versuchung ab, göttliche Macht zu benutzen, um Hunger zu stillen .
Christfried Böttrich meint, es handle sich ursprünglich um ein lapidares Wort des Bedauerns, das erst später zu einem apokalyptischen geworden sei.Christfried Böttrich: Jesus und der Feigenbaum. Mk 11:12–14,20–25 in der Diskussion. In: Novum Testamentum 39,4 (Feneberg, 1997) Seite 328–359. Dagegen ist anzumerken, dass in dem bedeutungsschwangeren Kontext des Auftretens Jesu in Jerusalem eine zwischengeschobene „Anekdote“ unplausibel erscheint.
Nach Hans-Werner Bartsch sei der griechische Optativ die falsche Übertragung eines aramäischen Imperfekts.Hans-Werner Bartsch: Die „Verfluchung“ des Feigenbaums. In: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der Älteren Kirche (ZNW) 52, 1962, S. 256–260. degruyter.com Günther Schwarz übersetzte das Fluchwort unter Annahme mehrerer Fehler bei der Übersetzung ins Griechische so ins Aramäische, dass die eigentliche Formulierung etwa folgendermaßen lauten würde:
Dabei sei „jemand“ eine verhüllende Umschreibung für „ich“ (Jesus). Damit habe der Satz eine Ähnlichkeit zur Ablehnung der Frucht der Weintrauben beim Abendmahl:
Die Ablehnung der Feigen sei damit ebenfalls eine Verzichtserklärung Jesu angesichts seines bevorstehenden Todes und somit ein Abschiedswort an seine Jünger. Das Fluchwort sei eine Fehlübersetzung.
Die Hypothese falscher Überlieferung bzw. Übersetzung impliziert, dass der wundersame Fluch nicht auf Jesus zurückgeht:
Kritiker wenden dagegen ein, man wolle mit solchen Umdeutungen das „klassische“ Jesusbild retten, zu dem ein Fluchwunder nicht passt.
Als ätiologische Legende
Eduard Schwartz und andere schlugen vor, in der Geschichte eine ätiologische Erzählung der Urgemeinde zu sehenEduard Schwartz: Der verfluchte Feigenbaum. In: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der Älteren Kirche (ZNW) Band 5 (1904), Heft 1, S. 80–84. degruyter.com – die Historizität des Baumes kann freilich nicht geklärt werden.
Als Fabel
Petra von Gemünden sieht einen Gattungsunterschied dieser Geschichte zu anderen Perikopen, wobei der Bildschatz aber in jener Zeit nicht ungewöhnlich gewesen sei (vgl. die Jotamfabel in ):
Als Fabel appelliert die Geschichte zu ethischem Handeln, die unter Einfluss der damaligen Naherwartung gesteigert worden sei. Außerdem symbolisierten Bäume Gemünden zufolge in der Antike Herrschaft und den Einflussbereich der Herrscher. Die „Absage“ an den Feigenbaum bedeute damit eine „Ablehnung“ der weltlichen „Herrscher“, deren Herrschaft keine (geistige) Frucht bringe und die (eschatologisch) durch das Wirken des Messias abgelöst werde.
Damit wird allerdings nicht die Verwendung der Gattung Fabel erklärt, zumal Markus der jüdischen (und nicht der römisch-heidnischen) Tradition entstammt.
Als Umkehrung der Schöpfung